Sonntag, 29. Mai 2011

Fettnäpfchenclub ARD

Langsam muss man die ARD echt so bezeichnen, denn sie fällt in letzter Zeit unangenehm auf, was Barrierefreiheit angeht. Da vergisst sie einfach so, den Eurovision Song Contest zu untertiteln dieses Jahr, was sie 2010 sehr gut gemacht hat.

Meine Kritik dazu kann man hier lesen: Null Punkte gehen an die... ARD!

Dann lese ich eben im Spiegel, dass das ARD-Gremium Monica Lierhaus als Botschafterin für die Fernsehlotterie austauschen will gegen eine bekannte Person, die ohne Gage zur Verfügung steht. Aha. Ein bekanntes Gesicht, welches ohne Gage arbeitet? Und wohl auch behindert ist, damit es realistisch wirkt? Das nennt man Abzocke.

Hohe Gage - ARD Gremien wollen Lierhaus austauschen


Das Presseecho auf ihr Comeback am 22.03.2011 als Moderatorin der Fernsehlotterie war sehr geteilt. Besonders hat es mich gefreut, dass einige Medien Lierhaus als würdige Moderatorin bezeichneten für die Sendung, da sie eben eine Selbstbetroffene ist. Eine Behinderte eben, um die es ja hauptsächlich bei der Fernsehlotterie geht.

Aber das was die Welt online schrieb, war echt unter aller Sau, was schon bei der Überschrift anfängt: "Monica Lierhaus - Gespenstisches TV-Comeback." Dann geht es weiter im Text: "Das Gesicht starr, die Worte starr, die Augen weit offen, weiter als üblich. Mühsam muss das für Monica Lierhaus sein, die Sätze zu sprechen, einige Laute zischen ein bisschen. Sie ist krank, das erkennt jeder Zuschauer, hört es an der leicht maschinellen Aussprache. Sie sitzt. Wir sehen nur ihr Gesicht. "Ich drücke ihnen ganz fest die Daumen", sagt sie. Und "Dankeschön an alle Mitspieler". Es mag hart klingen, aber die Sendung hat viel mehr von einer Zurschaustellung als vom Auftritt einer Moderation. Oder von einem Auftritt der Botschafterin für die gute Sache. "

Es ist bedenklich, wie sehr der Text von Holger Kreitling ausdrückt, dass Behinderte und alles was außer der Norm ist, möglichst NICHT im TV zu sehen ist, denn im TV sollen bitte nur schöne, hübsche und gesunde Menschen zu sehen sein, denn das eigene Leben hat man ja vor der Haustüre - Behinderte sieht man nicht, weil sie aus der Gesellschaft aussortiert werden und da kann das Fernsehen doch um Himmels willen doch nicht so weit gehen und uns eine Behinderte direkt vor die Nase setzen! Und bedenklich ist auch, dass er mit dieser Sichtweise offenbar nicht alleine ist.

Das muss ein Ende haben. In England gibt es eine blinden Moderator in den Nachrichten und eine behinderte Moderator im Kinderkanal, worüber Christiane vom Behindertenparkplatz berichtete: Behinderte Moderatorin als Kinderschreck?

Das Magazin "Menschen - das Magazin" wird von einer ebenfalls behinderten Frau moderiert, was ich sehr begrüße.

Der Anblick von Menschen mit Behinderungen muss normal werden. So normal wie der Umgang mit ihnen, weil Inklusion gelebt wird.

Es ist an der Zeit dafür. Für eine solidarische und gemeinsame Gesellschaft, auf der keiner auf der Strecke bleibt - eine Gesellschaft, wo man gemeinsam lebt, wo es egal ist, wer man ist, was man hat und woher man kommt.

Vielleicht bin ich mal wieder zu idealistisch, aber ich glaube daran, dass diese Gesellschaft bald keine Utopie mehr ist.

Und zum Abschluss möchte ich Ihnen noch mal den Brief an Monica Lierhaus ans Herz legen, den ich ihr hier im Blog nach ihrem denkwürdigen Auftritt bei der Goldenen Kamera geschrieben habe: Liebe Monica Lierhaus!

UPDATE von 11:40 Uhr: Dank der zahlreichen Hinweise, dass die üppige Gage und nicht die Behinderung an sich das Problem ist bei Lierhaus, möchte ich kurz etwas zu bedenken geben: 2008 wurde verkündet, das die ARD Lierhaus 875.000 Euro € Jahresgehalt zahlt. Dann kam der Unfall dazwischen. http://meedia.de/fernsehen/monica-lierhaus-cash-queen-der-ard/2008/12/19.html Vielleicht haben die aufwändige Betreuungskosten mit eigener Krankenschwester usw. einges aufgefressen? Kann man nur spekulieren. Wie es wirklich ist, das weiß wohl nur sie selbst.

