Samstag, 9. April 2011

Der Monitor-Bericht und meine Gedanken dazu

Der Monitorbericht vom 07.04.2011 ist erschreckend, denn diesmal ging es um die Integration behinderter Kinder in die Gesellschaft, aber das Problem ist die Aussortierung der Kinder von Kindesbeinen AN aus der Gesellschaft, wodurch erst recht Barrieren in den Köpfen entstehen, die man dann später mühsam und manchmal auch kostenaufwendig beseitigen muss: http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2011/0407/integration.php5

Ich erinnere mich noch gut an den Beginn meiner Schulzeit, denn davor stand die Frage lange im Raum, ob ich auf eine Schwerhörigen oder Gehörlosenschule gehen sollte und nach einigen Tests durch "Fachleute" empfohl man mir den Besuch des B-Zug einer Schwerhörigenschule. Keine Ahnung, was der B-Zug genau war, aber ich denke, es war die "zweite Förderklasse". Dazu muss man sagen, das ich damals mit 5 Jahren altersgerecht gesprochen habe und wie jedes Kind in dem Alter war ich sehr wild. ;-)

Im Sommer vor der Einschulung stellte man mich also vor in der Schwerhörigenschule Augsburg vor, die ich übrigens ganz schrecklich fand, dieser alte dunkle Bau und die teilweise leicht herrischen Lehrer. Angeguckt haben wir übrigens einen Film über heimische Singvögel, wie man diese am besten über den Winter bringt. Natürlich ohne Untertitel - kann sich noch wer an dern Geruch der heruntergelassenen Leinwand und des Rattern des Projektors erinnern? Da sagte ich also zu meiner Mutter: "Nein Mama, es gefällt mir hier nicht."

Also ging es nach Nürtingen bei Tübingen, in die dortige Schule mit Internatsanschluss, was wohl zu Folge hatte, dass ich entweder dort aufs Internat gehe oder täglich hin und her pendele wie nach Augsburg auch. Auf der Schaukel sitzend, angestupst durch meine Tante, die auch mit dabei war, sagte ich also auf die Frage, ob ich es mir hier vorstellen könnte, hier zu Schule zu gehen: "Es ist ja ganz schön hier, aber ich will nach der Schule nach Hause kommen und mit meinen Freunden spielen." Daraufhin sagte der Schulleiter: "Du findest hier auch Freunde."

Das führte natürlich zur Diskussionen in der Familie: Welche Mutter will Ihr Kind schon hergeben müssen und welches Kind will schon weit weg von zu Hause zur Schule gehen müssen?
Sehr interessant dazu sind die Zahlen aus dem Monitor-Bericht in der ARD: In ganz Europa gehen behinderte Kinder zu 80% in eine normale Regelschule, nur 20% auf eine Sonderschule und hier in Deutschland ist es seit Jahren umgekehrt: 80% aller behinderten Kinder gehen auf eine Sonderschule und nur 20% auf eine normale Schule. Barrierefreiheit bedeutet auch, dass Eltern die Wahl haben, ob sie ihr Kind auf eine Sonderschule oder in die Schule um die Ecke schicken KÖNNEN!

Diese Wahl hatte meine Mutter zufälligerweise, denn nur 150 Meter von unserem Haus war die Grundschule und zufälligerweise war sie mit dem Sohn des Schulrektors befreundet, woraus sich ergiebige Gespräche ergaben und nach einem Gespräch mit dem Lehrerkollegium, wo ich auch vorgestellt worden bin. Zur dieser Zeit war ich ein Frechdachs im wahrsten Sinne des Wortes, der dann einfach auf den Tisch kletterte und fragte: "Wer wird jetzt mein Lehrer sein?" Worauf sich einer der Lehrer meldete: "Du kommst in meine Klasse." Also war das "Problem" jetzt gelöst und ich konnte nach den Sommerferien wie jedes Kind in meiner Nachbarschaft, die ich übrigens schon ewig kannte durch das nachmittägliche Spielen in deren oder in meinem Garten oder eben auf der Straße, auf die Schule in meiner Stadt gehen.

