Samstag, 28. Mai 2011

Brandbrief an die Bundesregierung

Beim Herumstöbern auf YouTube entdeckte ich den Kanal vom Weißen Haus, also dem Oval Office und entdeckte folgendes: Die Videos sind mit Untertitel - natürlich mit englischen Untertiteln, wie sollte es auch anders sein? ;-) Gehörlose und Schwerhörige in den Staaten können also am Video-Podcast des Weißen Haus teilnehmen und erfahren so, was ihr Präsident so sagt und treibt.

Die Livestreams des Weißen Hauses sind außerdem sehr häufig mit Gebärdensprachdolmetscher und Live-Untertitel zu sehen, ganz zu schweigen davon, dass in Amerika alles im TV untertitelt und verdolmetscht wird.

Ich ziehe immer wieder als Beispiel für gelebte Inklusion das Video von der Inauguration Obamas an - ganz selbstverständlich Gebärdensprachdolmetschereinblendung und Live-Untertitel auf den Videoleinwänden und im Fernsehen. Diese Übertragung fand übrigens auch im Internet statt, weswegen die Gebärdensprachdolmetscherin mit blauem Hintergrund im Video zu sehen ist - normalerweise ist die Dolmetscherin nicht so "störend" im Bild zu sehen.

Und dann haben wir hier in Deutschland Bundeskanzlerin Merkel mit einem eigenen Videopodcast - ohne Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher, was ich natürlich sofort in einer E-Mail an die Regierung bemängelt habe. Die Antwort kam zurück, dass man leider nicht technisch in der Lage seie Untertitel oder einen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung zu stellen, aber man werde die Textversion online stellen. Nett, nicht wahr? Barrierefreiheit heißt, Zugang zu haben - ich möchte also auch Merkels Gesicht vor mir haben mit Untertiteln, wenn sie etwas sagt und nicht einen öden Text dazu lesen.

Die Bundesregierung legt sonst immer soviel Wert auf Chancengleichheit und Zugänglichheit, also warum sorgt sie nicht endlich dafür, dass der Videopodcast der Kanzlerin endlich mit Untertitel erhältlich ist?

Diesen Blogeintrag werde ich an den @RegSprecher in einem Tweet weiterleiten und außerdem noch an so einige Politiker. An die Bundesregierung selbst zu schreiben, kommt mir eher überflüssig vor, da sie mir auf meinen Appell auch selbst noch nicht geantwortet hat.

Hier übrigens der Screenshot von der Antwort eines Mitarbeiters des Regierungssprechers Steffen Seibert (das Kürzel BPA sagt aus, dass Seibert nicht selbst den Tweet verfasste) auf meinen Tweet damals, wie die Bundesregierung zu Menschen mit Behinderungen und zur Barrierefreiheit steht: (Für meine blinden Leser die Bildbeschreibung: Das ist ein Screenshot von der Antwort des Regierungssprechers Steffen Seibert auf meine Frage per Tweet: "Wie steht die Bundesregierung zu Menschen mit Behinderung(en) und zur Barrierefreiheit?" Antwort: @EinAugenschmaus Hilfe für MEsnchen mit Behinderung ist BReg sehr wichtig. Infos dazu im Internet http://www.einfach-teilhaben.de) (BPA) Das Kürzel BPA sagt außerdem aus, dass nicht Seibert selbst auf den Tweet reagierte, sondern ein Mitarbeiter des Bundespresseamtes.)

Mir ist klar, dass man auf Twitter nicht adäquat antworten kann, weil es eben nur 14o Zeichen gibt und es ist nett, dass das Bundespresseamt im Februar damals reagiert hat auf meinen Tweet und sogar einen Link setzt.

Menschen mit Behinderung(en) wollen aber keine Hilfen zum Ausgleich der bestehenden Barrieren, weil das Problem der nichtbarrierenfreien Gesellschaft so nicht beseitigt wird. Natürlich brauchen wir Hilfen für unser Leben, aber das sollte eher die Bedürfnisse der jeweiligen Behinderung abdecken und sonst sollte die Gesellschaft barrierefrei sein und Inklusion nicht nur ein Fremdwort sein.

Die Barrieren in den Köpfen der Menschen müssen verschwinden - die Gesellschaft, ich kann es nur wieder mal wiederholen, muss an den Punkt kommen, dass sie sich ernsthaft fragt:"Wie können wir alle an diesen Punkt kommen, dass wir als eine Gesellschaft von klein auf soweit kommen, dass es egal ist, woher man kommt, was man hat und wer man ist?"

Mein Regierungsauftrag an die Bundesregierung lautet: Barrierefreie Pressekonferenzen mit hochwertigen Live-Untertitel und Gebärdensprachdolmetschereinblendung sowie barrierefreien Videopodcast der Bundeskanzlerin sowie 100% 1:1- Untertitel im deutschen Fernsehen und sämtliche Nachrichtensendungen mit Gebärdensprachdolmetscher.

Nicht mehr und nicht weniger. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein und in puncto dieser Selbstverständlichkeit steht die Bundesregierung und die Fernsehanstalten Deutschlands in einer gewaltigen Bringschuld.

