Freitag, 18. Dezember 2009

Danke, ich habe es doch schon!

Letzter Abend auf der politischen Bildungsreise:

Gerade haben mein Mr. Berlin und ich meine wunderbare Dolmetscherin verabschiedet und uns herzlich bei ihr bedankt für die schöne Zeit zusammen. Sie hat wirklich wunderbar gedolmetscht!

Das Essen im Amici war superlecker, es gab Penne Bolognese. Kurz bevor das Essen kam, setzte sich eine Mitfahrerin der Reise zu mir und fragte, ob ich ein Cochlear Implantat hätte, sie würde da an der Ulmer Uni einen Professor kennen, der sich damit sehr gut auskennen würde...

Ich hab dann die Frau freundlich darüber aufgeklärt, dass ich das bereits habe. Aber irgendwie hat sie das nicht verstehen wollen und hat gemeint, ich solle mir das dringend mal überlegen, weil doch die Erfolgsaussichten damit so gut wären und die Lebensqualität auch. Das Cochlear Implantat hing übrigens nicht an meinem Ohr, sondern lag in meiner Tasche aus dem einfachen Grund, dass ich mich ganz und gar auf meine Dolmetscherin konzentieren wollte und nicht gestört werden wollte mittels Zwischenfragen an den Vortragenden. Und außerdem wie schon mal an anderer Stelle erwähnt stört es doch sehr beim Knutschen. ;-)

Sie hat sich dann wieder auf ihren Platz gesetzt und ich dachte, damit hätte es sich erledigt gehabt, aber vorsichtshalber packte ich meine CI-Box aus der Tasche aus, worauf mein Mr. Berlin mich anschaute: "Was machst du da?" "Falls sie wieder zurückkommt, kann ich ihr so zeigen, dass ich das CI bereits habe." Er zog eine Augenbraue hoch und meinte: "Ich fand ihr Verhalten unmöglich. Sowas macht man nicht einfach so vor dem Essen und überhaupt sieht man doch, dass es dir gut geht so wie es ist, ne?"

Das Essen wurde auf die Tische gezaubert. Irgendwie war mein Appetit durch den Schnupfen eher gedämpft gewesen die letzten Tage, doch jetzt konnte ich richtig reinhauen, was meinen Mr. Berlin doch sehr verwunderte: "Du hast ja Hunger!!" "Klar - nicht nur auf dich." Wir hauten dann beiderseits mit einem schuldigen Lächeln auf den Lippen ins Essen.

Die Frau, man möge mir verzeihen, dass ich ihren Namen nicht behalten habe, kam wieder zu mir und begann auf mich einzuquatschen. "Danke, ich habe es doch schon. Außerdem bezweifele ich, ob es wirklich gut ist seitens der Medizin alle Hörgeschädigten implantieren zu wollen. Meiner Meinung nach muss ein Anpassen der Gesellschaft an die Behinderten stattfinden als andersherum." Das fand sie nicht so prickelnd, aber die Adresse des Professor am Uniklinikum Ulm gab sie mir trotzdem.

Herr, schmeiss Hirn vom Himmel! Es war nur lieb gemeint, aber lieb gemeint ist oft das Gegenteil von GUT. Ihre Argumentation war in etwa so, dass ich dann nicht mehr auf eine Dolmetscherin angewiesen wäre, etc.

Es ist immer wieder fazinierend, wie einfach sich manche Menschen sich die ganze moderne Medizin vorstellen und denken, die ganzen Erfolgsaussichten vieler CI-Patienten wären beliebig erweiterbar auf alle Patienten. Das ist aber falsch - Erfolg ist individuell einstellbar.

Außerdem profitiert die Gesellschaft deutlich mehr davon, wenn sie sich den Wünschen der Behinderten anpasst als wenn die Behinderten sich komplett an die Gesellschaft anpassen.

Natürlich müssen sich die Behinderten auch der Gesellschaft anpassen, gar keine Frage, dass diese Anpassung keine Einbahnstraße von beiden Seiten sein sollte!

Kommentare:

  1. Tja, lieb und hilfreich sein ist halt wirklich schwerer als sich die meisten Leute das so vorstellen. Aber ich bin da ganz bei Mr Berlin: das Unangenehmste finde ich, dass sie Dir gar nicht zugehört hat. Wer war hier die mit ohne Hören? ;-)

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  2. Hab dich richtig gern!
    Schön, dass es gut gelaufen ist!
    Frohe Weihnachten
    Karin

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    1. "Die Frau, man möge mir verzeihen, dass ich ihren Namen nicht behalten habe, kam wieder zu mir und begann auf mich einzuquatschen."

