Freitag, 9. September 2011

My last 5 cents zu "CI-Zwang für gehörlose Kinder?"

Meinen Blogleser werden ja die Einträge kennen, worum es um die eindringliche Empfehlung einer Versorgungsrichtline mit dem Cochlear Implantat für gehörlose Kinder geht - kommen die Eltern, egal ob hörend oder gehörlos dieser Aufforderung nicht nach, dann müsse man ihnen das Sorgerecht entziehen.

Hier geht's zum PDF von Müller und Zaracko.

Hier die Blogeinträge dazu:

CI-Zwang für gehörlose Kinder?

Morgen haben die Eltern den Termin beim Jugendamt

Lieber keine schlafenden Hunde wecken, sonst droht dir das Jugendamt...

Ich äußere gerne noch mal meinen Standpunkt zu Müller und Zarackos Thesen übrigens: Die beiden haben überhaupt keine Ahnung, wovon sie schreiben - ganz im Ernst. Interessanterweise beziehen sie sich eindeutig auf den Hintergrund gehörloser Eltern mit einem gehörlosen Kind, nicht etwa auf hörende Eltern mit einem gehörlosen Kind. Laut Müller&Zaracko sind gehörlose Eltern einem Cochlear Implantat gegenüber ablehnend eingestellt. Das kann zutreffen, muss aber nicht und es ist auch nicht verwunderlich bei der Geschichte Gehörloser, denn die Gebärdensprache, die Muttersprache der Mehrheit der Gehörlosen wurde jahrelang unterdrückt und als Kommunikationsmittel verboten, da die angeblich das Erlernen der Lautsprache behindern würde. Heutzutage weiß man, dass diese jahrelange Annahme völlig falsch ist, was eigentlich nur logisch ist, wenn man sich bilinguale Kinder anschaut aus binationalen Beziehungen, denn dort verbat man ja den Eltern ja auch nicht, das Kind mehr als zwei Muttersprachen "auszusetzen".

Übrigens: Heute noch ist für Lehrer, die an Gehörlosenschulen gehörlose Kinder unterrichten, nicht zwingend vorgeschrieben, dass sie während des Studiums die Gebärdensprache lernen müssen.

Das CI kann eine Hilfe sein, es kann eine Chance sein für gehörlose Kinder, aber man sollte es nicht überbewerten - ich bin zum Beispiel teilweise in einer Meinung mit Arno Vogel, dem therapeutischen Leiter des CI-Centrums Schleswig-Holstein, der ebenfalls eine Stellungsnahme zum Müller&Zarackos Artikel schrieb.

Hier geht's zu der Stellungsnahme von Herrn Vogel.

Außerdem ist bei der Versorgung nicht die Garantie in petto, dass das Kind damit gut klarkommen wird und normalhörend und sprechend wird - es gibt da Bombenerfolge und eben keine solche Bombenerfolge, weil jeder Mensch mit seiner Hörbiographie halt individuell ist. Von den Bombenerfolgen ausgehend kann man nicht pauschalisieren, dass das CI jedem hilft, aber leider wird genau das suggestiert.

Und was die Schulpolitik angeht: JEDES Kind, egal ob behindert oder nicht, hat auch ein RECHT auf eine vernüftige Schulpolitik, die einen nicht bremst, sondern fördert. Sicher ist es ein Erfolg für gehörlose Kinder mit einem Cochler Implantat, wenn diese es auf eine Schwerhörigenschule schaffen, aber aus meiner Sicht her liegt es nicht alleine am Cochlear Implantat, ob sie auf eine Schwerhörigenschule gehen können anstatt auf eine Regelschule, sondern an der Einschätzung des Hörvermögens und dem Bildungsgrad des Kindes, denn ich war ja auch auf einer Schwerhörigenschule, obwohl ich eigentlich so gut wie gehörlos war.

Was mich auf die Schwerhörigenschule gebracht hat? Das ärztliche Gutachten, ich seie hochgradig schwerhörig an der Grenze zur Taubheit.
Darüber hinaus befand ich mich dank dem Besuch einer hörenden Grundschule ganz ohne Dolmetscher oder sonstwelche Hilfen auf dem Niveau einer hörenden Grundschulklässlerin und war somit über dem Niveau meiner Mitschülern, weil es für mich kein Problem war, fehlerlose Diktate und Aufsätze abzuliefern. Ich hatte einfach Glück, dass man mich so eingestuft hat, denn ansonsten wäre ich wohl auf einer Gehörlosenschule gelandet und wäre wohl gnadenlos unterfordert gewesen.

Es lastet halt ein Druck auf gehörlose Eltern, dass ihre Kinder es besser als sie im Leben haben werden und solange die Gesellschaft nicht barrierefrei ist und sich die Schulbildung für Gehörlose nicht entscheidend verbessern wird, werden einige gehörlose wie hörende Eltern sich für das CI entscheiden. Mir sind zwei Fälle bekannt, wo im Frühsommer 2011 2 komplett gehörlose Elternpaare sich für die CI-Versorgung ihrer gehörlosen Kinder mit knapp einem Jahr entschieden haben mit dem Ziel, dass es ihre Kinder besser haben werden als sie. Dennoch werden diese Kinder billingual aufwachsen - Gebärdensprache und Lautsprache.

