Donnerstag, 21. April 2011

"In aller Freundschaft" die Pistole auf der Brust

Am Montagmorgen hatte ich die Gelegenheit die Wiederholung der Folge "Trügerischer Friede" anzuschauen und mir gefiel die ganze Story von Anfang bis Ende überhaupt nicht, weil sie ein total verzerrtes Bild bis auf ein paar wahre Krumen von der Welt der Gehörlosen wiedergibt zur besten Sendezeit.

Ich weiß gar nicht, wo ich eigentlich anfangen soll, weil die ganze Folge ein Haufen Schwachfug ist, und bestürzenderweise legt die Filmproduktionsfirma SAXONY MEDIA ein völllig realitätsfremdes Verhalten an den Tag mit ihren Begründungen, warum sie die Folge in der Gesamtheit mit Storybuch, Besatzung und Fakten völlig in Ordnung finden.

Die Darstellerin Johanna Ingelfinger, die die 14jährige Lilly Brückner dargestellt hat, nehme ich komplett aus der Schußlinie denn sie hat sich getraut im www.taubenschlag.de sich der wütenden Meute zu stellen und erklären, was eigentlich am Set passiert ist:
Fakt 1: Johannas Bruder ist hochgradig schwerhörig und trägt Hörgeräte - die Filmfirma Saxony Media beharrte aber im Antwortschreiben darauf, dass Johannas Bruder gehörlos ist und in Deutscher Gebärdensprache kommuniziert wird. Ich denke aber, dass vermutlich eher in LBG kommuniziert wird bei den Ingelfingers.

Und jetzt denkt ihr alle wohl so: "Hä? Deutsche Gebärdensprache? LBG? Was zum Teufel?"
Exkurs: Die Deutsche Gebärdensprache, kurz DGS, ist eine vollwertige und anerkannte Sprache, die ihre eigene Grammatik und Syntax hat. Funktionieren tut sie ihren eigenen Gesetzen, also im Zusammenspiel mit Mimik und im dreidimensionalen Raum.
Lautsprachlich begleitende Gebärden, kurz LBG, ist auch Gebärdensprache, aber sie folgt dem Satzbau der deutschen Sprache, also der Lautsprache, weshalb sie auch so heißt. Alles klar?

Gut, dann gehen wir einen Schritt weiter: Es ist also etwas völlig anders, ob man in DGS oder LBG spricht als Gehörloser, aber das werde ich in einem gesonderten Blogpost an meiner eigenen Person selbst erklären!

Johanna hat erzählt, dass man ihr am Set sagte, sie solle so gebärden, dass alle sie verstehen, was sie meint, womit schon mal eine ungeheure Verzerrung auftritt, denn die Gebärdensprache ist ja nicht immer auf Anhieb nachvollziehbar für Hörende. Auf der Re:publica habe ich einem kleinen Publikum die Gebärden für die Länder gezeigt und das Fazit war: "Bei der Auflösung sagt man sich: "MENSCH, das war doch total offensichtlich!!"

Nun, mich hat es geärgert, dass suggestiert worden ist, dass Gehörlose so perfekt von den Lippen ablesen können, so wie es Lilly tat in der Folge - aber vielleicht bin ich auch daran schuld? Vielleicht las auch ein Drehbuchautor von meinem Ableseservice oder wie auch immer und dachte sich: "Gehörlose können so perfekt ablesen!"

Das stimmt nicht und trifft längst nicht auf alle Gehörlose zu, dass es so ist. Ich betone hier an dieser Stelle noch mal: Ich habe Glück, dass ich es auf diesem hohen Level kann, aber das liegt auch daran, dass ich zu 95% in der hörenden Welt lebe und mich auch dort zu Hause fühle, da geht das nicht anders, dass man ziemlich gut darin wird, denn Lippenlesen ist nichts anders als das visuelle Erkennen von gesprochenen Informationen über die Lippenbewegungen des Sprechers, aber auch beim Ableseservice sage ich ganz offen: "Ich kann nicht alles ablesen, denn das wäre Hexerei!"

An sich klingt das Lippenlesen supereinfach und das ist es auch für Gehörlose, wenn man einige Bindungen beachtet, die ich hier schon mal beschreiben habe: Kommunikationsregeln für ein Gepräch mit Gehörlosen

Aber dann kommen wir mal zu den Tücken: Jetzt kommen wir zu den Tücken. Deutsche Sprachforscher haben herausgefunden, dass nur etwa 15% der deutschen Sprache ablesbar sind für Lippenleser, was daran liegt, dass im Deutschen vielfach lautsprachlich ähnliche Wörter existieren, die aber eine unterschiedliche Bedeutung haben.
Man denke nur mal an: "Butter-Mutter", "Tisch-Fisch.", "Greifen-Reifen.", "Achtzig - hat sich" und noch so einige andere Wörter.

Sprachforscher schätzen deshalb, dass geübte Lippenleser daher etwa nur 30% von den Lippen ablesen können, was ich aber nicht so bestätigen kann aufgrund der Tatsache, dass Laborbedingungen nicht vergleichbar sind mit den tausend verschiedenen Faktoren im wahren Leben.