      Hmm, "einzuquatschen"? Also wenn ich Deinen Blog verfolge, bekomme ich ich immer mehr den Eindruck, dass du eigentlich gar nicht reden willst. Wenn ich einen gehörlosen Menschen treffe, und das passiert ja nicht täglich, fällt diese "Behinderung" natürlich auf und da dies die Kommunikation betrifft, muss ich ja diesen Menschen darauf ansprechen (Kann er hören durch CI? Kann er Lippen lesen? Soll ich langsam sprechen? Du weisst schon.). Davon abgesehen, dass es mich natürlich einfach interessiert. Ja, die Fragen sind wohl immer die gleichen, aber es ist nunmal Interesse. Natürlich gut gemeint, du bist aber von gut gemeint genervt. Behandle ich Menschen mit Behinderung normal, bemerken diese Menschen oft, dass sie absichtlich "normal" behandelt werden oder unterstellen dann wieder, dass man kein Interesse hätte. Was denn nun? Hat diese Frau, dessen Namen du dir nicht gemerkt hast, von "Reparatur" gesprochen? Nein. Hat sie dir durch ihr Verhalten und ihr "Gequatsche" vermittelt, dass sie davon ausgeht, dass du vom CI nichts weisst und sicherlich ja hören willst? Ja, anscheinend. Du hast kein Interesse gehabt mit ihr zu reden, Du hattest an ihr kein Interesse (sonst hättest du dir ihren Namen gemerkt). Und das ist auch völlig in Ordnung. Das hättest du klar sagen müssen, indem du auf ihr Reden nicht reagiert hättest.

      Ich kann ja nur von mir sprechen, aber ich habe überhaupt kein Problem Menschen mit Behinderung völlig normal zu behandeln, weil mich Behinderungen nicht abschrecken oder gar sofort reflexartig Mitleid auslösen. Aber Menschen, die ich treffe, alle, mit denen ich rede, treffen auf Interesse meinerseits sonst würde ich nicht mit ihnen reden. Fragen bedeutet Interesse. Und das ist doch das Hauptproblem überhaupt, in der Vergangenheit war es natürllich noch schlimmer, dass Menschen mit Behinderungen, Kranke einfach in die Ecke gestellt wurden und nicht zu reden hatten. Also?

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  3. @Theresa: Der Blogeintrag ist von Dezember 2009. Und damals wie heute hat sich nichts an meiner Einstellung geändert - ich rederichtig gerne mit Leuten und diskutiere auch gerne mit ihnen.

    Was genau ist dein Problem? Ich habe sie freundlich darüber aufgeklärt, dass ich bereits mit einem Cochlear Implantat versorgt bin. Das aber hat sie nicht richtig zu Kenntnis genommen, sondern mir davon vorgeschwärmt, wie gut die Erfolgsaussichten damit wären und ich damit ganz sicher keinen Gebärdensprachdolmetscher brauchen würde und ich solle mich doch bitte operieren lassen, weil dann meine Lebensqualität höher wäre als jetzt.

    Sieht so deine Vorstellung aus, dass man Behinderte ganz normal behandelt, indem man solche Sachen sagt?

    Ich versteh unter Normalität etwas ganz anderes. Nämlich die Akzeptanz von Behinderten und einer eigenen Meinung.

    Und es gibt einen Unterschied zwischen freundlichem Interesse und distanzloser Neugierde, was einfach nur respektlos ist.

    Also, was ist dein Problem mit mir? Hm?

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    1. Dass der Eintrag von 2009 ist hatte ich nicht gesehen, er wurde heute über Twitter verlinkt, sorry.
      Und ich hatte eigentlich kein Problem mit dir, jetzt schon, nach deiner freundlichen Antwort. Nun gut, mach wie du willst, aber rede dann auch nur von dir und nicht im Namen aller Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten (wie ich übrigens). Die meisten können sich wegen ihrer Behinderung/Krankheit nicht äussern und frei bewegen und wären froh, wenn ihnen Leute zuhören würden. Und was Respekt bedeutet, müssen wohl die meisten Menschen noch lernen...

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    2. Ach, jetzt kapiere ich es endlich: Du hast jetzt ein Problem mit mir, weil ich schrieb: "Also, was ist dein Problem mit mir? Hm?"

      Dein Blogcommentar war auch nicht gerade freundlich mit deinem "Also?"

      Und dieses "Also" resultiert einfach daraus, dass du völlig übersehen hast, dass der Blogeintrag von 2009 ist.

      Auch wenn du selber betroffen bist, kannst du nicht einfach behaupten, dass es okay ist, wenn man einen Behinderten dazu drängt, dass er sich doch bitte operieren lassen soll.

      Das ist nämlich kein Interesse an der Person, sondern eine distanzlose Respektlosigkeit.

      Ich hab kein Problem damit, wenn man mich ausfragt, wie das ist gehörlos zu sein - das erkläre ich auch gerne immer wieder, auch wenn die Fragen irgendwann immer die gleichen sind.

      Der Unterschied ist: Die Frau da hat mich zum Cochlear Implantat bequatscht und es nicht wahrhaben wollen, dass ich wunderbar so klarkomme mit meiner Handhabung und dass ich bereits versorgt bin. Meine Meinung hätte sie einfach respektieren sollen und nicht noch einmal herkommen sollen und vorschwärmen.

