Donnerstag, 1. Juli 2010

Manchmal haben Medien schlicht und einfach keine Ahnung!

Es gibt in der Presse mal wieder einen Fall von schlichter Ahnungslosigkeit über die Gehörlosenkultur samt Gebärdensprache, welchen ich jetzt mal als gutes Paradebeispiel dafür nehme, dass viele Journalisten immer noch noch nicht begriffen haben, dass das Internet das beste Arbeitswerkzeug ist, wenn man damit umgehen kann!

Aus dieser Pressemitteilung:" Gebärden gegen Vuvuzelas" zitiere ich jetzt mal: "Berlin (kobinet) Sie prägen das Bild der Weltmeisterschaft 2010 wie nichts anderes: die lautstarken Vuvuzelas, mit denen afrikanische Fans ihrer Freude Ausdruck verleihen. Auf dem Fußballplatz und für viele Zuschauer bedeutet dieser "Lärm" jedoch, dass sich nicht mehr mündlich verständigt werden kann. Eine Lösung dafür haben Schüler der Heimsonderschule Haslachmühle in Horgenzell gefunden.

Da sie selbst hörgeschädigt sind und es in der Gebärdensprache nur für die gängigsten Begriffe wie "Trainer" oder "Halbzeit" Worte gibt, haben sich die Fußballfans kurzerhand 55 eigene Begriffe ausgedacht. Mit einfachen Gesten für Worte wie "Abseits", "Dribbling" oder auch den Namen der deutschen Fußballspieler ist es nun nicht nur Gehörlosen, sondern auch allen Fußballfans beim Public Viewing oder auf den Rängen im Stadion möglich, sich zu verständigen. Vorgestellt wurden die Begriffe in einem Sonderheft, mit dem sich die Schule an dem Wettbewerb 2009/10 der Nationalen Initiative Printmedien bewarb. Gemeinsam mit drei weiteren Schulen gehört sie zu den Gewinnern des Wettbewerbs und darf drei ihrer Redakteure zum "Tagesspiegel" nach Berlin fahren lassen. Dort werden Christopher Grüninger, Hezni Sekzgir und Kaan Dikenli gemeinsam mit den weiteren Gewinnern die vierseitige WM-Sonderbeilage "Vuvuzela" erstellen, die am 2. Juli dem Berliner "Tagesspiegel" beiliegen wird. Sie richtet sich vor allem an Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren und bietet einen bunten Mix rund um die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika.

Die Nationale Initiative Printmedien wurde von dem Beauftragten für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, gemeinsam mit Verleger-, Journalisten-, Grosso- und weiteren Verbänden gegründet, um Jugendliche für Zeitungen und Zeitschriften zu begeistern. moh
"

Die Information aus dieser Pressemitteilung ist schlicht und einfach falsch. Es gibt in der Deutschen Gebärdensprache (DGS) sehr wohl Gebärden für alle Fußballbegriffe. Die Redakteure hätten einfach nur mal auf www.deafkids.de gucken müssen und wären dort auf einen Schlag fündig geworden - dort gibt es Videos der offiziellen Fußballbegriffe in Gebärdensprache. Es ist also gar nicht notwendig, dass sich die Haslachschule Gebärden dafür ausdenken muss, weil es angeblich gar keine Begriffe dafür gibt.

Und jetzt wird diese Desinformation der Heslach-Schule auch noch in einem Sonderheft zur der Fußball-WM vom Berliner Tagesspiegel unter das ebenfalls unwissende Volk gebracht, nämlich mit diesem Bericht:

Dribbling, Abseits, Ecke im Berliner Tagesspiegel

Ganz versteckt finden sich im Artikel die Informationen:"Die Schule ist eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit einer Hör- oder Sprachbehinderung, die zusätzlich eine geistige Behinderung haben. Einige dieser Schüler haben in den vergangenen Wochen eine eigene Gebärdensprache für Fußball entwickelt." und weiter geht's im Text: "Natürlich gibt es auch in der DGS Fußballzeichen. Für die geistig behinderten Schüler sind diese aber zu kompliziert oder nicht genau genug. „Wir haben an unserer Schule eine begrenzte Anzahl Gebärden“, erklärt Fabian. Diese Gebärden sind extra für geistig Behinderte entwickelt worden. Etwa 1000 sind das, die die Kinder und Jugendlichen recht intuitiv lernen können. „Das ist nur das Nötigste, was man für den Alltag braucht“, sagt Fabian. „Die offiziellen DGS-Zeichen sind oft sehr abstrakt.“

