Freitag, 27. Mai 2011

Kritik an die Würzburger Mainpost - nette Reklame für das Cochlear Implantat!

Diesen netten Text kann man in der Würzbürger Mainpost nachlesen, übrigens mit einem netten Tippfehler direkt im ersten Satz.

Zwei neue Ohren für Paul

An einigen Stellen macht sich der Text schwer durch Diskriminierung bemerktbar - angefangen bei der Bildunterschrift: "Glückliche Eltern: Durch ein Cochlear Implantat kann der siebenjährige Paul aus Aschaffenburg hören."

Da stellt sich mir doch die Frage: Sind Eltern eines gehörlosen Kindes ohne ein Cochlear Implantat nicht weniger glücklich? Fakt ist: Wenn Paul im Schwimmbad ist oder am Meer ist, dann wird er ohne das Cochlear Implantat herumrennen und ist gehörlos. Er ist nicht automatisch die ganze Zeit mit dem Cochlear Implantat versorgt und bewegt sich ständig auf einem guten Hörniveau.

Weiter heißt es in dem Artikel: "
Mit dieser Diagnose hätte Paul noch vor einigen Jahren kaum ein normales Leben führen können: Das Sprechenlernen – eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Der Besuch einer Regelschule – unmöglich. Der Alltag – ein Hindernisparcours."

So ein Quatsch - es gibt gehörlose Kinder mit oder ohne Cochlear Implantat, die eine Regelschule besuchen, meistens mit einem Gebärdensprachdolmetscher oder einer Integrationsfachkraft. Ein Kind, welches mit einem Cochlear Implantat versorgt ist, kann möglicherweise eine Regelschule ohne einen Gebärdensprachdolmetscher besuchen, aber das kann man nicht auf alle implantierte Kinder ausdehnen, weil eben jedes Kind individuell ist und der Hörerfolg auch individuell ist.

Übrigens: Ich habe hörende Schulen ohne einen Gebärdensprachdolmetscher besucht - es ist durchaus machbar und ganz sicher nicht unbewältigbar - für mich war das machbar, weil ich eben in der Lage dazu war.

Aber diese CI-Propoganda greift leider erfolgreich um sich, wenn man mal die Fälle anschaut, wo Eltern ihr gehörloses Kind auf eine Regelschule oder in den Regelkindergarten schicken wollten mit einem Gebärdensprachdolmetscher oder einer Integrationsfachkraft - den Eltern wurde mit dem Entzug des Sorgerecht gedroht, wenn sie ihr Kind nicht mit einem Cochlear Implantat versorgen lassen würden, weil das Kind so ganz sicher ganz "normal" die Regelschule besuchen könne.

Siehe dazu auch diese Blogeinträge von mir: CI-Zwang für gehörlose Kinder? und hier: Morgen haben die Eltern den Termin beim Jugendamt sowie Lieber keine schlafenden Hunde wecken, sonst...

Die Inklusion zur einer echten Wahlfreiheit für Betroffene ist eine Kostenfrage und diese Kostenfrage hat auch schon die Politik erreicht in der Gestalt von der bayerischen Sozialministerin Christine Haderthauer, die für das Cochlear Implantat ganz ungehemmt Werbung macht auf ihrer Seite: Neue Wege in die Welt der Hörenden

Aber dazu habe ich mich schon mal hier in diesem Blogeintrag geäußert - mein berühmter Vulkanausbruch an die Adresse von CDU/CSU & FDP: So geht es echt nicht, liebe CSU/CDU plus FDP!

Auch sind die Konnotationen im Artikel eine unterschwellige Werbung: "Wenn man Paul, der inzwischen sieben Jahre alt ist, heute fragt, wer sein Lieblingsspieler bei Bayern München ist, antwortet er blitzschnell und mit klarer Kinderstimme: „Mario Gomez!“ Was mit Blick auf seine Diagnose unmöglich erscheint, ist durch den technischen Fortschritt möglich geworden.

Gehörlose ohne ein Cochlear Implantat sind also dumm und langsam....?! Interessante Aussage und wieder mal verdammt falsch.

