Sonntag, 24. Januar 2016

FAQ zum Tatort "Totenstille"

Soeben ging der Tatort zu Ende. :-)

Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ihr da einige Fragen dazu habt, unter anderem zum Lippenlesen...

Ich habe mitbekommen, dass ihr gefragt habt, warum es manchmal keine Untertitel gibt, wenn in Gebärdensprache gesprochen wird - das war ein ganz bewusste Stilmittel um euch zu zeigen, wie es uns Gehörlosen geht, wenn im TV was ohne Untertitel oder schlechten Untertitel kommt.

Der Tatort ist übrigens mit Untertitel - guckt ihn euch doch in der Mediathek oder in der Wiederholung mit Untertitel an.

Und zm Lippenlesen möchte ich wirklich noch was wichtige sagen:

Es ist wirklich nicht so einfach, wie man sich das manch einer vielleicht durch den Tatort vorstellt - ich habe in vielen Interviews zum Tatort gesagt, dass die überdurchschnittliche Lippenlesefähigkeit der Figur Ben auf meiner Person basiert, aber es eben nicht die Norm ist. Nicht alle Gehörlose können so gut lippenlesen, was von vielen Faktoren abhängt. Ich habe das mal einem Blogeintrag erklärt:

Blogbeitrag: Lippenlesen - wie funktioniert das eigentlich?

Hier hab ich mal bei Gaileo erklärt, wie dieses Lippenlesen funktioniert: http://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/mission-impossible-mythen-clip ab etwa 4:50 Min herum oder später..

Und hier kann man sich am Lippenlesen ausprobieren und mal sehen, wie schwierig das ist:

Teste dich im Lippenlesen

Blogbeitrag: Die Gebärdensprache war verboten? Warum? Und welche Folgen hatte das für Gehörlose?

Und dann die häufigste Frage, die mir begegnet ist:

Wie hast du eigentlich sprechen gelernt?

Wie funktionieren eigentlich Gebärdensprachen? http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2013/03/wie-funktionieren-eigentlich.html

Für diejenen, die die Gebärdensprache lernen möchten, habe ich eine Übersicht gebloggt, wo man das kann und auf was man achten sollte:
Mit den Händensprechen - Gebärdensprache lernen!






Samstag, 9. Januar 2016

Gut gemeint ist nicht immer gut geschrieben

Bei der Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen stolpert man im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder über unmögliche Formulierungen, die so nicht da stehen würden, wenn die Person oder die Minderheitengruppe, um die es geht, nicht behindert wäre.

Nun bin ich eben über einen Artikel gestolpert, der an sich lobenswert ist, aber anhand der Gesprächsführung ist es ja doch eher leider ein Gespräch geworden über Gehörlose über ihre Sprache und Kultur mit einer Frau, die sich aus persönlichen Gründen für Gehörlose engagiert.

Hier geht es zum Artikel - ich hab hier einen Do-Not-Link erzeugt, weil ich nicht will, dass so ein grauenhafter Artikel Klicks bekommt: http://www.donotlink.com/hto7

Wirklich lobenswert ist, dass Helga Wallasch angefangen hat für ihren gehörlosen Sohn Gebärdensprache zu lernen, dann das tun leider bis heute nicht viele Eltern. 90% der Gehörlosen haben hörende Eltern und davon können über 50% keine Gebärdensprache.

Im Artikel heißt es unter anderem:
"Wallasch: Nein, es gibt genauso Dialekte und unterschiedliche Sprachen je nach Land. Es gibt viele Variationen in der Sprache. Als Beispiel: Die Geste für Bonn hat sich über die vergangenen Jahre oft verändert. Es war mal eine Faust, dann eine Ministerschärpe, jetzt sind es zwei Finger am Auge. Auch Fachbegriffe sind schwer zu verstehen. Viele Gehörlose können zum Beispiel den Dolmetschern im Fernsehen nicht gut folgen, weil sie zu schnell gebärden oder Fachbegriffe verwenden."

Entschuldigung, aber die Aussage von Frau Wallasch, dass Fachbegriffe in der Gebärdensprache schwer zu verstehen sind und viele Gehörlose den Gebärdensprachdolmetschern in Fernsehen nicht folgen können, weil sie zu schnell oder zuviele Fachbegriffe verwenden, ist wirklich hausgemachter Quatsch! Mit dieser Aussage schadet sie der Barrierefreiheit für Gehörlose im Fernsehen massiv.

Frau Wallasch gehört einer älteren Generation an, für die es schwer sein mag, sich auf neue Gebärden einzustellen, weil die Gebärdensprache erstens nicht deren Muttersprache ist, aber für uns Gehörlose, ist es überhaupt kein Problem sich im Gespräch auf Dialekte in der Gebärdensprache oder Fachbegriffe zu verwenden. Neue und andere Gebärden saugen wir ganz schnell auf und wenden sie auch woanders wieder an.

Gebärdensprache ist eine lebendige Sprache, sie ist nicht starr und für alle Zeiten komplett festgeschrieben, von daher verstehe ich die Meckerei von Frau Wallasch nicht, wenn sie jammert, dass sich die Namensgebärde für Bonn sich ständig verändert. Gerade der Umstand, dass sich die Namensgebärde für Bonn sich im Laufe der Zeit ständig verändert hat: eine Faust, dann eine Ministerschärpe, dann zwei Finger am Auge, zeigt doch, dass sich der Blick auf die Stadt Bonn auch durch ihre politische Veränderung verändert hat. Und die Gebärdensprache bildet eben das AUCH ab!

