Sonntag, 6. Dezember 2009

Enormer Arbeitsaufwand - und wo bleibt der Nutzen?

Da hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) für das Vorhaben die UN-Behindertenratskonvention in DGS-Videos (Deutsche Gebärdensprache) zu übersetzen wieder mal die großen Namen der Gehörlosenwelt enagiert. Nett ist übrigens, dass man die Gebärdensprachvideos gleich direkt auf der Startseite zum Anklicken findet!

Unter anderem wirken in den Videos so große Namen wie Thomas Mitterhuber (Spectrum11, München), Helmut Vogel (KUGG-Vorsitzender, Frankfurt) Daniela Gnerlich (Gehörlosenpädagogin, Hamburg) Thomas Zander (1. Vorsitzenden des Gehörlosenverbands Berlin) und Professor Dr. Christian Rathmann (Institut für Deutsche Gebärdensprache, Hamburg) mit.

Hier kann man die Videos anschauen:
Moderierter Überblick der Gebärdensprachvideos
Gebärdensprachvideos zur der UN-Behindertenkonvention

Schöne Sache an sich, aber da habe ich etwas ganz gewaltig zu beanstanden, nämlich der gleiche Punkt wie bei den politischen Gebärdensprachvideos - es wurde NICHT an Untertitel gedacht für Schwerhörige oder für Gehörlose die kaum oder mittelmässige Gebärdensprachkenntnisse haben - achja, da wären ja noch die Spätertaubten, die meistens gar keine Gebärdensprache können und auch die CI-Träger. Besonders ironisch ist, dass die Fremdwörter für Gehörlose wie "Würde" "Beeinträchtigungen" "Un-Behindertenkonvention" eingeblendet werden, was bedeutet, dass sehr wohl die Möglichkeit vorgelegen hätte, die Videos 1:1 zu untertiteln!

Hier sind die Beiträge zu den politischen Gebärdensprachvideos:
Politische Gebärdensprachvideos Teil 1 und Politische Gebärdensprachvideos Teil 2

Entschuldigung, aber das ist Audismus unter Gehörlosen - da sind so große Namen dabei und keiner von ihnen sagt: "Ja, das ist kein Problem, wir übersetzen Ihnen das Gewünschte in unsere Sprache, aber dafür sind die Videos auch mit Untertiteln versehen."?! Ich kann mir das nur so erklären, dass die großen Namen Hardcore-Gehörlose sind und daher schon zufrieden sind, wenn die Videos "wenigstens" in Gebärdensprache vorliegen, weil damit die Abdeckung der meisten Hörgeschädigten erreicht ist und ein beliebtes Argument der Gehörlosenwelt ist oft: "Was, du kannst nicht so gut gebärden? Dann musst du es lernen!"

Besonders von Dr. Rathmann bin ich enttäuscht - noch im Januar 2009 hatte ich das Vergnügen ihn in Ulm auf der KOFO "Audismus" in Action zu erleben und dabei hat er auch betont, dass Audismus nicht nur von Hörenden auf Gehörlosen ausgeübt wird, sondern auch von Gehörlosen auf Gehörlosen und die folgenschweren Auswirkungen dessen auf die Gehörlosenwelt. Er hat genau das bestätigt, was ich schon seit langem festgestellt habe in der Gehörlosenwelt. Und Dr. Rathmann beteiligt sich dann selbst an Audismus?!

Hier argumentiert Dr. Rathmann in einem Video für 100% Untertitel!

Ein Interview mit Dr. Rathmann

Und hier nochmal die Definition von Audismus nachzulesen in Wikipedia!

Ich bin der Meinung, dass sich die Beteiligten an den Videos sich noch mal zusammensetzen sollten und sagen: "Okay, wir fordern zusätzlich Untertitel, damit auch die 100% aller Hörgeschädigten erreicht werden können!"

Ich bin gespannt, wie die Sache noch ausgeht - ich stelle hier noch mal klar: "Ich habe nichts gegen Gebärdensprachvideos, aber wenn dann richtig! Und zwar auch mit Untertiteln!"

Nachtrag um 16:40: Ralph Raule hat sich einem Kommentar zu Wort gemeldet:
"Halllllloooo, hier wird etwas nicht verstanden. Warum soll es Untertitel geben, wenn die Texte doch schon vorliegen? Einfach mal die UN-Konvention in die hand nehmen und lesen. da steht alles. Die Videos in Gebärdensprache geben nur wieder, was schon als Texte vorliegt, nicht anderes, nichts Neues. Warum also Untertitel?!"

