Freitag, 30. September 2011

Hörbehinderte/Gehörlose dürfen nicht gemeinsam in den Urlaub fliegen

Kein Aprilscherz, sondern bittere Wahrheit, welche sich letzte Woche in Marseille abgespielt hat:

Eine Gruppe von Gehörlosen wollte von dort aus in die Türkei fliegen, jedoch wurde ihnen der Mitflug verweigert aus Sicherheitsgründen, die laut der Chefin der Flug-Airlinie "Air-mediterranee" wie folgt heißen:"Schwerhörige gelten als Personen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Wir hätten mehr Personal einsetzen müssen.“

Nun ja - die gleiche Gruppe flog schon 2010 nach Tunesien ohne aufgestocktes Sicherheitspersonal, nur mal so nebenbei bemerkt.

Ich bin neulich erst im August von Stuttgart nach Hamburg geflogen mit der AirBerlin und dort werden die Sicherheitshinweise nicht nur von den Flugbegleitern erklärt, sondern auch auf den Bildschirmen - es gab sogar Untertitel, allerdings englische Untertitel. Der Sinn erschließt sich mir bis heute übrigens noch nicht ganz, warum auf einem innerdeutschen Flug englische Untertitel auf dem Bildschirm zu sehen sind beim Sicherheitsvorführungsfilm, aber liegt wahrscheinlich daran, dass Englisch die Weltsprache Nummer 1 ist. Ich hätte es nett gefunden, wenn dort auch deutsche Untertitel vorhanden gewesen wäre.

Und auf diesem Flug nach Hamburg also habe ich auf den Hinweis im Buchungscode verzichtet, dass ich gehörlos bin, denn das kann man nämlich angeben, dann kriegt man nen besonderen Service an Bord durch die höhere Aufmerksamkeit der Flugbegleiter, was ich auf dem Flug von München nach Bilbao in Spanien im Jahre 2001 erlebt habe. Muss ich nicht haben, dass jemand mit mir redet, als wäre ich 3 Jahre alt und könne nicht alleine aufs Klo gehen.

Daher habe ich bisher auf diesen Code verzichtet bei Flugreisen, denn es IST doch lächerlich, wenn auf meinem Flug ebenfalls eine schwerhörige/gehörlose Person gebucht wird und es dann Probleme gibt aufgrund dieser lächerlichen Sicherheitslinie, die besagt, dass es einfacher seie sich im Notfall um eine einzelne gehörlose/schwerhörige Person zu kümmern als um mehrere.

Schon 2004 hat eine gehörlose Reisegruppe die Fluggesellschaft Air Nostrum wegen Diskriminierung verklagt.


Die Bild-Zeitung benützt übrigens OH WUNDER, sogar den korrekten Begriff "Gehörlose" in ihrem Bericht über den Marseiller Vorfall. Lediglich Gebärdensprachdolmetscher schrieb sie falsch, aber da war nur ein Buchstabe zuviel. ;-)

Unerhört! Airline lässt Gehörlose trotz Tickets nicht an Bord

Und hier der Bericht aus der Welt-Online: Sicherheitsbedenken: Fluggesellschaft lässt Hörbehinderte nicht fliegen. Die Welt-Online hat übrigens fototechnisch einen Fehler gemacht - das Foto zeigt einen Gehörlosen MIT einem Cochlear Implantat, nicht mit einem Hörgerät!

Noch etwas: Sicherheitshinweise werden vorgeführt und zwar visuell - das versteht jeder. Die Sicherheitsrichtlinien sind also völliger Bockmist. Und ich merk nichts davon, dass ich als Gehörlose irgendwie in meiner Bewegung eingeschränkt bin - ich kann alles bewegen. Bin ich visuell irgendwie eingeschränkt? Bin ich zu bescheuert, um alleine zu fliegen zu dürfen? Ich seh den Sinn dieser Sicherheitslinie bis heute nicht ein und bin gespannt auf den Ausgang der Klage.

Hier übrigens noch ein älterer Blogeintrag von mir, wo ich über den Fall der Air Nostrum von 2004 sinnierte und mich fragte, ob die Sicherheitslinien nun einen Schutz DER Behinderten darstellen oder einen Schutz VOR Behinderten.