Und ich finde überhaupt nicht, dass die Gebärdensprachdolmetscher im Fernsehen zu schnell gebärden oder zuviele Fachbegriffe verwenden - das sind alles ausgebildete Gebärdensprachdolmetscher, die sind für solche Situationen trainiert. Und bei den Nachrichten werden haben die Sprecher ja auch gelernt ein moderates Sprachtempo zu wahren, weshalb die Sprecher und die Gebärdensprachdolmetscher dort ja quasi Hand in Hand arbeiten. Übrigens: Bei Phoenix wird immer mal wieder ein tauber/gehörloser Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt, also Übersetzungen von einem Gehörlosen Muttersprachler in Gebärdensprache angeboten. Und auch er verwendet genauso oft Fachbegriffe wie die (hörenden) Gebärdensprachdolmetscher.

Aber am allerschlimmsten finde ich die Sache, wie Frau Wallasch das "Gehörlosendeutsch" erklärt. Abwertender kann man nun wirklich nicht über Gebärdensprache sprechen, wenn man sie erklärt.
Es stimmt, dass die Syntax der Gebärdensprache sich erst mal vereinfacht anhört, wenn man sie auf das Schriftdeutsch überträgt, aber die Gebärdensprache ist eine vollwertige und anerkannte Sprache, deren Wortschatz gleichwertig ist mit der Lautsprache. Man kann alles mit der Gebärdensprache sagen und ausdrücken, manchmal sogar noch mehr als in der Lautsprache mit einer Gebärde. Und es ist wirklich eine Frechheit hier die falsche Behauptung aufzustellen, dass alle Gehörlose einen kleineren Wortschatz haben. DAS trifft bei weitem nicht auf alle Gehörlose zu, was sie anhand des Blogs hier deutlich feststellen können.

Und sie hat etwas ganz wichtiges NICHT begriffen: Nicht die Syntax der Gebärdensprache ist schuld, dass der Wortschatz und somit auch die Bildung von Gehörlosen niedriger sind als von Hörenden bzw. Nichtbehinderten. Nicht die Gebärdensprache ist hier der Sündenbock, sondern der Umstand, dass die Gebärdensprache als Unterrichtssprache und als Umgangssprache unter Gehörlosen an Schulen bis 2010 offiziell verboten war.

Dieses Verbot der Gebärdensprache als Folge des Mailänder Kongress von 1880 hat die Bildung der Gehörlose bis heute zurückgeworfen, da es auch ein Berufsverbot war für die gehörlosen Lehrer zu dieser Zeit war. Erst jetzt studieren immer mehr Gehörlose auch auf das Lehramt, um die Bildung für Gehörlose durch Unterricht in Gebärdensprache zu verbessern. An 3 von 5 Universitäten für Gehörlosenpädagogik gibt es bis heute keine verpflichtende Vorschrift, dass man Gebärdensprache können muss, um Gehörlose zu unterrichten. Ein Unding!

Der Umstand, dass Gehörlose in ihrer Schulzeit mehrheitlich dazu gezwungen sind von den Lippen abzulesen, was sehr anstrengend ist, wenn man das über mehrere Stunden machen muss - das IST der Hauptgrund Nummer eins für die niedrige Bildung und kleineren Wortschatz der Gehörlosen. Dazu kommt natürlich auch, dass die meisten Medien nicht 100% barrierefrei sind, wozu ja auch das Fernsehen immer noch zählt.

Nochmal zurück zum Artikel: Frau Wallasch ist Mutter eines gehörlosen Sohns. Das Interview mit ihr hätte man ruhig führen können, aber dann bitte nur darüber, wie sie als Mutter damit umgegangen ist, dass ihr Sohn gehörlos ist und dass sich eben auch ihr Engagement für Gehörlose ableitet. Aber alles andere: Gebärdensprache und Gehörlosenkultur, Notruf und alles - das betrifft uns Gehörlose selbst. Wir sind hier die Betroffene. Sprecht mit uns über uns!

Warum hat der General Anzeiger in Bonn nicht einfach mit einer gehörlosen Person selbst das Interview geführt, wenn man etwas über Gebärdensprache und Gehörlosenkultur erfahren will?

Ich tippe mal ganz stark auf Bequemlichkeit. Schade. Große Chance verschenkt für einen authentischen Artikel, lieber General-Anzeiger Bonn.





Freitag, 25. Dezember 2015

Dieser Artikel ist ein Appell für Respekt im gemeinsamen Miteinander.

Und das ist auch gut so.

Respekt fängt auch an bei der Sprache, sie ist sogar sprachlich sehr wichtig, denn Worte sind nun mal das mächtigste Schwert, welches man einsetzen kann. Und Worte erzeugen beim Leser/Empfänger nun mal ein bestimmtes Bild der Situation.

Ich möchte Ihnen heute eine Frau vorstellen, der JEDES Gespür für Respekt im gemeinsamen Miteinander abgeht und sich dafür feiern lassen will.