Kommentare:

  1. Ich bleibe dabei: es ist gut, das Monika Lierhaus auch mit klaren Zeichen ihrer Einschränkungen wieder im TV ist. Aber ob dafür 450.000 € bezahlt werden müssen, steht auf einem anderen Blatt: (mein Blog dazu: http://joergrupp.de/lierhaus/)
    Dass sie jetzt ausgetauscht werden soll, lässt darauf schließen, dass sie nicht bereit ist, das alles für weniger oder gar kein Geld zu machen.Denn eines ist für mich klar: mit Solidarität hat es nichts zu tun, ihr hohes Gehalt. Eher was mit Unsolidarität. Von ihr.

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  2. Liebe Jule,
    der Politblogger hat dazu auch etwas geschrieben, etwas differenzierter zu den Gehaltsvorstellungen von ML.
    http://bit.ly/mcxRZm

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  3. Was mich an der ganzen Debatte in den Medien aufregt: Monika Lierhaus trifft doch die Schuld nicht allein! Unanständig ist doch in erster Linie ein solches Angebot. Wer würde da ablehnen? Nun aber steht Frau Lierhaus wie der größte Raffzahn da. Kaum eine Zeitung macht sich die Mühe, einmal nachzuforschen, was Frank Elstner als Vorgänger jährlich bekommen hat. Ein solcher Versuch des Stern - immerhin - im Februar des Jahres verlief mehr oder weniger im Sand: http://t.co/V7lD1St
    "Ob Elstner ein Honorar in gleicher Höhe erhalten hat, wollte der Lotteriesprecher nicht beantworten. Um Lierhaus bezahlen zu können, sei der Marketingetat allerdings nicht erhöht worden und es sei auch keine Umschichtung innerhalb des Etats vorgenommen worden."..
    Auch Thomas Gottschalk, so heißt es weiter in dem Artikel, bekommt ein Honorar für seine Testimonialtätigkeit bei der "Aktion Mensch".
    Und was dem Faß noch den Boden ausschlägt:"Ein Brancheninsider, der nicht bei der ARD arbeitet, hält die Summe für vollkommen in Ordnung.'Es liegt absolut im Bereich dessen, was in der Branche üblich ist und entspricht auch dem Zeitaufwand, den Frau Lierhaus als Werbebotschafterin dafür aufbringen muss', sagte er stern.de."
    Fazit: Die Branche hält das für komplett normal, Frau Lierhaus hat das Pech, dass ihre Gage ruchbar wurde und die anderen werden schön weiter machen, denn die Karavanne zieht bekannt lich weiter. Und das ist wirklich unanständig...

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  4. > Vielleicht haben die aufwändige Betreuungskosten mit eigener Krankenschwester usw. einges aufgefressen? Kann man nur spekulieren.

    Und was ändert das an den Tatsachen? Anderen Leute abseits des Medienzirkus passieren auch schlimme Dinge. Und die dürfen ihre Kosten auch selbst bezahlen.

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  5. Es geht hier überhaupt nicht darum ob Monika Lierhaus jetzt behindert ist oder nicht. Es geht einzig um die Frage, ob bei einer gemeinnützigen Lotterie tatsächlich Jahreshonorare von knapp einer halben Millionen Euro im Jahr gezahlt werden sollten. Ich finde auch nicht, dass sie - oder wer immer das macht - hier umsonst arbeiten muss. Aber die Relationen sollten halt stimmen.

    Das ihr Honorar bei der Sportschau früher noch höher war, und sie jetzt "nur" die 450.000 EUR bekommen soll, ist übrigens nicht wirklich vergleichbar. Bei der Sportschau hatte sie wöchentlich (oder zweiwöchentlich?) komplette Sendungen moderiert und offenbar auch journalistisch mit vorbereitet. Das ist ja kaum vergleichbar mit dem Job, den sie jetzt für die Fernsehlotterie macht.

    Natürlich wirkt es irgendwie unfair, dass Lierhaus Engagement bei der Lotterie jetzt viel stärker unter die Lupe genommen wird, als das ihrer Vorgänger - oder bei den Kollegen der ZDF-Aktion-Mensch... Grundsätzlich würde aber auch jeder andere Prominente in der Öffentlichkeit hier ähnlich behandelt, wenn solche Honorare bei einem Engagement für eine "gute Sache" bekannt werden, glaube ich zumindest.

