Mittwoch, 29. Dezember 2010

Lieber keine schlafenden Hunde wecken, sonst...

droht dir das Jugendamt mit Kindesentzug oder setzt diese Ankündigung tatsächlich um.

Mir sind mehr als eine Handvoll Fälle bekannt, wo das Jugendamt gehörlosen Eltern mit Kindesentzug gedroht hat, falls sie diese ihr Kind nicht mit einem Cochlear Implantat versorgen lassen. Meistens läuft es so ab, dass der "überfürgsorgliche" Arzt das Jugendamt verständigt, da die gehörlosen Eltern, aber auch hörende Eltern sich ganz offen gegen die Versorgung mit einem Cochlear-Implantat ausgesprochen haben.

Oder die Eltern stellen eine Antrag auf eine Integrationsfachkraft für das Kind für die Dauer eines Regelkindergarten, wie es in Rastatt passiert ist. Vom Fall Rastatt kann ich nur berichten, dass die Eltern sich einen Anwalt genommen haben.

Der Rastatter Fall hier verbloggt: CI-Zwang für gehörlose Kinder? und Morgen haben die Eltern den Termin beim Jugendamt

Und jetzt kommen wir zu einem Fall, wo das Jugendamt den Kindesentzug tatsächlich wahr gemacht hat:

Anette S, eine gehörlose Mutter, aus Hamburg hat sich an das Jugendamt gewendet, sie bat um Familienhilfe und um Gebärdensprachunterricht für ihren hörenden Sohn Antonio. Und was passierte? Man nahm ihr den Sohn weg mit folgender Begründung: "Kommunikation und Interaktion zwischen Mutter und Sohn seien stark gestört und das Kindeswohl somit gefährdet."

Interessant - ich kenne sehr viele andere gehörlose Eltern mit hörenden Kindern, diese Kinder wachsen ganz selbstverständlich zweisprachig auf und die Kommunikation zwischen den Kindern und den Eltern ist garantiert nicht gestört.

Den Fall von Anette S. kann man hier nachlesen:

Kindeswohl: Bei Anruf Kind weg

Kommentar: Vom Amt über's Ohr gehauen


UPDATE VOM 30.12.2010: Jugendamt nimmt gehörloser Mutter Kind weg (dort findet man auch mehr Infos, v.a. dass die Gerichtsverhandlung am 6. Januar am OLG in Hamburg stattfindet, ob der kleine Antonio zur seiner hörenden Tante ziehen darf. )

Und die Begründung der Gutachterin des Amtgerichts ist skandalös, sie stellte aufgrund der Hautfarbe von Anette S. fest, dass sie sich als Opfer fühle, da sie "schwarz und gehörlos sei" und der hörenden Welt misstrauen würde. Die Kommunikation mit dem Sohn sei außerdem geprägt von zwei gegensätzlichen Kulturen und das Weltwissen der gehörlose Mutter seie eingeschränkter als das von Hörenden, weswegen sie ihren Sohn nicht erziehen könne.


Anette S. Anwalt weist darauf hin, dass die Gutachterin keine Gebärdensprache beherrschte, aber in welchem Zusammenhang ist mir nicht klar, denn es hätte auf jedenfall eine Gebärdensprachdolmetscherin anwesend sein müssen. Aber vielleicht bezog er sich auf die Unwissenheit der Gutachterin über die Gebärdensprache und die Gehörlosenwelt im Allgemeinen?

Oh, zwei gegensätzliche Kulturen? Fein, dann müsste das Jugendamt ja alle binationalen Beziehungen verbieten, da diese ja von zwei gegensätzlichen Kulturen geprägt seien und die Kinder dort aus den Familien holen und außerdem jedes Kind vor einer zweiten Fremdsprache retten, die im elterlichen Heim gesprochen wird.

Das Jugendamt hat eine Familie zerstört, sie haben die Kommunikation zwischen Mutter und Kind erst recht zerstört anstatt wirklich helfend einzugreifen.

Wozu wird dieser Fall führen? Eltern werden erst recht die Probleme in der Familie unter den Teppich kehren anstatt sich hilfesuchend an das Jugendamt zu wenden.

Gehörlose Eltern und Eltern mit einem gehörlosen Kind werden vielleicht abgeschreckt einen Antrag beim Jugendamt auf eine Integrationsfachkraft zu stellen für den Regelkindergarten oder einen Dolmetscher für die Regelschule aus Angst ihr Kind dadurch zu verlieren, obwohl sie nur eine bessere Bildung für ihr gehörloses Kind wünschen...

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