Und am ersten Schultag gab es noch eine freudige Überraschung für mich: Meine Freundin Bine, die neben meiner Tante wohnte und so zu einer meiner Spielfreundinnnen wurde, war auch in meiner Klasse. Wir stürzten also aufeinander und freuten uns tierisch, dass wir in einer Klasse waren. Mein Platz war übrigens ganz vorne, direkt am Pult des Lehrers. In dieser Zeit wurde auch der Grundstein gelegt für meine Liebe zur Sprache und dem Schreiben im besonderen, aber auch die Ablesefähigkeit und Beobachtungsgabe konnte ich dort trainieren, denn ich passte scharf auf wie ein Schiesshund, welche Bücher gerade angesagt waren und welche Hefte, denn das Klingeln der Schulglocke hörte ich ja nicht, sondern erkannte an den wechselnden Bücher und der Heften, welche ich gerade heraus holen sollte. Mein Lieblingsfächer waren übrigens Heimat-und Sachkunde, Sport und Tanzen. Und ich kann heute noch genau sagen, warum damals die Kirche meiner Stadt einstürzte und welche Aufgaben all die mittelalterlichen Gebäude hatten. :-)

Und im Schwimmunterricht hat es mich ganz fürchterlich geärgert, dass ich getrennt war von meiner Freundin Bine, die schon schwimmen konnte und daher im abgetrennten Schwimmerbereich unterwegs war, während ich noch bei den Nichtschwimmern herumpaddeln musste, woraufhin ich mir das Schwimmen selber beibrachte - ein paar Schwimmzüge am Beckenrand und immer mehr alleine, bis ich mich dann vor meinem Lehrer aufbaute: "Ich kann jetzt schwimmen!" "Zeig mal!" Ich sprang ins Becken rein und schwamm auf die andere Beckenseite, worauf er zu lachen anfing und die Absperrung hochhob, damit ich zu den Schwimmern rübergehen konnte. :-) Irgendwann in der 3. Klasse bekam ich sogar eine Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen für meine ausgezeichneten Schwimmleistungen, denn durch mein Training bei der Wasserwacht schlug ich nämlich regelmässig alle im Rückenschwimmen. :-D

Ich hatte übrigens die ganze Schulzeit auf den hörenden Schulen gar keinen Gebärdensprachdolmetscher, da ich nicht mit der Gebärdensprache aufgewachsen bin, falls diese Frage jetzt auftauchen sollte bei meinen Lesern.

So war das - ich ging bis zur 3. Klasse auf eine ganz normale Schule, bis man entdeckte, dass ich in Mathematik nicht so ganz gut mitkam und daher zogen wir nach Freising zu meiner anderen Tante, wo ich dann ab der 4. Klasse Schwerhörigenschulebesuchte und 45 Minuten mit dem Schulbus nach Hause brauchte. Dieser Wechsel in die Schwerhörigenschule war für mich ein kleiner Schock: Die Klasse war so entsetzlich klein - statt 32 Kindern nur 12 Kinder und sie sprachen alle so anders, da waren ja auch noch diese graubraunen Geräte hinter den Ohren und irgendwann nach dem monatlichen Besuch des Akkustikers in der Klasse fiel mir auf: "Mensch, ich habe ja auch welche hinter dem Ohr!" Übrigens wurde in der Schwerhörigenschule damals nicht gebärdet, aber heute wird dort zum Teil gebärdet, das weiß ich von einer Freundin, deren Sohn jetzt dort auf die Schule geht.

Da war es mir also zum ersten Mal nach langer Zeit wieder bewußt, dass ich irgendetwas hatte, was mit meinen Ohren zu tun hatte. Weiterhin war es mir mehr als rätselhaft, weshalb meiner Lehrerin nach meinem ersten Diktat in Deutsch die Augen aus dem Kopf herausfielen, weil ich ein fehlerloses Diktat abgegeben hatte und vor sich hin murmelte: "Das gibt es doch nicht, das kann nicht sein." Kurz darauf kamen andere Lehrer aus anderen Klassen zu Besuch und guckten sich das an, was ich da an fehlerlosen Aufsätzen und Diktaten produzierte. Auf die anderen Kinder muss ich in der Anfangszeit übrigens auch sehr rätselhaft gewirkt haben, da ich immer ein Buch dabei hatte und in jeder Pause meine Nase reinsteckte, denn das war und ist heute immer noch nicht "normal" für eine Gehörlose.

Deutschland, der Weltmeister im Aussortieren von Behinderten, sortiert aus, weil man der Meinung ist, dass die Aussortierten so besser lernen können, was aber ein fataler Irrtum darstellt: Es ist längst wissenschaftlich und auch praktisch erwiesen, dass beide Seiten davon profitieren, wenn sie gemeinsam beschult werden.

