Samstag, 19. September 2009

Die moderne Medizin kann vieles, aber nicht alles!

Einem gehörlosen oder schwerhörigen Menschen sieht man seine Behinderung nicht an, einem sehbehinderten Menschen schon.

Eine leichte Sehbehinderung kann durch eine Brille ganz gut ausgeglichen werden und ist auch gesellschaftlich gesehen sogar ein schickes Accessoire geworden.

Bis heute dachte ich, es sei leichter eine Taubheit zu "reparieren" mittels einem Cochlear Implantat, natürlich kommt es auf dem Menschen und sein Umfeld an, wie gut die Reperatur gelingt, als eine Blindheit zu reparieren.

Ich habe mich wohl geirrt - die moderne Medizin hat einer Blinden durch das Einsetzen eines Zahnes mit einer künstlichen Linse in ihr Auge tatsächlich ihr Augenlicht wieder herstellen können! Es wird berichtet, dass die Blinde nach 9 Jahren Blindheit wieder so gut sieht, dass sie sogar lesen kann.

Blinde kann dank Zahn im Auge wieder sehen

Der Anblick des getunten Auge ist für mich etwas gewöhnungsbedürftig, geht wohl nicht nur mir so, aber warum hat man eigentlich keinen künstlichen Augapfel nehmen können? Vielleicht weil der Zahn nicht abgestoßen werden kann?

Die Frau wird jetzt immer sehend sein, aber jemand der sich ein Cochlear Implantat verpassen lässt, wird immer taub oder schwerhörig bleiben. Die Fähigkeit zum Hören ist also viel größeres Wunderwerk - bis heute hat man die Hörfähigkeit nicht naturgetreu widerherstellen können.

Klar, ein Ertaubter wird in den meisten Fällen sagen, dass sich das Hören mit dem Cochlear Implantat sich wie früher anhört, aber doch nur, weil das Gehirn die Hörinformationen bereits abgespeichert hat und diese Erinnerung wieder anzapft - nicht das Implantat sorgt für das Gehör - sondern das Gehirn!

Ein Ertaubter kann also wohl nicht sagen, ob das Implantat WIRKLICH naturgetreu arbeitet.

Mich freut es für die Frau, dass sie wieder lesen kann und Sonnenaufgänge wieder betrachten kann.

Aber was das Cochlear Implantat und die Arroganz der modernen Medizin in der Gehörlosenkultur angerichtet hat, kann man nur schwer beschreiben.

Die Gehörlosenwelt ist eine eigene Kultur mit einer eigenen Sprache - keine andere Behinderung hat eine eigene Sprache hervorgebracht. Und keine andere Behinderung ist eigentlich so unproblematisch wie die Schwerhörigkeit/Gehörlosigkeit, denn wir sind gesund. Wir können halt alles, außer Hören.

Die Gehörlosigkeit/Taubheit wird aber von der Gesellschaft zu einem Makel gemacht, den es auzumerzen gilt mit Hilfe des Cochlear Implantats.

Ich kenne Fälle von gehörlosen und hörenden Eltern, denen man nahegelegt hat, sie sollten ihre gehörlosen Kinder implantieren lassen - sogar mit Androhung des Sorgerechtverlustes!

2006 war ich für eine Woche an der MHH Hannover untergebracht, weil ich eine etwas problematische Mittelohrenentzündung hatte, die einfach nicht verschwinden wollte und traf dort auf einen kleinen gehörlosen Jungen im Alter von 2 Jahren.

Der Kleine war wirklich sehr süß und echt witzig - ich fand heraus, dass er und sein Zwillingsbruder im Kinderheim leben. Beide hatten einen etwas schwierigen Start ins Leben, wurden zu früh geboren, daher resultiert auch die Gehörlosigkeit des einen Zwilings und seine anfänglichen Motorikprobleme, sein Bruder hat aber sonst keinen bleibenden Schaden abbekommen.
Der Junge war zur Vorsorgeuntersuchung auf ein Cochlear Implantat dort - die Betreuerin vom Jugendamt meinte, dass er dann bessere Chancen hätte auf eine Vermittlung in eine Pflegefamilie oder auf eine Adoption. Das Problem wäre, dass die Mutter eine Adoption der beiden bis heute nicht zugestimmt hätte und sie daher lediglich in eine Pflegefamilie kommen würden.

Aber welche Pflegefamilie würde schon einen gehörlosen Jungen wollen? Das war die Einstellung der Betreuerin, was mich traurig und wütend werden liess.

Der Kleine wurde für geeignet befunden und ist wohl implantiert worden. Heute frage ich mich immer noch manchmal, was aus dem Kleinen geworden ist. Haben sich seine Chancen tatsächlich verbessert in dem man ihn der Gesellschaft angepasst hat?

Ich wünsche es ihm so so sehr.

Warum kann die Gesellschaft nicht sagen, dass Behinderungen keine Behinderungen sind, sondern eine Gelegenheit sind, die eigene körperliche Unversehrtheit zu schätzen und die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen selbstverständlich werden zu lassen?

Versteht mich nicht falsch, ich finde es nach wie vor nicht schlecht, was die moderne Medizin alles kann, aber es muss auch eine Anpassung andersherum stattfinden!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Falls es nicht klappt zu kommentieren, kann man mir eine E-mail unter der Mailadresse im Blog hinterlassen - derzeit scheint Blogger damit Probleme zu haben. :-( P.S. Beleidigende und unsachliche Kommentare werden nicht freigeschaltet.