Mittwoch, 27. Oktober 2010

Alltagsprobleme von Gehörlosen

Das erste Mal seit längerer Zeit, dass ich an einem ARtikel über Gebärdensprache nichts, aber wirklich gar nichts zu bemängeln habe und zwar an dem hier:

Gehörlos, aber keineswegs behindert In diesem Artikel wird das Leben von André Jörris beschrieben, einem Gehörlosen aus einer gehörlosen Familie, der in dem Artikel viele typische Alltagsituationen von Gehörlosen beschreibt.

Zum Beispiel musste ich richtig kichern, wo André das Verhalten Hörender beim Warten auf den Zug beschreibt, weil mir diese Situation nur zu gut bekannt ist: Man steht auf dem Bahnsteig, wartet auf den Zug, plötzlich schwallt ein genervtes Stöhnen durch die Menge der Hörenden, die erst mal auf die Bahn schimpfen und sich dann wie gut dressierte Lemminge woanders hin bewegen. An diesem Zeitpunkt schnappe ich mir, sofern die digitale Laufschrift keine Infos hergibt oder keine Anzeige vorhanden ist, einen nett aussehenden Lemming und frage den höflich, ob es eine Durchsage gegeben hat und ob man mir sagen könne, was der Inhalt war, weil ich nämlich nicht hören kann - ich könnte zwar der Lemmingbande auch einfach hinterherlaufen, aber sicher ist sicher! :-)

Hier habe ich einer meiner Erfahrungen mit der Deutschen Bahn geschildert, ich habe natürlich noch mehr gemacht - überwiegend negatives Fazit für die Barrierefreiheit bei der Bahn:

Auf der falschen Schiene unterwegs

Und hier gibt es noch einen Artikel, der aufzeigt, wieviel Unwissenheit noch in der Bevölkerung und vor allem auch unter Polizisten herrscht, wenn es um Gehörlose geht:

Soeben las ich in den Westfälischen Nachrichten einen Artikel über ein Paar, welches aus einem gehörlosen Mann und einer hörenden Frau besteht.

Dolmetscher gesucht!

Dort werden Alltagssituationen gehörloser Menschen geschildert und die damit verbundenen Probleme, wie z.b. diese: Es ist zwar möglich, einen Gebärdensprachdolmetscher vor einem Arztbesuch anzufordern, aber im plötzlichen Krankheitsfall stehen viele Gehörlose ohne einen Dolmetscher da. Auch kann man nicht einfach mal "so" einen Behördengang erledigen, sondern man muss erst mal einen Dolmetscher anfordern. Der Wunsch vieler Gehörlosen ist, dass beim Arzt, in Krankenhäusern und auf Ämtern immer ein Dolmetscher oder eine gebärdensprachkompetente Person zur Abklärung vorhanden ist, damit gleich alle Probleme gleich auf der Stelle gelöst werden können.

Aber die beschriebenen Probleme beim Arzt kenne ich nicht, da ich über gute Kommunikationsfähigkeiten verfüge, aber sie sind realistisch.

So sieht das realistische Leben der Gehörlosen zu 80% aus!
 

Kommentare:

  1. Das mag ja sein, daß das praktisch wäre, wenn es in Krankenhäusern und auf Ämtern immer jemanden gäbe, der dgs-kompetent ist...
    Aber für die wenigen Fälle, in denen man da alle Jubeljahre mal mit einem Gehörlosen konfrontiert wird, gleich einen Dolmi einstellen, oder Leute zwingen, die Gebärdensprache zu lernen - scheint mir doch übertrieben und nicht so wirklich vermittelbar.

    Im übrigen....wenn man dann schon in einem Amt jemanden hat, der sowas lernen will, sollte man ihn dann seitens der Gehörlosen auch unterstützen und nicht sagen, komm aber bitte erst, wenn du´s perfekt kannst. So kriegt man nämlich keine Praxis und verliert die Lust an der Sache.

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  2. Was heißt denn hier "zwingen" die Gebärdensprache zu lernen?
    Es gibt ja auch Ämter wo durchaus bewusst Menschen anderer Kulturen eingestellt werden.
    Klar, kommt das dann auch häufiger vor, aber ich fände es als Hörende, die aus purem Interesse DGS gelernt hat, ebenfalls schön, wenn man Gehörlosen gerecht werden könnte.

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  3. Nun ja....Angestellte zu verpflichten, die Gebärdensprache zu lernen, weil mal irgendwann eventuell oder auch nicht ein Gehörloser vorbeikommt, doch, das würde ich als zwingen ansehen.