Ich kenne sehr viele Gehörlose, die auch sehr gut Lippenlesen können, aber was heißt in dem Fall gut lippenlesen? Ab wann sind Informationen wirklich informativ, bzw. wieviel Prozent von einer Information muss man mitbekommen haben, damit sie wirklich informativ ist, ohne dass allzuviel von der Information verloren geht?

Es kommt beim Lippenlesen auf sehr viele Faktoren an, um auch als oder gerade als Gehörloser/Schwerhöriger Mensch gut darin zu sein.

1. Verhältnis zum Gegenüber: Wie gut kennt man sich und dessen Mundbild?
2. Lichtverhältnisse
3. Situation: Einzeltrefffen oder größere Anzahl von Personen?
4. Handelt es sich um einen Vortrag oder ähnliches?
5. Wie "wach" ist man gerade?
7. Wortschatz/Allgemeinwissen der lippenlesenden Person (gerade dieser Faktor ist einer der wichtigsten, wenn nicht der allerwichtigste neben der Verhältnisfrage!)
6. Es gibt noch einige andere Faktoren, die man ins Feld führen könnte, aber die 5 reichen vorerst mal aus.

Wenn man dann weiß, wie schlecht die Bildung mancher Gehörlosen ist durch die verpfuschte Bildungspolitik, worüber ich hier schon mal im Interview berichtet habe: Gehörlose werden systematisch von politischer Bildung ausgeschlossen, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, warum sowenige Gehörlose auf dieses Level von mir kommen.

Gut, dann weiter zu "In aller Freundschaft", in der Folge ging es darum, dass die von Geburt an gehörlose Lilly ein Cochlear Implantat bekommen soll, weil ihr Vater sich davon ein bessere Chancen in der Gesellschaft erhofft für seine Tochter. Gut, das tun alle Eltern, dieser Wunsch ist normal für alle.

Aber wenn man weiß: "In aller Freundschaft" wird seit der Stunde null für Gehörlose untertitelt auf ARD, auch ist es bei dar ARD und Saxony Media bekannt, wie beliebt die Serie bei Gehörlosen deswegen ist. Vor einigen Jahren gab es schon mal eine gehörlose Patientenstory, wo dann das gesamte Arztpersonal sich überlegt hat, wie man die Kommunikation in einem solchen Fall verbessern kann und die Story war aber etwas fad - es ging um den Interessenkonflikt zwischen der gehörlosen Patientin und ihrer besten Freundin, einer Gebärdensprachdolmetscherin wegen einem Mann!

Gut, die Untertitel sind als da für Gehörlose und dann wird denen ganz unverholen die Pistole auf die Brust gesetzt: "Guck mal, wir sind für das Cochlear Implantat und Lilly ist ja auch schon 14, es ist nicht nur für gehörlose Kinder, sondern auch etwas für ältere Gehörlose!"

Das empfinde ich als den eigentlichen Skandal und es ist auch einer, wenn man weiß, dass "In aller Freundschaft" bereits mal wegen Schleichwerbung aufgefallen ist, wie Stefan Niggemeier berichtet hat: Wie die ARD Schleichwerbung recylet mit "In aller Freundschaft", dann beschleicht einen einfach das ungute Gefühl, dass eine der vielen CI-Firmen auf dem Markt mit der ARD einen solchen Vertrag abgeschlossen hat, um dann überaus einseitig über Gehörlose zu berichten mit einer absolut positiven Tendenz zum Cochlear Implantat.

Und dank dieser Folge werden sich auch viele Gehörlose die Frage von unwissenden Hörenden fragen lassen müssen: "Warum hast du kein Cochlear Implantat? Damit könntest du wieder hören."

Nun, was man nicht kennt von Geburt an, das vermissen viele Gehörlose einfach nicht, warum sollten sie also? Was den Gehörlosen allerdings schon immer Sorgen bereitet, ist der Druck auf sie, wenn sie sich selbst oder ihr Kind nicht mit einem Cochlear Implantat versorgen lassen, denn durch ihre eigenen Erfahrungen wissen sie ja, wie schlecht die Bildungspolitik für Gehörlose ist.

Warum wird also nicht die Bildungspolitik für Gehörlose erheblich verbessert und so den Eltern eines gehörlosen Kinides, egal ob diese hörend oder gehörlos sind, eine echte Wahlfreiheit angeboten:"Auch wenn ihr Kind nicht implantiert wird, es hat trotzdem die besten Aussichten auf eine gute Bildung." Und selbst wenn das Kind implantiert wird, so bedeutet es nicht automatisch, dass das Kind normalhörend wird, denn nur ganz wenige Kinder kommen auf ein normalhörendes Level und damit auf eine Regelschule.

