Dienstag, 11. August 2009

Untertitelquote im deutschen Fernsehen und die damit verbundene Ausgrenzung

Vor gut 10 Jahren lag die Untertitelquote im deutschen Fernsehen bei 0,3% des gesamten Fernsehens, denn damals baten lediglich nur ARD, ZDF und die Dritten Untertitel an, die privaten Sender überhaupt nicht.

2006 steigerte sich die Untertitelquote auf 5%, denn inzwischen stiegen Pro7, Kabel1 auf den Zug auf und zeigen bis heute in schöner Regelmässigkeit Filme mit Untertitel im Fernsehen und ARD&ZDF bauten ihr Untertitelprogramm aus.

Was ist eigentlich der Unterschied zum Untertitelprogramm von den Öffentlichen und den Privaten? Ganz einfach: Die Privaten zeigen meistens NUR Filme mit Untertiteln - dies meistens am Wochenende, die Öffentlichen untertiteln Filme, Nachrichtensendungen, Reportagen, Dokumentationen...

Heute ist die Untertitelquote im deutschen Fernsehen bei 10,6 % - dies ist der Stand von April 2009.

Deutschland ist ein Entwicklungsland in Sachen Untertitel - dies wird nicht nur deutlich an der niedrigen Untertitelquote, sondern auch an der Qualität der Untertitel. Stark vereinfacht, teilweise stark gekürzt und völlig am Gesprochenen vorbei, dh. Lippenbewegungen stimmen nicht 1:1 mit dem Untertitelten überein. Außerdem klaffen oft zeitliche Lücken zwischen Gesagtem und den Untertiteln. Und ganz oft wird untertitelt: "Dieser Beitrag wurde während der laufenden Sendung eingespielt und konnte daher nicht untertitelt werden. Wir bitten um ihr Verständnis."

Fragt man die Fernsehanstalten nach dem Grund danach, wird einem gesagt, dass 1:1 Untertitel erstens technisch nicht machbar seien und zweitens würde dann der Betroffene den Untertiteln nicht mehr folgen können.

Das stimmt nicht - 1:1 Untertitel sind machbar, die Fernsehanstalten hierzulande sind nur zu bequem dafür. Das ZDF gibt übrigens lieber mal 1 Million aus für Werbung, welche für ihr neues Nachrichtenstudio werben soll.

Gehörlose/Schwerhörige Menschen sind von Natur aus "visuelle" Menschen, simpler ausgedrückt: "Augenmenschen", d.h. das Auge ist geübter im Aufnehmen von Informationen. Auf einer DVD sind die Untertitel ja auch 1:1 - wo ist also das Problem? Die Aufnahme von 1:1 - Untertiteln ist also lediglich Gewöhnungssache und kein Problem für uns.

Was übrigens ein Hohn ist: Zur Zeit zeigt das ZDF donnerstags "Kommmissar Rex" mit Untertiteln. Ganz am Anfang steht: "Die Untertitel wurden von ORF produziert - die Untertitelfarben der Hauptpersonen können sich daher von den gewohnten Untertitelfarben für die Hauptpersonen unterscheiden."
OH! Bei Kommissar REX klappt die Zusammenarbeit mit den anderen Sendern auf einmal, aber das ZDF kann nicht mit dem Schweizer Fernsehen zusammenarbeiten wegen der Untertitel? Zur Erinnerung: Das Schweizer Fernsehen kriegt es fertig, "Wetten, dass...." zu untertiteln. Live.
Im Gegensatz zu dem ZDF - erst die Wiederholung der Sendung untertiteln sie. Dazu habe ich schon mal gebloggt: "Wetten, dass... mit Live-Untertiteln im Fernsehen!"

Es wäre wünschenswert, wenn Fernsehuntertiteln die gleiche Qualität hätten wie DVD-Untertitel.

Viele Länder wie die USA, Kanada, England und viele andere haben bereits 100% Untertitel in ihrem Programm eingeführt. In so einem kleinen Land wie Kroatien sah ich übrigens in einer Bar das Programm ganz selbstverständlich mit kroatischen Untertiteln laufen..

Im Übrigen können Konzerne in den USA Untertitel fürs Fernsehen oder Kino finanzieren, indem sie die Untertitel bezahlen und dafür in den Werbepausen Werbung zeigen dürfen. Eine sehr gelungene Regelung, wie ich finde.

Und jetzt gibt es eine Aktion - wir Gehörlosen schauen uns diese Desuntertitelung in der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr länger tatenlos an:

Aktion Untertitel-100% Untertitel

Jeder kann dort mitmachen - auch Hörende. Je mehr Stimmen, desto besser. Die Untertitel kann man als Rampe verstehen, die nicht nur von Müttern mit Kinderwagen genützt werden, sondern auch für Rollstuhlfahrer.

Untertitel laufen in den USA ganz selbstverständlich in Bars, Kneipen, Lokalen, Fitnesstudios auf den Bildschirmen und meistens ohne Fernsehton - warum? Erstens: Wenn man alle gleichzeitig Fernseher mit Ton laufen und gleichzeitig Musik laufen lassen würde, würd man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Also sind die Fernseher stumm, dafür läuft die Musik und eine Unterhaltung ist trotzdem drinnen.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich einige meiner Leser sich dort anmelden würden - jede Stimme zählt!

Kommentare:

  1. Oh, das ist interessant. Als Hörende habe ich mir darüber nie zuvor Gedanken gemacht.

    Ich finde es prima, dass ich durch dich einen Einblick in deine stille Welt bekomme und dass du mich daran teilhaben lässt. Wie wichtig das Hören ist, wird mir jetzt gerade wieder neu bewusst.
    Ich wünsche mir, dass du mich/uns noch auf viele Dinge aufmerksam machst, an die man sonst nie denkt.
    Liebe Grüße, Svenja

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  2. Ich weiß, ich mache mich jetzt unbeliebt, aber ich will trotzdem mal ein paar Anmerkungen machen:

    1. Die Aktion kommt viel zu spät. Die Rundfunkgesetzte sind in den vergangenen Jahren umfassend geändert worden. Da hätte das angebracht werden müssen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, fällt mir dazu ein.

    2. Die Seite wirkt nicht seriös. Ich möchte nicht irgendwo "Mitglied" werden, bin aber gerne bereit, irgendwo abzustimmen, zu unterschreiben etc.

    3. Bislang wurden 564 Leute Mitglied. Das finde ich, gelinde gesagt, peinlich. Hier in UK gibt es gerade eine Aktion zur Disability Living Allowance. Die hatten nach 3 Stunden schon 5000 Unterstützer. Von den angepeilten 500 000 ist man noch Lichtjahre entfernt, was sicherlich auch am Anmeldeprozess liegt.

    4. Politischen Druck muss man durch prominente Unterstützer und durch Unterstützung von Vereinen aufbauen. Wo ist der Gehörlosenbund? Wo der deutsche Behindertenrat?

    Sorry Leute, so wird das nix.

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