      Und ich denke, dass die Menschen mit Behinderung froh wären, wenn die Gesellschaft ihre Wünsche wahrnehmen würde und den Traum einer inklusiven und barrierefreien Gesellschaft schnellstmöglichst auf den Weg bringen würde.

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    3. "kannst du nicht einfach behaupten, dass es okay ist, wenn man einen Behinderten dazu drängt, dass er sich doch bitte operieren lassen soll."

      Sag mal, wo habe ich das denn behauptet?

      Das "Also?" bezog sich auf die Frage: "Menschen mit Behinderung ansprechen, Fragen zu ihrer Behinderung stellen ja oder nein, oder nicht?

      Ich sehe gerade, du hast diesen Eintrag heute selbst verlinkt und sagtest gerade auch noch auf Twitter, dass du meinen Kommentar seltsam findest. Wieder redest du nicht direkt mit einer Person. So wie du eben nicht dieser Frau gegenüber ausgedrückt hast, was du dachtest, sondern erzählst das nun hier in einem Blog. Diese Frau kann sich nun auch nicht einbringen. Diskussion und Kommunikation sieht anders aus. Ach, vergiss es einfach. Es ist natürlich einfacher Öffentlichkeit zu nutzen über Blog, Twitter, auf Konferenzen als Speakerin, dann muss man auf Nachfragen nicht eingehen. Ich bereue schon, hier kommentiert zu haben. Und es tut mir leid für diejenigen Engagierten, die sehr geduldig, respektvoll "gesunde"/"normale" Menschen aufklären. Ja, ich weiß, dass das harte Arbeit ist.

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  4. Hallo? Ich hab im Gespräch mit der Frau mehrmals gesagt, dass ich ein CI habe und umfassend darüber aufgeklärt bin und ihr meine Meinung auch mitgeteilt, d.h. ich habe mich sehr wohl gegenüber ihr ausgedrückt was ich denke. Etwas, was ich dir jetzt schon mehrmals gesagt habe - kommt aber anscheinend nicht bei dir an.

    Übrigens war das Gespräch ganz ohne Dolmetscherin, da meine Dolmetscherin bereits weg war. Und sie hat mich sehr wohl verstanden, sonst hätte mein Sitznachbar sicherlich eingegriffen.

    Diskussion und Kommunikation sieht anders aus? Ja - sicherlich in deinen Augen. Du greifst mich hier an und unterstellst mir, ich würde NICHT mit Leuten über meine Gehörlosigkeit reden und sie nicht aufklären, was aber nicht stimmt.

    Ich war bereits 3 x Speakerin auf Veranstaltungen und habe alle Fragen geduldig beantwortet und erklärt. Und auch auf meinem Blog beantworte ich immer wieder Fragen. Oder auf Twitter.

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    1. Okay, jetzt wird´s zu persönlich und das geht via Internet nicht. Ich wollte einfach nur die Geschichte, also das Gespräch zwischen dir und dieser Frau nachvollziehen können. Ich setze nunmal nicht nach jedem Satz ein ;-) damit man mich ja nicht falch versteht. Ich habe dich nicht angegriffen, aber wenn du dich angegriffen fühlen solltest, bitte ich um Entschuldigung. Ich habe einen Eindruck nun von dir (und ich verfolge deinen Blog/Twitter schon lange, wie gesagt), da du mich aber nicht kennst, ist das natürlich etwas unfair.

      Also, wenn zwei sich nicht verstehen (wollen) wird´s off-topic, daher beenden wir´s lieber. Beste Grüsse Theresa

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  5. Entschuldigung angenommen. Ich hoffe, du hast nun verstanden, was mich am Verhalten der Frau geärgert hat.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Abend! :-)

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  6. Hallo jule,

    finde deinen Blog sehr Interessant und kann auch deinen Eintrag den du 2009 geschrieben hast gut verstehen. Mir geht es manchmal ähnlich bis auf den Unterschied das ich schon immer mit Hörgeräten und seit 2007 links mit einem Cochlear Implantat versorgt bin. Bin auch am überlegen ob ich einen Blog starten soll und dort über meine Erfahrung berichten sollte und auch über alltägliche Dinge die nichts mit meiner Schwerhörigkeit zu tun haben.

    Mach du nur weiter so mit dem Berichten. :)

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    1. leider habe ich bei der Eingabe meiner URL etwas vergessen, hier nun die richtige Adresse. :)

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  7. Es gibt einen Unterschied zwischen Interesse und Neugierde. Das hat sich leider noch nicht bei allen Leuten herumgesprochen. Und es geht hier in erster Linie um Respekt. Wenn ich jemanden mit einer Warze im Gesicht sehe, gehe ich auch nicht hin und kläre ihn darüber auf, dass man das heute operieren kann. Und einen Menschen mit Falten weise ich auch nicht darauf hin, dass es Botox gibt. Das wäre unverschämt und anmaßend.
    Bei behinderten Menschen wird diese Anmaßung aber oft als normal akzeptiert ("wollte ja nur einen Rat geben", "meinte das sicher nicht so", "zeigt ja Interesse"). Warum eigentlich?

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