Aha - es handelt sich bei diesen ausgedachten Fußballgebärden also nicht um die offizielle DEUTSCHE Gebärdensprache (DGS)! Aber interessant ist, dass im Artikel zu Anfang die offizielle Gebärde aus der deutschen Gebärdensprache für Portugal beschrieben wird.

Und auf www.deafkids.de findet man dieses Video: http://www.deafkids.de/blogs/2010/06/09/portugal-2/ Die Kinder der Heimsonderschule Heßlach kennen also auch die offiziellen Gebärden aus der DGS, aber die vorhandenen Fußballgebärden nicht oder verwenden diese nicht, da sie zu abstrakt sind?!

Mir tun die Kinder dieser Schule leid - sie verwenden einen Mix zwischen der offiziellen DGS und einer einer vereinfachten Gebärdensprache, die vermutlich von den Pädagogen ausgedacht wurde. Und mit ein bisschen Google-Anschmeißen kommt man auf diesen Link hier, welcher die Vermutung bestätigt:

http://www.intakt.info/206-0-unterstuetzte-kommunikation-durch-gebaerden.html, woraus einem klar wird, dass es sich um GUK (Gebärdenunterstützende Kommunikation) handelt, also gar nicht um die echte Deutsche Gebärdensprache. Weiter heißt es in dem Artikel aus dem Link über das Buch: "Schau doch meine Hände an." - "Diese Sammlung stellt die bekannteste und am weitesten verbreitete Gebärdensammlung für Menschen mit geistiger Behinderung dar. Mit dieser Gebärdensammlung versuchte die Diakonie zu einer Vereinheitlichung der bis zu diesem Zeitpunkt entstandenen Sammlungen zu gelangen. Die Sammlung besteht aus 700 Gebärden, mit denen ein Wortfeld von ca. 2000 Wörtern ausgedrückt werden kann. Zu etwa einen Drittel entsprechen die vorkommenden Gebärden genau den Originalgebärden des Hamburger Gebärdenlexikons, ein weiteres Drittel der Gebärden weist nur eine gewisse Ähnlichkeit mit den Originalgebärden der DGS auf. Die restlichen Gebärden sind Umgestaltungen und Neuschöpfungen, die sich in der Praxis einzelner Einrichtungen gut bewährt haben."

Aber das ist noch nicht alles, was ich zu bemängeln habe: Es wird in dem Artikel einfach nicht deutlich genug aufgezeigt, dass die erfundenen Fußballbegriffe der Schüler einfach nur erfunden sind und nicht offiziell bekannt in der DGS sind, außerdem wird dem Leser verschwiegen, dass die DGS einen normalen Gebrauchswortschatz von 18.000 Gebärden hat, die man beliebig zusammensetzen kann, woraus ein Wortschatz von etwa 250.000 Wörtern entsteht.

Dazu habe ich schon mal gebloggt: "Wie groß ist eigentlich der Wortschatz der dt. Gebärdensprache?"

Die Kinder dieser Heimsonderschule lernen jedoch nur 1000 Gebärden, weit kommen sie damit nicht. Es wird selbst zur Kommunikation mit Gehörlosen ohne geistige Behinderung nicht ordentlich ausreichen.

Das ist das eigentlich traurige an dem Artikel, denn er propagiert unterschwellig durch die leichte Desinformation, dass die Gebärdensprache keine vollwertige Sprache ist. Noch trauriger ist aber die offensichtliche Unfähigkeit der Journalisten, sich mit dem Internet ordentlich auseinanderzusetzen.

1 Kommentar:

  1. Hi Jule, das ist ein toller Artikel und findet meine volle Zustimmung! Sehr gut geschrieben und argumentiert. Und genau nachgedacht, im Gegensatz zum Thema mit Gebärdensprach-Filme und UT!

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