Roswitha Müller-Schenkenbrink, Chefredakteurin der Psychologie aktuell, hat eine Polemik geschrieben, wo sie die Gesinnungspolizei verdammt, weil man ja bestimmte Begriffe nicht mehr verwenden darf, weil dann sonst die Gesinnungspolizei kommt.

http://www.huffingtonpost.de/roswitha-mueller-schenkenbrink/dieser-artikel-wird-sie-beleidigen-und-das-ist-auch-gut-so_b_8856832.html?1450785798

Es tut mir so leid für Frau Müller-Schenkenbrink, denn leider ist ihr Artikel deutlich im 20. Jahrhundert zurückgeblieben und alles andere als weltoffen und respektvoll. Ich würde sie ja gerne mit den Adjektiven bewerfen, die mir bei deren Wortgebrauch spontan durch den Kopf schießen, aber ich verzichte aus Respekt vor dem Alter von Frau Müller-Schenkenbrink darauf, sie deutlich zu überforden, denn ganz offensichtlich fehlt bei ihr der Wille dazu etwas grundsätzliches zu verstehen: Respekt und Anstand im gemeinsamen Miteinander.

Solche Dinge hat man sogar schon im 20. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert, im 18. Jahrhundert und so weiter gelehrt, auch wenn sich die Werte und Normen sich im Laufe der Zeit angepasst haben, damit der Respekt und Anstand weiterhin gewahrt bleibt.

Und wir sind jetzt im 21. Jahrhundert, wo langsam das Bewusstsein durchsickert, dass Worte verletzen können. Ich bin froh, ein solch moderner Mensch zu sein, der sowas grundsätzliches begriffen hat. :-) Und oh, ich bin sogar ein Mensch mit Behinderung. Na, sowas. :-D

Im übrigen lache ich laut bei dem Gedanken, dass Frau Müller-Schenkenbrink mich als taubstumm bezeichnen wird, weil ja Gehörlose nicht sprechen können und Gebärdensprache nach ihrer urzeitlichen Auffassung von Menschen mit Behinderungen ja gar keine richtige Sprache ist, weil sie eben "nur" mit den Händen gesprochen wird und überhaupt nur ein sprachliches Krüppel von Sprache ist.

Es spricht nicht gerade für die Chefredakteurin der Psychologie aktuell und die Huffington Post, wenn sie sich dafür feiern wollen, dass sie im Bewusstsein der vollen Absicht Menschen jeder Herkunft verletzen mit ihrem Sprachgefühl. Sie wollen sich für Rassismus, Behindertenfeindlichkeit und Anstandslosigkeit, Respektslosigkeit feiern lassen.

Ich bin da so erwachsen und mach da nicht mit. Und Sie?

Sonntag, 29. November 2015

"Ich lass mich nicht behindern"

Das war der Titel eines Kamingesprächs in Warendorf bei Münster, wo ich vor Journalisten meine Sicht auf die Inklusion erklären durfte, was sehr viel Spaß gemacht hat. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Und hier gibt es auch schon einen Beitrag dazu: http://www.drehscheibe.org/blog/inklusion-fuer-alle

Für mich sind solche Aufritte meistens mit viel Spaß verbunden, manchmal guckte ich bei einem Argument allerdings so wie Angela Merkel damals bei der legendären Elefantenrunde am Wahlabend, wo Schröder sie abgekanzelt hat und hoffe, dass niemand jetzt diesen Blick jetzt von mir mitbekommen hat. ;-)

Ich war nicht immer mit den Positionen der anderen Seite einverstanden aufgrund der Tatsache, dass ich so denke: "Wer für Inklusion ist, der findet immer Wege und Lösungen dafür. Wer keine will, der macht sich erst gar nicht erst die Mühe."

Was ich auch sehr lustig fand: Am Tag der Veranstaltung, wo der Pressesprecher der Aktion Mensch auch was erzählen durfte, war ich längst nicht mehr vor Ort dabei, sondern längst in Berlin. Aber dank meiner guten Vernetzung habe ich erfahren, dass ich dennoch anwesend war bei dem Werbegespräch von Sascha Decker, weil man nämlich mehrfach über mich gesprochen hat.

Mein Gedanke dazu war: "Du hast ja alles richtig gemacht, wenn man auf einer Veranstaltung, wo du nicht anwesend bist, über dich redet." Und das stimmt auch. Auf die Frage aus dem Publikum, warum die Aktion Mensch keinen Pressesprecher mit Behinderung habe, antwortet der Pressesprecher ohne Behinderung: "Warum muss ich eine Behinderung haben, um für Menschen mit Behinderung zu sprechen?" Beim Lesen auf Twitter dieser Aussage dachte ich mir so: "Aktion Arschloch halt."

Aha, alles klar. Die Aktion Mensch behindert also lieber Menschen mit Behinderung, weil sie immer noch nicht kapiert hat, dass Nichtbehinderte nullkomamnull Recht darauf haben, für Menschen mit Behinderung zu sprechen. Diese "Wir sprechen als große Organisation für Menschen mit Behinderung im Namen von Menschen mit Behinderung-"Attitüde der Aktion Mensch schadet der Inklusion und der öffentlichen Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung erheblich.

