Montag, 18. Oktober 2010

Morgen haben die Eltern den Termin beim Rastatter Jugendamt!

Vor einer Woche bloggte ich über die mögliche Gefahr eines Cochlear-Implantat-Zwang für gehörlose Kinder in diesem Artikel:

CI-Zwang für gehörlose Kinder?

Die Kurzfassung: Das Jugendamt Rastatt hat die gehörlosen Eltern eines gehörlosen Paares zu einem Gespräch eingeladen, weil der Verdacht auf mögliche Kindeswohlgefährdung besteht, da die Eltern kein Cochlear Implantat für ihr Kind wünschen.

Bevor das Jugendamt ein Elternpaar zum Gespräch einlädt, sagt die Eingliederungshilfe: "Leute, guckt mal da hin und ladet die Leute vor." Es liegt also ein Anfangsverdacht vor, weil das Jugendamt natürlich dem Hinweis der Eingliederungshilfe nachgehen muss und die Eltern sind nicht als Experten oder Zeugen geladen, sondern als potentielle Angeklagte, d.h. sich werden sich morgen rechtfertigen müssen für ihre Entscheidung gegen die Versorgung mit einem CI.

Nun schauen wir erst mal darauf, was das Jugendamt Rastatt eigentlich selbst dazu sagt, wie die Vorgehensweise ist, wenn der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung vorliegt:

Kindeswohlgefährdung - und was macht das Jugendamt?


Konkret heißt es dort unter anderem: "Mehrere Fachkräfte prüfen und bewerten die Informationen. Zunächst ist zu entscheiden, ob für das Kind ein hohes Risiko besteht, in seiner körperlichen, seelischen oder geistigen Entwicklung geschädigt zu werden. Die weitere Vorgehensweise hängt davon ab, wie massiv und eilbedürftig die Gefährdung eingeschätzt wird."

Hier ist die Bestätigung zu finden, dass tatsächlich ein Anfangsverdacht gegen die Eltern besteht.

Aber wie kam es eigentlich dazu, dass die Eingliederungshilfe überhaupt auf die Eltern aufmerksam wurde?

Ganz einfach: Die Eltern stellten beim Sozialamt einen Antrag auf eine Integrationsfachkraft für das Kind im Kindergarten. Kurz gesagt, die Eltern haben sich um eine Inklusion bemüht - sie wollen, dass ihr gehörloses Kind einen normalen Kindergarten besuchen kann ohne Informationsverlust in der Kommunikation.

Kurze Einschiebung: Vielleicht gibt es in Rastatt und Umgebung einen Gehörlosen/Schwerhörigen-Kindergarten, aber der Weg ist vermutlich zu weit für das Kind. Wenn die Busfahrt länger als 30-45 Minuten dauert, dann läuft das Kind in Gefahr in eine Außenseiterposition in der Nachbarschaft zu geraten, weil es eben keine Kinder kennt und auch nicht mal einfach so am Nachmittag in der Nachbarschaft die Freunde aus dem Kindergarten besuchen gehen kann. Gerade in solchen Punkten ist eine Inklusion als positiv zu werten für behinderte Kinder und NICHT-Behinderte Kinder, weil beide voreinander profitieren.

Da dachte dann das Sozialamt: "Moment mal, das kostet doch enorm viel Geld. Wäre es nicht besser, wenn das Kind ein Cochlear Implantat bekommen würde?" und hat der Eingliederungshilfe des Jugendamtes Bescheid gegeben. Die Denkweise des Sozialamtes heißt im Umkehrschluss also, dass das Kind den Staat weniger kosten würde, wenn es mit einem Cochlear Implantat versorgt wird und so ganz normal sprechen und hören wird - was aber so nicht stimmt: Ein Cochlear Implantat macht aus einem gehörlosen Kind kein normalhörendes und schon gar nicht komplett sauber sprechendes Kind.

Übrigens wird auch die Frühförderin des Kindes in dieser Richtung schikaniert, weil sie die Eltern in ihrer Haltung gegen das CI unterstützt.

Laut diversen Hinweisen geht der unerträgliche Müller-Zaracko-Artikel, in dem ganz unverholen davon gesprochen wird, dass der Staat in die Erziehung gehörloser Eltern eingreifen solle, wenn diese ihr Kind NICHT mit einem CI versorgen lassen wollen, da das Kind als Träger eigener Grundrechte Anspruch auf den Schutz des Staates hat, durch die Sozialämter, denen diese Empfehlung ganz gelegen kommt.

Hier der PDF-Link zum Müller-Zaracko-Artikel

Ist das nicht verrückt, wenn man einen Antrag auf eine Integrationsfachkraft stellt und sich prompt wegen Verdachts auf Kindeswohlgefährdung rechtfertigen muss?

Ich hatte so meine Befürchtungen, dass es so ablaufen könnte: Stellt das Jugendamt im Gespräch fest, dass die Eltern die CI-Versorgung ablehnen, so könnte das Jugendamt das als Kindeswohlgefährdung festlegen und das Kind mit der Polizei zur CI-Operation abholen. Oder schlimmer noch: Sie entziehen den Eltern komplett das Sorgerecht.

