Donnerstag, 21. Mai 2009

Furchtbarer Artikel in der Zeit - meine Meinung dazu!

Es gibt gute journalistische Artikel über Behinderungen, wo man dem Autor anmerkt, dass er sich wirklich mit der Materie befasst hat und solche, wo man merkt, dass der Autor sich höchst zweifelhaften Quellen erschlossen hat.

Ein solches Beispiel ist der aktuelle Artikel in der ZEIT - ausgerechnet in der ZEIT, die vor einigen Jahren eine Strecke mit den aktuellen Gebärdennamen für die Politiker herausgegeben hat, die großen Anklang gefunden hat.

Hier der LINK zum ZEIT-ARTIKEL!

Was am aktuellen Artikel der Zeit furchtbar ist? Viele Fakten stimmen erst mal gar nicht und Blindheit und Gehörlosigkeit kann man nicht miteinander vergleichen, denn die Vorteile der jeweiligen Behinderung wiegen die Nachteile der anderen Behinderung nicht unbedingt auf in diesem speziellen Fall Gehörlosigkeit vs. Blindheit.

Es fängt schon auf der ersten Seite an, als behauptet wird, dass es nichts bringen wird, wenn die Blinde zum Gehörlosen "Hallo" sagen würde - der Gehörlose ist NICHT blind, er wird es sehen, falls er nicht zufällig mit dem Rücken zur der Blinden stehen würde.
Und die Blinde würde es merken, wenn der Gehörlose vor ihr stehen würde und ihr winken würde durch den Luftzug, außerdem durch den Körpergeruch.

Wenn ein Sinn fehlt, dann schärfen sich die anderen Sinne.

Aber der Hammer ist die Dolmetscherin Rita Springe: Die Dolmetscherin ist keine richtige Dolmetscherin, sie ist lediglich eine CODA. CODA? Children Of Deaf Adults, also das hörende Kind gehörloser Eltern. CODAS haben in den überwiegenden Fällen die Gebärdensprache als Muttersprache, jedoch empfinden nicht alle so. Und CODAS sind keine ausgebildeten Dolmetscher, obwohl viele Codas bei offiziellen Behördengänge für ihre Eltern als Dolmetscher einspringen von Kindesbeinen an. Warum? Ein Dolmetscher ist manchmal nicht so auf die Schnelle zu beschaffen. Manche CODAS sagen dadurch, dass sie so zu schnell erwachsen geworden sind.

Für mich ist es so, dass ich dank meiner guten Kommmunikationsfähigkeiten keinen Dolmetscher beim Arzt, Bank oder sonst was brauche, was ich als sehr befriedigend empfinde, da es auch Unabhängigkeit und eine gewisse Flexibilität bedeutet.

Die Frage der Blinden Katarina Wuttke, wie denn Gebärdensprache aussehe und ob sie nicht mit Händen gesprochen wird und ob man damit alles sagen könne, wird von der "Dolmetscherin" beantwortet, dass man vieles sagen könne, wenn auch nicht soviel wie die Sprechenden.

Aha. Welcher Eindruck wird hier dem Leser des Artikels schon nach den ersten Zeilen suggestiert? Gebärdensprache sei keine vollwertige Sprache.

Außerdem dolmetscht die "Dolmetscherin" nicht komplett für den Gehörlosen mit wie sich das eigentlich für eine Dolmetscherin gehört. Wäre eine kompetente vollausgebildete Dolmetscherin am Tisch gesessen und hätte alles 1:1 mitübersetzt, dann wäre der Gehörlose nicht so negativ rübergekommen und Mario Torster hätte keine Zeitverzögerung erlebt im Gespräch. Das Zeitmagazin hätte die Zeitverzögerung auch nicht als eine solche empfunden.