    Was anderes ist natürlich, wenn so jemand von selber die Gebärdensprache lernen möchte (hab ich vor einigen Jahren getan - hat aber nix gebracht dank mangelnder Praxis, war also nett von mir gemeint, hat sich aber als reine Zeit- und Geldverschwendung rausgestellt).

    Ob es "schön" ist, wenn man Gehörlosen gerecht werden kann, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt.

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  4. Vielleicht sollte ich ein kleines bißchen ausführlicher drauf eingehen, bevor das jetzt gar so verständnislos rüberkommt...

    Vorab:
    Daß es schön wäre, wenn Gehörlose quasi dieselben Gegebenheiten hätten wie Hörende und auch spontan und jederzeit zu Behörden etc. gehen könnten, dem stimme ich zu, so ist das nicht.

    Fraglich ist, wie gut das umsetzbar ist.
    Da ist zunächst einmal der Vorschlag mit dem jederzeit erreichbaren Dolmi. Dabei muß man natürlich auch die klammen Kassen berücksichtigen - wenn genug Geld da ist, kann man ja die Puppen tanzen lassen, aber nicht in der derzeitigen Finanzlage.
    Hinzu kommt wirklich die relativ geringe Zahl der Gehörlosen. Mag ja sein, daß sie in manchen Bereichen gehäuft vorsprechen - aber es geht ja darum, daß sämtliche Bereiche jederzeit angesprochen werden können, denke ich.

    Ich arbeite jetzt seit mittlerweile 15 Jahren in verschiedenen Bereichen des Sozialamts.
    Einige wenige Wochen lang hab ich mal Gehörlose hier getroffen - rund um die Einführung des Gehörlosengeldes in NRW. Ansonsten war da - nichts. Nicht ein einziger Gl. Jetzt in der Sozialhilfe in Altenheimen hab ich zwar welche - aber die werden mir gegenüber von hörenden Angehörigen bzw. Betreuern vertreten. Da ist also auch keine Verständigung in DGS nötig.
    Und es ist einfach nicht zu rechtfertigen, jemandem als Dolmi ein festes Gehalt zu zahlen, der sich fast durchgehend, mit Verlaub gesagt, an den Füßen spielt.

    Bleibt die zweite Möglichkeit - dgs-kompetente Personen in der Sachbearbeitung. Gehörlose anzustellen, wäre zumindest in publikumsintensiven Bereichen nicht wirklich die Lösung. Entweder müßten die nur für gehörlose Kunden da sein - dann gilt dasselbe wie für den Dolmi. Oder sie müßten volle Sachbearbeitung machen - hätten aber ständig mit meist nicht-dgs-kompetentem Publikum zu tun und dann müßte dafür ständig ein Dolmetscher beschäftigt werden. Ziemlich ineffektiv.

    Übrig bleibt dann, die hörenden Sachbearbeiter DGS lernen zu lassen.
    Im Gegensatz zu anderen Fortbildungen, bei denen man mit zwei Tagen Seminar durch ist, braucht es aber wesentlich länger, DGS zu lernen (und zwar einigermaßen flüssig). Und solche Kurse finden ja meist abends statt. Ehrlich gesagt....sähe vielleicht anders aus, wenn man öfters gehörloses Publikum hätte, aber ich denke, daß die meisten meiner Kollegen wenig Verständnis dafür hätten, wenn ihr Privatleben dafür draufgehen soll, eine Sache zu lernen, die sie praktisch nie anwenden, zumal wo doch ein Recht auf einen Dolmi besteht. (Auch mit dem zustehenden Bildungsurlaub wollen die meisten doch eher was anderes anfangen.)

    Vielleicht wäre das etwa beim Arbeitsamt ne Möglichkeit, wenn Gehörlose als eigene Gruppe zusammengefaßt würden. Aber sonst....
    Man braucht schließlich auch Praxis, um die gelernten Lektionen nicht zu vergessen. DGS ist nunmal etwas schwieriger zu lernen als eine andere Lautsprache. Finde ich jedenfalls.

    Nebenbei...ich weiß, das ist nicht so gemeint, aber es tut mir persönlich schon ein bißchen weh, wenn ich solche Forderungen lese, hier oder auch in "Die Welt in meinen Händen" von Peter Hepp. Klar, sowohl Herr Hepp als auch Jule möchten einfach bessere Bedingungen für das Leben Gehörloser erreichen, aber wenn jemand das freiwillig versucht hat, aber nur wegen der noch nicht guten Kenntnisse zurückgewiesen wird, und dann kommen solche Forderungen nach mehr DGS-Kenntnissen z.B. in Behörden, das hat mich persönlich schon etwas verletzt.

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