Ich bin mir heute sicher: Wäre ich gleich von Anfang an auf eine Schwerhörigenschule gegangen, hätte sich mir wohl die Schönheit der deutschen Sprache in Wort und Schrift nicht so erschlossen wie dort auf der hörenden Schule und der Kontakt zu meiner Freundin Bine wäre damals wohl abgerissen, aber er besteht heute noch.

Um eine barrierefreie Gesellschaft zu entwickeln, müssen die Kinder alle gemeinsam in eine Schule gehen, damit beim gemeinsamen Lernen die Barrieren gar nicht erst entstehen können und ganz nebenbei werden Berührungsängste abgebaut.

Und Deutschland hat einen verdammt langen und weiten Weg bis dahin, das ist einer der vielen dauerhaften Punkte, warum ich mich für mein Land schäme - es ist weit unter seinen Möglichkeiten in vielen Punkten, ganz besonders in Sachen Barrierefreiheit, Integration und Inklusion.

Kommentare:

  1. Das ist die traurige Wahrheit: Deutschland ist Weltmeister im Aussortieren von Menschen. Ganz egal ob es um Behinderte, Arme, Kranke oder Menschen mit Migrationshintergrund geht. Hauptsache aussortiert.

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  2. Ein toller, auch emotionaler Bericht.

    Es ist wirklich eine Schande für unser Land, was in Punkto Aussortierung so alles abgeht. Es gibt sogar Menschen, die Kinder im Allgemeinen am liebsten aussortieren möchten.

    In Deutschland stört eigentlich alles, was nicht so ist, wie es von der breiten Masse erwartet wird und gewollt ist. Und das ist schlimm. Nicht nur schlimm, es drängt Menschen, die es wirklich nicht verdient haben, ins Abseits.

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  3. Oh ja... ich wurde auch immer einsortiert, seit ich klein bin. Kindergarten, Schule... alles weit weg vom Heimatdorf. Ich mag mein Dorf, aber es wirkt mir manchmal fremd und ich habe hier einfach überhaupt keinen Kontakt zu Gleichaltrigen und bin daher immer allein.
    Mein einziger Highlight war der Kommunionsunterricht in der 3. Klasse. Ich war da immer schüchtern, weil ich das einfach nicht gewohnt bin. Aber die anderen Kinder waren sehr nett und wir haben uns angenähert sowie "Codes" ausgetauscht. Da habe ich mich nach einiger Zeit auch gewünscht, dass ich auch auf die gleiche Schule wie sie gehen könnte. Noch heute werde ich wehmütig, wenn ich die Schulkinder heute miteinander ratschend auf dem Heimweg sehe.
    (Meine Schulzeit - sowohl in der Schule als auch im Internat - war übrigens von der 1. Klasse bis zur letzten Klasse die Hölle und ich konnte leider nichts daran ändern.)

    Ich hatte auch schon immer Probleme mit der deutschen Sprache gehabt... aber das hat sich geändert, als ich das Internet für mich entdeckte. Ich hatte beim Chatten so viel Kontakt zu Hörenden gehabt, dass ich mir selbst beigebracht habe, wie die Grammatik eigentlich funktioniert und Artikel habe ich mir auch dadurch besser merken können.

    Würde ich jemals ein hörbehindertes Kind bekommen, würde ich es auf jeden Fall in unsere Dorfschule schicken! Wenn ich an meine Kindheit denke, habe ich immer das Gefühl, ich hätte sie nur sehr wenig "daheim" verbracht.

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  4. Liebe Annie, vielen Dank für deine offenen Zeilen - ich habe mich sehr darüber gefreut und ich danke dir sehr für deinen Mut.

    Die Entwicklungen der Behindertenpolitik werden wir jedenfalls sehr genau im Auge behalten - für unsere Kinder, damit diese SELBSTVERSTÄNDLICH in die Schule um die Ecke gehen können! :-)

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  5. Spannender Realitätsabgleich. Danke dafür!
    Vielleicht dazu passend: meine Seminararbeit aus dem letzten Jahr zum Thema Eugenik heute. http://www.wp.alpporn.de/?p=929

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  6. Schlimme Zustände in Deutschland (und Österreich), bzw. östlich des Eisernen Vorhangs sowieso.

    Ich denke, dass inklusive Schulklassen allen Beteiligten etwas bringt, v.a. auch die Mitschüler sozialer werden bzw. Verantwortung übernehmen lässt.

    PS: Am 16. April ist bei Menschen - das Magazin wieder Gehörlosigkeit Thema:

    http://menschen.zdf.de/ZDFde/inhalt/16/0,1872,2029872_idDispatch:10510185,00.html

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