Sonntag, 19. Juni 2016

Fahrrad fahren als Gehörlose

Das ist auch eine der häufigen Fragen, die mir begegnen im Leben als Gehörlose - fast so häufig wie im Blogpost zu "Kannst/Darfst du Autofahren?"

Im Mai hatte ich ein Beschnupperungsgespräch mit der Vermieterin einer Wohnung in Hamburg, die ich mir ausgeguckt habe. Zum Gespräch bin ich natürlich alleine gekommen, denn erstens hätte ich es als sinnlos empfunden mit einer/m Gebärdensprachdolmetscher*in  zu kommen, weil man eh den Dolmetscher nicht immer bei sich hat. Und außerdem ist es wichtiger zu sehen, ob man eine grundsätzliche Kommunikationsgrundlage hat.

Die hatten wir, wir hatten ein richtig schönes und nettes Gespräch. Am Ende des Gesprächs fragte mich Frau B., ob ich denn Fahrradfahren kann. Ich war etwas verdutzt, weil ich die Frage schon lange nicht mehr gehört habe und gab zurück: "Ja, wieso?" "Ich stelle mir das etwas schwierig vor, wenn man nicht hören kann und auf den Verkehr achtgeben muss.." Ich meinte darufhin, dass ich sehr viel fahrradfahre und noch nie einen Unfall gehabt habe im Straßenverkehr.

Die einzigen 4 Unfälle, die ich mit dem Fahrrad hatte, waren auf dem Feldweg und am Bahnhof sowie als Kind. Ich bin da meiner Mutter hinterhergerast - sie fuhr voraus. Ich strampelte ihr hinterher über eine Straße, als da plötzlich ein Auto kam und mein Vorderrad knutschte mit dem Reifen des Autos herum, wobei es meinen Brustkorb ewas auf den Radlenker knallte.

Der Autofahrer war viel erschrockener als ich. Ich habe nur ganz cool gemeint: "Nix passiert." und bin weitergeradelt. Das war es an Unfällen, die ich mit dem Fahrrad im Straßenverkehr hatte.

Aber jetzt in Hamburg kapiere ich langsam, was Frau B. gemeint hat: Die Fahrradfahrer hier sind etwas rücksichtslos und noch nie war mein Rückspiegel an einer Lenkerseite mir hilfreicher als hier. Demnächst werde ich mir auf der anderen Lenkerseite auch noch einen Spiegel einbauen.

Ich höre ja nichts, also bringt es überhaupt nichts, mich anzuklingeln, wenn man an mir vorbeifahren möchte. Und oft wird man rücksichtslos überholt, wenn ich nicht zufällig die Person im Rückspiegel erheischt habe. An diesem Punkt habe ich mal überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre einen Aufkleber mit dem Hinweis, das man nichts hört, am Fahrrad anzubringen. Aber will ich mich selbst "stigmatisieren"? Vertrackte Sache, das.

Also, liebe Radfahrer und Fußgänger: Wenn ihr mal eine Person auf dem Fahrrad oder zu Fuß vor euch stehen habt und diese nicht auf Herumgeklingele oder Zurufe reagiert, dann habt ihr es sehr wahrscheinlich nicht mit einer ignoranten Person zu tun, sondern mit einer gehörlosen Person. Der Blickwinkel von uns Augenmenschen nach hinten ist weiter als bei hörenden Menschen - wir erkennen euch schon oft früh genug, wenn ihr hinter uns steht und vorbeiwollt. Aber das ist eben nicht immer der Fall - wie bei vielen hörenden Menschen auch, die im Weg herumstehen.

Das Radfahren im Hamburg macht mir aber trotzdem Spaß, denn man kann dabei sehr viel entdecken - Hamburgs Schönheiten zum Beispiel. Oder man entdeckt ein paar Unebenheiten im Boden und denkt sich:"Stolperfalle für alte Leute."

