Freitag, 7. Oktober 2011

Die Geburt des Blogs hier...

entstand durch eine Frage, die ich im Frühjahr 2009 bei meinen ersten Gehversuchen unter meinen anderen Twitteraccount in die Runde schmiss: "Was wäre euch lieber, wenn ihr vor der Entscheidung stehen würdet: Blind zu sein oder gehörlos? Und was beeinflusste eure Entscheidung?"

Genau diese Frage habe ich heute wieder in die Runde geschmissen bei Twitter, Facebook und G+ und bekam sehr interessante Antworten zurürck, die im Vergleich zu den damaligen Antworten interessant sind, denn damals wurde Blindheit favorisiert. Diese Tendenz war mir damals schon klar, denn als blinder Mensch bist du ein bisschen besser in die Gesellschaft integriert und du wirst trotz der Blindheit nicht allzu oft komisch angeschaut.

Und damals 2009 habe ich mich dann bei meinem Twitteraccount auf eine Rückfrage einer Followerin namens @textzicke: "PUH, du stellst aber auch Fragen. Aber warum denn nur, Liebelein?" geoutet: "Ganz einfach: Ich bin gehörlos."

Da wurde ich dann bei Twitter dazu befragt und habe die dann auch beantwortet, aber immer sehr darauf geachtet, dass ich nicht nur so "Hörzeugs" twittere, denn ich bin halt nicht mein Defizit. ;-)

Der Satz eines Journalisten zu mir anlässlich meines Outings lautete: "Du solltest darüber bloggen, denn für uns ist diese Welt so weit weg und nicht nachvollziehbar." Das war dann die Geburtststunde von dem Blog hier.

Nun zurück zur Gegenwart und zur der heutigen Fragestellung, bei der ich aber damit gerechnet habe, dass die Tendenz wie gewohnt zu "Blind" tendieren wird, aber das Gegenteil war der Fall: Die meisten entschieden sich heute für die Gehörlosigkeit, was mich sehr zum Überlegen gebracht hat, warum das so ist?

Ich weiß es nicht, warum sich das geändert hat und wodurch. Vielleicht bin ich sogar mit meiner Twitterei/Bloggerei zu einem kleinen Teil daran schuld, dass man über Gehörlosigkeit genauso gut aufgeklärt ist wie über Blindheit?

Gewonnen ist dadurch allerdings gar nichts - es ist nur schön zu lesen, dass Gehörlosigkeit heute offenbar ein bisschen besser akzeptiert ist als Behinderung und nicht mehr so sehr hinter Blindheit hinterher hinkt. Natürlich ist es klar, dass die Antworten auf Twitter, Facebook und G+ nicht für alle sprechen.

Gewonnen haben wir alle erst, wenn es egal ist, ob man behindert ist oder nicht - denn die vollständige Teilhabe an der Gesellschaft macht das Schreckenzensario Behinderung weniger schlimm.

Und das Zauberwort dazu heißt "Inklusion." Eine gemeinsame Gesellschaft für alle. Ohne Barrieren.

Ob das eines Tages mein Deutschland sein wird, in dem mich zeitweise nicht mehr wie eine Ausländerin in meinem eigenen Land fühlen werde, wenn sämtliche Barrieren weggefallen sind?

Kommentare:

  1. Bin über beide Sinne recht froh, aber ich glaube ich tendiere auch zur Gehörlosigkeit. Aber ist unglaublich schwer einzuschätzen, einfach mal Flughafen-Kopfhörer aufzusetzen oder Augen zuhalten hilft ja nicht wirklich bei der Einschätzung.

    In Sachen Inklusion: Was mich seit ewigen Zeiten "fasziniert" ist die Überlegung, warum Dinge, die eine gigantische Mehrheit haben (wer wäre gegen Inklusion, v.a. wenn es so völlig konfliktfreie Gebiete wie Untertitel im TV sind?) nicht umgesetzt werden. Kein Mensch mit einem Hauch von Herz und selbst kein Politiker mit Hoffnung auf Wiederwahl würde doch offen gegen Inklusion argumentieren. Es ist ein riesen Schritt, dass wir von Nazi-Überlegungen wie den "Euthanasie"-Programmen weg gekommen sind, aber ob das Nichtstun die beste Alternative ist, darf bezweifelt werden...

