Samstag, 15. Januar 2011

Bild dich weiter. Nicht.

Im deutschen Fernsehen liegt die Untertitelquote bei nur 10,6%, wie die eifrigen Leser meines Blogs ja bereits wissen und per Twitter konnte ich ein sehr interessantes Experiment mit meinen Followern durchführen:

Letzten Sonntag haben diese mal aus Neugier die Untertitel auf der Seite 150 des ARD-Videotexts abgerufen und sich "Anne Will" gemeinsam mit mir angeschaut. Die Reaktionen waren allesamt sehr entsetzt: "Das sollen Live-Untertitel sein? Da fehlt ja einiges, da wird so vieles zusammengekürzt und unter den Tisch fallen gelassen." Und das einhellige Fazit war: "Da ist doch kaum eine eigene Meinungsbildung für Gehörlose möglich."

Richtig - die Untertitelsituation im deutschen Fernsehen lässt es nicht zu, dass Gehörlose sich eine eigene Meinung bilden können, denn die Untertitel werden bevormundend gekürzt, vereinfacht und geben vielleicht nur mal die Hälfte aller Informationen wieder. Die "Live-Untertitel" im dt. Fernsehen verdienen den Namen erst recht nicht und die normalen Untertitel sind ebenfalls eine Schande.

Zum Beispiel hasse ich es, wenn ich wie im letzten Tatort ablesen kann, dass Max Ballauf zu Franziska sagte: "Franziska, ich weiß, es ist scher für uns alle. Arbeite das einfach ab. Eins nach dem anderen. Ja, eins nach dem anderen." Der Untertitel enthielt aber nur: "Franziska, ich weiß, es ist schwer für uns alle. Arbeite das einfach ab. Eins nach dem anderen."

Das ist keine Seltenheit, bei weitem nicht. Vor einigen Jahren sah ich mir mal aus Interesse "Notting Hill" in der ARD mit Untertitel an und die Untertitelwerkstatt hat doch das Husarenstück fertig gebracht, den Film so veruntiteln, dass er total langweilig und platt von den Dialogen her wirkte, da man stark verkürzt hatte. Den Film habe ich aber zum Glück auf DVD hier mit den hochwertigen DVD-Untertiteln und der Vergleich war wirklich wie haarsträubend von der Qualität her!

Oder ein anderes Beispiel für die Bevormundung durch starke Verkürzung: Am 28.09.2010 sah ich mir die 490.Folge von "In aller Freundschaft" mit dem Titel "Schweres Erbe" an, da laut der Folgenbeschreibung das Baby von Arzu und Brentano evtl. Neurofibromatose hat und daher gehörlos auf die Welt kommen könnte. Im Laufe der Sendung habe ich mich gleich wieder mal schwarz geärgert mehren Stellen über die Bevormundung und Desinformationen per Untertitel stattfinden.

Der Dialog war nämlich folgender: Oberschwester Ingrid sprach einem Patienten Mut zu, dass dieser positiv denken solle, worauf dieser entgegnete: "Sie haben Recht." Und was konnte man in der Untertitelung lesen? "Richtig."

Es ist äußerst fies, wenn man weitaus mehr Informationen ablesen kann über die Lippenbewegungen und anhand der Untertiteln merkt, dass die Informationen nicht übereinstimmen.

Ich wiederhole es ganz gerne nochmal: Ich habe diese ständige Bevormundung per Untertitel satt!

Da muss die Untertitelwerkstatt Münster wie alle anderen Untertitelfirmen, die derzeit am Markt sind und für das Fernsehen produzieren, noch gewaltig daran arbeiten.

Das Gesamtfazit der derzeitigen Untertitelsituation, die normalen Untertitel wie auch die Live-Untertitel betreffend, ist:

Wie sollen Gehörlose sich so anständig informieren können über die Politik im eigenen Land und mitreden können, wenn die Untertitel nicht komplett 1:1 sind wie in anderen Ländern? Die anderen Länder schaffen das, dazu zählen USA, Kanada, England und mittlerweile auch Österreicih und die Schweiz.

Und heißt es nicht im Artikel 3. im Grundgesetz: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden?!

