Montag, 19. April 2010

Die Folgen des Mailänder Kongresses von 1880

(Ich habe lange überlegt, ob ich den Artikel zu der Schulpolitik an Gehörlosenschulen am Schluss oder am Anfang meines ellenlangen Textes verlinke und nun erscheint es mir am optimalsten, diesen gleich ganz am anfang zu verlinken! Et voilà: http://www.nordkurier.de/index.php?objekt=nk.homepage&id=646353 Der Artikel zu Marion Arndt - die Fremde im eigenen Land findet sich im vorherigen Blogbeitrag: "Mittendrin statt nur dabei"
Ach du Scheiße - eben mußte ich festgestellen, dass der verlinkte Artikel offenbar nur für einen Tag vom Nordkurier online gestellt wird, aber gottseidank habe ich ein fotografisches Gedächtnis und weiß wichtige Passagen aus dem Artikel noch!)


Jetzt ist es mal an der Zeit, etwas tiefer in die problematischen Materie der Gehörlosenwelt zu steigen und es mag für Verwunderung sorgen, aber hoffentlich auch für mehr Verständnis.

Es gibt unter den Gehörlosen bildungstechnisch zwei Gruppen von Gehörlosen. Die eine Gruppe, die mit dem Schriftdeutsch keine nennenswerte Probleme hat, also auf dem gleichen Level diesbezüglich sind wie Hörende und die andere Gruppe aber hat ziemlich große Probleme, fast alles Geschriebene ist für sie Beamtendeutsch und dazu zählen in der Regel ganz normale Texte. Vor dem Beamtendeutsch verzweifelt ja nahezu fast jeder, aber wie kommt es, dass ganz normale Texte ohne Beamtendeutsch für die eine Gruppe der Gehörlosen eine gewaltige Barriere darstellen?

Trotz der hervorstechenden Eigenschaft Augenmenschen zu sein, lesen die meisten Gehörlosen ungern. Jedoch ist es aber so, dass wenn man gerne liest, automatisch zu einem besseren Wortverständnis kommt und somit die Bildung sich einem in einem größeren Maße erschließt.

Das Problem ist, dass die Bildungspolitik für Gehörlose bisher nicht weit genug vorsieht, dass die Kinder gleichzeitig auch in ihrer Muttersprache unterrichtet werden. Denn wie ich schon mal berichtete, sind nur etwa 15% der deutschen Sprache von den Lippen ablesbar, was daran liegt, dass im Deutschen vielfach lautsprachlich ähnliche Wörter existieren, die aber eine unterschiedliche Bedeutung haben.

Kleine Beispiele dafür: "Mutter-Butter", "Fisch-Tisch", "Greifen-Reifen", "Achtzig-hat sich".
Das kann jeder mal vor dem Spiegel ausprobieren und diese Worte aussprechen und dabei die Lippenstellungen sehen - für Ungeübte wird alles am Anfang aussehen wie ein Einheitsbrei, außer man hat eine Detailverliebtheit. ;-)

Mir fiel gerade bei der Erinnerung an den Winter da draußen noch ein Beispiel ein: "Eisberg-Eisbär" Aber mehr zum Thema "Lippenlesen - wie funktioniert es eigentlich" gibt es hier!

Aufgrund dieser Problematik können die hörgeschädigten Kinder sehr oft nicht im normalen "Aufschnappen" zu ihrem Wortschatz kommen wie normalhörende Kinder, sie müssen es sich anlesen! Aber was, wenn in der Schule die Möglichkeit den Kindern genommen wird durch den fehlenden billingualen Unterricht an den Schulen? Da können die Kinder die gängigsten Wörter sich erst gar nicht aneignen und verlieren daduch auch die Lust am Lesen, weil ihnen der Wortschatz dazu fehlt!

Das ist das fatale an der Schulpolitik für Gehörlose - es ist Schulpolitik von 1880. Der berühmt-berüchtigte Mailänder Kongress, wo beschlossen wurde, dass die Gebärdensprache verboten wird als Unterrichtssprache an Schulen. Dieses Verbot hat die Bildung der Gehörlosen wertvolle Jahre bis heute zurückgeworfen, denn es war auch gleichzeitig ein Berufsverbot für die damals unterrichtenden gehörlosen Lehrer.