Aber es wird noch schöner: "Laut der Logopädin Sabine Speidel schaffen es aber nicht alle Kinder, so unbeschwert mit dem Implantat umzugehen. Manche kommen gar überhaupt nicht in den Genuss des technischen Fortschritts: „Gehörlose Elternpaare wollen manchmal nicht, dass ihr Kind implantiert wird. Sie haben ihr Leben taub verbracht und betrachten dies oft nicht als Behinderung, sondern als Kultur und ihr Kind soll unbedingt ein Teil davon sein“, so der Leiter des CIC Rudi Kroker."

Aha, da sind wir dann also schon bei dem unerträglichen Leitgedanken von Müller & Zaracko aus diesem Artikel:"Haben gehörlose Kleinkinder ein Recht auf ein Cochlear Implantat?" (PDF zum freien Download)
In diesem PDF wird ganz unverholen davon gesprochen, dass der Staat in die Erziehung gehörloser Eltern eingreifen solle, wenn diese ihr Kind NICHT mit einem CI versorgen lassen wollen, da das Kind als Träger eigener Grundrechte Anspruch auf den Schutz des Staates hat.

Der Artikel ist unerträglich negativ, denn er bejaht die Haltung der Gesellschaft, dass Behinderte sich an die Gesellschaft anzupassen haben und das ist eine grundfalsche Haltung, denn wir müssen als Gesellschaft an den Punkt kommen, wo wir sagen: "Wir haben hier diese Menschen mit besonderen Bedürfnissen, aber auch mit besonderen Fähigkeiten, die wir "Normalen" nicht haben. Was können wir als Gesellschaft tun, damit sie mitten unter uns MIT uns leben können?"

Nicht das Dezifit sollte im Mittelpunkt stehen und schon gar nicht "wegtherapiert" werden, sondern der Mensch an sich sollte im Mittelpunkt stehen. Das Miteinander in der Gesellschaft - die aufeinander zugeht und voreinander profitiert.

Und meine Haltung zum CI betone ich nochmal ganz klar: Ich bin nicht gegen das Cochlear Implantat, da ich auch selber eine Trägerin bin, sondern ich bin gegen dieses Denken, dass jedes gehörlose Kind damit versorgt werden MUSS, d.h. dass die Eltern keine freie Wahlmöglichkeit haben, was das Beste für ihr Kind ist.

Für alle Betrofffenen wünsche ich mir, dass sie genau die gleichen Perspektiven und Chancen in der Gesellschaft haben - mit oder ohne Cochlear Implantat.

UPDATE vom 29.05.2011: Ich bin zwar eine CI-Trägerin, aber ich bin erst mit 12 Jahren implantiert worden, d.h. mein Grundschulbesuch damals lief, wie bereits erzählt, ohne Gebärdensprachdolmetscherin und ohne Cochlear Implantat ab. Ich habe also meine Liebe zur Sprache, meinen guten Wortschatz und meine ganz gute Aussprache ohne das CI erworben. Es gibt sie - die sprach- und schriftbegabten Gehörlosen und ich bin eine von ihnen. Wir stellen zwar eine Minderheit dar unter den Gehörlosen, aber diese Beispiele zeigen doch nur, dass es wirklich mehrere Wege gibt!

Kommentare:

  1. Die Wahl haben. Das ist der Punkt in so vielen Bereichen. Du triffst für mich den Nagel auf den Kopf.

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  2. Hallo Jule,
    das ist ein Artikel zum Deutschen Tag des Cochlea-Implantats. Logisch also, dass dieses Implantat und seine Wirkungsweise vorgestellt werden.
    Gewiss hast Du mit einigen Deiner grundsätzlichen Anmerkungen recht, aber Du kritisierst an diesem Artikel Dinge, die meiner Ansicht nach unmissverständlich sind. Dadurch schießt Du übers Ziel hinaus und schwächst Deine eigene Argumentation.
    Einige Beispiele: Du kritisierst die Unterzeile ""Glückliche Eltern: Durch ein Cochlear Implantat kann der siebenjährige Paul aus Aschaffenburg hören."
    Wo Du da eine Diskriminierung erkennst, ist mir schleierhaft. Ich halte es für nachvollziehbar, dass Eltern sich freuen, wenn ihr Kind hören kann, wenn es das zuvor nicht konnte.
    Mag sein, dass der Besuch einer Regelschule für Gehörlose möglich ist, das weißt Du besser als ich. Selten ist er allemal. Aber dass das Sprechenlernen und der Alltag für Gehörlose schwieriger sind, kannst Du doch nicht bestreiten, oder?
    Auch dass der Junge auf eine Frage schnell und klar verständlich antwortet ist bemerkenswert, wenn man weiß, dass er sehr schlecht hört. Das impliziert doch nicht, dass hörgeschädigte Kinder dumm sind. Es weist nur darauf hin, dass ein unbedarfter Mensch - hier vom Verfasser des Artikels repräsentiert - von einem stark hörgeschädigten Kind eher keine so rasche, klare Antwort erwartet.
    Und wenn eine Logopädin sagt, es gäbe Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder ein derartiges Implantat tragen, dann ist das zunächst mal ein Zitat, das offensichtlich zutrifft. Die Verknüpfung zu diesem "Recht auf CI" entsteht durch Deine Vorkenntnisse in Deinem Kopf - der Artikel stellt sie jedenfalls nicht her.
    Ich kann also in der Summe überhaupt nicht erkennen, dass der Artikel "unerträglich negativ" ist. Sinn und erkennbares Ziel des Artikels ist, über dieses Implantat zu informieren. Aus Anlass dieser Versammlung, die in Würzburg stattfand.
    Ist doch logisch und nachvollziehbar, dass bei diesem Anlass eher über ein Leben mit dem Implantat als über das Leben ohne geschrieben wird.
    Was Du erwartest ist in etwa so, als schicke man einen Reporter zu einem Fußballspiel und wünschte sich dann, er schriebe, dass Handball auch ein tolles Spiel sei.
    Verstehst Du, was ich meine?
    Der Artikel beschreibt, dass das CI helfen kann. Das sagst Du doch auch, oder?
    Der Artikel weist sogar noch auf die Einschränkungen des Geräts hin.
    Insgesamt erstaunt mich Deine Aufregung also sehr. Ich hätte erwartet, Du begrüßt es, dass über das CI informiert wird.

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  3. Jule stört sich wohl am Unterton, dass man ohne CI kein normales Leben führen kann. Und die Technik *verdeckt* die Gehörlosigkeit nur, so wie die PID auszuschließen versucht, dass Menschen mit Behinderungen geboren werden. Statt dass man sich - zumindest gleichzeitg - darum berühmt, Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu inkludieren.

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  4. Damals wurden die Behinderten aus der Stadt verbannt - die Einsicht kam spät und die Behinderten wurden in die Zivilisation zurückgeholt.
    Und sie werden von Nichtbehinderten "ausgeführt" - keine Selbstbestimmung.

    Und wie kommts, dass eine Person ohne Handicap einfach sagen kann: CI macht schlau!
    Das ist UNERHÖRT!
    Der Artikel macht mich wütend, erinnert mich an meine eigener Verwandschaft - viele davon bezeichnet DGS als eine idiotische Affensprache, die über keinerlei Bedeutung wie die Lautsprache verfügt.

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  5. Hallo Markus,

    Du magst als Unbeteiligter den Artikel nicht negativ empfinden, weil Hören für Dich ein Normalzustand ist und auch selbstverständlich. Das ist für die Mehrheit der Menschheit so.

    Du magst auch Recht haben, wenn Du schreibst, dass der Artikel viele Dinge nicht hergibt, worauf sich Jule nun bezieht (bspw. Müller & Zaracko). Sie spricht mehr aus der Sicht als Betroffene und ihre Erfahrungen. Und ihre Erfahrungen sind geprägt von Einstellungen und Erwartungshaltung der Gesellschaft an das Hören. Und genau da ist der wunde Punkt, warum wir Betroffene uns aufregen.

    Denn drei Behauptungen werden in den Raum gestellt und "manifestiert" (und das ist der eigentliche Aufreger):

    (1) Mit CI kann man wieder "normal" hören, wie jeder andere Mensch auch.

    (2) Anpassungszwang an die Normen und Werte der Gesellschaft.