    Und für die höhere Aufmerksamkeit der Journalisten ihr gegenüber hat sie letztlich selbst und wissentlich gesorgt. Sie hat ihre Rückkehr bewusst so medienwirksam inszeniert hat und gleichzeitig den unheilvollen Pakt mit dem "Teufel" Bild-Zeitung gemacht hat, der sie regelmäßig Exklusivinterviews gibt. Das hat ihren Marktwert nach oben getrieben - aber eben auch das Interesse an ihrer Person gesteigert.

    Ich habe es eingangs schon gesagt: Es geht nicht darum, ob Monika Lierhaus behindert ist oder nicht. Ich denke, es wäre gut, wenn mehr Moderatoren mit Behinderung auf den Bildschirmen auftauchen, damit es einfach schlicht normal ist, und die Menschen (mich eingeschlossen) sich daran gewöhnen und es nicht mehr gewissermaßen als "Zumutung" empfinden, sich "sowas" anschauen zu müssen. Aber ich denke auch, man sollte hier den Fall "Monika Lierhaus" nicht mit anderen Maßstäben messen, als jeden anderen Moderator oder Werbeträger.

    Letztlich ist es sowieso nicht sie, die hier "Schuld" hat - sondern die Verantwortlichen bei der Fernsehlotterie. Denn sie haben den Vertrag mit ihr unterschrieben und ihr damit mehr Geld gegeben, als es für eine soziale und gemeinnützige Einrichtung wie die Fernsehlotterie gut ist.

    Nun ja... Komplett egal ist die Frage, ob Monika Lierhaus behindert ist natürlich auch nicht. Denn natürlich hat ihr Unfall in einer perfiden Weise ihren "Werbewert" für eine Aktion wie die Fernsehlotterie steigert, weil sie als behinderte Werbefigur erst einmal besonders glaubwürdig wirkt .... Kann man es ihr vorwerfen, dass sie in Vertragsverhandlungen vermutlich versucht hat - daraus Kapital zu schlagen? Ich glaube nicht. Ich würde es vermutlich nicht anders machen.

    Das Problem bei der ganzen Aktion sind deshalb streng genommen nicht Menschen wie Lierhaus oder andere Prominente, die für Geld ihr Gesicht hinhalten - sondern Manager bei der Fernsehlotterie, die versuchen eine gemeinnützige Lotterie wie ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen zu führen und genauso Werbung machen - mit dem besten Werbeträgern die sich für Geld kaufen lassen. Nur ... Verraten Sie damit eben die Idee.

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  6. Ich finde ebenfalls, dass man ihre vorherige Arbeit und die Tätigkeit für die Fernsehlotterie nicht vergleichen kann. Unanständig finde ich alle Beteiligten, denn das Geld fehlt anderen. Ich für meinen Teil werde das tun, was schon etliche getan haben und daran nicht mehr teilnehmen.

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  7. An der Diskussion über das Lierhaus-Honorar möchte ich mich jetzt mal nicht beteiligen. Was mich erschreckt hat, sind Reaktionen wie die im von Julia erwähnten Welt-Artikel. Ich habe von vielen nichtbehinderten Menschen Ähnliches gehört. "Warum tut die Frau sich das an? Das war ja nur schrecklich!" usw. Und solche Meinungsäußerungen kamen nicht von Behindertenfeinden, sondern von Menschen, die Umgang mit behinderten Menschen haben. Aber selbst sie scheinen es als unangenehm, als Zumutung zu empfinden, dass im TV jemand auftaucht, der nicht den gängigen Sehgewohnheiten entspricht. Solang Behinderung im Alltag (in Kindergarten, Schule, Beruf) in Deutschland kaum sichtbar ist, wird es diesen Reflex vieler Nichtbehinderter geben.

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  8. In dem Sinne war das wohl auch zu verstehen, daß der verstorbene Papst sein Amt bis zum Schluß ausgeübt und sich auch nicht versteckt hat (also, Johannes Paul II).
    Er wollte damit ein Zeichen setzen, daß so Krankheit (ja, ich weiß, Behinderung ist was anderes und Taubheit erst recht, ist nur ein Analogbeispiel) zum Leben gehört.
    Als Zeichen sicherlich gar nicht so schlecht.

    Mich stört bei der Sache auch nicht, daß man Frau Lierhaus ihre Behinderung ansieht. Im Gegenteil, das hätte ich sogar ausdrücklich begrüßt, daß ein selbst Betroffener für die Lotterie Reklame macht. Auch mir geht´s um das Honorar. Okay, Frank Elstner hat vorher, was mir zuvor auch unbekannt war, sehr viel mehr bekommen - ist genauso eine Schande. Für Wohltätigkeit darf man sich ruhig auch mal für lau einsetzen oder zumindest mit einem angemessenen Honorar.

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