Nur noch mal zur Klarstellung: Ich habe nichts dagegen, wenn Nichtbehinderte sich stark machen für Menschen mit Behinderung und so eine Unterstützung liefern, aber das darf nicht dazu führen, dass die Stimme von Menschen mit Behinderung weniger zählt als die von Nichtbehinderten, denn auch das ist Inklusion: Niemand nimmt irgendwem die Stimme weg, sondern man ist auf Augenhöhe.

Zum besseren Verständnis: Die Unterdrückung von Menschen mit Behinderung und der paternalistische Umgang mit Menschen mit Behinderung ist schon seit Jahren das "normale" Bild von Menschen mit Behinderung. Das sollte man im Kopf behalten, damit man besser versteht, warum Nichtbehinderte kein Recht haben FÜR und an der Stelle von Menschen mit Behinderung für sie zu sprechen, denn das eine ist meist der Deckmantel des anderen.

Im übrigen: Wenn jemand Hilfe braucht und sagt: "Kannst du mir helfen?", dann ist es doch völlig okay zu helfen - und da macht man doch überhaupt keinen Unterschied, ob die Person eine Behinderung hat oder nicht. Das gleiche gilt auch für: "Kann ich dir helfen?"

Und wenn man sich das mal verinnerlicht hat mit der Unterdrückung, dann ist wird einem klar: Gerade dieses Verhalten wie von der Aktion Mensch, dass sie in der Öffentlichkeit fast immer für Menschen mit Behinderung redet und AN deren Stelle, ist eine Unverschämtheit.

Zur Deutlichen Hevorhebung: Ich habe, wie viele andere Menschen mit Behinderungen, ein starkes Problem damit, wenn Nichtbehinderte FÜR und an DER Stelle von Menschen mit Behinderungen für sie reden.

Auf der IFA Berlin gab es am Stand der ARD ein Gespräch mit der Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber. Sie hat dann Fragen des Moderator Holger Klein zur Gehörlose, Gebärdensprache und so beantwortet.

Aus meiner Sicht eine Unverschämtheit. Ich habe mich dann auch beschwert und gefragt: "Warum wird  hier eine Gebärdensprachdolmetscherin über Gehörlose und Gebärdensprache befragt?" Daraufhin kam die Antwort: "Wir haben Laura nur zu ihrem Beruf befragt." und man teilte mir später noch mit, dass dies ja auch eine schöne Werbung wäre für den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers. Nein, eben das ist nicht passiert.

Das Gespräch war übrigens nicht barrierefrei - da wurde über Gehörlose und Gebärdensprache gesprochen, aber es wurde nicht für Gehörlose gedolmetscht. Das ist einer der vielen Negativpunkte vom Gespräch.

Die beste Werbung für den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers wäre gewesen, wenn man eine gehörlose Person auf die Bühne gebeten hätte und sie dann befragt hätte zum Leben als gehörloser Mensch und der Gehörlosenkultur.

Gebärdensprachdolmetscher/innen haben kein Recht für Gehörlose oder über Gehörlosenkultur zu sprechen, wenn sie von den Medien dazu befragt werden. Was ist das denn bitte für ein Bild, das hier vermittelt wird? Damit hält man Gehörlose für unfähig als Vermittler/Botschafter für ihre Kultur, Sprache und Welt zu agieren.

Gute Gebärdensprachdolmetscher/innen sagen von sich selbst auch, dass sie nur das Werkzeug sind, d.h. sie dolmetschen von Gebärdensprache in Lautsprache und umgekehrt. Sie sind Brückenbauer.
Alles andere ist übergriffig.

Und Übergriffigkeit ist so 70er/80erJahre - erinnert sich noch jemand an die damalige "Aktion Sorgenkind", welche heute "Aktion Mensch" heißt? Am Weltbild der Aktion Mensch hat sich nichts geändert.

Bei Behindertenorganisationen, die NICHT von Menschen mit Behinderungen geleitet werden, muss man immer im Kopf haben, welches Weltbild und Geschäftsmodell die haben: Die verdienen ihr Geld damit, dass sie die Notlage von Menschen mit Behinderungen ausnützen und auch mit dem Bild von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft.

Ich finde, dass es längst überfällig ist, dass die AktionMensch und andere Organisationen dieser Art sich zu diesem Geschäftsmodell bekennen sollten. Vielleicht hilft ja die dicke Freundschaft zum Bundespräsidenten zu diesem Bekenntnis...

Auf dem Bürgerfest des Bundespräsidenten finanziert die Aktion Mensch die Gebärdensprachdolmetscher und darf dafür da vor Ort "tätig" werden, siehe auch Blogpost: "Die Aktion Mensch und der Bundespräsident"

Dieses Beispiel erklärt das Geschäftsmodell und die "Beziehungen" der Aktion Mensch zum Staat sehr gut: Die Aktion Mensch finanziert etwas, was der Staat, hier der Bundespräsident als Bundesbehörde selbst finanzieren müsste und ermöglicht es dem Staat so, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Wenn man mal nach Amerika guckt, dann stellt man fest, dass viele Charity-Organisationen dort Aufgaben übernehmen, die eigentlich der Staat leisten müsste und dies ist ganz eindeutig die Rolle, die die Aktion Mensch für sich vorsieht.