Wie gesagt: Es gibt viel zu entdecken in Hamburg. :-)

P.S. Der Mythos, dass viele Gehörlose nicht Radfahren können, stammt aus "Jenseits der Stille." Laras Mutter dort kann nicht Fahrrad fahren, aber das sind seltene Einzelfälle. Deshalb war es mir auch so wichtig, im Tatort "Totenstille" zu zeigen, dass Gehörlose sehr wohl ohne Probleme Radfahren können.

Freitag, 17. Juni 2016

Staubsauger kaufen als Gehörlose

Die geneigten Leser werden es auf Twitter mitbekommen haben: Ich bin nach Hamburg aus beruflichen Gründen gezogen und versuche mich nun mit dem nordischen Lebensstil anzufreunden, soweit das mit meinem südländischen Temperament vereinbar ist, welcher äußerst sonnenhungrig ist.

Eins habe ich jedenfalls schon mal geschafft: Innerhalb von 4 Wochen eine absolut passende Wohnung in Hamburg zu finden, womit ich laut den Angaben der Einheimischen verdammt viel Glück gehabt habe, was nur von einem Lottogewinn übertroffen werden kann.

Nun musste ich gestern einen Staubsauger kaufen und ich hatte schon von Anfang an geplant, wenn der Verkäufer sagt: "Aber dieser Staubsauger ist sehr laut." zu lächeln und zu sagen: "Der ist laut? Das macht nichts - ich nehm ihn!" (siehe Tweet hier: https://twitter.com/EinAugenschmaus/status/743458553600565253)

Und so ist es tatsächlich gekommen. Ich so in der Staubsaugerabteilung auf einen dramatisch reduzierten Staubsauger zeigend:"Und der hier? Der ist auch ohne Beutel." Verkäufer machte ein entschuldigendes Gesicht:"Der ist laut!" "Der ist laut? Das macht nix - ich nehm ihn!"

Und so ist es gekommen. Die Spontantaufe beim Einzug ergab, dass er Jogi heißt und bei mir darf er so laut röhren wie er will. :-)

Eins der vielen Vorteile, wenn man gehörlos ist.

Der Staubsauger ist übrigens ein AEG Aptica ATT7920BP und war nur deshalb so dramatisch reduziert, weil das Zubehör wie Aufsatz und anderweitige Bürsten nicht mit dabei waren. Aber das ist kein Weltuntergang. Ich bin nur mal gespannt, wie ich mit dem Entleeren des Behälteres klarkomme, weil ich doch eine Grobmotorikerin bin, wenn es um solche profane Dinge geht.


Samstag, 30. April 2016

Warum Gebärdensprache-Handschuhe nutzlos sind!

Auch so ein Thema, was alle paar JAHRE immer mal wieder durch Social Media geistert und unwissende Hörende jubeln lässt: "Damit sind Gehörlose endlich nicht mehr isoliert und Menschen ohne Gebärdensprachkenntnisse können damit mit Gehörlosen kommunizieren."

Es scheint ein Sport unter verschiedenen Universitäten zu sein, alle paar Jahre mit so einer "NEUEN" Entwicklung, einem Handschuh, der Gebärdensprache übersetzt, um die Ecke zu kommen, die alle an einem kapitalen Denkfehler scheitern, was daran liegt, dass die Entwickler sich null Wissen über die Gebärdensprache aneignen, sondern nur denken: "Hört sich saugut an und wir werden alle gefeiert dafür!"

2015 entwickelte ein Team an der polytechnischen Universität in Mexico City einen solchen Handschuh.  2015 entwickelte die Hochschule in Magdeburg-Stendal ebenfalls so einen Handschuh. "Wereable" heißt er.  Im gleichen Jahr auch von einer saudi-arabische Entwicklerin. 2014 wurde so ein Handschuh von der Cornell University, USA entwickelt. 2012 von einem ukrainischen Team.

