Samstag, 28. August 2010

Mein Appell an die Politik



Was mache ich da mit Steffen Seibert, vormals ZDF-Nachrichtensprecher und neuer Regierungssprecher der Bundeskanzlerin? Herr Seibert ist übrigens wirklich sehr nett und angenehm in seinem Auftreten.

Die Lösung ist folgende:

Diesen Appell habe ich am Tag der offenen Ministerien in Berlin an einige Politiker und Staatsekretäre verteilt, unter anderem an den Staatsekretär des Innneren Ministerium, an einen Mitarbeiter der Familienministerin Kristina Schröder, an Frau Aigner, Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, an den Regierungssprecher Steffen Seibert und auch an die Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst!

Die Fakten in diesem Brief sind den fleissigen Bloglesern hier längst bekannt, aber für die Politik habe ich das wichtigsste nochmal zusammen gefasst, also könnt ihr einfach nach unten scrollen und da weiterlesen, was ich erlebt habe und zu bemängeln!

Appell zur Barrierefreiheit im Fernsehen

Sehr geehrter Mitbürger und Mitglied des 17. Deutschen Bundestag,

Mit diesem Schreiben bitte ich Sie um Gehör für die Bedürfnisse hörbehinderter Menschen in Deutschland und weise Sie auf folgenden Missstand hin:

Am 09.06.2010 wurde mitgeteilt, dass ab 2013 mit der Gültigkeit des neuen Rundfunkstaatsvertrag nun auch Gehörlose, Schwerhörige und Ertaubte sowie
Blinde ein Drittel der Gebühren in Höhe von 6 Euro zahlen sollen. Bisher waren diese dank dem Merkzeichen „RF“ auf dem Schwerbehindertenausweis von der Rundfunkgebühren befreit.

Im Fall der Schwerbehinderten, vor allem bei den Schwerhörigen, Gehörlosen und Ertaubten ist dieser Beschluss als einen schwerwiegenden Eingriff in den Nachteilsausgleich der Betroffenen anzusehen.

Wußten Sie, dass die Untertitelquote im gesamten deutschen Fernsehen bei 10,6% liegt? Selbst die am 1. Juni 2009 in Kraft getretene Regelung, dass TV Sender „im Rahmen ihrer technischen und finanziellen Möglichkeiten barrierefreie Angebote vermehrt aufnehmen sollen“ hat lediglich zu einer Erhöhung von 2,9 Prozent geführt im Zeitraum von April 2009 bis März 2010. Damit liegt diese Anhebung weit unter einem wirklich barrierefreien Angebot.

Ein Blick in die Nachbarländer Deutschlands macht klar, dass die Untertitelquote hier wirklich miserabel ist, denn die Niederlande, ein kleineres Land wie Deutschland, bringt es auf 80 Prozent Untertitelquote. Auch Österreich und die Schweiz liegen klar vor uns. Auch die BBC in Großbritannien untertitelt komplett, auch in Amerika und Kanada sind 100 Prozent an Untertiteln bereits eine Selbstverständlichkeit.

Im Rundfunkstaatsvertrag werden die Fernsehsender zwar aufgefordert, dass diese über deren bereits bestehendem Engagement hinaus im Rahmen ihrer technischen und finanziellen Möglichkeiten barrierefreie Angebote vermehrt aufnehmen sollen.

Aber wenn sichtbar wird, dass den Fernsehsendern es am Willen dazu fehlt, dann muss eine gesetzliche Verpflichtung her zur Barrierefreiheit im Fernsehen, die wie folgt so aussieht im Falle der hörbehinderten Menschen: a) 100 Prozent an Untertitel im öffentlich-rechtlichen Programm von 6 Uhr morgens bis 23h abends, b) 5 Prozent Gebärdensprachdolmetschereinblendung, c) eine von Hintergrundgeräuschen befreite Tonqualität bei Fernseh- und Rundfunksendungen zur besseren Sprachverständlichkeit von schwerhörigen Menschen und d) auch eine Verpflichtung der privaten Fernsehsender zur Durchführung von Maßnahmen zur Barrierefreiheit

Ich appelliere an den Bundestag, an die Ministerpräsidenten und an die Bundeskanzlerin Angela Merkel eine gesetzliche Verpflichtung für ein wirklich barrierefreies Fernsehen für Gehörlose, Schwerhörige, Ertaubte sowie Blinde ins Gesetz aufzunehmen.

Das entspricht der UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderungen nach Art. 21 und Art. 30 und bereits 2007 kam der wissenschaftliche Dienst des Schleswig-Holsteinischen Landtags zu dem Ergebnis, dass die Einführung barrierefreier Angebote der geschützten Rundfunkfreiheit nach Art. 5 Absatz 1 Satz 2 GG nicht entgegensteht.