Dazu möchte ich folgendes sagen: Die UN-Konvention umfasst 40 Seiten im PDF und es ist sehr umständlich zu lesen, weil man nicht einfach schauen kann, welches Kapitel am interessantesten für einen ist und darauf klicken kann zum Lesen - da ist es meiner Meinung nach besser gemacht mit den Gebärdensprachvideos, die man Kapitel für Kapitel anklicken kann.
Die Un-Kovention liest sich für mich schon ziemlich einfach, aber wie ist es für hörgeschädigte Menschen mit weniger Lesekompetenz? Es ist ja nicht so, dass ein hörgeschädigter Mensch, der wenig Lesekompetenz automatisch gut gebärden kann oder über volle Lesekompetenz verfügt, weil er wenig Gebärdensprachkenntnisse hat. (Es gibt übrigens einen Verein, der sich für "Leichtere Sprache" bei Texten, z.b. Gesetzestexte, einsetzt,
was ich begrüßungswert finde, denn davon profitieren alle, nicht nur die Gehörlosen. Streiten könnte man darüber, ob man dadurch verwöhnt wird, wenn man keine schweren Texte mehr vorgesetzt bekommt. Auf der Homepage des BMAS gibt es keinen Hinweis darüber, ob der Text auf der Seite des BMAS ein Text in leichterer Sprache ist, was sinnvoll wäre in dem Fall, weil es um die Rechte behinderter Menschen im allgemeinen geht!)

Manche Menschen lesen übrigens nicht gerne, dazu gehören auch viele hörgeschädigte Menschen - will man gebärdenschwache Menschen mit wenig Lesekompetenz oder Leselust dazu zwingen sich einen schweren Text reinzuziehen, wenn die Vermittlung ganz einfach über Untertitel passieren könnte?

Ich bin außerdem der Meinung, dass es verwirrend ist für Hörende, wenn sie sehen, dass Gebärdensprachvideos ohne Untertitel auf Seiten der Behörden gezeigt werden, denn dass könnte für sie zum Glaueben führen, dass hörgeschädigte Menschen vor allem eine Einblendung des Gebärdensprachdolmetschers im Fernsehen wünschen, was so aber gar nicht stimmt.

Es muss eine einheitliche Norm her für Gebärdensprachvideos -die Videos müssen zugleich auch über Untertitel verfügen, weil hörgeschädigte Menschen einfach unterschiedliche Bedürfnisse haben!

Außerdem wird durch die zusätzliche Einblendung der Untertitel sichergestellt, dass 100% der Informationen bei allen Hörgeschädigten ankommt!

Ist das nun soweit und verständlich klar, worum es mir geht? Es geht mir um die Einbindung, um die Vermittlung der bereitgestellten Informationen für alle Gruppen der Gehörlosen und nicht mehr und nicht weniger!

Wir sitzen nun mal alle im gleichen Boot, also sollten wir auch gemeinsam rudern, d.h. einheitliche Leitlinien festsetzen, die der Bedürfnissen aller zugute kommen!



Kommentare:

  1. Halllllloooo, hier wird etwas nicht verstanden. Warum soll es Untertitel geben, wenn die Texte doch schon vorliegen? Einfach mal die UN-Konvention in die hand nehmen und lesen. da steht alles. Die Videos in Gebärdensprache geben nur wieder, was schon als Texte vorliegt, nicht anderes, nichts Neues. Warum also Untertitel?

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  2. Noch einmal meine Wenigkeit zu diesem Thema. Wenn es darum geht, eine bessere lesbare Version zu bekommen, dann kann ich auch darauf verweisen, dass die UN-Konvention auch in 'Leichter Sprache' gibt. Die Videos in Gebärdensprache eignen sich m.E. nicht für die Einsetzung zusätzlicher Texte. Es sind zwei dynamische Inhalte, die da ablaufen: Gebärdensprache und UT. Außerdem: Man kann UT nicht steuern, jeder hat eine andere Lesegeschwindigkeit. Filme sind so gesehen kein Medium für Texte. Es geht hier nicht darum, gegen die Belange oder Bedürfnisse anderer Menschen zu agieren. Die Videos in Gebärdensprache haben den Sinn, gehörlosen Menschen, die auf Gebärdensprache angewiesen sind, Informationen zu vermitteln. Dazu gibt es viel zu wenige. Es werden also damit Barrieren beseitigt und nicht neue aufgetan.

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  3. Ich glaube Jule meint in etwa folgendes, und da muss ich ihr zustimmen: Wenn man schon Barrieren abbaut, warum dann nicht direkt alle? Sondern wie hier nur die von GS-kundingen Gehörlosen, jedoch nicht von weniger GS-kompetenten Gl oder von Schwerhörigen ohne GS. Gruß "Eule"

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  4. Deine Argumentation Ralph, kann ich nicht nachvollziehen.
    Wenn du sagst, es braucht keine Untertitel, weil ja ein Text zum nachlesen vorliegt, dann frage ich mich, wozu es Videos in Gebärdensprache brauchte, wenn doch ein Text vorliegt. ;)
    (Oder auch, warum sollen denn nur die, die keine Gebärdensprache können, auf den Text verwiesen werden und nicht alle)
    Deswegen auch meine Meinung: Wenn Video, dann doch bitte für alle und mit Untertitel.