Wie gesagt: Diese Erfindungen sind alle nichts Neues. Null. Lustig ist ja, dass die Medien, die über solche Erfindungen berichten, gleich alle immer jubeln: "ABSOLUTE NEUHEIT!" und es als Durchbruch für die Inklusion zwischen Hörenden und Hörenden ansehen.

Und sie scheitern alle an einem Denkfehler: Es wird davon ausgegangen, dass so ein Handschuh Gebärdensprache so gut übersetzen kann wie ein Dolmetscher. Das ist nicht der Fall. Gebärdensprache ist mehr als nur Gebärden. Die Sprache ist 3-Dimensional, sie besteht aus Gebärden, Körpersprache und Mimik. Von der Mimik hängt es übrigens häufig ab, ob aus einem Satz in Gebärdensprache eine Frage oder eine Antwort wird. Das alles wird dieser Handschuh nicht übersetzen können und er kann auch den Kontext nicht mitbedenken und übersetzen.

Außerdem hat die Gebärdensprache eine eigene Grammatik und Syntax, woran auch deutlich wird, dass man sie nicht mit der Lautsprache vergleichen kann.

Und die Übersetzung findet nur in eine Richtung statt. Beispiel: Gehörlose Person geht in ein Geschäft, wo der Handschuh eingesetzt wird. Er fragt etwas mit dem Handschuh in Gebärdensprache - die Übersetzung von der Gebärdensprache in die Lautsprache erfolgt mit dem Handschuh. Der hörende Verkäufer weiss jetzt zwar, was die gehörlose Person möchte, aber es erfolgt keine Rückübersetzung von Lautsprache in die Gebärdensprache.
Da endet die Kommunikation, die nie eine Kommunikation war, weil sie nicht funktioniert, weil sie nicht in zwei Richtungen funktioniert.

Und da sind wir nun wieder am ursprünglichen Problem: Wie verbessert man die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden so, dass sie funktioniert?

Meiner Meinung nach geht das echt nur über Gebärdensprachdolmetscher, die man zur Verfügung stellt vor Ort oder die per Video zugeschaltet werden, was heute machbar ist bei den vielen Tablets und Smartphones. Ich würde nie diese Handschuhe mit mir herumschleppen wollen, warum zusätzliches Gepäck dabei haben? Dolmetscher-To-Go, egal ob vor Ort oder online, sind viel praktischer und sicherer, weil ich die bestmöglichste Garantie habe, dass der Dolmetscher auch wirklich akkurat übersetzt und das ist für uns Gehörlose extrem wichtig, weil wir so oft an Missverständnisse geraten und uns über einen Dolmetscher davor schützen können.

Anhand dieser Fakten, die man nur kennen kann, wenn man grundlegendes Expertenwissen über Gebärdensprache verfügt, ist es völlig klar: Diese Handschuhe werden nie die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen entscheidend verbessern, weil die Rückübersetzung nicht verfügbar ist bis jetzt. Und das werden diese Handschuhe auch nicht leisten können, weil sie eben das komplette Spektrum der Gebärdensprache NICHT abdecken können und so fehleranfälliger sind als jeder Software die z.b. Lautsprache in Text übersetzt.

Also, liebe Medien: Hört bitte auf, diese Handschuhe als bahnbrechendes Wundermittel zur Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden zu bezeichnen, denn das stimmt nicht. Und rechechiert doch mal ordentlicher nach bei dem Thema und/oder befragt gehörlose Experten. Und die werden alle das gleiche sagen: "Im Endeffekt nutzlos."

Danke.
Einen sehr guten Artikel über diese Gebärdensprach-Handschuhe hat ebenfalls Katie geschrieben, er ist auf Englisch - ich empfehle ihn ausdrücklich weiter: http://katies.online/katiesblog/index.php/2016/04/27/yes-ive-seen-the-signing-gloves/

Mittwoch, 27. April 2016

Eurovision Song Contest ohne Gebärdensprache?

ist immer wieder ein Augenschmaus, was auch Hörende immer wieder feststellen können, wenn sie im Fernsehen mal die Nachrichten auf Phoenix verfolgen oder zufällig irgendwo, was aber ganz selten vorkommt, Gebärdensprache erhaschen können.