Und was die Barrierefreiheit im Web angeht, bin ich nicht die einzige, die sich darum Gedanken macht - wo bleibt eigentlich die lang geforderte Umsetzung von BITV2 (Barrierefreies Internet) im Web? Hier die Infos:
http://www.bik-work.de/startseite.html

Die Experten um BITV2 arbeiten hart an der Umsetzung, sie baten sogar die Bundeskanzlerin um Unterstützung in einem Brief, das geschah am 20.07.2009:
Bundeskanzlerin um Unterstützung gebeten Und sie wiesen auf die Dringlichkeit der Verordnung hin für Menschen mit Behinderungen: "Jetzt liegt seit einem halben Jahr ein abgestimmter Entwurf der BITV 2 vor. "Allerdings sehen wir nicht, dass dieser in die Tat umgesetzt wird bzw. als BITV 2 erlassen wird. Dem DBR ist es wichtig, dass die Weiterentwicklung der Verordnung, die jetzt auch auf die Belange von Personengruppen wie lernbehinderte, gehörlose und geistig behinderte Menschen eingeht, unverzüglich umgesetzt und die alte BITV abgelöst wird", betont der Deutsche Behindertenrat. Der Anspruch auf eine uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der Zugang zu Informationen und zu Kommunikationswegen sei auch im Hinblick auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen dringend zu realisieren. Jeder Ausschluss bedeute Diskriminierung."

Bis heute ist es nicht bekannt, ob die Bundeskanzlerin überhaupt auf den Hilferuf reagiert hat, denn Google hatte lediglich 3 Seiten zu Bundeskanzlerin BITV2 vorzuweisen.

Interessant sind die Lippenbekenntnisse der Bundesregierung zur Barrierefreiheit, Inklusion, Integration der Menschen mit Behinderungen in diesem Protokroll vom 01.Dezember 2010:

http://www.bundestag.de/dokumente/protokolle/plenarprotokolle/plenarprotokolle/17077.txt

Mein Dank für diese Fragen an die Bundesregierung geht folgende Politiker: Markus Kurth, (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn (Bündnis90/Die Grünen), Silvia Schmid (SPD), Brigitte Pothmer (Bündnis90/Die Grünen), Manuel Sarrazin (Bündnis90/Die Grünen) , Priska Hinz (Bündnis90/Die Grünen), Dr. Ilja Seifert (Die Linke), Kerstin Andrae (Bündnis90/Die Grünen), Daniela Wagner (Bündnis90/Die Grünen), Dr. Konstantin von Notz (Bündnis90/ Die Grünen), Monika Lazar (Bündnis90/Die Grünen), Tabea Rößner (Bündnis90/Die Grünen), Tom Koenigs (Bündnis90/Die Grünen), Elisabeth Scharfenberg (Bündnis90/Die Grünen), Brigitt Bender (Bündnis90/Die Grünen), Anna-Maria Klein-Schmeink Bündnis90/DieGrünen), Uwe Kekeritz (Bündnis90/Die Grünen)! Sollte ich jemanden vergessen habe, dann tut es mir leid - aber jedem MdB des Bundestag, der sich getraut hat, der Bundesregierung eine kritische Frage zu stellen bezüglich der UN-Behindertenkonvention, Barrierefreiheit und Inklusion, dem gebührt Applaus für den Willen sich mit dem nicht sehr beliebten Ressort Behindertenpolitik auseinanderzusetzen!

Sehr interessant fand ich es, dass kein einziges Mitglied von der FDP/CSU/CDU überhaupt eine Frage gestellt haben dazu, aber sie stellen ja die Regierung, nebenbei ist es noch interessant zu erwähnen, dass der damalige Staatsekretär Daniel Bahr, der heutige Gesundheitsminister also, einige behindertenspezifische Fragen der Abgeordneten beantwortet hat.

Und auch hier: http://www.stefan-kaufmann.de/fileadmin/presse/reden_text/Rede_01122010.pdf Seite 111 - da geht es um die Frage, wie weit die Publikationen, Medien sowie Onlineangebote der Bundeszentrale für politische Bildung barrierefrei sein werden - und die Antwort der Bundesregierung ist unter anderem: Zudem plant die Bundezentrale für politische Bildung, 2011 in Form einer Lizenzausgabe oder einer Eigenpublikation einen Schriftenreiheband bereitzustellen, der sich mit den behindertenpolitischen Entwicklungen auseinandersetzt und darauf abzielt, das gesellschaftliche Bewusstsein für Menschen
mit Behinderung zu schärfen.

Entschuldigung, aber bei dieser Aussage weiß ich echt absolut nicht, ob ich lachen oder weinen soll - das Bewußtsein der Gesellschaft soll ab 2011 geschärft werden für Menschen mit Behinderung(gen)? Auf der Republica 2011 war ich am Stand der Bundeszentrale für politische Bildung und entdeckte die angebotenen DVDs. Meine Hand griff ganz selbstverständlich zur Rückseite der DVDS und meine Befürchtungen wurden bestätigt: Die DVDs sind ohne Untertitel für Gehörlose.