Und Dvds haben fast immer Untertitel? Das ist auch eine Desinformation. Deutsche Untertitel fehlen häufig auf DVDS und deutsche Filmproduktionen vergessen in schönster Regelmässigkeit deutsche Untertitel auf der DVD anzubieten, was übrigens eine Schande ist, da diese Produktionen von den Filmförderungsgesellschaften unterstützt werden. Meiner Meinung nach sollte es eine Klausel geben, dass wenn eine Filmproduktion aus Deutschland geldtechnisch unterstützt wird, die DVD dann barrierefrei angeboten werden! Außerdem wird gar nicht berichtet, dass für Gehörlose höchstens etwa 3% des gesamten Fernsehangebot in Deutschland untertitelt wird. Es wird versucht zu informieren, aber gleichberechtigt informiert sind Gehörlose nicht in der Fernsehlandschaft. Dadurch lässt sich auch eine gewisse Politikverdrossenheit des Mario Torster erklären. Aber es sind NICHT ALLE Gehörlose so. Er ist nur einer von vielen.

Und die Blinden haben mit anderen Barrerien kämpfen als Gehörlose, was aber den Blinden nicht so sehr beeinträchtigt wie den Gehörlosen. Versteht man Sprache, hat man den "normalen" Zugang zur Sprache, dann hat man einen Bildungsvorteil. Aber es gibt auch Gehörlose, die GERNE LESEN und GERNE mit den Wörtern spielen, die die Erotik der Wörter lieben und sich durch Bücher wälzen und politische Diskussionen führen.

Aber es stimmt und es lässt sich nicht wegdiskutieren: Gehörlose haben es im Arbeitsleben schwer - viele Firmen sind gar nicht offen für die Einstellung eines Gehörlosen. Da hat es der Blinde einfacher - er kann ja "noch" telefonieren. Und es wird behauptet, dass Gehörlose die klassischen Berufe erlernen wie Schneider, Mechatroniker, Zahntechniker und Schreiner erlernen, was einem Teil stimmt. Aber kein Wort davon, dass Gehörlose Abitur machen, studieren und es sogar gehörlose Ärzte, Juristen, Ingenieure usw. gibt - das ist eine unnötige Verzerrung der tatsächlichen Realität!

Was ich übrigens am Interview durch die "Dolmetscherin" immer wieder bemängeln muss: Mario Torster sitzt daneben und MUSS warten, bis die "Dolmetscherin" etwas übersetzt. So kommt ein völlig falscher Eindruck daneben. Außerdem versucht der Journalist nicht selbst aktiv in Kommunikation zu treten mit Torster - er stellt ihm die Fragen nicht selbst..

Fazit: Hätte man deutlich besser machen können, sehr viel besser. Schon alleine die Auswahl des "Dolmetschers" war ein RiesenFauxPax - wollte man hier Kosten sparen? Ein vollausgebildeter Dolmetscher sorgt dafür, dass die Gesprächspartner MITEINANDER sprechen und nicht ÜBEREINANDER!
Außerdem hätte der Journalist, wenn er gründlich recheriert hätte, herausgefunden, dass es den "typischen" Gehörlosen gar nicht gibt, bzw. er nicht mehr überwiegend auftritt wie früher noch.

Ich würde mich gerne mal mit dem Journalisten Henning Suessebach unterhalten, damit er einfach mal über den Tellerrand blicken kann, denn es ist einfacher sich vorzustellen, nicht sehen zu können als taub zu sein - die Geräuschkulisse dominiert sehr.

Die Umfrage auf Twitter hat ja auch ergeben, dass die Mehrheit sich für ein Leben in Blindheit entscheiden würde, weil sie dann nicht so desinformiert wären durch die Bank hindurch.

Ich für mich selbst, würde trotz aller sich manchmal auftürmenden Schwierigkeiten im Leben durch den "Umstand" gehörlos zu sein, dafür entscheiden, stünde ich vor dieser Wahl: "Taub oder blind zu sein."

Kommentare:

  1. Für eine Nichthörenden ist dieser Artikel vielleicht verbesserunsgwürdig- für einen Hörenden gab es aber schon so ein paar Aha-Erlebnisse! Das nicht alle so sind wie Hr. Torster dürfte den meisten Lesern der Zeit klar sein- und ich hatte durchaus den Eindruck, das es Hr. Suessebach auch klar ist, aber er nunmal auf seinen Gesprächspartner eingegangen ist.