Mit freundlichen Grüßen

Julia Probst

Kontakt: julesblogspot@googlemail.com Blog: meinaugenschmaus.blogspot.com

Anlage: Ein paar Zahlen und Fakten zur Dringlichkeit der Sache

Untertitelquote einzelner Sender in Deutschland:

Hauptsender in %

Regionale Sender in %

Sparten-Sender in %

Private Sender in %

ARD

32,3

WDR 50,6

3sat

8,3

Kabel 1

1-1,5

ZDF 28,8

MDR 11,2

BR-alpha

5,5

Pro7

2,9

-

NDR 16,6

ARTE

7,1

RTL

0

-

BR

18,6

Phoenix

1,8

Super RTL

0

-

SWR 14,0

KiKa

0,8

Sat1

0

HR

12,9

Vox

0

RBB

14, 3

N24

0

DSF

0


Ein typisches Beispiel für den Unwillen der Sender:

Ein gutes Beispiel dafür ist das ZDF: Im Schweizer Fernsehen wird „Wetten, dass..“ mit Live-Untertiteln ausgestrahlt. In einer E-Mail an das ZDF brachte ich meine Verwunderung zum Ausdruck, warum das ZDF „Wetten, dass..“ nicht auch live untertitelt und bat um eine Stellungsnahme. Man teilte mir daraufhin mit, dass es aus vielerlei Gründen nicht möglich sei die Livesendung am Samstagabend zu untertiteln, die Kollegen würden aber die Wiederholung dementsprechend untertiteln. Außerdem verwies man mich auf die Mediathek, wo ja auch zahlreiche Informationen zur Sendung finden sind – ich muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnen, dass die Mediathek ohne Untertitel ist.

>Auch ein wichtiger Hinweis für die Produktion deutschsprachiger Filme auf DVD:

Viele Filme, in denen Deutsch gesprochen wird oder die aus deutscher Produktion stammen, sind ohne Untertitel auf DVD. Gute Beispiele dafür sind z.B. "Rosenstraße" oder "Das Leben der anderen." Interessanterweise wurden die Filme von den Filmförderungsanstalten der Bundesländer gefördert. Das Gesamtbudget dieser Filmförderungsanstalten liegt bei 228,5 Millionen Euro. Und da soll nicht genügend Geld für Untertitel vorhanden sein? In meinen Augen müssten die Filmförderungsanstalten damit beginnen schärfere Zügel anzulegen und eine Vorschrift in ihre Förderungsrichtlinien einbauen: "Wir fördern die Filmproduktion nur, wenn der Film später auf DVD mit deutschen Untertiteln und für Blinde mit einer Hörfilmfassung versehen wird." Außerdem würde ich den Fernsehanstalten vorschreiben, dass die Fernsehuntertitel die gleiche 1:1 Qualität wie auf der DVD haben müssen.

Ich hoffe sehr, dass Steffen Seibert und die Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie alle anderen, denen ich den Appell in die Hand gedrückt haben, diesen auch wirklich gelesen haben und ein kleines bisschen Bauchweh bei der Faktenlage gekriegt haben, denn diese Ausgrenzung kann so nicht mehr weiter gehen.

Fakt ist: In Deutschland gibt es, wenn man auf die unterzeichnete UN-Konvention der Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen schaut und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schaut, KEIN Gesetzgebungsdefizit, sondern ein Vollzugsdefizit!

Das Gesetz ist eigentlich vorhanden, nur wird es einfach nicht eingehalten oder per Gesetz verpflichtend genug für alle formuliert.

Aber nicht nur die Medienlandschaft hat ein Vollzugsdefizit, sondern auch die kulturelle Allgemeinheit, was man sehr gut beobachten konnte am Tag der offenen Ministerien:

Überall liefen Präsentationsfilme der einzelnen Ministerien ohne Untertitel. Nur der Werbefilm über die einheitliche Behördennummer war mit Untertieln, wohl aber deswegen weil es auch ein Gebärdensprachtelefon dazu gibt! Und es gab nur eine einzige Gebärdensprachdolmetscherin in den Ministerien - ich war aber auch nicht in allen, aber in 4 davon, weil die Zeit einfach nicht richtig ausgereicht hat und die Politiker meistens alle zur gleichen Zeit eine Rede gehalten haben.
Die Gebärdensprachdolmetscherin war übrigens im Familienministerium am Stand der Antidiskriminationsstelle und es war meine Dolmetscherin von der Bildungsfahrt im November! Die Freude war auf beiden Seiten riesengroß! :-)

Von der Antidiskriminationsstelle bekam ich übrigens eine Schultertasche überreicht, was ich später noch clever ausgenützt habe, aber davon später mehr!

