Montag, 24. Januar 2011

Unsichtbar in der Masse

Mein Bloggerkollege Heiko Kunert von Blind-Pr hat schon vor fast 2 Jahren einen Blogeintrag verfasst, der mir ein Schmunzeln und gleichzeitig eine kleine Dankbarkeit bescherte darüber, dass man mir meine Gehörlosigkeit nicht ansieht, denn das verschont einen vor "Jürgens" dieser Welt.

Besagter Blogeintrag findet sich hier: "Zu früh" in Textversion und

"Zu früh" in Hörversion

Mein allererster Blogeintrag hier begann übrigens so: "Eine unsichtbare Behinderung - klingt gar nicht so dramatisch. Ist es auch gar nicht, aber einschränkend aufgrund dieser Tatsache."

Dramatisch ist es wirklich nicht, aber einschränkend. Nur sehe ich es nicht so, dass ICH oder die Gehörlosen im allgemeinen eingeschränkt sind aufgrund der Winzigkeit nicht hören zu können, sondern dass wir dazu gemacht werden. Klingt nach einer bequemen Ausrede, aber dazu ist es in 90% der Punkte, die einem spontan einfallen, einfach zutreffend.

Und das führt dann zu solchen Anfragen wie: "Welchen Beruf soll ich ergreifen, wenn man als Schwerhöriger trotz Hörgeräten nicht telefonieren kann?" bei meinem anderen Bloggerkollegen Not quit like Beethoven.

Beispiele wie unsichtbar es ist, nicht hören zu können, wie es mir immer wieder passiert im Umgang mit unwissenden Mitmenschen: An Weihnachten suchte ich nach einem Geschenk für meine Mutter - irgendwie fand sich in der Vorweihnachtszeit einfach kein geeignetes. Da sah ich ein Hörbuch von Gabriel García Márquez, gelesen von Hanns Zischler. Dramatisch von 29,90 auf 4,99 reduziert. Aber so ganz überzeugt war ich noch nicht und ging deshalb zu einer Verkäuferin und fragte sie, ob das gut seie. Sie sah sich das Cover an und rief mit völlig begeistertem Gesichtsausdruck: "Oh Gott ja! Der Mann, also der Zischler, der hat so eine Wahnsinnstimme. Ich würd's auf jeden Fall kaufen!" Ich musste kurz innerlich grinsen, weil sie MIR von der Stimme eines Mannes vorschwärmt und nicht gemerkt hat, dass ich nicht hören kann.

Wobei: Ich kenne die Stimme von Max Ballauf und muss meiner Lieblingsautorin Anette Göttlicher zustimmen, dass er das Telefonbuch von Rostock oder sonstwelcher Stadt vorlesen könnte - der Inhalt wäre alleine aufgrund der Stimme interessant genug angehört zu werden!

Ich bin froh, dass ich in ein Cafe gehen kann, mich hinsetzen kann und in aller Ruhe die Zeitung lesen kann, ohne dass es auffällt, dass ich nicht hören kann. Ich trage keinen Blindenstock, keinen Blindenhund mit mir mit. Die meisten Menschen denken sich bei der Bestellung lediglich oh: "Ausländerin" wegen meiner Aussprache.

Das gleiche ist mir mal passiert bei einem Auffahrunfall - es war Winter und von einer Sekunde auf die andere gab es Blitzeis und der Bremsweg war mehr als doppelt so lang. Zack! Aufgefahren! In meinem Führerschein steht, dass ich während der Autofahrt ein Hörgerät bzw. das Cochlear Implantat tragen muss, nur ist es immer aus, weil es mich meistens während der Fahrt stört. Natürlich kam bei dem Auffahrunfall auch die Polizei hinzu und und wir unterhielten uns. War ganz nett. Niemand hat mich nach meiner Gehörlosigkeit gefragt - die sahen nur auf meinen Ausweis und bemerkten meinen zweiten arabischen Vornamen und dachten sich: "Oh, Ausländerin."

Unsichtbar behindert zu sein in der Masse, das ist der einzige Luxus, den man mit dieser Behinderung hat. Diesmal ist man nicht eingeschränkt. ;-) Natürlich ist man nur so lange unsichtbar, bis man anfängt zu gebärden, denn dann werden die Leute erst recht aufmerksam und schauen neugierig-verlegen und vor allem faziniert rüber. Die Gebärdensprache ist eben immer noch nicht alltäglich in Deutschland, was schon schade ist.

