Sonntag, 26. Dezember 2010

Vom Benützt werden und die Gedanken dahinter

Mein Bloggerkollege Not quit like Beethoven hat einen sehr aufschlussreichen Blogeintrag verfasst, dessen Dimensionen ich nur zu gut kenne:

Werd ich benützt? Oder bin ich cool?


Kurzfassung: Wird man gemocht, weil man behindert ist oder wegen einer ganz anderen Tatsache?

Dieser Blogeintrag hat mich quasi in einen heißen Sommertag in Berlin zurückgebeamt, zurück zu einem Gespräch vor einem italienischen Restaurant mit Not quit like Beethoven. Wir unterhielten uns über das Leben, die Liebe, New York, Berlin und Barrierefreiheit im allgemeinen, bevor das Gespräch dann zur härteren Sachen überging: "Was macht eigentlich unser "Nichthören" aus uns?"

Im Laufe des Gesprächs stellten wir fest, dass wir diese eine Stellung in manchen Momenten zu gut zu kennen, ein Exot zu sein und irgendwie manchmal auf Parties im Mittelpunkt zu stehen, ohne es zu wollen - nur weil man von Haus aus interessante Zutaten mitbringt: Intelligenz und einen Hörschaden.

Irgendwann irgendwann meinte ich mitten im Gespräch (Kann man hier nachlesen: "Neues von der Cyborg-Front".) flapsig, dass wir beide ja einen Anmachspruch haben, der ziemlich exklusiv ist: "Na, schon mal im Bett mit einem Cyborg gewesen?"

Alex musste kurz grinsen und meinte "Hast du den schon mal gebracht?" Ich: "Nein, hab ich nicht. Dazu bin ich zu schüchtern und überhaupt kann das eher verschreckend sein, oder? Und wie steht's bei dir?" "Nee, hab ich auch noch nicht gebracht. Aber die Reaktion wäre mal interessant."

Ich sagte dann auch, dass nicht nur das Nichthören einen für anderen interessant macht, sondern auch den (gesunden bzw. hörenden) Partner des Betroffenen für andere und erzählte es, wie es war, wenn mein Ex irgendwo mit dabei war und die anderen Frauen im Raum feststellten, dass er eine gehörlose Freundin hat - das hat ihn auch auch auf einen Schlag noch interessanter gemacht. "Oh, er muss ja besonders einfühlsam sein, wenn er so auf seine Freundin eingehen kann.."

Da habe ich mich immer kurz gefragt: "Liebt er mich, weil ich so bin wie ich bin oder deswegen, weil es ihn als Mensch interessanter macht?" Hört sich schwer nach Minderwertigkeitskomplexen an, aber manchmal fragt man sich halt, weswegen man gemocht wird und als attraktiv empfunden wird von anderen.

Aber vorschreiben kann man den Menschen sowieso nichts. Auch nicht den Grund, weswegen man den anderen mögen darf/soll. Im ersten Augenblick hört sich das so nach "wenig" an, wenn man den anderen trotz seiner "Behinderung" oder gerade deswegen toll findet, aber höchstwahrscheinlich kann man dahinter viel mehr sehen: Die Offenheit des anderen sich auf etwas neues einzulassen.

Man sträubt sich halt dagegen gegen diese Schublade, weil man eben nicht nur aus der "Behinderung" besteht, sondern viel mehr ist als das und dabei vergisst, dass man gerade deswegen das ist was man ist. Etwas interessanter und etwas anders.

Eben wie jeder andere. Jeder Mensch hat etwas an sich, was interessant ist. Man muss es nur entdecken wollen oder sehen können.

Oder wie sagte Antoine de Saint-Exupéry doch einst: "Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Kommentare:

  1. Welch schöner und wahrer Beitrag - danke für Deine Zeilen! :-)

    Schönheit oder Attraktivität ist für jeden etwas anderes, letzendlich sind die gemeinsamen Interessen dann immer im Vordergrund, ohne die klappt das Zusammenleben schließlich nicht. Und selbst wenn sie diametral zueinander stehen, dann zählt am Ende, wie offen jemand für etwas neues ist, egal ob das Interessen oder eine Behinderung sind. Leider gibt es nur wenige Menschen, die so denken.

    Gruß,Felix

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  2. Liebe Marie, dein Kommentar zu diesem Blogeintrag findet sich hier: http://meinaugenschmaus.blogspot.com/2010/05/neues-von-der-cyborg-front.html#comments

    :-)

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  3. Sehr einfühlsam und differenziert -- schön! Wenn man von sich selbst verlangen muss zu sich selbst (inkl. Behinderung) zu stehen, dann kann man von anderen wohl nicht erwarten, das vollständig zu ignorieren. Ich finde übrigens, dass es überhaupt nichts mit Minderwertigkeitskomplexen zu tun hat, sich zu fragen, was der andere eigentlich an einem mag.

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