    (3) Gebärdensprache als Sprach- und Kulturgemeinschaft wird ignoriert und für unverständlich erklärt.

    zu (1): Es sollte sich langsam herumgesprochen haben, dass CI nicht automatisch gleich Hören ist. Es ungezählte Fälle, wo es eben nicht funktioniert. Darüber berichtet natürlich keiner.

    zu (2) Welche Konsequenz hat es denn, wenn Eltern sich einer CI-Operation verwehren (egal aus welchen Gründen). Dass sie ein behindertes Kind auf die Gesellschaft loslassen? Igitt, welches unverantwortliches Verhalten! Ungeheuerlich, gehört bestraft. Ich weiß, ich bin jetzt polemisch. Aber, genau das sind die Erwartungen an uns Hörgeschädigten: Wir sollen möglich geräuschlos integriert werden. Wer da nicht hat oder kann, hat Pech gehabt. Ich sage das hier nicht so daher.

    zu (3): Es ist interessant, dass unisono das Erfolgsversprechen CI einhergeht mit dem Unverständnis gehörloser Menschen und ihrer behaupteten "Kultur". Wie kann man darüber urteilen, wenn man es nicht kennt?

    Und: Wie kann es denn sein, dass einerseits es seit 2006 eine UN-Konvention gibt (die Deutschland in 2009 als geltendes Recht ratifiziert hat!), in der ausdrücklich das Recht der Nutzung der Gebärdensprache gilt, anderseits das in den Medien vollkommen ignoriert wird. Mit anderen Worten: Wir Gehörlose haben ein Anrecht darauf, zu bleiben wie wir sind und die Gesellschaft soll die Rahmenbedingungen schaffen, dass man auch als Gehörloser mit Gebärdensprache würdig leben und teilhaben kann. Das ist der Hintergrund bei einem solchen Artikel.

    Und die weitere Wahrheit ist: Als Hörgeschädigter, der bspw. von sich behauptet, er käme mit einem Hörgerät gut klar und sich dafür entscheidet, der darf gut gerne die Kosten der Hörgeräte selbst tragen (wenn man mal von dem Festbetrag der Krankenkassen absieht die oft nur 20% der notwendigen Kosten betragen). Dagegen wird impliziert, dass eine CI-OP kostenfrei (bei Kosten von ca. 40-50 T€ pro Ohr, wird aber komplett von den Krankenkassen übernommen) ist, unkompliziert, immer funktioniert, mit anderen Worten: Warum tun wir Hörgeschädigte uns doch so schwer, wenn es mit dem CI eine "leichtere und auch bequemere" Methode gibt. Diese Behauptungen und auch Ungleichbehandlung der Hörversorgung macht uns Betroffene so wütend, wenn man uns quasi zu einer offensichtlichen Methode zwingt.

    Was auch gerne verschwiegen wird: Wie oft man in seinem Leben unter das Messer darf, denn die Haltbarkeit eines CI liegt zw. 10-20 Jahre. Bei einer zu erwartenden Lebensdauer von 80 bin ich also mindestens 6-8 Mal auf dem OP-Tisch. Ist das etwas, was die Gesellschaft von einem "erwarten" kann?

    Es geht also bei dem Artikel um die unterschwelligen Thesen, die in den Raum gestellt werden und je öfters man darüber in dieser Form berichtet, desto "wahrer" wird das. Und für die Betroffenen immer mehr eine Frage der Rechtfertigung, warum man sich nicht "konform" verhält.


    PS. Bemerkenswert für mich ist übrigens, dass Jule sich als CI-Trägerin outet und dennoch solche Artikel verdammt. Selten hört oder liest man, dass sich CI-Träger kritisch äußern. Hut ab!

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  6. @Markus:
    Ralph hat ja schon sehr gut und detailliert geantwortet....
    Mir war auch spontan der Gedanke gekommen, auch wenn es am CI-Tag Berichte zum CI gibt und es selbstverständlich legitim ist, die Vorteile aufzuzählen, darf man die negativen Aspekte NICHT unterschlagen. Sonst ist das kein objektiver Journalismus mehr, sondern tatsächlich die Reklame-Ecke.

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