Donnerstag, 23. September 2010

Der Gehörlose und die Dunkelheit

Das Westfalen-Blatt berichtet über den schwerhörigen Michael Klausing, der sich darüber ärgert, dass in Herford nachts die Straßenlampen ausgeschaltet werden, da es für ihn problematisch wird in der Dunkelheit.

Mit dem Licht der Verzweiflung

In dem Bericht heißt es an einer Stelle, er sei stark schwerhörig und an einer Stelle, dass er fast taub seie. Was stimmt denn nun? Richtiger wäre, wenn der Berichterstatter deutlicher gemacht hätte, dass er mit dem Cochlear Implantat als Schwerhöriger durchgeht, aber ohne als Gehörloser.

Außerdem zitiert die Zeitung Michael Klausing mit den Worten: »Hörgeschädigte«, erklärt der 54-Jährige, der in einer kleinen Wohnung in der Straße An der None unweit des Klinikums zu Hause ist, »haben generell Probleme im Dunkeln. Sie können nicht richtig das Gleichgewicht halten, haben keine Orientierung und sind daher sehr unsicher. Und auch wir wollen schließlich hin und wieder nach Mitternacht unterwegs sein.«

Keine Frage, es gibt EINIGE Gehörlose, die Gleichgewichtsprobleme haben, weil bei ihnen zusätzlich das Gleichgewichtsorgan gestört ist. Aber man darf nicht pauschalisieren, wie Herr Klausing das tut, denn es trifft einfach nicht auf die Mehrheit zu. Ich weiß durchaus von einigen Gehörlose, die nicht Fahrrad fahren können oder freihändig fahren können, weil es ihr Gleichgewichtsorgan nicht zulässt - zum Beispiel wie Laras Mutter aus dem Film "Jenseits der Stille".

Und die Orientierungslosigkeit in der Dunkelheit? Also, ich kann da auch nur für mich sprechen: Je dunkler es ist, desto unmöglicher wird es für mich eine Unterhaltung zu führen, weil ich eben nicht mehr ablesen kann. Aber Angst habe ich nicht und unsicher fühle ich mich auch nicht, warum auch? Es ist einfach nur dunkel dann und selbst, wenn ich in der Dunkelheit unterwegs bin, dann bin ich grundsätzlich auf Gehwegen unterwegs.

Mich ärgert dieser Bericht aufgrund der Pauschalisierung etwas, denn verbreitet sich zum teils falsche Information in den Köpfen Hörender, werde ich irgendwann mal gefragt: "Ach, kannst du eigentlich Fahrrad fahren?" Übrigens: Ich kann es und darf natürlich auch Auto fahren, was ich hier schon beantwortet habe:

Kannst du/Darfst du Auto fahren?


Nachtrag zu "Kannst du/Darfst du Auto fahren?

Kommentare:

  1. Interessant, weil ich ursprünglich aus dem Kreis Herford stamme und dadurch die Diskussion um die Laternen der Lokalpresse am Rande mitverfolgt habe. Bisher fand ich die Diskussion etwas überflüssig, weil auch viele andere Städte nachts die Lichter ausmachen und Stromsparen durchaus etwas Positives ist. Aus dieser Sichtweise habe ich bisher noch nicht betrachtet. Deine Kritik an der Pauschalisierung ist durchaus gerechtfertig, zumal auch das Westfalenblatt - wie auch die Neue Westfälische - in Sachen Recherche und Darstellung meiner Meinung nach nicht zu den Glanzstücken lokalen Journalismusses zählen.

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  2. Pauschalisierung ist immer schwachsinnig - im kleinen ("ich als Gehörloser habe Gleichgewichtsprobleme, daher gehe ich mal davon aus, dass das generell so ist") wie im großen ("meine Religion / Weltanschauung / Politik ist die einzig richtige für alle Menschen auf der ganzen Welt"). Jeder Mensch ist ein Individuum und im wesentlichen die Summe seiner eigenen Erfahrungen, seiner eigenen Wahrnehmung, und sowas wie "Objektivität" ist im wesentlichen daher nur eine Illusion.

    Das mit dem Energiesparen durch Ausschalten der Straßenbeleuchtung bei Nacht ist mal wieder ein Beleg dafür, dass "gut gemeint" oft das Gegenteil von "gut gemacht" ist. Viel sinnvoller wäre es, endlich massiv in langlebige, energiesparende Leuchtmittel und vor allem regenerative Energiequellen zu investieren, die Straßenbeleuchtungen z.B. mit Akkus und Solarpanels auszustatten - dann wäre die ganze schwachsinnige Diskussion hinfällig. In Island schafft man es meines Wissens beispielsweise sogar, wichtige Straßen und Gehwege ganzjährig schnee- und eisfrei zu halten - Geothermie. In Norwegen sind die Autobahnen beleuchet - Wasserkraftwerke. In Deutschland dagegen überlegt man sich, wie man den fast bankrotten Energieversorgern (hahaha) noch ein paar Dutzend Milliarden Zusatzgewinne zuschieben kann (Laufzeitverlängerung), eine neue Bundessteuer einführt (Brennelementeabgabe), dadurch die Einnahmen der Länder und Städte reduziert (Gewerbesteueraufkommen wird geringer, da die Ausgaben für die Brennelementeabgabe natürlich steuermindernd als Betriebskosten absetzbar sind), und die Städte machen dann logischerweise nachts für ein paar Euro Ersparnis das Licht aus und erschweren den paar Dutzend Menschen, die sich im Dunkeln wirklich schlecht orientieren können - ob nun gehörlos oder nicht, es gibt auch genügend sehbehinderte Menschen oder "nachtblinde", die für jedes bisschen Beleuchtung dankbar sind. Kollateralschäden einer Politik, die das Verbot der Diskriminierung Behinderter ins Grundgesetz schreibt und dann Tag für Tag selbst dagegen verstößt, weil die Einhaltung viel zu teuer ist und offenbar kaum jemand seine Grundrechte einklagt.

    Was das Autofahren angeht - in der amerikanisch-australischen Wissenschafts-Comedy-Sendung "Mythbusters" haben sie sogar mal einen Blinden auf einer Übungsstrecke mit Beifahreransagen fahren lassen - das war kein Problem, der ist besser gefahren als ein normalsichtiger mit etwas Alkohol im Blut. Insofern bin ich überhaupt nicht überrascht, dass Gehörlose Auto fahren können und dürfen - ganz abgesehen davon, dass mancher hörende Autofahrer die musikalische Beschallung im Fahrzeug derart laut aufdreht, dass er faktisch auch nichts mehr von der Umwelt hören kann.

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  3. Es gibt Gehörlose, die wirklich unsicher sind, sich im Dunkeln zu bewegen. Ich weiß, dass das bei Menschen mit Usher-Syndrom zutreffen, aber seit kurzem weiß ich auch, dass es Gehörlose gibt, die nachts immer eine Begleitung brauchen.

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