Nein - ich will nicht, dass es in Deutschland normal wird, dass Aufgaben, die der Staat von Gesetzes wegen machen muss, aus Bequemlichkeit oder weil sich eben solche Organisationen wie die Aktion Mensch anbieten, wegdelegiert.

Die deutsche Bundesregierung, egal welche, stiehlt sich schon seit Jahren aus der Verantwortung in Sachen Menschen mit Behinderung, der sie eigentlich von Gesetzes wegen nachkommen müsste, da sie ja auch die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben hat. Nur leider passiert gar nichts spürbares, denn das Signal aus der Bundesregierung ist sehr entmutigend, vor allem was das Bundesteilhabegesetz angeht oder die "Wir beteiligen uns GAR NICHT-"Beteiligung am europäiischen Schwerbehindertenausweis.

Und ich wiederhole hier gerne noch mal das gleiche: Die Aktion Mensch gehört abgeschafft, denn mit ihr wird es nie eine 100% Inklusion geben, denn das würde bedeuten, dass die Aktion Mensch sich selbst überflüssig macht. Und das will sie eben nicht.

Von daher lasse ich mich nicht behindern, sondern werde auch immer wieder meine Meinung zu solchen Dingen sagen.

Derzeit bin ich gerade in Berlin und war am Donnerstag im Musical "Grand Hotel Vegas" und habe da vor allem eins gelernt, dass da wo ausdrücklich mit "Inklusion" geworben wird, lediglich Integration stattfindet. Aber dazu morgen mehr im Blogeintrag. :-) 

Samstag, 21. November 2015

Der "Tatort" und ich

An den meisten Sonntagabende bin ich von 20:15 Uhr - 21:45 Uhr nicht ansprechbar, wenn da ein neuer Tatort von meinen favorisierten Teams kommt. Und es hat den Vorteil, wenn man gehörlos ist, denn dann braucht man nicht Bescheid zu geben, dass Telefonate um diese Uhrzeit herum nicht erwünscht sind. :-D

Und wer mich kennt, der weiß, dass ich regelmässig die Augen rolle, wenn im Tatort oder in anderen Fernsehfilmen das Thema Menschen mit Behinderung vorkommt und die Rollen dann von nichtbehinderten Schauspielern gespielt werden und falsche Fakten über die jeweilige Behinderung kolportiert werden.

Jüngstes Beispiel? Der jüngste Folge "Schwanensee" vom Münsteraner Tatort hat sich mit Autisten beschäftigt und behauptet, dass Autisten automatisch alle inselbegabt sind und so weiter. Viele Autisten waren gar nicht einverstanden mit der Darstellung von Autisten dort, weil dort eben nicht die Realität abgebildet wurde. Ich könnte jetzt noch weiter auflisten, was da alles falsch dargestellt wurde, aber das ist nicht meine Aufgabe oder der Sinn des Blogbeitrags jetzt, weil ich etwas anderes erzählen möchte. :-)

Es ist ja kein Geheimnis mehr, aber ich möchte ganz gerne auch hier erzählen, was mich im Jahr 2015 so beschäftigt hat: Ich habe eine Anfrage bekommen vom bekannten Drehbuchautor Peter Probst, ob ich ihm zur Seite stehen mag am Drehbuch für einen Tatort und ich habe dieses Angebot sehr, sehr, sehr gerne angenommen, nicht zuletzt weil die Zusammenarbeit mit Peter so unheimlich bereichernd und toll war.

Das Team? Tatort Saarbrücken! Die Story:
Während in einer Gaststätte ein Leichenschmaus für den bekannten Leiter einer Gehörlosenschule stattfindet, kommt in einem Zimmer ein Stockwerk höher eine Frau ums Leben, die wenig später als Leiche aus der Saar gezogen wird. Natürlich ermittelt Hauptkommissar Jens Stellbrink zunächst unter den Gästen der Beerdigungsgesellschaft. Als dann eine weitere Leiche aufgefunden wird, stellt Stellbrink überrascht fest, dass beide Fälle über einen Gast der Beerdigungsfeier miteinander verbunden scheinen ...

Und jetzt kommt es: Alle gehörlosen Rollen im Tatort werden von gehörlosen Schauspielern gespielt, sogar die Gebärdensprachdolmetscherin im Tatort ist eine echte Gebärdensprachdolmetscherin. Es wird also einen tiefen Einblick geben in die Welt der Gehörlosen und viel Gebärdensprache zu sehen sein.

Mehr dazu: http://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/specials/drehstart-saarbrueckeh-totenstille100.html

Hier mal zwei Setfotos vom Tatort:
Hier ist Kassandra Wedel in ihrer Rolle als "Kassandra Feldhausen" zu sehen.  Der Name ist ihr geblieben, den mussten wir einfach nehmen! :-)
Credit: SR/Manuela Meyer
Links neben Devid Striesow als "Kommissar Jens Stellbrink" steht Franz Hartwig, welcher den "Marc" spielt. Der hübsche Lockenkopf ist "Ambra", welche von der gehörlosen Schauspielerin Jessica Jaksa gespielt wird. Von hinten sieht man die herausragende Lena Stolze als Mutter der beiden.
Credit: SR/Manuela Meyer
Und wann wird denn der Tatort ausgestrahlt? Am 24. Januar 2016! :-)

Das war es dann mal für das erste an Infos, es wird hier sicherlich noch mehr Infos zum Tatort geben, je näher der Ausstrahlungstermin rückt. Aufregung und Wackelpuddingknie galore wird es dann bei mir geben. :-) Ich hoffe, ihr steht mir bei, wenn der Tatort im TV kommt!