Im Speisesaal meines Internats gab es mal eine Deutsch-Fördergruppe für solche Gehörlose, die Aufgabe war einen Text zu lesen und Fragen dazu zu beantworten. Eine Gehörlose hatte so eklatante Probleme mit dem Text, dass sie mich ganz hilflos ansah und gebärdete: "Was bedeutet das Wort hier: (buchstabiert im Fingeralphabet) heiraten"?
Es gelang mir ganz gut meine Fassung zu bewahren, denn es handelte sich um eine Jugendliche von etwa 16 Jahren und gebärdete ihr zurück: "Du kennst doch die Gebärde "heiraten", oder? Das bedeutet das Wort." Sie kannte die Gebärde dafür, weil sie es eben gelernt hat durch Aufschnappen, aber sie hatte nie gelernt, wie das WORT geschrieben aussieht. Jetzt brach der Damm und viele überfielen mich mit Fragen, was die jeweiligen Wörter bedeuten würden. Es waren in der Regel ganz einfache alltägliche Worte wie z.b. "Ankündigung", "erhalten", "Rabatt", "abgeben" - also solche Wörter, die einem tagtäglich in den Medien begegnen.

Im Artikel über Marion Arndt war ein Artikel über die Güstrower Landessschule für Gehörlose, die Direktorin der Schule wurde befragt, ob in Gebärdensprache unterrichtet wird. Die Antwort war sehr bezeichnend und dem Verfasser des Artikels gebührt Lob, dass er diesen Widerspruch erfasst hat: "Bei uns wird nicht in Gebärdensprache unterrichtet.." an dieser Stelle hat sich die Direktorin selbst verbessert und fügte hinzu, dass es derzeit 3 Schüler gibt, die in Gebärdensprache unterrichtet werden. Im Einzelunterricht vielleicht, um das oberste Ziel der Schule nicht zu stören: Die legen höchsten Wert darauf, dass die Kinder ablesen können und sich verständigen können. Das ist ja an sich nichts falsches, aber warum legt man dann weniger Wert auf die Bildung der Kinder?

Marion Arndt sagte selbst, dass das Unterrichtsniveau in Güstrow niedriger und einfacher war, aber an der Berufsschule war es für sie "Feierabend", weil sie einfach nicht mit dem Niveau mithalten konnte.

So sieht es aus. Das ist die praktisch-brutale Wirklichkeit an vielen Schulen für Gehörlose - langsam mehrt sich die Einsicht, dass bilingual unterrichtet werden sollte, aber bis heute ist die Gebärdensprache kein fester Bestandteil in der Lehrer-Ausbildung für Gehörlose.


Und jetzt ist dieses Jahr die internationale Konferenz zur Bildung und Erziehung Gehörloser (ICED) in Vancouver, Kanada. Die Gehörlosen Kanadas trugen dem Veranstaltungskomiteee des ICED ihren Wunsch vor, man möge auf der Veranstaltung offiziell anerkennen, dass der Beschluss von 1880 fatale Folgen auf die Bildungspolitik der Gehörlosen hatte, was sich widerum auch auf das soziale Leben auswirkte.

Ob diese Entschuldigung fallen wird oder zumindestens das Zugeständnis, dass man heute nicht nur Wert auf die Kommunikationsfähigkeit, sondern auch auf die Bildung der Gehörlosen legen wird? Wünschenswert wäre es jedenfalls!

Und jetzt sollte es auch klar sein, warum es Gebärdensprachvideos und Webseiten auf Gebärdensprache gibt - es ist der einzige Weg für diese Gruppe von Gehörlosen an Informationen zu kommen, diese Gruppe schaut sich auch ganz selbstverständlich die Nachrichten auf Phoenix mit Gebärdensprache an. Und je mehr untertitelt wird im Fernsehen, desto höher ist der Informationsgewinn für alle Gruppen der Gehörlosen, denn Untertitel stellen einfach Informationen sicher und Lesen erst recht für alle Menschen!

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank für diese verständliche Erklärung.

