Dienstag, 27. Oktober 2009

Von Pontius zu Pilatus pilgern - meine Mission derzeit

Jeder, der sich schon mal durch den Behördendschungel gekämpft hat, wird wissen, wovon ich gerade spreche und wie furchtbar das ist.

Warum ich mir das gerade antue? Dazu muss ich jetzt mal etwas weiter ausholen: Vor gut 3 Wochen sprach man mich an, WAS ich mir denn zum Geburtstag wünschen würde? Ich meinte, dass ich ganz gerne mal nach Berlin fahren würde, denn irgendwie habe ich es bis jetzt einfach nicht geschafft trotz der jahrelangen Anziehungskraft, die die Stadt auf mich hat, ihr einen gebührenden Besuch abzustatten. Mein letzter Besuch liegt vor dem Mauerfall, d.h. ich war damals mit zarten 6 Jahren jeweils in Ost- und Westberlin zu Besuch. Davon ist mir nur die tolle Wohnung der Freundin meiner Mutter, der nette Pantomime und der Grenzüebrgang am Checkpoint Charlie in Erinnerung geblieben. Ich saß da im Auto in meine Lieblingsdecke eingewickelt, die ich übrigens heute immer noch habe und der Grenzbeamte blickte mich durch das Autofenster an. Ich hörte auf der Stelle auf zu nuckeln an meiner Kabaflasche und sah ihn mit großen Augen an, worauf dieser anfing zu lächeln.

Donnerstag, den 15. Oktober segelte meiner Mutter eine Einladung zur einer Politischen Bildungsfahrt der Grünen/Bündnis90 nach Berlin auf den Tisch durch den glücklichen Umstand, dass sie mit der Schwester von ihrem Exfreund befreundet ist, mit dem sie übrigens auch noch befreundet ist und dieser sitzt im Wahlkreis der Grünen. Diese Einladung reichte sie also weiter an mich und meine Anmeldung schickte ich gleich am Freitag, den 16. Oktober ab.

Am Montag, den 19. Oktober konnten wir dank diesem Bekanntheitsgrad in Erfahrung bringen, dass bis Montagmorgen ALLE Plätze belegt waren, aber dann ein Paar abgesagt hat, d.h. es wurden also 2 Plätze frei. Einen davon schnappte ich mir und ich wurde gefragt, ob ich nicht noch jemanden wüsste für den anderen freien Platz.

Habe eine gehörlose Freundin gefragt, ob sie auch mitwill, aber leider hatte sie schon ihre Skiferien gebucht - tja, war also nichts.

Am Dienstag, den 20. Oktober, konnte ich in Erfahrung bringen, dass ich dem Organisator Bescheid geben muss, damit dieser einen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung stellt, was ich auch umgehend tat.

Und ich werde nicht ganz alleine sein auf dieser Reise, denn es kommt jemand mir Bekanntes mit, was mich sehr freut.

Nun am Donnerstag, den 22. Oktober, kriege ich mitgeteilt, dass das Bundespresseamt leider keinen Dolmetscher zur Verfügung stellen kann, was also die logische Folge hat, dass ich kulturelle Eingliederungshilfe für Behinderte beim Sozialamt meiner Stadt beantragen muss zur Übernahme der Dolmetscherkosten.

Bin also Freitag, den 23. Oktober in aller Früh aufs Sozialamt gegangen und habe mir die Antragsunterlagen geholt und zugesagt, dass ich die Unterlagen am Montag dort abgebe.

Habe ich alles auch ganz brav getan am Montagnachmittag, dort sagte man mir: "Wir schicken jetzt die Unterlagen ans Landratsamt." Wie jetzt? Wir hatten bereits 17 h, also erklärte ich mich bereit, die Unterlagen höchstpersönlich da abzugeben.

Heute geh ich also ganz brav aufs Landratsamt und dort, wie sollte es anders sein, sagt man mir: "Wir schicken den Antrag an den Bezirk Schwaben, dh. nach Augsburg.".

Ergebnis: Ich werde mich also morgen in den Zug setzen, gottseidank fahre ich mit dem Schwerbehindertenausweis in den Nahverkehrszügen umsonst und da den Antrag abgeben und um eine schnelle Abwicklung bitten und am Donnerstagnachmittag nochmals nach Augsburg fahren, um das Ergebnis zu erfahren.

Und ich darf nicht vergessen, am Donnerstagnachmittag aufs Rathaus zu laufen, um zu schauen ob mein neuer Personalausweis endlich da ist!

Wenn alles gut geht, habe ich für meine politische Bildungsreise, die am kommenden Sonntag beginnt und am Mittwoch wieder endet, einen Gebärdensprachdolmetscher und einen nagelneuen Personalausweis.

Eine politische Bildungsreise kostet übrigens NICHTS außer einem Unkostenbeitrag von 20 €.

Die Kosten für den Gebärdensprachdolmetscher, den ich für 15 Stunden brauchen werde, belaufen sich auf 825 €, was 55 € pro Stunde macht. Wahrscheinlich kommen da noch mal 2 zusätzliche Dolmetscherstunden dazu, da bei Vorträgen und einer Dolmetschdauer von 2 Stunden 2 Dolmetscher zur gleichen Zeit vor Ort sein müssen.

Ironie der Geschichte ist übrigens: Dank meiner guten kommunikativen Fähigkeiten konnte ich bzw. kann ich von Pontius zu Pilatus pilgern, OHNE einen Dolmetscher auf Behördengängen oder etwa bei Arztbesuchen zu brauchen. Aber diesmal pilgere ich, um einen Dolmetscher zu bekommen.

Andere Gehörlose brauchen übrigens meistens auf Behördengängen oder bei Arztbesuchen einen Dolmetscher, was die Flexibilität ungeheuer einschränkt aus meiner Sicht, denn ich kenne es nicht anders.

Wie gesagt: Drückt mir weiterhin die Daumen, dass es doch noch klappt einem Dolmetscher für mich, ansonsten werde ich mir alles vorab anlesen müssen, damit ich mich orientieren kann, worum es geht!

P.S. Danke für die Kommentare @Christiane&Julia!

Das Problem ist die kurze Vorlaufszeit und beim Bundespresseamt erklärte man mir, dass sie zwar Verträge haben mit Gebärdensprachdolmetscher und diese alle schon für den gewünschten Zeitraum besetzt sind. Gebärdensprachdolmetscher, die nicht bei ihnen unter Vertrag stehen, werden nicht von Ihnen bezahlt.

...darum muss ich das jetzt über die kulturelle Eingliederungshilfe machen, anstatt mich zurückzulehnen.. - aber die Reise werde ich mir nicht vermiesen lassen! :-)

Kommentare:

  1. Wieso stellen denn die Grünen keinen Dolmetscher? Sind die nicht Einladende bzw. der Deutsche Bundestag? Es muss doch für diese Reisen eine Regel geben. Finden doch ständig statt.

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  2. Wenn alle Stricke reißen: An der HU-Berlin gibt es den Studiengang Gebärdensprachdolmetschen. Vielleicht hat eine/r der Fortgeschrittenen Lust, etwas praktische Erfahrung zu sammeln ...
    http://www.reha.hu-berlin.de/dolmet/
    Schöne Reise!

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