Montag, 7. September 2015

Die Aktion Mensch und der Bundespräsident

Die beiden verbindet eine ganz dicke Freundschaft, die so dick ist, dass der Bundespräsident die Aktion Mensch als total geniales Geschäftsmodell bezeichnet in seiner Rede deren 50. Geburtstag und sich die Gebärdensprachdolmetscher auf dem Bürgerfest durch die Aktion Mensch finanzieren lässt.

Ich zitiere mal aus dem Bericht der Aktion Mensch zum 50. Geburtstag: "Das Geschäftsmodell der Aktion Mensch  nannte Gauck kurz eine „total geniale Aktion“ und meint damit die Verbindung, selbst zum Lotterie-Gewinner zu werden – und gleichzeitig für andere etwas Gutes zu tun. „Das WIR gewinnt – drei Worte, maßgeschneidert für die Lotterie, wie für das Leben“, fasste Gauck zusammen. Zudem sei es „die kürzeste Beschreibung für Inklusion, die ich kenne.“ Und auch zu diesem Thema – Inklusion – hatte Gauck einiges zu sagen. „Inklusion ist eine enorme Herausforderung, aber keine Utopie“, hielt er fest. Wir seien erst dann in einer inklusiven Gesellschaft angekommen, „wenn Menschen mit Behinderung das gleiche Maß an Hoffnungen, das gleiche Maß an Wünschen zugestanden wird, wie jedem anderen Menschen auch.“ Der spontane Applaus zeigte: Hier sprach Gauck vielen der Anwesenden aus dem Herzen." Quelle: https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/ein_hoch_auf_uns.html

Total genial, wenn man dann zur Aktion Mensch gehen kann: "Mach es zu deinem Projekt" und einen Antrag auf die Finanzierung der Gebärdensprachdolmetscher einreichen kann und im Gegenzug der Aktion Mensch die Möglichkeit gibt, sich werbewirksam auf dem Bürgerfest zu präsentieren. "Schaut mal her, wie sozial und barrierefrei wir sind." Sehr geniale Freundschaft.

An diesem Punkt stelle ich mal die Frage: Hat der Bundespräsident bzw. das Bundespräsidialamt kein eigenes Budget für Barrierefreiheit, so dass diese bei der Aktion Mensch betteln gehen muss?

Der springende Punkt bei allem ist nämlich: Das Bundespräsidalamt ist eine Bundesbehörde ist, die laut BGG zu Barrierefreiheit verpflichtet ist, was also bedeutet, dass die ein eigenes Budget für Barrierefreiheit haben müssen und sich das nicht über irgendwelche Amigos äh.. Finanzierungsanträge von außen sponsern lassen müssen.

Woher weiß ich eigentlich, dass die Aktion Mensch die Gebärdensprachdolmetscher auf dem Bürgerfest finanziert? Unter anderem habe ich das hier beim Taubenschlag gelesen:

Bürgerfest des Bundespräsidenten Dort heißt es wie folgt: "Das Bühnenprogramm wird für gehörlose Menschen von Gebärdensprachdolmetscherinnen übersetzt. Dies ist der Aktion Mensch zu verdanken, die den Dolmetscheinsatz finanziert."

Und ich hab noch bisschen weiter gewühlt, im Programmheft von 2013 findet sich dieser Satz zur Aktion Mensch:"Die Sozialorganisation Aktion Mensch e.V. sorgt außerdem für barrierefreie Auftritte auf der Hauptbühne: Gebärdensprachdolmetscher machen die Darbietungen für alle erlebbar."

Gauck und die Aktion Mensch stehen sich wirklich sehr nahe von der Denkweise her, wie man weiter in der Jubelrede nachlesen kann:
„Unsere Gesellschaft musste und muss noch immer lernen, wie man mit Einschränkungen umgehen kann. Die Aktion Mensch entwickelte sich dabei zu einer erkennbaren Stimme in der gesellschaftlichen Debatte“. So habe die Aktion Mensch entscheidend dazu beigetragen, Denkmuster zu verändern. Ein besonderes Anliegen des Bundespräsidenten war, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Unterstützern der Aktion Mensch zu danken: „Sie haben vorgelebt, was eine Gesellschaft braucht, um sich zu verändern. Ohne all die Haupt- und ehrenamtlich Engagierten hätte die Aktion Mensch nicht werden können, was sie heute ist.“ 

Das stimmt überhaupt nicht.  Die Aktion Mensch ist keine erkennbare Stimme der gesellschaftlichen Debatte - sie präsentiert überhaupt nicht die Haltung der Menschen mit Behinderungen, sondern gibt VOR, diese Haltung zu präsentieren. Und sie hat die Denkmuster nicht verändert, sondern macht es salonfähig, dass Nichtbehinderte für Menschen mit Behinderungen sprechen und als deren Samariter auftreten...