    Die Frage kam zwar vorhin nicht von mir, aber ich hatte sie mir durchaus auch schon mal gestellt.
    Das "heiraten" Beispiel macht es wunderbar deutlich, als Hörender weiss ich ja auch nicht automatisch, wie ein Wort geschrieben wird, nur weil ich es ein paar mal gehört habe.
    Besonders auffällig ist mir persönlich das meist nur beim Erlernen von Fremdsprachen geworden.
    Aber das ist wahrscheinlich genau der Punkt, viele Hörende verstehen Gebärdensprache wohl noch nicht als eigenständige Sprache.
    Da ist noch einiges an Aufklärung nötig, ach, wem erzähl ich das... ;)

    Jetzt hab ich aber noch eine weitere Frage: Erinner ich mich korrekt, dass es im Grunde auch eine eigene Grammatik und damit auch Satzstellung gibt?

    Liebe Grüsse

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  2. Guter Artikel, der gibt die Situation realistisch wieder.

    Übrigens: ungerne wird ungern geschrieben, und es heißt eklatant. :-)

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  3. Vielleicht solltest du doch einmal eine Rechtschreibprüfung über deinen Text laufen lassen. Ich hab noch zwei weitere Fehler entdeckt...

    Und wie heißt die Frau eigentlich? Marion oder Maike Arndt? Mit deinem fotografischen Gedächtnis scheint's doch nicht so weit her zu sein. :-)

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  4. Lieber Anonym,

    danke für deine freundlichen Hinweise, ich habe die Fehler gleich behoben - ich hatte wohl noch beim Hinschreiben kurz die CI-Trägerin Maike Stein aus dem Zeitartikel im Kopf beim Schreiben. ;-)

    Die Fehler aus dem Artikel erklären sich dadurch, dass ich den Artikel im Februar bereits geschrieben habe, aber er schlummerte solange in der Schublade, da mir der richtige Anstupser fehlte für eine kompakte und verständliche Zusammenfassung.

    Und ja, ich mache manchmal kleine Fehler, aber niemand ist perfekt. Die Rechtschreibprüfung bei Blogger nervt mich, da sie ähnlich wie Word auch normale Worte ankreidet...

    lg, jule

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  5. Danke auch von mir für die Erklärung.
    Schön, daß sich jemand dafür Zeit genommen hat.

    Ich war eigentlich mal davon ausgegangen (war mir ja auch sehr übel angekreidet worden), daß das Deutschniveau der Gl an den Forderungen nach Gebärdenvideos liegt. Was ich mal als Forderung der Herren Raule und Weinmeister gelesen hatte...die m.W. irgendwelche hohen Tiere bei den Gl sind oder wenigstens waren.

    Da war ich wohl zu sehr von mir selbst ausgegangen, weil ich denke, daß mein Englisch und Französisch sicher besser wäre, wenn ich mir mal Originale mit Untertiteln reinziehen würde und nicht nur synchronisierte Filme...ein kleines bißchen Praxis hätte das bestimmt gegeben.

    Hätte mich gefreut, wenn man mich seinerzeit schon (und nicht ganz so böse) auf meinen Denkfehler hingewiesen hätte...Habe schließlich kein Problem damit, zuzugeben, daß ich unrecht habe/hatte, und fürderhin das Gegenteil zu behaupten....

    Hast übrigens ein schönes Blog. (Oder heißt es der Blog?....siehste, selbst Hörende können nicht alles. gg)

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  6. Danke für die Erklärung. Ich kann nur bestätigen, was du schreibst. Seit einiger Zeit unterrichte ich an einer Einrichtung für Hörgeschädigte (Gl und Sh). Als ich anfing, dachte ich (so naiv!), dass es völlig normal sei, dass andere Mitarbeiter (z.B. Lehrer, Ausbilder, Erzieher) alle auch gebärden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die meisten (!) Kollegen gebärden schlecht oder gar nicht. Und die immer gleiche fadenscheinige Begründung lautet: "Wir wollen die Auszubildenden ja auf die hörende Welt vorbereiten." Dabei wird völlig vergessen, dass es ja um Informationsvermittlung geht. Diese Vermittlung funktioniert am besten in einer Sprache, die man auch versteht (z.B. Gebärdensprache). Dass eine gute Sprecherziehung auch notwendig ist: keine Frage! Aber dann doch bitte nicht als Scheinargument für die Diskriminierung Gehörloser!

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  7. @Michael,
    wird der Argument "auf die hoerende Welt vorbereiten" heute noch vorgebraacht, um das Gebaerden-Nichtkoennen zu verdeitigen? In welcher Schule?

    Hartmut

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