Letztes Jahr trug der ORF den Eurovision Song Contest aus und hat sichergestellt, dass die Übertragung barrierefrei sein wird - man engagierte ein Team von tauben Gebärdensprachdolmetschern und liess sie die Lieder einstudieren in Internationaler Gebärdensprache - das ganze nannte man dann "EuroVision Sign"!

Und es war ein grandioser Erfolg, die Zahlen geben dem ORF recht: "Via ORF 2 Europe erreichte das Song-Contest-Finale parallel zu ORF eins in Internationaler Gebärdensprache im Schnitt 57.000 Österreicherinnen und Österreicher bei zwei Prozent Marktanteil, die Reichweitenspitze lag bei 166.000 Zuschauern." Quelle: http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150524_OTS0013/grandiose-show-grandiose-quoten-19-millionen-sahen-esc-finale-im-orf

In Deutschland konnte man die tauben Gebärdensprachdolmetscher auf dem damaligen Spartensender EinsPlus sehen, den es heute leider nicht mehr gibt und sie kamen ebenfalls sehr gut an beim Publikum - ich möchte hier einen kleinen Auschnitt der Tweets dazu zeigen:






Soviele positive Resonanz und das ist wirklich nur ein kleiner Ausschnitt! Auf Twitter habe ich übrigens EinsPlus mit EinsFestival verwechselt - bei den vielen Spartensender der öffentlich-rechtlichen kann man ja wirklich mal kurz den Überblick verlieren. ;-)

Und jetzt kommt es: Dieses Jahr werden die tauben Gebärdensprachdolmetscher nicht im TV zu sehen sein, sondern nur online auf www.eurovision.de. :-(

In der PM steht nämlich folgendes:
"Auch die beiden Halbfinale des Eurovision Song Contest werden barrierefrei angeboten. Für die Übertragung der Halbfinale am Dienstag, 10. Mai, und Donnerstag, 12. Mai, jeweils um 21 Uhr auf Einsfestival, erstellt der NDR für Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung Untertitel und eine Hörfassung. Auf eurovision.de sind die Halbfinale online zudem in der internationalen Gebärdensprache (ISL) zu sehen. Dieses Angebot übernimmt eurovision.de vom schwedischen Sender SVT, der die größte Musikshow der Welt in diesem Jahr ausrichtet.
Auch für die Sendungen im Ersten vor und nach dem Finale mit Barbara Schöneberger - "Eurovision Song Contest 2016 - Countdown für Stockholm" um 20.15 Uhr sowie "Eurovision Song Contest 2016 - Grand Prix Party" um 0.15 Uhr - bietet der NDR ein barrierefreies Angebot mit Untertiteln und Audiodeskription. Das ESC-Finale wird vom NDR zudem in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt. Diese Fassung ist hier auf eurovision.de zu sehen. Dabei werden auch die Songtexte und der Kommentar von Peter Urban von den Gebärdendolmetschern präsentiert." Quelle: http://www.eurovision.de/news/Alle-ESC-Shows-barrierefrei-sehen-und-hoeren,barrierefrei176.html

Ich finde es schade, dass man sich hier bei ARD eine große Chance entgehen lässt mit dem Verzicht auf die Einblendung der tauben Gebärdensprachdolmetscher direkt im TV.

Technisch sehe ich keine Schwierigkeiten bei der Umsetzung, denn man könnte ganz locker bei EinsFestival, was ja schon für die Übertragungen für das Halbfinale beim ESC eingeplant ist, die tauben Gebärdensprachdolmetscher einblenden lassen und zusätzlich auch mit Untertitel ausstrahlen, denn die Untertitel werden auf EinsFestival und ARD eh auf den gleichen Videotexttafeln gesendet. Irgendwelche technische Ausreden gelten hier also nicht :-)
Außerdem ist im Team der tauben Gebärdensprachdolmetscher aus aller Welt auch ein tauber Gebärdensprachdolmetscher aus Deutschland dabei: Rafael Evitan Grombelka!