Schutz vor Behinderten oder Schutz der Behinderten?!


Und bei meinen geschätzten Kollegen Not quite like Beethoven kann man sich ebenfalls einen Blogeintrag zu dem Marseiller Fall durchlesen, die Kommentare sind auch sehr interessant:

Schwerhörige gelten als Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit."

Achja, die Kommentare unter dem Bild-Artikel und bei Welt-Online sind ebenfalls interessant.

Kommentare:

  1. In einer Notsituation wird das Kabinenpersonal die Anweisungen (Einnehmen der Sicherheitsposition, Evakuierung der Maschine etc) in die Kabine schreien. Wenn dir dann noch die Sicht versperrt ist, zum Beispiel weil du in der Sicherheitsposition dein Gesicht vor die Rückenlehne des Vordermanns pressen musst oder sich die Kabine mit dichtem Rauch füllt, bist du schnell von der Außenwelt abgeschnitten. Aus dem Grund muss sich das Bordpersonal gesondert um jeden gehörlosen Menschen an Bord kümmern, denn die Airline ist natürlich auch für ihre Sicherheit verantwortlich.

    Fliegen ist zwar sicher und eine Notsituation extrem unwahrscheinlich, aber fliegen ist sicher, gerade WEIL es so strenge Sicherheitsbestimmungen gibt.

    Dass man allerdings wie ein 3-jähriges Kind behandelt wird, finde ich extrem unpassend.

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  2. @shred: Mann kann sich an anderen Mitreisenden orientieren was die so machen.

    Genau das gleiche mache ich auch, wenn ich am Bahnsteig stehe und mitbekomme, dass es eine Lautsprecherdurchsage gegeben haben MUSS, weil sich die Mitreisenden alle wie Lemminge sich auf ein anderes Gleis bewegen. Da weiß ich dann, dass ich mitlaufen muss und nachfragen musss, was genau durch gesagt worden ist.

    Und außerdem soll man sich bei dichtem Rauch sowieso an den Händen festhalten. Und in einem Notfall werden wohl die Bordgeräusche so laut sein, dass man sich selbst nicht mehr hören kann, weil es eben so schüttelt. Im Notfall macht man sowieso nach, was der andere macht, von daher sehe ich den Sinn der Vorschrift nicht ein. Wenn es sich um Blinde oder Rollstuhlfahrer handelt, dann ist es was anderes, weil die gesonderte Aufmerksamkeit brauchen, weil sie sich ja nicht an anderen orientieren können und einfach alles nachmachen können.

    Aber bei Gehörlosen? Wir können alles, außer Hören.

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  3. Selbst habe ich Asthma und bin deswegen mit einem Grad von 50 "behindert". Da ich aber normal meine Arbeit mache und schon immer "normal" lebe würde ich auch auf einem Flug nicht meine Krankheit angeben.

    Eben wie geschrieben wurde: nur weil man behindert ist ist man doch nicht blöd, nur halt in irgendeiner Weise eingeschränkt, die aber noch lange nicht negativ sein kann.

    Dann dürften Dicke auch nicht mehr fliegen, die könnten in den Sitzen verkeilen und sich nicht schnell genug bewegen können um aus dem Flugzeug zu kommen....

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  4. An die Ausgänge setzen.
    Bordpersonal informieren - das muß bei einer Evakuierung ja auch aussteigen - und dann im Notfall antippen und mitnehmen.
    Ansonsten dürften Gehörlose konsequentermaßen nirgendwo hin, und das wär ja Quark.
    (Wenn ich da an den Feuerwehreinsatz in unserem Rathaus neulich denke.....da werden ja auch einfach alle, die auf den Fluren oder in den Zimmern sitzen, von den Evakuierungshelfern mit rausgenommen, falls sie den Feueralarm nicht bemerkt haben oder falls Kunden nicht wissen, was das für eine komische Sirene ist.)

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  5. Der letzte Satz in deinem Antwortkommentar gefällt mir ganz besonders.

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