Freitag, 1. Oktober 2010

Lie to me - oder die Kunst, das zu sehen, was nicht gesagt wurde!

Nun ja, die Serie "Lie to me - Lüg mich an" wurde mir schon mehrmals empfohlen, da ich in der Vergangenheit schon mehrmals darüber bloggte, dass ich ganz gut darin bin, die Körpersprache zu entziffern, aber bisher hab ich die Serie noch nicht angeschaut, was ich aber bald nachholen werde.

Hier die älteren Blogeinträge von mir zum Thema Körpersprache:

Nicht nur Lippenlesen...


Wie gut bin ich eigentlich im Erkennen von Menschen und deren Körpersprache?


Am 13. September diskutierte Anne Will mit Walter Sittler, Arnulf Baring, Markus Söder und noch einigen anderen Gästen über Stuttgart21 und ich war entsetzt beim Anblick Söders, denn in mir kam die Frage auf: Wie kann es sein, dass dieser Mann gewählt wird trotz seiner offensichtlich verlogenen Körpersprache?

Im Gespräch mit Sittler verriet sich Söder mehrmals durch seinen verschlagenen Blick und dem mehrmaligen abfälligen Mundzucken, dass er Sittler's Argumente nicht ernstnimmt. Man sah richtig, wie Söder sich alles zurechtlegte und dem Volk übrigens das Mitbestimmungsrecht bei den Volksentscheiden absprach, weil das Volk eben nicht über alles Bescheid wissen könne - die Machtbessenheit kam richtig zur Geltung bei seiner Körperhaltung.

An dieser Stelle fragte ich mich nicht zum ersten Mal, ob Hörende nach dem wählen, was gesagt wurde und nicht nach dem, was in dem Gesicht eines Politikers zu lesen ist?

Gestern abend gab es ein sehr gutes Beispiel dafür, wie dreist ein Politiker den Medien und damit den Bürgern ins Gesicht lügt - Bühne frei für Heribert Rech, Innenminister des Landes Baden-Württemberg anlässlich der gestrigen Polizeigewalt gegen Stuttgart 21:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/1153112/ZDF-heute-Sendung-vom-30-September-2010

Lüge um Lüge wird dort erzählt - die größte Lüge ist übrigens das mit dem Europarlament, denn Stuttgart21 wurde nie dort beschlossen und wird auch nicht finanziert von der EU - im Klartext: Die Verbuddelei des Bahnhofs wird NICHT finanziert von der EU, denn die EU sieht Bahnhöfe als eine nationale Angelegenheit an. Richtig ist allerdings, dass die Neubaustrecke Ulm-Stuttgart kofinanziert wird von der EU, aber eben nur DIE!

Wie auch immer man zu Stuttgart21 steht, egal ob man dafür oder dagegen ist: Polizeigewalt gegen Kinder und Ältere sowie friedliche Demonstranten ist untragbar!

Wunderbar war auch Marietta Slomka, die genau an den richtigen Punkten nachhakte und mit ihren Fragen ihn so zerlegte, dass ihm kurzzeitig die Gesichtszüge entgleisten. Aber da war noch viel mehr zu sehen als die kurzzeitige Engleistung.

Meine Rech-Analysee von gestern abend auf Twitter hier kurz zusammengefasst:

"Finde das Anschauen der Wiederholung sehr spannend. Rech fühlt sich überlegen und weiß, das er lügen wird, indem er zur Seite guckt.

Dann schluckt Rech, bevor er Slomka antwortet. Mitten in seiner Erklärung kneift er die Augen zusammen - er will nicht anwesend sein.

Das Schulterzucken von Rech ist auch eine Art zu sagen: "Das ist nicht mein Problem - ich habe das nicht gewollt."

Als Slomka nachhakt, will Rech ihr ins Wort fallen. Sein Mund öffnet sich verächtlich, bevor er antwortet, leckt er sich die Lippen.

Er sieht stur nach geradeaus und nimmt die Frage von Slomka nicht ernst, dann wieder dieser seitliche Blick. Er lügt gleich wieder!