So schade, wenn das das Erste die Einblendung der tauben Gebärdenspracdolmetscher nicht möglich macht, denn die sind soviel besser als hörende Gebärdensprachdolmetescher bei der Verdolmetschung von Musik, weil sie so ungeheuer visuell arbeiten und Gebärdensprache ja von kleinauf ja schon die Muttersprache ist bei den meisten.

Letztes Jahr hatten wir alle soviel Spaß mit den tauben Gebärdensprachdolmetschern auf EinsPlus, egal ob hörend, gehörlos oder schwerhörig. Es war einfach ein Heidenspaß! Und ich hoffe, dass ich mit dem Blogbeitrag erreichen kann, dass das Erste umdenkt und auf EinsFestival die tauben Gebärdensprachdolmetscher und Untertitel zeigt! :-)

Dienstag, 19. April 2016

Heute vor 5 Jahren war mein erster Auftritt auf der Re:publica!

Sie steht mal wieder vor der Türe, die re:publica, das legendäre Klassentreffen der digitalen Natives.

Irgendwann im März 2011 packte mich die Neugier ob der vielen Tweets zur re:publica 2011 in meiner Timeline und ich schrieb das Orgateam an, ob ich möglicherweise eine Freikarte bekommen kann aufgrund der Tatsache, dass das Event ja leider nicht barrierefrei ist, was meine Neugier aber nicht daran hindern würde die re:publica erleben zu wollen.

Hier der Videolink zu meinem Auftritt ab der 12. Minute:

Daraufhin passierte etwas sehr schön verrücktes: Man schrieb mir zurück, dass man mich eh noch einladen wollte als Speakerin. Dieser Satz liess mich so richtig vom Hocker plumpsen und ich sagte zum meinem Chatpartner im Chat: "Hör mal, weißt du, was gerade passiert ist? Die von der re:publica haben mich gerade als Speakerin eingeladen. Dabei wollte ich nur eine Freikarte haben zum Erleben." Er ganz westfälisch trocken:"Deswegen gerade dieser Krach." :-D

Und dann sass ich halt da im Friedrichstadtspalast und habe davon berichtet, wie wenig barrierefrei das deutsche Fernsehen. Und im übrigen: So cool, wie ich damals ausgesehen habe, war ich echt nicht, ehrlich nicht. Keine Ahnung, wie ich das geschafft habe, da zu sitzen und mein Anliegen so verständlich auf den Punkt zu bringen - man hat mich wirklich ins kalte Wasser geschmissen. Aber dank Philip Banse's Fragen war ich ganz fokussiert darauf einfach nur mit ihm zu reden und meine Umwelt komplett auszublenden. :)

Heute 5 Jahre gibt es eine Verbesserung in Sachen Barrierefreiheit im Fernsehen: 5 Jahre später ist es viel besser geworden. Auf die einzelnen Programme der öffentlich-rechtlichen Sender haben wir ungefähr 90% Untertitel, wobei es aber sehr schwankt - bei manchen ist es deutlich weniger. Vor allem die Spartensender haben da noch großen Nachholbedarf. Aber im Vergleich zu dem Stand von vor 5 Jahren ist den Sendern schon der ganz große Wurf gelungen, das muss ich auch zugeben. :-) Die Qualität der Untertitel schwankt leider immer noch sehr und mich nervt es immer noch, wenn die Untertitel verkürzt und vereinfacht sind, was ich ganz leicht daran erkennen kann, dass der gesprochene  Dialog nicht mit dem Untertitel übereinstimmt. Dabei gehen viele wichtige Informationen verloren und auch sehr oft der Wortwitz. Lückenfrei barrierefrei mit Untertitel sind die öffentlich-rechtlichen heute also immer noch nicht.

