Freitag, 9. September 2011

Nicht erziehungsfähig, da behindert?

Soeben stiess ich Infoportal für Gehörlose, dem Taubenschlag, auf folgenden Bericht:

Sorgerechtsentzug bei gehörlosen Eltern?

Barbara Cudina, eine Mannheimer Fachanwältin für Familien- und Erbrecht
schreibt auf ihrer Fachseite zum Thema Sorgerecht folgendes:"Dann gibt es noch die Kategorie, bei der die Eltern objektiv bei der Erziehung versagen, es ihnen aber entweder gar nicht oder nur teilweise vorzuwerfen ist, dass sie ihr Kind gefährden. Sind die Eltern z. B. seelisch oder körperlich behindert, kann dies Störungen bei der Entwicklung des Kindes verursachen. So wenn die Eltern taubstumm sind, können sie ihrem Kind nicht das sprechen beibringen, obwohl es körperlich dazu in der Lage wäre." (Quelle: http://fachanwaeltin-familienrecht-mannheim.de/2009/03/sorgerecht/) - Stand 08.09.2011.

Selbst das klare und erklärende Schreiben der Gehörlosenseelsorge durch die evangelische, selbst gehörlose Theologiestudentin Felizitas Böcher an die Familienanwältin Barbara Cudina führte nicht dazu, dass ein Umdenken bei der Anwältin einsetzte - weder beim veralteten und unzutreffenden Begriff: "taubstumm" für Gehörlose noch bei der ihrer Auffassung, dass gehörlose Eltern Störungen beim Kind erzeugen, weil sie ihm das Sprechen nicht beibringen können, was im übrigen total vorbei ist an der Realität.

Daher bin ich in der selben Meinung wie Bernd vom Taubenschlag: Diese Sache gehört an die große Glocke gehängt!

Fakt 1: Gehörlose Eltern sind sehr wohl sehr in der Lage ihre Kinder gut zu versorgen und an die Sprache heranzuführen, egal ob das besagte Kind nun hörend oder gehörlos ist, denn das gehörlose/hörende Kind lernt sowieso durch das hörende Umfeld und durch die Frühförderung das Sprechen. Ich kenne viele gehörlose Eltern mit gehörlosen und hörenden Kindern und deren Kinder können alle sprechen und die sind kein bisschen in in ihrer Entwicklung gestört. Im Gegenteil - die wachsen billingual auf mit der Gebärdensprache und der deutschen Sprache.

Fakt 2: Der Begriff taubstumm ist erstens total veraltet, was sogar im Duden steht, da hätte Frau Anwältin Cudina einfach nachschlagen müssen oder diesen Kauf-und Lesetipp für die Medienbranche von mir lesen müssen. Und ich habe schon mehrfach dazu gebloggt, warum das so ist, zum Beispiel im Hinweis an die Medienbranche.

In diesem Eintrag stelle ich fest: "Taubstumm ist immer noch festverankert im Kopf."

In der Kürze: Gehörlose sind nicht stumm. In keinster Weise. Der Anteil der Gehörlosen unter den Gehörlosen, die wirklich nicht lautsprachlich kommunzieren können, ist verschwindend klein. Dennoch sind diese Gehörlose ohne lautsprachliche Kommunikationsfähigkeit nicht stumm - sie haben immer noch die Gebärdensprache. Das Wort stumm sagt doch aus, dass man ohne jede Sprache ist, was in dem Fall und auch auf lautsprachliche Gehörlose nicht zutreffend ist.

Jedenfalls ist eine solche Auslegung der Erziehungsfähigkeit eine Armutszeugnis für eine Familienanwältin, denn Eltern sind in der Regel dazu fähig ihre Kinder zu erziehen, egal ob sie nun selbst behindert sind oder nicht. Und wenn Probleme auftauchen sollten, dann gibt es ja immer noch die Familienhelferin.

Ich bin mir sicher, dass Frau Anwältin Cudina mir in dem Punkt zustimmt, dass es für Kinder immer noch am besten ist, wenn sie bei ihren Eltern leben und aufwachsen können, außer sie werden körperlich in Form von Schlägen wie auch seelisch durch diverse unschönen Handlungen mißhandelt.