Gehörlosigkeit sieht man nicht auf Anhieb. Man hört aber meistens auf Anhieb heraus, wenn etwas stimmlich nicht passt wie bei einem Akzent.

So gesehen sind Menschen mit Behinderungen Ausländer im eigenen Land - die Integration oder die Inklusion findet ja kaum statt in Deutschland! Bei der Integrationsdebatte um die integrierten Menschen mit Migrationshintergrund vermisste ich vor allem eins - die Debatte darüber, ob Menschen mit Behinderungen auch wirklich integriert in unserer Gesellschaft sind und ob auch dort Parallel-Welten durch die Aussortierung entstehen.

Es wird an der Zeit, dass die Gesellschaft sich fragt: "Wie können wir diese besonderen Fähigkeiten in unsere Gesellschaft einbringen?" und der Frage nachgeht, warum es überhaupt Menschen mit Behinderungen gibt und deren speziellen Fähigkeiten, denn einen Grund dafür gibt es ja bestimmt. Gehörlose sind z.b. in der Regel sehr gute Zeichner, Techniker und Handwerker. Blinden dagegen wird oft eine angenehme Telefonstimme oder eine erheblich größere Feinfühligkeit beim Tasten nachgesagt. Bei Albert Einstein vermutet man eine Anlage zum Asperger-Syndrom und welche Leistungen Einstein ja wohl für die Wissenschaft erbracht hat, ist unbestritten!

Leider IST unsere Gesellschaft so ausgelegt, dass sie immer versucht das "Unperfekte" wegzukriegen, z.b. durch die Erfindung des "Cochlear Implantat". Dabei könnte wirklich jeder vom anderen profitieren. Mütter mit Kinderwagen profitieren doch auch von den Rampen, die für Rollstuhlfahrer gebaut worden sind, oder?

Der eine oder der andere Leser mag jetzt vielleicht den Kopf darüber schütteln, dass ich so idealistisch und sozialistisch denke, aber vielleicht doch nur, da die Antwort auf diese Frage bisher nur eine Lösung kannte: "Menschen mit Behinderungen haben sich an die Gesellschaft anzupassen - nicht umgekehrt."

Dazu fällt mir ein Spruch des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker ein: " Nicht behindert zu sein, ist wahrscheinlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann."

Ich finde, er hatte recht. Es kann jeden aus heiterem Himmel treffen, was wir ja auch live im Fernsehen bei "Wetten, dass.." bei der Wette von Samuel Koch sehen konnten...

Nun, das gibt einem zu denken, nicht wahr?

Kommentare:

  1. Danke, Jule - Du sprichst mir aus der Seele.

    Wobei die Unsichtbarkeit auch Nachteile hat, denn eine unsichtbare Behinderung, die doch gravierende Einschränkungen haben kann, wird von der Gesellschaft gar nicht als gravierende Einschränkung wahrgenommen, und entsprechend kümmert man sich auch kaum darum.

    Gruß,Felix

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  2. Danke! Ich bin begeistert von der Genauigkeit und Ausdrucksstärke, mit der du das Thema auf den Punkt bringst!
    Dazu eine kleine Anmerkung: Es muss noch nicht einmal eine Behinderung sein, die einen ausschließt - ich zB habe die "behinderung" (man könnte, in deinem Sinne, auch "Begabung" sagen) eine sehr detailreiche, ungefilterte Wahrnehmung zu besitzen. Das ist auch unsichtbar - und manchmal auch störend (Stichwort Wald und Bäume!). Andererseits sehe ich so viele Details, die Spaß machen, mache interessante Beobachtungen und kann dies Menschen näher bringen um deren Blickwinkel zu erweitern!
    Konsequenz exklusionistische Gesellschaft: Lauf halt mit Sonnenbrille und Scheuklappen rum!
    Konsequenz inklusionistische Gesellschaft: Akzeptanz.

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  3. @Hauke, sprichst Du das Thema Hochsensibilität an?

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  4. Wow, das ist super-spannend. Habe da noch nie so drüber nachgedacht - danke für die Anregung! Werde jetzt mal weiterlesen...

    Liebe Grüße,
    die poetin

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  5. Deinen Text habe ich mit großer Aufmerksamkeit gelesen und muss Dir in allen Punkten Recht geben.

    Sehr interessante Sichtweise, die die Punkte aber genau trifft.

    Besonders der letzte Abschnitt gibt mir zu denken: Mich hat es nämlich vor einem Jahr auch aus heiterem Himmel getroffen. Infolge eines schweren Unfalls habe ich meinen Geruchssinn verloren.

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