Samstag, 14. Mai 2011

Eine unerhörte Parallelgesellschaft mitten in München

München, Nymphenburger Straße.

Ein großes gelbes Haus - viele Passanten kommen daran vorbei und kaum einer weiß, wer da eigentlich wohnt. Vielleicht am ehesten noch der Obstverkäufer direkt davor.

Ich schlüpfe am Obstverkäufer vorbei, trete in den Vorgarten. Meine Hand greift nach der einen Schwingtüre, die ich früher so oft angefasst habe, doch die Türe ist verschlossen. Na klar, es es ist noch nicht Einkehrzeit der gehörlosen Azubis, die dort wohnen, leben, lachen und lernen. Dennoch erfahre ich von einigen kranken Gehörlosen, dass der Heimleiter leider noch nicht gesichtet wurde. Und bin etwas entsetzt, wie einfach die Sprache der Gehörlosen geworden ist.

Ich trete meinen Rückzug an und entere das Haus durch den Hintereingang und treffe dort gleich auf meinen alten Heimleiter, welcher mich auch sofort erkennt trotz der langen Abwesenheit. Breites Grinsen macht sich breit auf unseren Gesichtern, denn wir erinnern uns wohl sofort daran an die damaligen Diskussionen über die Gehörlosenwelt und das Bildungsniveau der Gehörlosen. Optisch hat der Heimleiter sich nun mal gar nicht verändert. Und er schmunzelt mich an: "Du gebärdest ja fast gar nicht mehr." Lachend erwidere ich, dass ich immer erst nach einer Weile wieder weiß, wie man gebärdet.

In meiner Erwartung habe ich vielleicht gedacht, dass er etwas grauer und weniger enthusiastisch an die Arbeit geht, doch seine Leidenschaft für seine Arbeit ist immer noch ungebrochen wie eh und je, auch wenn er die aktuellen Veränderungen in der Gehörlosenwelt mit Besorgnis verfolgt. Auch schwärmen mir seine Mitarbeiter/innen vor, was für ein toller Chef er seie.

Ich löchere ihn mit einigen Fragen , denn durch das kurze Gespräch mit einigen gehörlosen Azubis hatte ich das Gefühl, dass das sprachliche und bildungstechnische Niveau der Gehörlosen sogar einen weiteren Absacker nach unten getan hat als zu meiner Zeit schon.

Diese Auffassung teilt er auch und erzählt mir, wie jedes Jahr auf dem Einwohnermeldeamt beim Ausfüllen der Anmeldung die Frage auftaucht: "Was bedeutet ledig?" Dieses einfache Wort ist immer noch für die Mehrheit der Gehörlosen ein Fremdwort.

Und die aktuelle Entwicklung der Arbeitsämter aufgrund der Sparpakete, soweit wie möglich zu versuchen die Jugendlichen ohne Unterstützung direkt im Arbeitsmarkt auf einen Ausbildungsplatz zu unterbringen, die dann durch die hohe Frustation doch wieder im BBW landen, weil das Niveau für sie dort einfach zu hoch ist, weil man die gehörlosen Kinder eben nicht von Anfang an fördert, so wie man das eigentlich tun müsste, sieht er kritisch. Früher war es halt klar, dass die gehörlosen Jugendlichen direkt im BBW (Berufsbildungswerk) landen und dort hat man halt versucht, diese innerhalb der Ausbildungszeit reif zu machen für das Leben da draußen.

Natürlich ist es mir auch klar, dass ein BBW eigentlich auch ein Ghetto ist, aber im Grundsatz hat er recht - die Frühförderung der gehörlosen Kinder muss qualitativ schon sehr früh stattfinden, so dass sie bestmöglichst mit ihrer Situation klarkommen und gewappnet sind für eine Ausbildung direkt im ersten Arbeitsmarkt und so lange das eben nicht passiert, ist ein BBW leider für die Mehrheit der Gehörlosen der richtige Ort.

Hier sehe ich die Inklusion der Menschen mit Behinderung(en) als eine echte Chance für eine bessere Bildungspolitik für alle - sozial wie intellektuell.

Die Kommunikationsmöglichkeiten für die Gehörlosen sind in den letzten Jahren durch das bezahlbare Internet regelrecht explodiert, aber die Informationsmöglichkeiten sind genauso spärlich geblieben wie früher, denn mit dem Leseverständnis hapert es nach wie vor. Informationen sind also für Gehörlose heute wie früher nur selten aus einem Text ersichtlich. Aber es gibt auch erfreuliche Entwicklungen - die Gehörlosen sind selbstbewußter als früher, nur leider kollidiert das mit ihrer Informationsbeschaffungs- und Kommunikationskompetenz.

Ich habe große Lust mit meinem alten Heimleiter so ein richtiges Video-Interview zu machen, denn durch seine jahrelange Arbeit im Wohnheim der Azubis hat er einen großen Querschnitt durch die Gehörlosenwelt erlebt. Mal sehen, ob er dazu bereit ist. :-)

Kommentare:

  1. hej, augenschmaus,
    VIELEN DANK für diesen bericht!
    MACH DAS mit dem viedeointerview, lass´ dir einen guten titel einfallen und -> YT.
    + gruß: twitter reboehi

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  2. Ein Video fänd ich toll. So etwas suche ich für die Ausbildung von Erzieherinnen.
    Fragen wären für mich:
    - Wie fördern, welche Unterschiede zu hörenden Kindern?
    - Warum Inklusion in Kindergarten und Schule?
    - Welche Fähigkeiten müssen Erzieherinnen in Bezug darauf haben?

    Neugierige Grüße,
    murmel

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