Damit wäre der Weg praktisch frei gewesen für eine komplette Entmündigung gehörloser Eltern, da man ihnen dann die Fähigkeit zur Kindeserziehung abgesprochen hätte.

Aber ich denke, wir können etwas aufatmen, da es ein ganz aktuelles Urteil vom 13.10.2010 in einem fast gleichen Fall gibt! Das Sozialamt hat sich sehr lange geweigert, einem gehörlosen Mädchen den Dolmetscher in der Regelschule zu bezahlen und forderte die Versorgung mit einem Cochlear Implantat!

Warum die Eltern des Mädchens wollen, dass ihr Kind eine Regelschule besucht? Nun, das Bildungsniveau auf Regelschulen ist höher als auf Förderschulen.

Hier die Fallbeschreibung: Gehörloses Kind hat Anspruch auf einen Dolmetscher in der Regelschule!

Gestern bekamen die Eltern das Urteil zugestellt, worin es heißt:

- Das Sozialamt muss den Dolmetscher in der Regelschule zahlen!
- Eine Einmischung in die Autonomie der Eltern ist nicht zulässig.
- Eine Entscheidung gegen das Cochlear Implantat muss respektiert werden und eine Bewertung
steht dem Sozialamt nicht zu!
- Eine Kindeswohlgefährdung wird vom Gericht nicht erkannt.
- Ein Verweisen auf eine Förderschule, die den Unterricht nicht in DGS (Deutsche Gebärdensprache) abhalten kann, ist nicht zulässig, weil das Kind von Teilen des Unterrichts ausgeschlossen wäre.


Damit dürfte der Fall Rastatt praktisch gestorben sein, denn die gehörlosen Eltern können sich ja auf dieses Urteil berufen. Mal sehen, was wir in den nächsten Tagen erfahren werden.

Kommentare:

  1. Schön, dass die Eltern diesmal ihr Recht bekommen haben. Aber ich bekomme Bauchschmerzen, wenn ich hier über diesen Fall lese und dann noch diesen Müller-Zaracko-Artikel.
    Für mich als Schwerhörige ist ein CI irgendwann sicherlich eine gute Lösung - für die ich mich dann aber auch selbst entscheiden kann. Letztlich muss ich ja auch unterschreiben, dass ich über alle Risiken der OP unterrichtet wurde. Für mich macht es Sinn, weil ich in der hörenden Welt lebe.
    Für ein Kind ist es wichtig, in einem Umfeld groß zu werden, wo es geliebt, genährt und versorgt wird. Wenn es Eltern hat, die selbst CI-Träger sind, dann wird sicherlich auch die Entscheidung für eine Frühversorgung fallen.
    Und wenn gehörlose Eltern selbstbewusst im Leben stehen, können sie sicherlich keinen Vorteil in einer CI-Versorgung für ihr gehörloses Kind erkennen - sie sehen eher die Risiken. Und die sind ja nun auch nicht gerade gering - OP-Risiken, traumatischer Eingriff, Identitätsprobleme, Zugehörigkeit...
    Da haben irgendwelche Leute vom Jugendamt vielleicht mal einen euphorischen Artikel über das Wunderwerk CI gelesen und glauben nun, sie wüssten alles.

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  2. Naja...
    woher sollen sie auch wissen, daß sie eben nicht alles wissen, wenn da doch so ein "hochwissenschaftlicher" Artikel kommt?

    Was folgt daraus....irgendwie muß die Sache mit der DGS und der Gehörlosenkultur beim Gros der Bevölkerung noch wesentlich präsenter werden.

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  3. Ich hatte so meine Befürchtungen, dass es so ablaufen könnte: Stellt das Jugendamt im Gespräch fest, dass die Eltern die CI-Versorgung ablehnen, so könnte das Jugendamt das als Kindeswohlgefährdung festlegen und das Kind mit der Polizei zur CI-Operation abholen. Oder schlimmer noch: Sie entziehen den Eltern komplett das Sorgerecht.
    Mit Verlaub: Das ist Quatsch!
    Wie ich schon im ersten Artikel zu der Causa angemerkt habe, wird das Jugendamt, wenn es zur Ansicht (ge)kommen (sein) sollte, daß eine Kindswohlgefährdung vorliegt, das Familiengericht anrufen. Vor einem negativen Urteil für die Eltern wird das Kind sicher nicht mit der Polizei in den nächsten OP gefahren. Eine akute Gefahr wird as Jugendamt nie und nimmer rechtfertigen können.
    Interessanterweise erwähnst Du weiter unten das rechtmäßige Procedere.

    Bei allem Verständnis für die Wut, die die Du gegenüber Sozialamt und Jugendamt hegst, bleib bitte auch bei den juristischen Fakten!
    Ansonsten ist es nur billige Stimmungsmache und entwertet Dein Anliegen.

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  4. Nachtrag:
    Das Verhalten des Sozialamts ist, sollte es sich wirklich so zugetragen haben, unter aller Sau.

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  5. Gibts inzwischen schon Neuigkeiten, wie das Ganze abgelaufen ist?

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