    Es sind letztendlich auch die persönlichen Erfahrungen von Hr. Torster und Fr. Wuttke, die wir hier lesen konnten. Es gibt sicherlich Blinde, die Frau Wuttke widersprechen würden. Nur- es gibt eben nicht den typischen Blinden und nicht den typischen Tauben. Sonst hätte man ein fiktives Interview führen müssen, wenn man dieses Interview als rein aufklärerischen Bericht haben wollte.

    Grüße
    Heiko

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  2. .. so langsam bekomme ich herraus wie sich deine bloglänge mit deiner stimmung ändert ..

    .. dass dieser blog ein wenig länger geworden ist kann ich durchaus nachvollziehen .. sowohl die aufregung über die "dolmetscherin" die keine ist, weil sie nicht in der lage ist simultan zu arbeiten und somit maximal als sprachmittlerin fungiert ..

    so werden schon zu beginn des artikels alle klischees des "behindertseins" ausgepackt und so herübergebracht, dass dem leser vermittelt wird, hier sitzen wirklich zwei behinderte mensche gegenüber .. nur unzureichend kommen die "ersatzsinne" zur sprache, die blinde könnte sehr wohl feststellen, wie angela merkl aussieht, wenn sie die möglichkeit des ertastens hätte .. die aussage über schröder zeigt aber welchen spürsinn sie durch den sehverlust im gehör hat .. und wenn man nur ein paar grundregeln der kommunikation eingehalten hätte, dann wäre auch die sprachmittlerin überflüssig gewesen ..

    .. was mich aber besonder stört ist die Tatsache, dass sowohl blinde wie auch gehörlose als so behindert dargestellt werden als wären sie nicht doch in der lage ihr leben zu leben ..

    .. dem blinden blebt nicht nr die arbeit am computer und dem gehörlosen nicht nur der putzjob .. ganz im gegenteil .. nur die gesellschaftliche meinung über diese personen wird in die richtung der behinderung gedrückt .. und leider sehen darinviel zu viele das gleichnis behindeung gleich dumm ..

    .. fazit: schlecht vorab recherchierter artikel, schlecht vorbereitetes und durchgefürtes interview .. wo war da die redaktion der zeit

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  3. Vielen Dank für diese spannende und erhellende Antwort. CODAS z.B. kannte ich noch gar nicht.
    Schließe mich allerdings auch Heiko an: Ich finde, das kommt schon alles sehr persönlich rüber. Würde nicht auf die Idee kommen, dass das hier für alle Gehörlosen gelten sollte. Die journalistisch bessere Lösung wäre wohl ein Kasten mit Erläuterungen daneben gewesen.

    Was das Ganze für mich so spannend macht ist, dass man einen Eindruck bekommt, wie die Welten dieser Menschen sind. Wie unterschiedlich sie nicht nur von der Welt der Hörenden/Sehenden sind, in der sie aber dennoch leben, sondern auch voneinander.

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  4. Ich finde es sehr gut, dass du hier ein paar Fakten mal richtig stellst. Es ist wirklich unfassbar, wie unprofessionell dieses Interview abgelaufen ist. Nicht einfach nur schade, sondern ein Skandal - gerade bei solch einem sensiblen Thema!

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  5. Was "die Zeit" angeht: Spätestens seit diesem ""gut recherchierten und faktenreichen"" Artikel über die Wikipedianer war mir klar, dass man auf dieses Blatt nicht mehr viel zu geben braucht: http://pdf.zeit.de/2009/19/CH-Wikipedia.pdf

    Ach ja: Dein Blog liest sich noch immer wahnsinnig gut. Schön auch, wie du uns Unwissende langsam an die Fachterminologien heranführst.

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  6. hallo zusammen -
    dazu auch bitte
    http://wiki.piratenpartei.de/Barrierefreiheit
    und
    http://www.gehoerlose.de/viewtopic.php?f=7&t=3348&p=32034#p32034

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