Mittwoch, 21. Juli 2010

Tomate = Dummheit oder auch: Die Kunst des Ablesens

Mich haben nach meinem Ableseservice rund um die WM einige gefragt, ob man denn auch als Hörender ablesen lernen könnte.

Selbstverständlich kann man das, warum denn nicht? Ich erinnere mich da an eine Episode mit meiner rund zwei Jahre jüngeren Cousine, die eine Zeitlang ablesen geübt hat mit ihrer Mutter, weil sie das auch können wollte, da sie das total "cool" fand mit 7 Jahren.

Was nur ganz wenige wissen, ist die Tatsache, dass alle Babys in den ersten 7. Lebensmonaten ihre Muttersprache anhand der Lippenbewegungen erkennen können, was Sprachwissenschaftler nachgewiesen haben durch eine recht interessante Studie:

Englische Sprachwissenschaftler haben Babys im Alter bis zu 7 Monaten ein Video ohne Ton vorgespielt. Einmal war das Video mit der Muttersprache der Babys, also in dem Fall Englisch und einmal auf Französisch. Sie konnten eine gesteigertes Interesse der Babys nachweisen, wenn die Muttersprache im tonlosen Video zu sehen war, aber dagegen totales Desinteresse, wenn im Video französisch gesprochen wurde.

Wie schon eingangs erwähnt, das Video wurde ohne Ton vorgespielt, was die Schlussfolgerung logisch erscheinen lässt: Alle Babys, sofern sie nicht blind oder anderweitig stark sehbehindert können durch die Bewegungen in den ersten 7 Lebensmonaten bereits anhand der Lippenbewegungen unterscheiden, welche Sprache gesprochen wird. Ab dem 6.Lebensmonat verliert diese Fähigkeit durch die Dominanz der erlernten Fähigkeit des Gehirns Geräusche im Nu auseinander halten und zuordnen zu können, sofern das Baby hörend ist.

Also keine Sorge - ihr habt alle mal damit angefangen und wer Lust hat, einen Absehkurs zu besuchen, der kann das auf den folgenden Seiten:

Anlaufstellen für Baden-Württemberg, Berlin, Sachsen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen

Absehkurse in Dresden

Noch mehr Anlaufstellen bundesweit

Und im übrigen einfach mal an Volkshochschulen in eurer Nähe nach fragen, manchmal bieten die auch solche Kurse an!

Und was hat eigentlich die Tomate mit der Dummheit zu tun? Ganz einfach - Tomate und Dummheit haben das gleiche Mundbild, man kann beides also schon verwechseln beim Ablesen, wenn man ungeübt ist. Probiert es einfach mal vor dem Spiegel ohne Stimme "Tomate" und "Dummheit" zu sprechen und schaut euch das Mundbild dabei an!

Mein Logopäde aus meiner Schulzeit bietet übrigens Absehkurse in München an, aber wohl eher für Betroffene und von ihm gibt es ein sehr nettes PDF:

Was die Tomate mit der Dummheit zu tun hat


Aber eins sag ich euch an dieser Stelle: 28 jährige Lippenlesepraxis könnt ihr nicht aufholen. :-D

Kommentare:

  1. Sehr interessante Zeilen (für nicht Betroffene!)
    Ich finde es toll, dass bei dir das Lippenlesen so klasse klappt und man scheinbar nichtmal merkt dass du eigentlich Gehörlos bzw. Hörgeschädigt bist.

    Was mich aber ganz doll stört ist die Tatsache, das inzwischen ein, in meinen Augen, verzerrtes Bild entsteht.
    Wichtig für alle ist wohl ersteinmal zu wissen, das man IMMER im HÖCHSTFALL nur 30% des gesprochenen vom Mund ablesen kann. Der Rest ergibt sich aus der Kombinationsgabe des Ablesenden bzw. aus der Situation, der Themenkenntniss usw.

    Ich will hier beim besten Willen nichts kaputt reden, oder schlecht machen. Da ich aber selbst betroffen (Ertaubt) bin und wahrlich kein Ablese-Ass, wollte ich an dieser Stelle doch mal darauf hinweisen, das es beileibe nicht so ist, das man das 2 Wochen übt und dann gut beherrscht. Wenn es bei hörenden Menschen nicht klappt, werden sie davon nicht eingehen. Wenn es aber bei Gehörlosen nicht sofort, auf der Stelle zu 100% klappt, wird der Gegenüber unsicher, vielleicht sogar verärgert und genervt. Das erzeugt einen riesen Druck!

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  2. Ich kann bestätigen, dass man das auch als Hörende lernen kann. In Britischer Gebärdensprache wird viel Fingeralphabet benutzt. Gehörlose können das so schnell, dass man viele Wörter einfach raten muss. Als Ausländerin fällt mir das Raten aber schwerer als den Muttersprachlern. Also schaue ich mir jetzt das Mundbild der Leute an und werde immer besser. Ich habe mittlerweile bemerkt, dass ich auch in lauter Umgebung, Dinge besser verstehe. Ich glaube aber, ich kann einfach nur besser Lippen lesen.

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  3. Ich erinnere mich an einen Arzt, der mich kurz nach meiner Ertaubung gefragt hat, ob ich schon Lippenlesen könne. Ich habe ihn gebeten, das zu wiederholen, weil ich ihn beim ersten Mal nicht verstanden hatte, und ich glaube, dann war es ihm peinlich... Na ja, auch nach 20 Jahren kann ich nicht wirklich Lippenlesen oder Mundabsehen, wie es eigentlich heißt. Aber ich kann auch besser verstehen, wenn ich das Gesicht und die Mundbewegungen beim Sprechen sehen kann. Vielleicht besuche ich doch mal einen Kurs ;-)

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  4. Viel sinnvoller für mich fänd ich ja, mein Mundbild zu verbessern. Ich hab da im Laufe der Zeit wohl so ziemlich jeden Fehler gemacht, den man machen kann - lauter sprechen *peinlich*, deutlicher, langsamer... Die Möglichkeiten, neue Fehler zu machen, gehen mir damit langsam aus, aber wie genau ein deutliches Mundbild aussieht, hab ich nie rausfinden können.

    Gibt's da auch gute Ratschläge? :) Oder ein gutes Anschauungsobjekt, Nachrichtensprecher oder so?

    (Oder ist das von der Physis abhängig, kleiner Mund = schlecht, großer Mund = gut oder so?)

    (Sorry für das querbeet kommentieren grad, ich hab Deinen Blog eben erst entdeckt und finde hier grad überall tolle Anregungen.)

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