Mittwoch, 14. September 2011

Warum gibt es bisher keine hochwertigen 1:1 Untertitel im deutschen Fernsehen?

Heute erreichte mich folgende Pressemitteilung, dass die ARD, dass sie den Ausbau barrierefreier Angebote beschlossen habe. Beim näheren Lesen machte mich das Wörtchen "Erstsendungen" stutzig. Warum steht da nicht gleich davon, dass man das ganze Programm untertiteln will? Auch ist zu lesen, dass derzeit 37% des Programms der ARD untertitelt.

Hier geht's zur Pressemitteilung: Bitte klicken.


Mich interessiert es vor allem, ob die Frau Piel auch daran gedacht hat, dass man die Mediathek der ARD barrierefrei anbietet, denn auch das wäre ein wichtiger Schritt, denn derzeit kann man nämlich einen verpassten "Tatort" nicht einfach in der Mediathek mit Untertitel nachholen. Beim ZDF ist es möglich in der Mediathek einen verpassten Film nachträglich mit Untertitel anzuschauen.

Die Untertitel in der ARD werden von den jeweiligen Landesfunkrundstalten produziert, die ihre eigenen Facebookseiten haben. So haben z.b. die Untertitelredaktionen vom WDR und des NDR welche. Social Media macht's möglich. ;-) Ich mag es, wenn ich dort kommentieren kann und Feedback zurückbekomme.

Da hab ich gleich mal bei NDR_Untertitel nachgefragt, was mit der Qualität der Untertitel, sprich 1:1 -Untertitel und der Barrierefreiheit der Mediathek seie? Nun, ich bekam das hier zur Antwort:

Liebe Frau Probst, zur Zeit mangelt es bei der Einstellung von Untertiteln in der NDR Mediathek an den technischen Möglichkeiten. Wir befassen uns aber mit der Problemstellung und arbeiten im Rahmen des Projektes "Barrierefreier Rundfunkzugang", das der NDR eingerichtet hat, an einer Umsetzung. Die Mediathek der ARD fällt nicht in unseren Zuständigkeitsbereich. Zu der von Ihnen angesprochenen 1:1 Untertitelung sowie der Qualität verweisen wir auf unseren Beitrag, den Sie unter "Notizen" finden.

Den Dialog findet man hier auf der Facebookseite.

Da habe ich dann mal auf die verwiesene Notizenseite geschaut:

Warum wird nicht 1:1 untertitelt?


Da hab ich dann meinen Kommentar hinterlassen:"Dem widerspreche ich. Gerade die durchgehende Untertitelung in Finnland, wo Filme untertitelt werden als sycnrochisiert, hat dafür gesorgt, dass finnischen Schüler bei der PISA-Studie am besten abgeschnitten haben beim Text- und Schreibverständnis. Außerdem sind die meisten DVD's in hoher Qualität untertitelt 1:1. Die Untertitel im Fernsehen sind ein Witz von der Qualität her - man teste nur mal die Untertitel bei "DAS!" im ND um täglich um 18:45 Uhr. Ich sehe so oft Dialoge, wo ich von den Lippen etwas völlig anderes ablese und im Untertitel den Satz total verkürzt und vereinfacht umformuliert sehe.

Das ist eine Bevormundung. Es bringt den gehörlosen Menschen mit geringer Sprachkompetenz nichts, wenn Dialoge zu einfach formuliert in den Untertitel erscheinen. Der Punkt ist: Wenn Gehörlose, Schwerhörige ab 2013 6 € Gebühren zahlen sollen, um finanziell zum barrierefreien Ausbau des Angebots zu zahlen, dann erwarte ICH als Gehörlose völlige Gleichbehandlung - nämlich, dass ich auch 1:1 genau DAS mitbekomme, was gesagt wurde.

Artikel 3 des Grundgesetzes: Niemand darf aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden. Und ein weiterer Punkt: Die Scrollingmethode ist am besten geeignet, den Weg für 1:1 Untertitel zu ebnen, die muss man dann aber auch gescheit anwenden.

Fakt ist: Was in England und in den Staaten täglich an Untertitel produziert wird in dieser hohen Qualität, muss auch hier umgesetzt werden, da gibt's keine Ausrede mehr. Gerade hochwertige Untertitel sind durch die visuelle Kombination mit Text und Bild dafür geeignet, Gehörlosen und Schwerhörigen, Alten wie Jungen eine bessere Bildung zuvermitteln. Und auch Ausländer, die in Deutsch lernen wollen, profitieren von hochwertigen, unverkürzten und unvereinfachten Untertitel. So muss man denken."

So denkt das deutsche Fernsehen. So sieht die Realität aus und ganz besonders heftig wird einem der Unterschied, wenn man an der Stelle von Christiane Link vom Behindertenparkplatz von England aus mal in "DAS!" auf NDR reinguckt und dann fassungslos vor dem Fernseher zurückbleibt: "Das kann doch nicht wahr sein, dass nur 50% des Gesagten untertitelt wird und alles so verkürzt und einige falsche Tatsachen gesagt werden in den Untertitel."

Auch sie hat auf der Untertitelseite vom NDR-Untertitel gepostet, worauf man leider nicht direkt verlinken kann, der Beitrag erscheint nur, wenn man auf "Alle Beiträge" klickt.