Bei den Privaten gab es auch einen Sprung nach vorne, aber ich weiß nicht, ob man das als Verbesserung bezeichnen kann, wenn "Dschungelcamp", "Let's Dance" "Topmodel" mit Untertitel kommt. ;-) Aber gut, auch Gehörlose haben das Recht auf Wahlfreiheit, womit sie ihre Gehirnzellen absterben lassen wollen.

Aber besonders RTL hat mich da sehr positiv überrascht bei den Fußballspielen: Die Untertitel dort waren ausgezeichnet und so richtig toll voll von Fußballerlatein - da hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich genau die gleichen Infos bekomme wie hörende Zuschauer.

Aber das Problem, welches wir Gehörlose heute immer noch haben, ist: Wir stossen bei der Teilnahme an der Gesellschaft permanent auf Barrieren - wir können nicht einfach auf eine Veranstaltung gehen ohne nachzufragen, ob es Gebärdensprachdolmetscher/Schriftdolmetscher gibt. Einen Kurs an der Volkshochschule zu besuchen, weil man sich weiterbilden will, ist nicht - den Gebärdensprachdolmetscher muss man sich aus eigener Tasche zahlen. Ich könnte die vielen Hindernisse noch weiter aufzählen, aber das würde diesen Blogeintrag doch etwas sprengen. ;-)

Jedenfalls ist es ganz klar, dass ich weiterhin dafür kämpfen werde, dass die Teilhabe an der Gesellschaft barrierefrei wird. :-)

Und die re:publica ist immerhin seit 2013 mit einem Schriftdolmetscher auf Stage 1 barrierefrei geworden - die anderen Stages leider noch nicht. Aber vielleicht wird ja dieses Jahr der Besuch der re:publica barrierefreier, was ich sehr hoffe.

Man sieht sich. :-) In diesem Internet oder gar auf der re:publica!

Sonntag, 24. Januar 2016

FAQ zum Tatort "Totenstille"

Soeben ging der Tatort zu Ende. :-)

Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ihr da einige Fragen dazu habt, unter anderem zum Lippenlesen...

Ich habe mitbekommen, dass ihr gefragt habt, warum es manchmal keine Untertitel gibt, wenn in Gebärdensprache gesprochen wird - das war ein ganz bewusste Stilmittel um euch zu zeigen, wie es uns Gehörlosen geht, wenn im TV was ohne Untertitel oder schlechten Untertitel kommt.

Der Tatort ist übrigens mit Untertitel - guckt ihn euch doch in der Mediathek oder in der Wiederholung mit Untertitel an.

Und zm Lippenlesen möchte ich wirklich noch was wichtige sagen:

Es ist wirklich nicht so einfach, wie man sich das manch einer vielleicht durch den Tatort vorstellt - ich habe in vielen Interviews zum Tatort gesagt, dass die überdurchschnittliche Lippenlesefähigkeit der Figur Ben auf meiner Person basiert, aber es eben nicht die Norm ist. Nicht alle Gehörlose können so gut lippenlesen, was von vielen Faktoren abhängt. Ich habe das mal einem Blogeintrag erklärt:

Blogbeitrag: Lippenlesen - wie funktioniert das eigentlich?

Hier hab ich mal bei Gaileo erklärt, wie dieses Lippenlesen funktioniert: http://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/mission-impossible-mythen-clip ab etwa 4:50 Min herum oder später..

Und hier kann man sich am Lippenlesen ausprobieren und mal sehen, wie schwierig das ist:

Teste dich im Lippenlesen

Blogbeitrag: Die Gebärdensprache war verboten? Warum? Und welche Folgen hatte das für Gehörlose?

Und dann die häufigste Frage, die mir begegnet ist:

Wie hast du eigentlich sprechen gelernt?