Diese Erkenntnis hat sich schon seit Jahren langsam aber sicher in der CI-Versorgung durchgesetzt, dass die Kinder beides brauchen und es hat auch dafür gesorgt, dass das CI nicht mehr so skeptisch angesehen wird unter Gehörlosen, aber es löst das entscheidende Problem nicht - die Gesellschaft fordert von Behinderten, speziell von den Gehörlosen die Anpassung an sie, aber was tut die Gesellschaft für sie? Sie ist nicht barrierefrei und das muss sich dringend ändern.

Gehörlose wie hörende Eltern brauchen die Gewissheit, dass die Entscheidung, dass sie ihr/ihre Kinder nicht mit einem Cochlear Implantat versorgen werden, nicht zu einer Chancenminderung der Kinder im Leben führt.

Lesenswert ist auch der ausführlichen Blogeintrag mit meiner ausführlicheren Meinung zur Versorgung mit dem CI: TV-Bericht über das Cochlear Implantat.

Arno Vogel hat aber einen interessanten Hinweis in seiner Stellungsnahme in seinem Fazit hinterlassen: Die Arbeit von Müller&Zaracko wurde doch GLATT vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert unter dem Förderungskennzeichen 01 GP 0769 und GP 0804.

Von daher ist es mir noch einleuchtender als sonst, warum die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer ganz unverholen Werbung für das Cochlear Implantat macht, was man hier nachlesen kann: Liebe Frau Haderthauer!

Da hat die Bundesregierung doch mal wieder Geld aus dem Fenster geschmissen für eine Arbeit, die zu 70% aus totaler Unwissenheit um die Thematik besteht und außerdem gegen das Grundgesetz verstößt mit der These, dass man den Eltern, die dem "Segen" einer Versorgung mit dem Cochlear Implantat nicht nachkommen wollen, das Sorgerecht entziehen müsse.

Aber was will man von einer Regierung erwarten, die ihren eigenen Gesetze bricht und die die Ermahnungen von ihrem EIGENEN Behindertenbeauftragten Hubert Hüppe einfach nicht zur Kenntnis nimmt?

Ich kann nur hoffen, dass sich eines Tages, den ich hoffentlich noch miterlebe, es Alltag ist in Deutschland, dass sich Barrierefreiheit wie ein roter Faden sich durch Deutschland zieht und es freie Wahlmöglichkeiten gibt.

1 Kommentar:

  1. Kurz mal eine Richtigstellung, weil das immer wieder missverständlich dargestellt wird und für unangebrachte Panik sorgt:

    "Die Etern verlieren das Kind" (siehe auch Stellungname von Arno Vogel!) bedeutet NICHT, dass den Eltern das Sorgerecht entzogen werden könnte. Es meint: Gehörlose Eltern haben Angst, die emotionale Bindung zum Kind zu verlieren, wenn es mit Lautsprache aufwächst (siehe auch Stellungname von Arno Vogel!)

    Das ist ja verständlich.

    Eltern, die ein CI für ihr Kind ablehnen, werden aber NICHT damit bedroht, das Sorgerecht zu verlieren, das war rechtlich noch nie der Fall und es gibt keine Gesetzesgrundlage dafür. Also bitte keine falschen Behauptungen verbreiten.

    Konkret in einem Fall hat das Jugendamt es mal gewagt, sich bei den Eltern eines gehörlosen Kindes zu informieren, ob das dem Amt bis dato unbekannte CI eine nötige (dringliche) medizinische Massnahme sei, also so wie eine Blinddarmoperation. In dem Gespräch wurde schnell klar: Das CI gehört nicht zu der dringlichen lebensrettenden Medizin und braucht deshalb nicht amtlich verordnet zu werden.

    (Zur allgemeinen Info:
    Wenn Eltern ihrem Kind wichtige medizinische Hilfe verweigern, kann das Jugendamt ihnen in dieser einen Entscheidung das Sorgerecht absprechen - nur in dieser Entscheidung, nicht insgesamt. Wir kennen viele dieser Fälle aus der Presse. Das Jugendamt schreitet ein, wenn medizinische Hilfe zum Schutz des Kindes erfolgen muss - und das ist auch gut so.)


    Im Falle des CI wollte ein Jugendamt-Mitarbeiter nur wissen, was das CI eigentlich ist und um was es geht dabei. Dazu sprach er mit einer gehörlosen Familie.

    Überall wird seitdem fälschlich verbreitet, "den Eltern würde das Jugendamt das Kind wegnehmen, wenn sie das CI ablehnen" - was für ein Quatsch! Aber viele Leute mögen solche Behauptungen und möchten sie sehr gern lesen. Warum eigentlich?

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