Mittwoch, 6. Juli 2011

Meine Position in diesem schwankenden Ozean

Neulich verfasste ich einen kritischen Blogeintrag über die Öffentlichkeitsarbeit des deutschen Gehörlosenbundes sowie der Beziehung der Medien zu solchen Themen abseits des normalen Themenbreis, welchen man hier nachlesen kann:

Ein kritischer Blick muss auch mal sein

Die Kommentare und die Bewertungen unter diesem Eintrag sind sehr interessant, weswegen ich mich nach einer längeren Überlegungszeit dazu entschlossen habe, dass man Blogeinträge von mir ab sofort nicht mehr liken kann, da ich zur Ansicht gekommen bin, dass Leute, die den Blogeintrag nicht interessant genug finden, dann auch ihre Kritik selbst in Worte verfassen sollen, anstatt mit einem Klick den Blogeintrag als interessant oder uninteressant zu bewerten, denn das ist etwas mehr Arbeit als einen Mausklick zu tätigen.

Zweitens: Das kostenlose Feed-Magazin hat ein richtig schönes Interview mit mir gebracht, wo man auch meine Position herauslesen kann, wie ich eigentlich zu meiner Position stehe, wo ich jetzt gerade bin und hier kann man sich das herunterladen:
Feed-Magazin - die Welt mit den Augen sehen Das Interview mit mir ist auf Seite 30 zu finden.

Dort erzähle ich auch etwas mehr zu meiner Person und betone auch einmal mehr wieder, dass ich keine richtige Gehörlose bin und meine kulturelle Identität eindeutig hörend ist - ich empfinde mich nicht als Gehörlose, obwohl ich es biologisch eigentlich bin und aus diesem Grund wirke ich wohl so gut als Erklärfrau
(beinahe hätte ich hier "Erklärbär" geschrieben) dieser Welt. Ich war schon immer eine Grenzgängerin zwischen beiden Welten und werde diese auch in Zukunft bleiben, wobei ich weiß in welche Welt ich gehöre: In die der Hörenden.

Und zu dem kritischen Blogeintrag bekam ich auch einen interessanten Blogeintrag von Ralph zu lesen, hinter dem höchstvermutlich Ralph Raule steckt - ich zitiere mal den Anfang: "Wenn Jule eine "richtige" Gehörlose wäre, würde sie gar nicht so wirken können." und das Ende von seinem Blogkommentar:"Bei Deinen Fähigkeiten: Warum arrangierst Du Dich denn nicht bei einem der Verbände und machst dort Presse-Arbeit?"

Die Antwort hat er sich selbst schon gegeben: Gerade dadurch, dass ich keine richtige Gehörlose bin und auch die Gebärdensprache nicht meine Muttersprache ist, disqualifiziere ich mich in den Augen des Gehörlosenbundes für einen solchen Job. Zwischendurch nennt er meinen meinen Blogeintrag provokativ und ich solle doch bitte auf dem Boden bleiben, denn sonst hätte ich eine Profilneurose, weil ich das Thema so für mich entdeckt hätte und es ausschlachte.

Ist es ausschlachten, wenn man sich für ein Thema einsetzt, wovon gut 80tausend Gehörlose und etwa 16 Millionen Schwerhörige in Deutschland proftieren können? Ich habe mir diese Position nicht ausgesucht und versuche nun meine Fähigkeiten dazu zu nützen, dass etwas passiert, was längst überfällig ist.

Ich könnte auch einfach die Griffel zur Seite legen und in aller Hochmut sagen: "Nun, dann macht mal weiter ohne mich und schaut mal was passiert."

Der Neid ist unter anderem auch ein Grund, warum bisher nichts passiert ist bei der Untertitelquote im deutschen Fernsehen und der Chancengleichheit für Gehörlose in Deutschland - jede Gruppe will den Erfolg für sich beanspruchen.

Da passt natürlich eine Einzelperson etwas schlechter in den Kram, die bisschen mehr Aufmerksamkeit lenkt auf das Thema und damit sogar einige kleine Erfolge zu verzeichnen hat, zum Beispiel, dass der Videopodcast von Frau Bundeskanzlerin Merkel demnächst mit Untertiteln angeboten wird laut dem Regierungssprecher Steffen Seibert.

Und ich lasse diesen Blogeintrag gerne damit enden: Ich habe mir diese Position nicht ausgesucht, aber ich fülle diese Rolle gerne aus und das letzte, was wir Gehörlosen, egal welcher Identität gebrauchen können, ist Neid und Streitigkeiten. Uns sollte das gemeinsame Ziel einigen und nicht trennen.

Sollte der Deutsche Gehörlosenbund auf die Idee kommen, mir einen Job anzubieten, so würde ich mir das echt mal überlegen, weil das ein Zeichen wäre, dass man tatsächlich die gesamte Gehörlosenwelt einigen will und nicht unfruchtbare Grabenkämpfe fördern will.

Ein kleiner Hinweis noch an dieser Stelle auf diesen Blogeintrag von mir:
Unsichtbar in der Masse

Kommentare:

  1. Sehr aufschlussreicher Artikel. Diese Rivalitäten zwischen unterschiedlichen Fraktionen, die im Grunde alle an einem Strang ziehen sollten, gibt es aus glaub ich überall, wo man sich für eine Sache von Belang einsetzt. Ich denke, da gibt es keinen Trick; man muss miteinander reden und versuchen sich zusammenzuraufen; so platt das vielleicht klingen mag. Ach und übrigens: herzlichen Dank für den Link zum PDF :)

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  2. Ach, das ist so traurig. Diskriminierte hinterfragen stärker Diskriminierte, warum sie immer noch diskriminiert werden und sie so wenig Aufmerksamkeit erreichen.
    Auch wenn Du das, wie ich finde richtig beschreibst, Ralph hat in einem Punkt Recht: Es ist kontraproduktiv.
    Mach weiter. Ich find's prima was du und wie du es tust. Gleichbetroffene für ihr Wenig-Tun bzw. Wenig-Erreichen zu kritisieren, bringt Dir nichts, den anderen nichts und der Sache schon gar nichts.

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  3. "Jeder Mensch sollte mit seinem Leben die Welt ein kleines bisschen besser machen."
    - Frances Hodgson Burnett (Der kleine Lord)


    Bitte bleib' so, wie du bist! :)

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