Wie ist es sonst zu erklären, dass die Aktion Mensch ständig falsche Informationen über Menschen mit Behinderungen verbreitet? Bei der WM 2014 hat die Aktion Mensch Fußballergebärden verbreiten lassen und behauptet, die würden auf der deutschen Gebärdensprache basieren, was überhaupt nicht stimmte! Hier dazu mein Blogbeitrag: Die Aktion Mensch und die Fußballergebärden
 

Es ist immer wieder sehr deutlich erkennbar, dass die Aktion Mensch NULL Wissen über die Menchen hat, die sie eigentlich vertreten will. In Wahrheit vertritt die Aktion Mensch etwas ganz anderes: Sie ist nichts anderes als eine Organisation von Nichtbehinderten, die sich durch ihren Bekanntheitsgrad zum "Freund" der Menschen mit Behinderungen aufschwingt und damit Geld vertritt. In meinen Augen gehört die Aktion Mensch komplett verboten, denn es geht nicht, dass eine "Sozialorganisation" Aufgaben des Staates in Sachen Barrierefreiheit übernimmt.

Die Wahrheit ist: Die Aktion Mensch ist das schlimmste, was uns Menschen mit Behinderungen passiert! Sie verbreitet unter anderem gezielt Desinformationen und kümmert sich einen Dreck darum, wie Menschen mit Behinderungen in den Medien dastehen. Hauptsache, es wird über die Aktion Mensch geredet und deren Förderung - ohne die Aktion Mensch wäre das gar nicht zustande gekommen und Menschen mit Behinderungen hätten ohne die Aktion Mensch gar keine Stimme.

So eine hübsche Win-Win-Situation für beide, nicht wahr? Der Bundespräsident hat ein barrierefreies Bürgerfest und die Aktion Mensch kann sich im Sonnenschein des Bundespräsidenten fläzen..

Und, Herr Gauck, wir sind erst in dann in einer inklusiven Gesellschaft angekommen, wo Menschen mit Behinderungen GENAU die gleichen Rechte und Chancen zugestanden wird wie Nichtbehinderten. Mit Wünschen hat das Recht auf die Chancengleichheit und kompletter Augenhöhe durch Gleichstellung in jeder Lebensituation nichts zu tun!

Und im übrigen finde ich diese Aussage von Ihnen zum Kotzen:

"Es reißt mich mehr mit, es ist für mich noch faszinierender, diesen Mut dieser Menschen zu sehen, dieses Ja zu einem Leben, das nicht perfekt ist", sagte Gauck im ZDF über seine größere Begeisterung für Behinderte im Vergleich mit den Olympioniken. Quelle: http://www.abendblatt.de/sport/welt-des-sports/article108888869/Gluecksbringer-Gauck-Deutscher-Medaillenregen-zum-Auftakt.html

Wieso meinen Sie eigentlich, sie könnten darüber BESTIMMEN, dass das Leben von Menschen mit Behinderungen nicht perfekt ist? So als Außenstehender? Und dann haben Sie das auf dem Kirchentag in Hamburg nochmal wiederholt:" Bei einer Veranstaltung des evangelischen Kirchentags in Hamburg sagte Gauck am Donnerstag, diese Menschen seien Vorbilder, weil sie trotz ihrer enormen Lasten etwas leisteten. Dieses "Vorbild in Lebensfreude und Lebensbejahung" brauche das Land. "Dich springt ein 'Ja zum Leben' an", sagte er." Quelle: http://www.epd.de/zentralredaktion/epd-zentralredaktion/gauck-behinderte-sind-vorbilder-f%C3%BCr-die-gesellschaft

Meine Güte, da haben zwei echt gesucht und gefunden! 

Es ist nicht in Ordnung, wenn eine Bundesbehörde sich die Gebärdensprachdolmetscher, also die Barrierefreiheit von Menschen mit Behinderungen, durch eine "Sozialorganisation" sponsern lässt. Das darf einfach nicht sein, da "stiehlt" sich eine Bundesbehörde aus ihrer eigenen finanziellen und sozialen Verantwortung mit dieser Art der Finanzierung.


Mittwoch, 2. September 2015

Der WDR hat kein Herz für Minderheiten!

Die Sendung "Sehen statt Hören" feiert dieses Jahr den 40. Geburtstag. Eine Sendung in ihren besten Jahren also, die nichts von ihrer Attraktivität für Gehörlose verloren hat trotz des Weggangs der Ikone Jürgen Stachlewitz, der wegweisend für "Sehen statt Hören" war.

Stachlewitz war für mich eine der prägendesten Identifikationen in der Gehörlosenszene, er war der erste gehörlose Moderator im deutschen Fernsehen, der in deutscher Gebärdensprache moderiert hat. Eben einer, der durch seine Anwesenheit sagte: "Yes, we can!"

Aber was ist "Sehen statt Hören" eigentlich? Es ist die einzige Sendung bisher im deutschen Fernsehen, welche in Gebärdensprache moderiert und informiert und sich an Gehörlose, Schwerhörige und Hörende richtet, was daraus ersichtlich wird, dass es feste Untertitel gibt. Die Sendung kommt immer Samstags um 10 Uhr vormittags im Bayerischen Fernsehen. Informiert wird über Gehörlosenkultur, Gebärdensprache und allem drum und Dran aus der Gehörlosenwelt und das nicht nur auf Deutschland begrenzt, sondern auch mit dem Blick in andere Länder. Auch für mich ist das immer wieder spannend zu gucken, wie die Gehörlosenkultur in anderen Ländern aussieht.