Sie hinterliess folgenden Text auf der Facebookseite von denen: "Hallo NDR-Untertitel-Team, ich habe gerade NDR DAS! zusammen mit einer gehörlosen Freundin gesehen. Ich kann hören. Mich würde mal interessieren, warum die Qualität der Live-Untertitelung bei den Interviews im Studio so schlecht ist. Es werden nicht einmal 50% der Informationen vermittelt, die ich als Hörende über das Interview bekomme. Woran liegt das? Das würde mich sehr interessieren. Ich lebe in Großbritannien und die Qualität der Untertitel bei BBC, auch bei Livesendungen, ist um Welten besser. Ist es ein Softwareproblem? Ist die Software bei Deutsch nicht so gut wie bei Englisch? Danke für die Antwort!"

Darauf antwortete das Team von NDR-Untertitel:"An einer Live-Sendung wie „Das!“ arbeiten immer mindestens 2 Untertitel-Redakteure. Sie verfolgen die Gespräche, und geben die Inhalte mittels einer Spracherkennungssoftware wieder. Diese wandelt dann das Gesagte in Untertitel. Entscheidend dabei ist, wie schnell können Gesprächsinhalte erfasst und in Untertitel umgesetzt werden. Sprechtempo, Thema, Gesprächssituation, Artikulation, Redefluss - die Qualität einer Live-Untertitelung wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Zudem ist ein gewisser Zeitverzug nicht zu vermeiden, denn der Untertitel kann erst formuliert werden, wenn der Satz gesprochen wurde. Und solange es keine automatische Spracherkennung gibt, wird sich daran wenig ändern. Wenn Sie sich die Sendung genauer anschauen, erkennen Sie, dass die Gesprächsinhalte - wenn auch nicht 1:1 - doch aber nahezu vollständig wiedergegeben wurden. Wir bedauern, dass Sie das offenbar anders empfunden haben. Seien Sie aber versichert, dass die Redaktion ständig an einer Qualitätsverbesserung arbeitet. Die geäußerte Kritik ist insofern Auftrag und Ansporn zugleich, die Anstrengungen in dieser Richtung fortzusetzen."

Christane verwies dann auf den hohen Standard bei der BBC:"Herzlichen Dank für die Antwort. Ich denke, das Ziel muss sein, Inhalte 1:1 wiederzugeben. Gerade bei Interviews sind Zusammenfassungen ja nicht genug. Man möchte doch wissen, wie es etwas gesagt wurde etc. Mir ist bewusst, dass das nicht ganz einfach ist und es eine enorme Leistung durch die Untertitel-Redakteure erfordert, aber es ist in UK Alltag. Sicher wissen Sie, dass die Untertitel hier zum Beispiel auch am Flughafen laufen und in Umgebungen, wo Ton stören würde, also auch hörende Menschen diese nutzen. Ich denke, das sollte der Maßstab sein: Wenn hörende Menschen sie problemlos nutzen, wenn sie am Flughafen sitzen, haben sie Niveau erreicht, das angemessen ist."

Darauf die die knappe Antwort von NDR-Untertitel: "Wir arbeiten daran."

Leider hat die NDR-Untertitel-Redaktion nicht auf meinen Beitrag zu dem Dialog reagiert - hier meine "Einmischung":"Ich war die gehörlose Freundin, mit der Frau Link die Sendung mitverfolgt hat, als von meinem Standpunkt her ist es wirklich sehr unbefriedigend, wenn man die Sendung anschaut und merkt, dass im Untertitel viel weniger oder anders mitgeteilt wird, was man an den Lippenbewegungen sehen kann. Gehörlose sind nicht blind und auch nicht doof und es ist wirklichs schade, dass man darauf immer wieder verweisen muss, dass von uns 1:1 Untertitel gewünscht werden."

Word Christiane: Das sollte der Maßstab sein für hochwertige 1:1 -Untertitel im deutschen Fernsehen und auf DVD's: Wenn hörende Menschen problemlos und GERNE auf Untertitel zugreifen, wenn sie Fernsehen, dann ist vollständige Barrierefreiheit erreicht!

Ich werde auf jeden Fall ab 2013 keine 6 Euro GEZ-Gebühren zahlen, wenn ich vom Fernsehen nicht genau die gleiche Brandbreite des Gesagten in den Untertiteln übermittelt bekommen - ich bezahle gerne für Gleichbehandlung wie die britischen Gehörlosen, die bei der BBC wie jeder andere Gebühren zahlen und dafür eine vollständige Gleichbehandlung bekommen.

Außerdem wünsche ich mir von der Politik, dass sie einfach mal um 18:45 in "DAS!" auf NDR vorbeischaut, außerdem bei "Anne Will", "Hart aber Fair", "Menschen bei Maischberger" reinschaut. Untertitel findet man auf der Videotext-Seite 150.

Ich finde, dass man so denken muss wie bei eine Vollversammlung der UNO, was die Qualität Untertitel angeht: Die Dolmetscher dort dürfen sich dort auch keine Verkürzungen oder Vereinfachungen leisten, denn sonst drohen Missverständnisse mit großen Auswirkungen, weswegen sie 1:1 dolmetschen müssen.

Die Bemühungen der Fernsehanstalten hierzulande sind löblich, aber leider nicht ausreichend genug und das muss sich sehr bald ändern. Barriereifreiheit bedeutet auch denn vollen Zugang zu haben zu den Informationen - genau den gleichen Inhalt serviert zu kriegen wie die "anderen."

Barrierefreiheit ist Gleichbehandlung im wahrsten Sinne des Wortes und solange die zusammen mit der Inklusion nicht erreicht wird in Deutschland, denk ich an Heinrich Heine: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht."

1 Kommentar:

  1. Hallo, der Link zu Christianes Blog funktioniert nicht!

    Gruß
    Karin

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