Und die Unterzeichnung Deutschlands der UN-Konvention der Menschenrechte der Menschen mit Behinderungen ist bisher auch nur ein Lippenbekenntnis, denn dort heißt es in Artikel 21 und 30 ganz klar, dass Menschen mit Behinderungen ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung, der Meinungsfreiheit und den Zugang zu Informationen besitzen wie nicht behinderte Menschen. Auch wird dort klargestellt, dass ein Recht darauf besteht, mit anderen am kulturellen Leben teilzunehmen, und alle geeigneten Maßnahmen zu treffen, um sicherzustellen, dass diese Zugang zu Fernsehprogrammen, Filmen und Theatervorstellungen haben.

Diese Regelungen werden aber in der Praxis wirklich verletzt, denn diese Angebote finden kaum statt.

Wann wird diese Diskrimination endlich ein Ende haben?

Es gingen übrigens mittlerweile E-Mails an Jürgen Trittin (Die Grünen) und Julia Klöckner (CDU) so wie an die SPD Hamburg hinaus mit der Einladung dazu, sich morgen die Sendung "Anne Will" mit Unteriteln anzuschauen, welche man auf der ARD-Videotext-Seite 150 findet. Ich bin gespannt, ob sie sich das antun werden. (Im Sept'10 schrieb ich eine Email an alle großen Parteien bzgl. Barrierefreiheit. Auch reagierten Bundeskanzlerin AngelaMerkel, Verbraucherministerin IlseAigner, Innenminister deMaizière, Regierungssprecher SteffenSeibert auf meinen Appell nicht. Keine Antwort bisher. Einzig die FDP antwortete mir im Namen von Gabriele Molitor. Sehr unerträglich - auch Behinderte müssten für Leistung zahlen. Haha - welche denn? 10,6% Untertitel in mieser Qualität und für die NICHT-Untertitelung vieler deutschsprachigen Filmen auf DVD? Das muss sich endlich ändern. Deutschland muss barrierefrei werden! Dafür kämpfe ich und dafür stehe ich auch. Das ist mein Anliegen und solange 100% hochwertige Untertitel nicht umgesetzt werden im deutschen Fernsehen, werde ich immer ein bissiger Pitbull bleiben und ein Auge auf die Parteipolitik haben, wenn es um Behindertenpolitik geht!)

Und wer die "Live-Untertitelung" der ARD bei Anne Will verpasst hat, kann das gerne morgen wiederholen. Ich übernehme keine Gewährleistung für den Schutz vor Nichtinformation. ;-)

P.S. Die Fragen, wie z.b. die Amerikaner die Live-Untertitel herstellen, werden hier beantwortet: Captioning im amerikanischen TV, auch hat die BBC in Großbritannien eine ähnliche Lösung, nur finde ich gerade die Seite nicht mehr. :-( Der ORF in Österreich arbeitet mit dieser Lösung: Technologie zur automatischen Spracherkennung

Nachtrag: Die Sender, die nicht oder nur wenig unterhalten wie z.b. RTL und Vox haben natürlich auch eine Rüge verdient - die stehen noch ganz am Anfang in dem Punkt. Nur: Wenn schon Untertitel angeboten werden, dann erwarte ich auch eine 1:1-Untertitelung - das nennt man nämlich Qualität.

Kommentare:

  1. Ja, auch ich ärgere mich viel zu oft darüber. Andererseits muss man aber auch mal anerkennen, dass die Deutsche Sprache in ihren Sprachmustern deutlich komplexer ist als z.B. Englisch. Da müssen selbst bei der Ton-Synchronisation Abstriche gemacht werden.
    Bei Anne Will finde ich es prima, dass es behaupt eine politische Talksendng gibt, die untertitelt wird. Klar, es könnte vieles besser sein.
    Aber anstatt auf denen herumzuhacken, die sich bemühen Hörgeschädigten Untertitel zu bieten, sollten doch mal die Sendungen bzw. Sender in den Fokus rücken, die sich da sehr zurückhalten.

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  2. Ich vermute, dass es nicht so tragisch ist, wenn die Untertitel sehr viel Text umfassen und rasch(er) vom nächsten Untertitel abgelöst werden.

    Als Hörender kommt man zumindest bei längeren Dialogen und/oder schnell redenden Personen nicht immer mit, geht mir zumindest so, wenn ich einen englischen Film mit englisch oder deutschen Untertiteln schaue.

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  3. Ich halte gar nichts von den langen Untertiteln und von Wiederholungen. Ich kann nicht so schnell mitlesen und finde eine geraffte Form besser. Dieses Herumgehacke auf der ARD finde ich falsch. Nur ein kleiner Satz zu RTL - aber hundert gegen die ARD die viel macht. Das passt nicht.

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