Was für ein Eigentor, nicht wahr? Ich habe dann ganz höflich nachgefragt, warum die DVD keine Untertitel hat und es war genauso wie damals am Tag der offenen Ministerien auf meine Nachfrage, warum die Werbefilme ohne Untertitel sind und warum die Rede von Bundeskanzlerin Merkel ohne Gebärdensprachdolmetscher seie:"Man habe nicht daran gedacht, aber man möchte es besser machen und meine Anfrage werde weitergeleitet und man sei sehr dankbar für meinen Hinweis."

Das geht seit Jahren so und damit das ein Ende hat: Liebe Bundesregierung - ich hätte da einen Vorschlag: Man gibt mir den Job als Behindertenbeauftragte - welche Person würde besser passen als ich? Eine selbst Betroffene, die (bisher) noch in keiner Partei vertreten ist, zudem müsste ich also nicht jedem schöne Augen machen in dem Job und würde nur auf die Umsetzung für Barrierefreiheit und Inklusion achten.

Außerdem wäre es ein großartiges Signal, dass die Bundesregierung bisher nicht nur Lippenbekenntnisse draufhat, sondern auch ganz offen zeigt, dass sie für eine wirkliche Inklusion und die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention.

Aber es geht auch eine Nummer kleiner: SETZT endlich die UN-Behindertenkonvention um - dazu braucht es nicht mich als Behindertenbeauftragte, sondern macht endlich eure Hausaufgaben!

UPDATE vom 29.05.2011: Der oben stehende Text steht unter folgender Creative commons und kann auf anderen Webseiten verwendet werden. Creative Commons Lizenzvertrag
Brandbrief an die Bundesregierung zur Barrierefreiheit und Inklusion von Julia Probst steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Unported Lizenz.
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Kommentare:

  1. Glasklare Analyse der Leistungen unserer bisherigen Regierungen und Medien auf dem Gebiet der Inklusion behinderter Menschen.

    Leider scheint man auch auf höchster Ebene nicht begriffen zu haben, dass Behinderten nicht durch mitleidvolle Einzelaktionen geholfen wird, die sie ja gar nicht wollen, sondern, dass Voraussetzungen geschaffen werden, dass diese Menschen eben in unserer Gesellschaft leben können, ohne ständig durch ihre Behinderungen nicht vollständig in die Gesellschaft integriert zu sein.

    Besonders beeindruckt hat mich der letzte Teil des Blogposts.

    Eine Julia Probst wäre tatsächlich eine sehr gute Besetzung für die Behindertenbeauftragte, ganz egal unter welcher Regierung. Sie hat eine klare Ausdrucksweise, eine naturgegebene Nähe zum Thema und eine Beharrlichkeit, die ihresgleichen sucht.

    Gerade letzteres braucht man wohl in diesem Job.

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  2. Man ist zu Gebärdendolmetschern und Untertiteln TECHNISCH nicht in der Lage????

    Ähm. Ich bin sprachlos.

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  3. > Die Bundesregierung legt sonst immer soviel Wert auf Chancengleichheit und Zugänglichheit, also warum sorgt sie nicht endlich dafür, dass der Videopodcast der Kanzlerin endlich mit Untertitel erhältlich ist?

    Knapp vorbei: Die Bundesregierung _behauptet_, Wert zu legen auf … - ein kleiner, aber feiner Unterschied!

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  4. Wir haben in Hessen jedenfalls ein Behindertengleichstellungsgesetz. Aber kein Aas im Land, Kreis oder Kommune kümmert sich wirklich darum. Man wird sogar verlacht, wenn man in den Verwaltungen die Umsetzung anmahnt. Eigentlich sollte man die Kreis- und Stadtverwaltungen verklagen und vor den Verwaltungsgerichtshof bringen, damit endlich ernst wird mit dem Umsetzen der Gesetzestexte. Das muss aber eine finanzstarke organisation sein, so wie VdK oder ähnliche.

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  5. Danke für den Brief!
    Sie sprechen mir aus der Seele.
    Mich regt das schon auch als Fachfrau im Bereich Web und digitale Medien auf, wie schlampig und behindertenausschließend Behörden und Regierung ihre Informationen verbreiten.

    Vieles an Barrierearmut in Medien ist ein Lippenbekenntnis und wird unzulänglich bis gar nicht umgesetzt. Dass manches angeblich technisch nicht möglich ist, zeigt die tiefe Rückständigkeit des digitalen Entwicklungslandes Deutschland und das Desinteresse der Politiker.

    Auf detaillierte Anfragen mit der Problemanalyse wird nur mit inhaltsleeren Textbausteinen regiert und nach monatelanger Wartezeit und einer Nachfrage die Auskunft erteilt, bei der nächsten Änderung des Mediums werde das berücksichtigt.
    Problemverschiebung statt Lösung.
    Und bislang kann so eine Änderung auch schon mal Jahre dauern oder gar nicht weiter verfolgt werden.

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