Bei Rech's "Ja, vor allem.." sieht man den gleitenden Blick zur Seite sehr gut und dann folgt die nächste Lüge!

Slomka kontert mit: "Das klingt, als würden sie aus dem Bürgerkrieg berichten und nicht aus dem biederen Schwaben." Dabei sieht man Rech's verächtlich geschnaubtes Lächeln.

Dieses Lippenlecken bei Rech vor und NACH der Europaparlament-Lüge ist so offensichtlich zu erkennen. Der weiß, dass er lügt!"

Überraschenderweise habe ich mit meiner Rech-Analyse auf meinem @Augenschmaus-Account bei Twitter über Nacht viele Follower gewonnen, was mich sehr freut! Einer schrieb mir, dass es ihn interessieren würde, wie ich andere Politiker, äh Lügner, zerlege. ;-)

Das hat mich an eine Anfrage zur Zeiten der Fußball-WM erinnert -ich solle doch mal bitte bei den Bundestagdebatten Merkel&Co auf den Mund schauen und versuchen abzulesen, was die so zu sagen haben.

Was haltet ihr davon, wenn ihr mir Links von Videos aus dem Bundestag schickt, wo man die Abgeordneten auf den Bänken reden seht und ich dann versuche euch zu sagen, was die so sagen?

Kommentare:

  1. Hochinteressant ist übrigens auch der wissenschaftliche Hintergrund der Serie. Professor Ekman hat über Jahre alle Gesichtsmuskeln und alle durch deren Kombination mögliche Gesichtsausdrücke bis ins Kleinste katalogisiert und unter anderem auch die sogenannten Micro-expressions entdeckt. Ich hatte im Malcom Gladwell Buch "Blink" darüber gelesen und war darüber Mitte letzten Jahres auf die Bücher von Ekman (recht zäh, finde ich) und auch die Serie "Lie to me" gestoßen. Die Serie ist sehr unterhaltsam, insbesondere der Konflikt, in dem die Hauptfigur Lightman dauerhaft steckt.

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  2. Söder wird nicht direkt gewählt. Der Mann ist CSUler. In Bayern taugt keine Partei was, aber weil mans so gewohnt ist, wählt man eben CSU (O-Ton meines Vaters).

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  3. Professor Paul Ekman (auf dem die Hauptfigur aus Lie to Me basiert) hat die Microexpressions entdeckt und das ganze nochmals in Subtle-Expressions weiter verfeinert.
    Eine der Microexpressions die mir in dem Video aufgefallen ist sieht man ganz am Ende: Contempt (im deutschen wohl mit "Missachtung/Verachtung/Überlegenheitsgefühl" am besten übersetzt). Zeichnet sich durch einseitig hochgezogenen Mundwinkel aus (ist die einzige Microexpression die nicht symetrisch ausgeführt wird), er setzt zu dieser Geste an, verabschieded sich und beendet dann die Geste.

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  4. Das ist beeindruckend, und ich glaube, wir können froh sein, dass talentierte, überzeugende Schauspieler in ihrem Beruf deutlich bessere Verdienstaussichten haben als in der Politik.

    Jetzt können eigentlich nur zwei Dinge geschehen:

    1) Das bewusste Lesen der Körpersprache von Verantwortungsträgern wird nun aus der Nische irgendwelcher quotenschwacher pseudo-investigativer Nachrichtenmagazine auf Privatfernsehsendern herausgeholt, wo es sein Dasein meist bei skandalträchtigen Promi-Affären fristet.

    2) Politiker bekommen zukünftig viel mehr Schauspielunterricht.

    Ich wünsche mir wirklich, dass dieses Blog einen Beitrag leistet, damit Option 1 Wirklichkeit wird.

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  5. "An dieser Stelle fragte ich mich nicht zum ersten Mal, ob Hörende nach dem wählen, was gesagt wurde und nicht nach dem, was in dem Gesicht eines Politikers zu lesen ist?"

    Man könnte es ja testen, indem man den Zusehern die Diskussion mit und ohne Ton vorspielt. Und dann nach den "Sympathiewerten" befragt. Das Ergebnis wäre sicher spannend.