Die Finanzierung war bisher so: Der BR trägt den Löwenanteil der Kosten, der WDR ist Ko-Produzent der Sendung.

Jetzt steigt der WDR jedoch aus der Ko-Produktion aus, was zur Folge hat, dass der BR prüfen muss, ob man genausoviele Folgen produzieren kann wie bisher.

Für den WDR ist der Ausstieg beschlossene Sache, womit der Fernsehsender also in den Zeiten, wo jeder über Inklusion redet, ein Signal gegen Inklusion gibt, indem er eine barrierefreie Sendung nicht mehr mitproduziert.

Das steht entgegen dem Programmauftrag des WDR, denn dort heißt es unter § 4 folgendes:
"In seinem Angebot leistet der WDR einen Beitrag zur Vermittlung von Allgemeinbildung und Fachwissen in Ergänzung zu Schule, Ausbildung und Beruf. Er trägt mit seinen Angeboten dem Erfordernis lebenslangen Lernens ebenso Rechnung wie der Stärkung der Medienkompetenz und der Förderung der sozialen und gesellschaftlichen Integration. Bildungsangebote im Sinne der Sätze 1 und 2 sind Angebote der Wissensvermittlung und Weiterbildung insbesondere in den Bereichen Wissenschaft und Technik, Kultur und Religion, Geschichte und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sowie Sprache." Quelle: http://www1.wdr.de/unternehmen/organisation/rechtsgrundlagen/rechtsgrundlagen_gesetz100.pdf

Der Ausstieg des WDR aus der Koproduktion ist eine Katastrophe aus vielen Gründen. Seinem Programmauftrag kommt der WDR damit nicht nach.

Und Geld ist nicht das Problem. Ganz im Gegenteil: Das Fernsehen hat 1,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen an Rundfunkgebühren eingenommen - das Geld wird derzeit geparkt. Die Entscheidung, was mit dem Geld passieren soll, ist auf Frühjahr 2016 verschoben worden. In dieser Sache habe ich die Ministerpräsidenten der Länder bereits im Juni 2015 angschrieben mit der Bitte, dass das Geld für die Barrierefreiheit im deutschen Fernsehen ausgegeben wird. Die Antworten waren übrigens mehrheitlich lang und schwurbelig.

Dazu kommt noch, dass Deutschland vor dem UN-Menschenrechtsratsauschuss im März 2015 heftig dafür gerügt worden ist, dass es kaum Nachrichten und Sendungen mit Gebärdensprache im deutschen Fernsehen gibt.

An dieser Stelle muss ich mich doch sehr fragen, ob der WDR überhaupt weiss, welcher wichtigen gesellschaftlichen und politischen Verantwortung er sich damit entzieht?

Wenn man sich so die Argumente des WDR durchliest, dass der WDR die Sendung "Sehen statt Hören" für überholt hält in dieser Form und nur dann weiterhin mitfinanziert hätte, wenn es die Sendung nur noch online gegeben hätte, dann ist das ein gewaltiger Verstoß gegen den eigenen Programmauftrag.

Auf gut Deutsch heißt das nämlich: Der WDR will, dass die einzige Sendung mit Gebärdensprache und festen Untertitel online in der Versenkung verschwindet, womit auch die Sichtbarkeit der deutschen Gebärdensprache minimalisiert wird im deutschen Fernsehen.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass es ewig gedauert hat, bis "Sehen statt Hören" endlich auch in der Mediathek verfügbar war, denn es hat ewig geheißen, dass dies nicht möglich ist, bis dann vor etwa 2 Jahren die Verfügbarkeit auch in der Mediathek möglich war, was ein enormer Vorteil war: Endlich konnten wir Gehörlosen keine Sendung mehr verpassen und auch Hörende eine Link zu der Sendung zeigen. Eben eine Eingangstüre in unsere Welt. :-)

Übrigens ist ebenfalls "CosmoTV" beim WDR von der Absetzung betroffen, das ist eine Sendung, die sich sich an Menschen mit Migrationshintergrund richtete.

Die neue Charmeoffensive des WDR kann man also ganz klar bezeichnen als:"Wir haben kein Herz für Minderheiten."

Ich bin gespannt, wie der WDR sich aus dieser Äffäre ziehen will.

Ebenfalls bin ich gespannt, ob der Rundfunkrat diesem Kahlschlag in der Rundfunkratsitzung am 18.8.15 zugestimmt hat. Dann ist das ein doppelter Skandal, wenn da ein zweifaches Signal gegen Inklusion kommt aus der Medienlandschaft und aus der Politik. 

Hier geht es übrigens zu dem TAZ-Link, wo über die Pläne des WDR berichtet wird: http://www.taubenschlag.de/cms_pics/SSH-Co-Finanzierung.jpg

Bericht von Medienmeister: https://medienmeister.wordpress.com/2015/08/12/kahlschlag-im-programm-wo-der-wdr-die-axt-ansetzt/