Die Kosten für den Tag der offenen Türen belaufen sich übrigens auf 600.000 Euro und er war nicht barrierefrei! Die Rede der Kanzlerin war ohne Live-Untertitel, ohne Gebärdensprachdolmetscher und wie gesagt: Ich sah nur eine einzige Gebärdensprachdolmetscherin!

Immer, wenn es die Möglichkeit gab, habe ich mit den Leuten darüber gesprochen und sie darauf hingewiesen, dass die Filme ohne Untertitel ausgestattet sind. Die Reaktion war überall die gleiche: Man teilte mir mit, dass man einfach nicht daran gedacht habe und man werde versuchen es besser zu machen. Am Stand des Bundespresseamt des Kanzlerpark hatte ich die Gelegenheit zu beobachten, wie Lehrmaterialen für die Schulen über die Regierung mit einer beiliegenden DVD verteilt wurde und schnappte mir einen Mitarbeiter: "Entschuldigen Sie bitte, aber ich möchte Sie darauf hinweisen, dass die Werbefilme hier ohne Untertitel sind und die DVD für das Lehrmaterial vermutlich auch keine Untertitel hat." Der Mitarbeiter entschuldigte sich dafür und nahm meinen Appell gerne entgegen. "Werden Sie das auch an die Kanzlerin verteilen?" Ich entgegnete, dass ich es versuchen werde, wenn die Kanzlerin an der Bühne vorbeikommt." Er lächelte mich an und fand das eine gute Idee und gab mir den kleinen Tipp, dass ich, wenn ich es dort nicht schaffen sollte, um halb 4 an seinen Stand kommen sollte und er werde versuchen dafür zu sorgen, dass ich dort ihr den Appell überreichen könne!

Ich muss ehrlich sagen, alle Mitarbeiter, mit denen ich sprach, waren HÖCHST zuvorkommend und immer hilfsbereit und allen hinterliess ich die zwinkernde "Drohung", dass ich nächstes Jahr wiederkomme und schaue, ob eine Verbesserung eingetreten ist.

Und niemand war gegen Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher, niemand war für Ausgrenzung. Nur: Niemand war dafür zuständig, dass an alles gedacht wird. Aber man begegnete mir wirklich sehr freundlich und nahm sich für alle meine Fragen Zeit.

Ich habe übrigens der Kanzlerin auf den Rücken getippt, als sie mit dem Rücken zur mir stand und ich die Befürchtung hatte, dass sie mir entwischt: "Entschuldigen Sie bitte, Frau Bundeskanzlerin..." Sie drehte sich um und sah mich an: "Ja bitte?" Ich: "Könnten Sie das bitte lesen, es handelt sich um Barrierefreiheit." Sie nahm den Appell entgegen und reichte ihn an ihren Bodyguard weiter, da ihr roter Blazer ja keine Taschen hatte und winkte mir noch mal zu.

Vielleicht hat Frau Merkel den Appell inzwischen ja gelesen, vielleicht auch nicht.

Aber meine Leser können dafür sorgen, dass sie und viele andere Politiker ihn lesen! Bitte leitet diesen Blogeintrag so oft wie es geht weiter, sorgt bitte für ein bisschen Wind im Internet!

Ich würde mich sehr darüber freuen, weil ich bisher einfach noch KEINE einzige ANTWORT bekommen habe seitens der Politik.

Mir ist völlig klar, dass man mit Behindertenthemen nicht besonders viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann wie mit anderen Themen, die mehr Sprengstoff oder anders gesagt mehr Wählerstimmen garantieren kann, aber es muss damit ein Ende haben, dass die Politik-Parteien zwar mit Gebärdensprachvideos erkannt haben, dass dort auch Stimmen zu holen sind, aber sich nicht um die Verbesserung der Untertitelquote kümmern.

Ich habe übrigens noch einen Trumpf im Ärmel - den werdet ihr dann zu sehen bekommen. ;-)

1 Kommentar:

  1. Vielleicht ist dieser Artikel hier ganz interessant für Dich...

    http://diestandard.at/1277339040865/Lernt-gefaelligst-sprechen

    Zitat:

    "Apropos öffentlich-rechtliches Staatsfernsehen: Was von Seiten des Gehörlosenbunds ÖGLB erreicht wurde, ist die Abschaffung der vollen GIS-Gebühr für Gehörlose."

    und Deutschland geht in die Gegenrichtung...

    Gruß

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