    Viele Grüße
    Maike

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  5. Ich stimme der Jule und Maike zu. Ich kann auch nicht immer die Gebärdensprache verstehen, und freue mich, wenn die GebärdenVideos auch untertitelt werden. Die Untertitel sind einfach soooo wichtig, um auch an die Schriftsprache ranzukommen, was die Gebärdensprache mit den Fremdwörtern nicht rüberbringen kann - es bildet uns alle weiter.

    http://www.aktion-untertitel.de

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  6. Wieder ich...

    Und mit dem Text kann man auch zeitgleich die Gebärden besser nachvollziehen...

    Für Hörende, die Interesse an der Gebärdensprache haben, nützt der vorliegende Text überhaupt nicht, wenn es nicht als UT eingeblendet wird, so dass sie nicht wissen, welches Wort war das für diese Gebärde?

    Daher:
    Untertitel für alle!

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  7. Also ... es sieht wohl so aus, als ob viele nicht wissen, dass eine Vielzahl der Gehörlosen große Schwierigkeiten mit der Schriftsprache haben. Es handelt sich vor allem um die Gehörlosen, die mit der Gebärdensprache (GS) aufgewachsen sind und diese als ihre Muttersprache bezeichnen. Und für die ergo die Lautsprache und damit auch die Schriftsprache eine Fremdsprache darstellt. Wer einmal einen Brief oder eine eMail von einem Gehörlosen bekommen hat, weiß, was ich meine. Für viele GL stellt diese Tatsache ein großes Problem dar und sie reden nicht gerne darüber. Ich spreche übrigens nicht von den wenigen Hardcore-GLs, die lesen und schreiben können. Das sind die Ausnahmen.

    Wenn nun Übersetzungen von Texten in die GS via Film gezeigt werden, dann werden für die vielen GL, die der Schriftsprache nicht mächtig sind, Barrieren weggeräumt. Barrieren, die Schwerhörige so nicht haben und die Texte nachlesen können.

    Es geht hier nicht darum, dass man anhand möglicher UT die GS lernen könnte. Das wäre ein schöner Nebeneffekt, ist aber nicht Sinn der Barrierefreiheit. Und außerdem auch unrealistisch, weil die Grammatik der GS ganz anders ist und man anhand der gezeigten Gebärden und gleichzeitigen Text eben keine Rückschlüsse ziehen kann.

    Weiterhin ist nicht richtig, dass man angeblich mit Gebärden nicht alles nachzeichnen kann. Die GS ist eine vollwertige Sprcahe wie jede andere und damit lassen sich auch abstrakte Inhalte darstellen. Nur weil man etwas nicht kennt, heißt das noch lange nicht, dass es nicht geht. Für GL ist also primär die GS das Kommunikationsmittel.

    Zu guter Letzt: Ich streite nicht darüber, dass multimediale Filme mit Ton und ohne hinterlegten Text auch zwingend UT anbieten müssen. Das ist ein wichtiges Anliegen, vor allem für Ertaubte und Schwerhörige. UT ist aber eben aufgrund der Fremdsprachigkeit und der fremd gesteuerten Geschwindigkeit für nur wenige der GL geeignet.

    Ich hoffe, ich konnte mit meinen Erklärungen etwas mehr Licht ins Dunkle bringen? Ich bin nicht partout gegen UT (im Gegenteil, ich freue mich so sehr, wenn DVDs mit UT gibt. Aber ich bin auch kein typischer GL und habe studiert, kann also die Schriftsprache.). Aber UT sind auch keine Allzweckwaffe oder Allheilmittel. Das gilt besonders für die Gruppe der GL, die GS tagtäglich nutzen. Und die sind auf die Übersetzungen der Gebärdensprach-Filme angewiesen.

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  8. Ich finde es grundsätzlich gut, dass es diese Videos gibt. Aber ich wundere mich doch ein wenig über die vollständige Ablehnung jeglicher, auch wohlwollender Kritik. So als hätten alle anderen alles falsch verstanden.

    Gute Absichten hin oder her, der Punkt, um den es hier m.E. geht, ist dass diese Ansicht

    "Es werden also damit Barrieren beseitigt und nicht neue aufgetan." (Ralph Raule)

    nur dann sinnvoll ist, wenn man Diskriminierung mit Diskriminierung, Klientelpolitik mit Klientelpolitik bekämpft. Das hat schon gewissen Sinn. Besser, visionärer wäre aber gewesen, ein Video zu produzieren, das sich nicht nur an eine Klientel richtet, sondern selbst grundsätzlich so viel Barrierefreiheit wie möglich anstrebt.

    Und mit UT wäre es auch gerade deswegen ein gutes Lehrvideo gewesen, weil dort mit abstrakten Begriffen hantiert wird. Ich finde, das sollte man nicht so abtun. als vernachlässigbaren Nebeneffekt. Denn auch das würde Einladung statt Ausgrenzung signalisieren und würde gewissermaßen eine bessere Gesellschaftsvision signalisieren.

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  9. PS: Dass DGS technisch oder gar grundsätzlich nicht sinnvoll untertitelt werden könne, halte ich übrigens für ein recht unglückliches Argument. Das ähnelt den Abwehrreflexen von Sendeanstalten.

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