Montag, 3. Januar 2011

Die Scham über die Schwerhörigkeit im Alter

Zu den Seiten im Netz, denen ich regelmässig einen Besuch abstatte, gehört www.belauscht.de und dort fand ich einen Beitrag, der typisch ist für Leute mit Altersschwerhörigkeit:

kategorie: taubdumm
Montag, 3. Januar 2011, 10:48 Uhr
Abgelegt unter: Besorgt - an Kasse und Wühltisch

Iserlohn. Beim Hörgeräteakustiker.

Eine ältere Dame bekommt ein neues Hörgerät. Der Akustiker setzt das Gerät ein, justiert es und fragt:

“Na, stimmt es so, Frau Adler?”

Die Dame lächelt ihn an und sagt: “Ja, danke!”
Dann dreht sie sich zu ihrer Tochter um und fragt: “Was hat er gesagt?”

Quelle: http://www.belauscht.de/?p=2495

Schon die Ablage unter "Taubdumm" empfinde ich als störend, weil es mich an das negative "taubstumm" erinnert, klar war dieser Bezug stiltechnisch vom Belauscher gewollt, aber ich finde es schade, dass der Belauscher die Sache einfach nur lustig fand, anstatt sich zu fragen, WARUM die ältere Dame sich so verhält.

Es ist Scham darüber, dass der eigene Körper nicht nicht mehr so kann, wie man es von ihm kennt und man nicht mehr einfach mal so "mitkommt." Wer will sich das schon eingestehen?

Schade nur, dass die ältere Dame im Akkustikergeschäft zwar Hörgeräte trägt, aber nicht zugeben wollte, dass sie schlecht angepasst sind. Dabei wäre es so einfach: "Entschuldige, aber die sind noch nicht ganz optimal." Der Akkustiker kann zwar anhand der Audiodiagramme ungefähr abschätzen, wie es passen könnte, aber mit Feedback geht's halt besser.

Meine Oma ist auch mit den Jahren zunehmend altersschwerhörig geworden, davon ist übrigens jede dritte Frau im Alter betroffen und sie kann noch telefonieren, aber manchmal bekommt sie eben das Klingeln nicht mit, wenn ein anderes Geräusch den Klingelton überlagert.

Hörgeräte? Will sie nicht. Sieht ja jeder und im übrigen lacht sie dann immer mit einem Augenzwinkern zu mir rüber, wenn mal wieder der Vorschlag kommt, es mit einem Hörgerät zu versuchen: "Und du? Du trägst dein CI (Cochlear Implantat) ja auch nicht die ganze Zeit!" 1:0 für Oma! :-)

Vielleicht sollte sie mal mit Mario Adorf reden? Der ist jetzt nämlich auch Hörgeräteträger, aber er konnte es sich auch sehr lange nicht eingestehen, dass er immer schlechter hört. Als Schauspieler eigentlich eine Katastrophe, trotzdem gelang es ihm 9 Jahre lang seine Arbeit ohne Hörgeräte fortzusetzen.

Jetzt hat er welche und er steht dazu, sogar versehentlich unter der Dusche. ;-)

Quelle: Schwerhöriger Adorf verzichtete aus Scham auf ein Hörgerät

Was die Welt braucht? Keine falsche Scham und eine realistische Verabschiedung vom Gedanken der Perfektheit.


Kommentare:

  1. Ich hab da auch so eine Oma, die ihr Hörgerät nicht benutzen will. Vor allem weil es ihr stört.
    Der Fernseher wird bei ihr in solch einer Lautstärke aufgedreht, dass es einer Disko gleichkommt.
    Und da frage ich mich: verschlimmert das nicht die Schwerhörigkeit?
    Kannst Du dazu was sagen? :)

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  2. Hallo Anonym,

    Es gibt Induktionsschleifen, wo man den Fernseher direkt ans Hörgerät anschließen kann und die Lautstärke so regeln kann, sodass man die Lautstärke nicht so weit aufdrehen muss, damit man überhaupt was versteht!

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  3. Wirklich sehr verquer, die Dame aus dem Belauscht-Beispiel.
    Wie dieses Monster aus "Per Anhalter durch die Galaxis", das zwar ganz fürchterlich ist, aber gegen das man sich leicht wehren kann, weil es auch fürchterlich doof ist: Es denkt, wenn Du es nicht siehst, sieht es Dich auch nicht. gerettet. Als ob der Akustiker nicht mitbekommen würde, was sie zur Tochter sagt.

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  4. Schlaue Oma. ;-) Aber immerhin hast du ein CI und sie hat kein HG. Also könnte sie sich ja zumindest mal eins zu legen, immer tragen müsste sie es ja nicht. Vielleicht überzeugt sie das ja. *g*
    Ach ja und über den belauscht-Eintrag hatte ich mich auch schon aus dem gleichen Grund geärgert.

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  5. Ich hab's bei Oma und Schwiegermutter mitbekommen: Nullkommanull Ahnung von Technik, und keine Möglichkeit, sich auszudrücken, dass das Hörgerät nicht richtig eingestellt ist. Allerhöchsten dass es drückt oder zwackelt ist im Wortschatz vorhanden.
    Fernbedienung? Teufelswerk!

    *Ich* könnte dem Hörgeräteakustiker sagen, dass das Gerät dumpf klingt, ich nur Stimmen höre und das Telefonklingeln ausgefiltert wird, und zur Not die Einstellungen selber ändern und unter neuem Profil abspeichern.

    Bei alten Leuten habe ich den Eindruck, dass das Gerät nur einen Ein-Aus-Schalter in der Größe des Gerätes selber haben darf -- sie sind mit Bakelit-Drehschaltern aufgewachsen, die mit sattem "Klatsch!" das Licht eingeschaltet haben.

    Ich finde das Verhalten der Dame durchaus nachvollziehbar und auch lustig. Sie hat den Akustiker höflich behandelt und dann Bestätigung bei einer Vertrauensperson gesucht.

    Fröhliche Grüße,
    URS

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