Und mir fällt da noch einiges ein, womit man schon in der Vergangenheit versuchte, gehörlosen und auch hörenden Eltern das Sorgerecht für ihr gehörloses Kind zu entziehen, zum Beispiel stellt es nach Müller&Zaracko eine Gefährdung für das Kindeswohl dar, wenn man das gehörlose Kind NICHT mit einem Cochlear Implantat versorgt, auf dass es hören kann und ein "normales" Leben führen kann, wie ich bereits 2010 verbloggt habe in diesen Einträgen:

CI-Zwang für gehörlose Kinder?

Morgen haben die Eltern den Termin beim Jugendamt

Lieber keine schlafenden Hunde wecken, sonst droht dir das Jugendamt...

Was aus dem Rastatter Fall wurde und aus Anette S., ist mir bisher nicht bekannt, aber ich frage da mal nach und komme hoffentlich an einige Informationen heran.

Ich bin gespannt, wie eure Meinung zur Auslegung von Anwältin Cudina ist, dass behinderte Eltern, insbesondere gehörlose Eltern nicht erziehungsfähig sind, weil deren Behinderung Störungen in der Entwicklung des Kindes verursache.

Hier sieht man es übrigens wieder mal ganz gut, was die Aussortierung von Menschen mit Behinderung(en) von klein auf alles in den Köpfen der Menschen anrichten kann und zwischen Menschen - das muss endlich ein Ende haben, da es der Gesellschaft überhaupt nichts bringt.

Kommentare:

  1. Ich kenne weder genaue Tätigkeitsfelder noch Fälle, die von dieser Anwältin bearbeitet worden, und habe auch nicht Jura studiert.
    Aber ich kann mir vorstellen, dass sie in Verfahren damit argumentiert, dass von der "Norm" abweichende Menschen eigentlich Menschen zweiter Klasse seien. Und das würde sie kaum machen und auf ihrer Homepage schreiben, wenn sie damit nicht vor Gericht durchkäme (und das Gericht das GG vergisst).
    Der erstbeste mögliche "Anwendungsfall" wäre ein Sorgerechtsstreit zwischen hörenden und nicht hörenden Eltern.

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  2. Ich glaub eher das genau das Gegenteil der Fall ist. Kinder mit behinderten Eltern werde vermutlich nicht so intolerant werden wie diese Anwältin.

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  3. Meiner Meinung ist das kompletter Schwachsinn und zeigt wie viele Vorurteile einige Menschen gegenüber hörbehinderten Mitmenschen immer noch haben. Ich bin überzeugt dass sich Kinder die von hörbehinderten Eltern erzogen wurden absolut normal entwickeln und finde die Aussage von Frau Cudina einfach nur diskriminierend.

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  4. Ich selbst hatte damals einen Jungen in meinem Jahrgang dessen Eltern gehörlos waren/sind. Hat man ihm nicht angemerkt. Der einzige Unterschied zu anderen Kindern war, dass er sich um einiges sozialer verhielt als die anderen.

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  5. Ich bin ja immer dafür, es erstmal mit Güte und sachlicher Aufklärung zu versuchen, bevor man die Leute richtig attackiert.

    Aber genau das hat hier ja offensichtlich stattgefunden und die Anwältin hat nicht reagiert.
    Darum: Ja, dann unterstütze ich das, daß sowas an die große Glocke gehängt und daß da entsprechend protestiert wird.

    Diese Äußerungen sind wirklich unter aller Kanone.
    Im Taubenschlag sind auch schon einige Kommentare, die treffender nicht sein könnten:
    Komisch, daß CODAs irgendwie doch sprechen (im Sinne von Lautsprache) gelernt haben, woll?

    Viel Erfolg bei Protestaktionen dagegen.
    Hier liegt wirklich anscheinend nicht nur Unwissenheit, sondern Diskriminierung vor.

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  6. Hm, Trackbacks scheinen nicht zu funktionieren, deshalb ein manueller Trackback:

    http://wiegold.wordpress.com/2011/09/09/juristin-gehorlose-versagen-objektiv-bei-der-erziehung/

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  7. http://www.piratenpartei.de/node/1285/54005#comment-54005

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