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  2. Ich finde es spannend, dass Du eher die positive Sicht auf die Antworten hast. Das fängt schon in der Frage an ("was wäre euch lieber") und zeigt sich dann nochmal in der Rückschau, wo "Blindheit favorisiert" wurde. Später ist das nicht mehr so klar formuliert, aber ich hab da auch den Eindruck, dass Du annimmst, man hätte sich jeweils für das "bessere" Handicap entschieden. Ich hätte ja eher gedeutet, dass man sich für das entscheidet, was einem weniger schrecklich vorkommt. Folglich hätte ich dann auch eher geschlossen, dass Blindheit aufgerückt ist, was die Schrecklichkeit angeht, und nicht dass Gehörlosigkeit jetzt besser verstanden (akzeptiert?) ist. Wobei ich dann aber keine Erklärung dafür hätte, warum die erste Umfrage nicht auch schon klar für Blindheit als absoluter Schrecken ausgegangen ist, das hätte ich viel eher erwartet.

    Wenn ich das nicht total falsch interpretiert habe, finde ich das eine absolut zukunftsweisende Sicht von Dir. Viel besser als "blind sein ist schrecklich und gehörlos sein ist auch schrecklich", wie es in den Kommentaren zu lesen war. (Muss ich jetzt aber auch nochmal in mich gehen und an meim Denken arbeiten.)

    Ansonsten habe ich beim Lesen gedacht, dass es bei Gehörlosen mehr um das Thema Akzeptanz im Sinne von Integration zu gehen scheint, bei Blinden aber mehr um die Möglichkeit zur Selbständigkeit. (Mein Eindruck als Außenstehender.) Wenn man das nebeneinander stellt (und nicht jeweils den Grad der Integration), dann könnte es etwa unentschieden stehen.

    Deinem Schlußwort kann ich mich dann nur anschließen.

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  3. Das ist wahrlich eine interessante Frage. Als Teenager hätte ich die Frage wohl mit "blind sein" beantwortet, weil ich mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen konnte (und wollte). Heute sehe ich das anders. Ich muss Michael recht geben, wenn er sagt, dass viel auf die Frage Integration vs. Selbständigkeit hinausläuft. Während des Studiums hatten wir einen blinden Kommilitonen, der voll integriert war, aber eben oft auf Hilfe angewiesen (vor allem, wenn jemand im Foyer mal wieder die Tische verrückt hatte). Ich fand den Gleichmut, mit dem er das hingenommen hat, immer bewundernswert.
    Ein paar Jahre später habe ich in München einen Kurs an der Gebärdensprachschule Blickfang belegt. Aus lange währendem Interesse, geboren aus der Fanschaft für die (gehörlose) Schauspielerin Marlee Matlin. Ich fand diese Sprache und die Ausdrucksmöglichkeiten, die sie bietet, immer faszinierend. Bei Blickfang habe ich aber auch gelernt, wie exklusiv diese Gemeinschaft notgedrungen ist. Zusammengeschweisst durch eine gemeinsame Sprache, aber eben dadurch auch ausgegrenzt. Untertitel, Gebärdentelefone oder simultane Übersetzung sucht man allzu oft vergebens. Trotzdem:
    Inklusion ist etwas, für das man kämpfen, das man sich erarbeiten kann. Die Selbständigkeit als Sehbehinderter wird wohl - trotz Verbesserungen durch Hilfsmittel und gute Stadtplanung - nie vollständig zu erreichen sein. Ich habe leider in der Zwischenzeit das meiste wieder verlernt - aus Mangel an Einsatzmöglichkeiten - aber halte es trotzdem für eine gute Idee, den "Fremdsprachenunterricht" in Schule, Studium und VHS um die Gebärdensprache zu erweitern.

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