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  6. @wetteran: Das ist eine gute Idee!

    Eventuell könnte man da bei der Redaktion des Wissenschafts-Magazins "Quarks & Co." beim WDR was anregen, etwa mit dem Thema "Das Nichtgesagte hören - Körpersprache als Kommunikationsform". Die haben die erforderlichen Mittel, sind kritisch, und sie fassen gern auch solche gesellschaftlich relevanten Themen an.

    Zum Thema "nach welchem Kriterium wählen Hörende": Leider nach meinem Eindruck oft immer noch aus Tradition - "it was good for my dear old father, it was good for my dear old mother, and it's good enough for me", ansonsten aus Protest und Naivität (siehe das Ergebnis der letzten Bundestagswahl). Vor einigen Jahren wurde meine damalige Freundin von ihren Brüdern verhöhnt, weil sie mit der Familientradition gebrochen und bei ihrer allerersten Bundestagswahl tatsächlich offen SPD statt CDU gewählt hat - als Pfarrfamilie hätten sie doch geschlossen die gute Partei mit dem "C" wählen müssen. Aus dem gleichen Grund werden natürlich auch Parteien traditionell nicht gewählt, und wenn deren Vertreter im Fernsehen auftreten, wird demonstrativ weg gehört oder umgeschaltet - die haben ja sowieso nichts hörenswertes zu sagen. In gewisser Weise setzt gerade bei deren Wortbeiträgen tatsächlich bei den Zuhörern sowas wie eine - pardon - selektive Gehörlosigkeit ein.

    Zu allem Überfluss wird diese Kultur des Nicht-Hinhörens ja auch in den Parlamenten vorgelebt - wenn manche Redner ans Pult gehen, sind die Abgeordnetensitze sowieso schon fast leer, und die verbliebenen plaudern, lesen Zeitung oder telefonieren. Wenn sich jemand mit einer Führungsposition im "normalen" Leben bei einer geschäftlichen Besprechung so verhalten würde, wäre er vermutlich schneller abgemahnt und gefeuert, als er "huch" sagen kann.

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  7. Hendrik Sachtler2. Oktober 2010 um 11:43

    Ich wollte mich mal zu der Frage äußern, ob Hörende nicht die verlogene Körpersprache erkennen. Ich denke nicht. Ich denke auch es interessiert kaum jemanden was gesagt wurde.
    Allerdings glaube ich, es hängt mit einem allgemein zunehmenden Problem in unsere Gesellschaft zusammen.
    Menschen scheinen immer ich-Bezogener in Ihrem Handeln zu werden.
    Nach PIaget (Entwicklungspsychologie) gibt es eine Stufe der geistigen Entwicklung die sich Präoperationales Stadium nennt. Diese zeichnet sich durch den Egozentismus des Kindes aus. Das Kind kann die Welt nur aus seinem Blickwinkel betrachten und sich nicht in den Blickwinkel einer anderen Person versetzen.
    Überspitzt gesagt, die Mehrzahl der Menschen scheint diese Stufe nicht mehr zu überschreiten. Oder vielleicht werden sie auch dahin gedrängt. Wahrscheinlich ist es eine verworrene Mischung aus allem.

    Eine weitere spitze Bemerkung sei mir gestattet: Wenn man sich mit so manchem Mitbürger unterhält merkt man schnell, dass der auf dem Entwicklungsstand eines 7 Jährigen verharrt.

    Ich hoffe aber du machst weiter mit deiner Arbeit. Meine Anerkennung dafür hast du auf jeden Fall. Außerdem helfen deine Analysen ungemein einen ganzheitlichen Blick auf die Geschehnisse zu bekommen. Ich wünsche mir, dass das nicht bei S21 aufhört.

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  8. Ja, klasse Idee. Du hast Fähigkeiten, die 'wir' verlernt haben - Menschen gehen eben gern den einfacheren Weg.

    Hab den Text noch mal kopiert und in meine Linkliste übernommen, ist so besser lesbar. Vielen Dank!

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