Wie funktionieren eigentlich Gebärdensprachen? http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2013/03/wie-funktionieren-eigentlich.html

Für diejenen, die die Gebärdensprache lernen möchten, habe ich eine Übersicht gebloggt, wo man das kann und auf was man achten sollte:
Mit den Händensprechen - Gebärdensprache lernen!






Samstag, 9. Januar 2016

Gut gemeint ist nicht immer gut geschrieben

Bei der Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen stolpert man im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder über unmögliche Formulierungen, die so nicht da stehen würden, wenn die Person oder die Minderheitengruppe, um die es geht, nicht behindert wäre.

Nun bin ich eben über einen Artikel gestolpert, der an sich lobenswert ist, aber anhand der Gesprächsführung ist es ja doch eher leider ein Gespräch geworden über Gehörlose über ihre Sprache und Kultur mit einer Frau, die sich aus persönlichen Gründen für Gehörlose engagiert.

Hier geht es zum Artikel - ich hab hier einen Do-Not-Link erzeugt, weil ich nicht will, dass so ein grauenhafter Artikel Klicks bekommt: http://www.donotlink.com/hto7

Wirklich lobenswert ist, dass Helga Wallasch angefangen hat für ihren gehörlosen Sohn Gebärdensprache zu lernen, dann das tun leider bis heute nicht viele Eltern. 90% der Gehörlosen haben hörende Eltern und davon können über 50% keine Gebärdensprache.

Im Artikel heißt es unter anderem:
"Wallasch: Nein, es gibt genauso Dialekte und unterschiedliche Sprachen je nach Land. Es gibt viele Variationen in der Sprache. Als Beispiel: Die Geste für Bonn hat sich über die vergangenen Jahre oft verändert. Es war mal eine Faust, dann eine Ministerschärpe, jetzt sind es zwei Finger am Auge. Auch Fachbegriffe sind schwer zu verstehen. Viele Gehörlose können zum Beispiel den Dolmetschern im Fernsehen nicht gut folgen, weil sie zu schnell gebärden oder Fachbegriffe verwenden."

Entschuldigung, aber die Aussage von Frau Wallasch, dass Fachbegriffe in der Gebärdensprache schwer zu verstehen sind und viele Gehörlose den Gebärdensprachdolmetschern in Fernsehen nicht folgen können, weil sie zu schnell oder zuviele Fachbegriffe verwenden, ist wirklich hausgemachter Quatsch! Mit dieser Aussage schadet sie der Barrierefreiheit für Gehörlose im Fernsehen massiv.

Frau Wallasch gehört einer älteren Generation an, für die es schwer sein mag, sich auf neue Gebärden einzustellen, weil die Gebärdensprache erstens nicht deren Muttersprache ist, aber für uns Gehörlose, ist es überhaupt kein Problem sich im Gespräch auf Dialekte in der Gebärdensprache oder Fachbegriffe zu verwenden. Neue und andere Gebärden saugen wir ganz schnell auf und wenden sie auch woanders wieder an.

Gebärdensprache ist eine lebendige Sprache, sie ist nicht starr und für alle Zeiten komplett festgeschrieben, von daher verstehe ich die Meckerei von Frau Wallasch nicht, wenn sie jammert, dass sich die Namensgebärde für Bonn sich ständig verändert. Gerade der Umstand, dass sich die Namensgebärde für Bonn sich im Laufe der Zeit ständig verändert hat: eine Faust, dann eine Ministerschärpe, dann zwei Finger am Auge, zeigt doch, dass sich der Blick auf die Stadt Bonn auch durch ihre politische Veränderung verändert hat. Und die Gebärdensprache bildet eben das AUCH ab!

Und ich finde überhaupt nicht, dass die Gebärdensprachdolmetscher im Fernsehen zu schnell gebärden oder zuviele Fachbegriffe verwenden - das sind alles ausgebildete Gebärdensprachdolmetscher, die sind für solche Situationen trainiert. Und bei den Nachrichten werden haben die Sprecher ja auch gelernt ein moderates Sprachtempo zu wahren, weshalb die Sprecher und die Gebärdensprachdolmetscher dort ja quasi Hand in Hand arbeiten. Übrigens: Bei Phoenix wird immer mal wieder ein tauber/gehörloser Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt, also Übersetzungen von einem Gehörlosen Muttersprachler in Gebärdensprache angeboten. Und auch er verwendet genauso oft Fachbegriffe wie die (hörenden) Gebärdensprachdolmetscher.