Und selbst, wenn man ertaubt ist und sich mit einem Cochlear Implantat versorgen ist, ist das nicht immer eine Garantie dafür, dass man wieder zu seinem alten Hörvermögen zurückfindet, obwohl es eigentlich die beste Grundlage im Normalfall dafür ist:

Der gehörlose Bankberater Robert Davis über die Kreativität der Gebärdensprache und seine Hörfähigkeit mit dem Cochlear Implantat und die Einsamkeit als gehörloser Mensch in Deutschland aufgrund der schlechten Inklusion und Integration - Robert Davis hat trotz dem früheren Gehör keinen großen Erfolg durch die Versorgung. Hier ein Video von Robert Davis an seinem Arbeitsplatz in der Düsseldorfer Commerzbank

Aber sehr lustig und auch realitätsfremd, ist die Begründung der Filmfirma, warum man keine gehörlose Schauspielerin an das Set geholt hat, an einem Filmset müsse es schnell gehen und ein Dolmetscher wäre auch keine große Hilfe, außerdem würde man gar nicht verstehen, was das Problem sein soll, da Johanna doch ihre Rolle gut gespielt hat?!

Die haben wohl noch nie von der Amerikanerin Marlee Matlin gehört, der jüngsten und einzigen gehörlosen Golden-Globe und Oscargewinnerin für "Gottes vergessene Kinder." In Amerika wird Marlee gern und oft gebucht für viele Serienrollen, welche sie überzeugend und erfolgreich darstellte.

Oder eben die Französin Emanuelle Laborit, die die Mutter von Lara in "Jenseits der Stille" spielte, dann wäre noch der Vater von Lara, der vom ebenfalls gehörlosen amerikanischen Schauspieler Howie Seago gespielt wurde.

Es gibt gehörlose Schauspieler, sie sind da und erfolgreich in ihrem Metier. Auch in Deutschland gibt es welche, nur entdeckt das Fernsehen sie nicht, weil sie es einfach nicht wollen aus lauter Bequemlichkeit.

Übrigens: Wer gehörlose Schauspieler in Action erleben will, kann das am 30.April um 15 Uhr in Esslingen tun - gesprochen wird in Gebärdensprache und für die hörenden Zuschauer gibt es einen Dolmetscher! :-) Gespielt wird das Theaterstück "Bluthochzeit."

Mir hat eine gehörlose Freundin gesagt: "Also, mir wäre es lieber gewesen, wenn du die Rolle in "In aller Freundschaft" gespielt hättest, denn du wärtest echter gewesen, obwohl du ja nicht perfekt Gebärdensprache kannst, aber du wärtest einfach überzeugender gewesen."

Mein Traum ist es ja, in einem Tatort mitspielen zu dürfen, am liebsten in einem Hamburger, Münsteraner oder Stuttgarter Tatort - da würd ich gerne eine gehörlose Lippenleserin spielen, die dann von den Kriminellen gejagt wird, weil sie zuviel gesehen hat. *hihi*

Wie gesagt - die Filmfirma Saxony Media und die ARD haben hier ganz schön großen Mist gebaut und so viel Unwahres erzählt. Das Fernsehen sollte seinem Bildungsauftrag nachkommen und tut es einfach nicht, wenn es um Gehörlose geht, egal ob es um Untertitel oder einen vernüftigen Beitrag geht.

Die Mediathek der ARD ist übrigens bisher ohne Untertitel, da hast du als gehörloser Tatort-Fan einfach schlicht und einfach Pech gehabt, wenn du eien Folge verpasst hast und bei anderen Filmen sowieso auch.

Wann wird das deutsche Fernsehen endlich komplett barrierefrei sein - auch vom Denken über Gehörlose und für Gehörlose?

Auch der Taubenschlag berichtet über diese Folge von "In aller Freundschaft: Trügerische Taube

Kommentare:

  1. Eine gehörlose Lippenleserin in einem Krimi? Dazu fällt mir die amerikanische Serie "Sue Thomas, F.B.Eye" ein, aber die kennst du womöglich schon. Auf jeden Fall geht es um eine gehörlose Lippenleserin, die als Ermittlerin für das FBI arbeitet. Die Schauspielerin ist selber gehörlos und fungierte bei den Dreharbeiten auch als Sachverständige, indem sie beispielsweise die zu erwartenden Regie-Patzer korrigierte: "bei der schummrigen Beleuchtung in der Bar-Szene könnte man aber nicht gut lippenlesen", "sobald der mir den Rücken zuwendet, sehe ich doch nicht mehr, was er sagt" usw.

    Aber als "Tatort"-Thema könnte ich mir sowas auch gut vorstellen... hoffentlich machen sie das mal...

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  2. Naja, ernsthaft: "In aller Freundschaft" ist eine Arztserienschmonzette, wo in der Mehrzahl der Fälle alles glücklich endet, alles idealisiert dargestellt wird, und so gut wie nichts dem harten Klinikalltag entspricht.

    "Emergency Room" war da schon eher der Realität angenähert (meine Lieblingsserie früher).

    Will damit sagen: Jede Krankheit/Erkrankung oder "Zustand" wird dort falsch/plakativ/klischeehaft dargestellt.

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  3. Gegen "In aller Freunschaft" ist die Schwarzwaldklinik Qualitätsfernsehen.

    Daß sich ein öffentlich-rechtlicher Sender immer wieder für eine nicht zu übersehende Industrie-Lobby hergibt, ist unabhängig von Herz-Schmerz unerträglich.

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