Aber am allerschlimmsten finde ich die Sache, wie Frau Wallasch das "Gehörlosendeutsch" erklärt. Abwertender kann man nun wirklich nicht über Gebärdensprache sprechen, wenn man sie erklärt.
Es stimmt, dass die Syntax der Gebärdensprache sich erst mal vereinfacht anhört, wenn man sie auf das Schriftdeutsch überträgt, aber die Gebärdensprache ist eine vollwertige und anerkannte Sprache, deren Wortschatz gleichwertig ist mit der Lautsprache. Man kann alles mit der Gebärdensprache sagen und ausdrücken, manchmal sogar noch mehr als in der Lautsprache mit einer Gebärde. Und es ist wirklich eine Frechheit hier die falsche Behauptung aufzustellen, dass alle Gehörlose einen kleineren Wortschatz haben. DAS trifft bei weitem nicht auf alle Gehörlose zu, was sie anhand des Blogs hier deutlich feststellen können.

Und sie hat etwas ganz wichtiges NICHT begriffen: Nicht die Syntax der Gebärdensprache ist schuld, dass der Wortschatz und somit auch die Bildung von Gehörlosen niedriger sind als von Hörenden bzw. Nichtbehinderten. Nicht die Gebärdensprache ist hier der Sündenbock, sondern der Umstand, dass die Gebärdensprache als Unterrichtssprache und als Umgangssprache unter Gehörlosen an Schulen bis 2010 offiziell verboten war.

Dieses Verbot der Gebärdensprache als Folge des Mailänder Kongress von 1880 hat die Bildung der Gehörlose bis heute zurückgeworfen, da es auch ein Berufsverbot war für die gehörlosen Lehrer zu dieser Zeit war. Erst jetzt studieren immer mehr Gehörlose auch auf das Lehramt, um die Bildung für Gehörlose durch Unterricht in Gebärdensprache zu verbessern. An 3 von 5 Universitäten für Gehörlosenpädagogik gibt es bis heute keine verpflichtende Vorschrift, dass man Gebärdensprache können muss, um Gehörlose zu unterrichten. Ein Unding!

Der Umstand, dass Gehörlose in ihrer Schulzeit mehrheitlich dazu gezwungen sind von den Lippen abzulesen, was sehr anstrengend ist, wenn man das über mehrere Stunden machen muss - das IST der Hauptgrund Nummer eins für die niedrige Bildung und kleineren Wortschatz der Gehörlosen. Dazu kommt natürlich auch, dass die meisten Medien nicht 100% barrierefrei sind, wozu ja auch das Fernsehen immer noch zählt.

Nochmal zurück zum Artikel: Frau Wallasch ist Mutter eines gehörlosen Sohns. Das Interview mit ihr hätte man ruhig führen können, aber dann bitte nur darüber, wie sie als Mutter damit umgegangen ist, dass ihr Sohn gehörlos ist und dass sich eben auch ihr Engagement für Gehörlose ableitet. Aber alles andere: Gebärdensprache und Gehörlosenkultur, Notruf und alles - das betrifft uns Gehörlose selbst. Wir sind hier die Betroffene. Sprecht mit uns über uns!

Warum hat der General Anzeiger in Bonn nicht einfach mit einer gehörlosen Person selbst das Interview geführt, wenn man etwas über Gebärdensprache und Gehörlosenkultur erfahren will?

Ich tippe mal ganz stark auf Bequemlichkeit. Schade. Große Chance verschenkt für einen authentischen Artikel, lieber General-Anzeiger Bonn.