Mittwoch, 9. November 2011

Deutsch ins Grundgesetz - Diskriminierung der Gebärdensprache

Diesen Montag hat der Bundestag darüber debattiert, ob man Deutsch als Landessprache im Grundgesetz verankern sollte. Das Ganze wurde übrigens vor einem Jahr von der BILD-Zeitung natürlich unterstützt, weil die Bild ja immer weiß, was der kleine Mann da unten vom großen Mann da oben will.

Mit der Unterstützung des großen Boulevardblattes konnte der VDA - Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland und der VDS - Vereins deutscher Sprache 46.317 Unterschriften sammeln für die Forderung: "Deutsch muss ins Grundgesetz!"

Deutsch ist übrigens bereits vom Gerichtsverfassungsgesetz als auch von den Verwaltungsverfahrensgesetze als Amtssprache festgelegt - wozu also die Petition für die Aufnahme ins Grundgesetz?

Man ahnt's schon - Deutsch habe einen dramatischen Bedeutungsschwund erlangt und überhaupt hätten 17 von 25 EU-Staaten ihre Sprache in die Verfassung festgeschrieben, so der Standpunkt des VDA und VDS.

Die Gegenposition für die Festlegung im Grundgesetz vom Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch und diese ist so einleuchtend wie auch überzeugend. Besonders hat es mich gefreut, dass er die Gehörlosen als die sprachliche Minderheit unter sprachlichen Minderheiten in Deutschland nicht vergessen hat zu erwähnen und zu ermahnen, dass ein solche Verankerung der deutschen Sprache ins Grundgesetz ein Signal der Abschottung gegen diese sprachlichen Minderheiten ist.


In Deutschland leben ca. 80tausend Gehörlose und 16 Millionen Schwerhörige, aber ich will mich jetzt mal nur auf die Gehörlosen beziehen, denn die überwiegende Mehrheit der Gehörlosen in Deutschland bezeichnet die Deutsche Gebärdensprache als ihre Muttersprache.

Aber offiziell sind die Gehörlosen nicht als eine sprachliche Minderheit anerkannt, sondern als eine Gruppe der Behinderten, obwohl Gehörlose sich selbst nicht als behindert bezeichnen, sondern eben als eine sprachliche Minderheit.

Oder kennen Sie eine andere Behinderung, die eine eigene Sprache mit einem eigenen Wortschatz, einer eigenen Poesie, einer eigenen Kultur und eigenen olympischen Spielen, die Deaflympics, hervorgebracht hat? Es gibt zwar die Paralympics und die Special Games, wo aber verschiedene Behinderungen zusammenkommen.

In Deutschland ist die deutsche Gebärdensprache seit dem 1. März 2002 als eigenständige Sprache anerkannt, aber nicht als Amtsprache. Sie hat nur den Status einer eigenständigen Sprache erlangt, aber nicht den einer Minderheitensprache wie Nordfriesisch, Saterfriesisch, Dänisch, Sorbisch und Romani in Deutschland.

Warum eigentlich nicht? Es ist längst dringend überfällig, dass die deutsche Gebärdensprache den Status einer solchen erlangt, denn sie erfüllt alle 5 Kriterien für eine solche Anerkennung.

Der Vorteil dabei wäre: Als Partei einer nationalen Minderheit ist man gemäß § 3 Abs. 1 Satz 2 des Wahlgesetzes seit 1955 für den Landtag des ansässigen Bundeslandes von der 5-Prozent-Hürde befreit; dies gilt auch schon seit 1953 für Bundestagswahlen nach § 6 Abs. 6 Satz 2 des Bundeswahlgesetzes, der für alle Parteien nationaler Minderheiten gilt.

Damit wäre der Weg frei für eine politische Mitsprache der Gehörlosen.

Andere Länder wie Island und Neuseeland sind uns da meilenweit voraus: Dort ist die jeweilige Gebärdensprache des Landes zur Amtssprache ernannt worden.



Mein Fazit ist also: Die Politik sollte sich in Deutschland mit anderen Sachen beschäftigen, ob nun Deutsch ins Grundgesetz festgelegt werden sollte oder nicht, denn es gibt wirklich wichtigeres zu tun und der größte Berg an Arbeit wartet im sozialen Bereich auf die unerträgliche unsoziale schwarz-gelbe Regierung.

Und im übrigen ist es wirklich das falsche Signal, wenn man Deutsch ins Grundgesetz reinschreibt, weil es eine Abwertung der anderen Sprachen ist, die in Deutschland gesprochen werden. Aber logischerweise ist es wichtig, dass Einwanderer und Zuwanderer die Sprache des Landes lernen, wo sie arbeiten und leben wollen, damit beide Seiten voneinander lernen können.

Ich hoffe so sehr, dass bei der Bundestagswahl 2013 ein ganz anderer Geist durch den Bundestag weht und Schwarz-Gelb endgültig abgewählt ist, denn keine andere Regierung hat dem sozialen Miteinander in Deutschland so geschadet wie diese.

Kommentare:

  1. Das sehe ich genauso. Mit Sicherheit gibt es wichtigeres, was man aber nicht angehen will.

    Sollte jetzt schon Populismus Einzug ins Grundgesetz halten?

    Schwarz-Gelb ist das Schlimmste, was uns passieren konnte.

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  2. Apropos 5% Hürde: Na, dann da ist die FDP noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen! Und die Rechtsradikalinskis dürfen sich auch davon profitieren. Herzlichen Glückwunsch zum Urteil.

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  3. Ich sehe hier zwei wichtige Themen und weiss nicht, ob es geschickt ist, beide zu vermischen.

    Zum Ersten die Ignoranz gegenueber Gebaehrdensprache, respektive die landlaeufige Meinung, Gebaerdensprache sei eine alternative Form von "normaler" Sprache, quasi Untertitel fuer gesprochenes Deutsch, oder, noch dumpfer, besteht nur aus Handzeichen als Behilfskommunikation. Um dem Abhilfe zu schaffen hilft nur Aufklaerung, keine Ahnung wie man das angeht, am effektivsten wohl schon in den Schulen. Oder m.E. noch besser, gleich integrierte Schulen.

    Das zweite Thema ist das xenophobisch populistische Verlangen nach Deutsch im Grundgesetz. Wer sowas gut heisst, hat wahrscheinlich auch kein Problem Gebaehrdensprache mit aufzunehmen, solange es halt DEUTSCHE Gebaehrdensprache ist :)

    Ich befuerchte, die beiden Themen zu vermischen impliziert, dass die Forderung nach Deutsch im Grundgesetz zwar kleine Anpassungen Bedarf, aber grundsaetzlich diskussionswuerdig ist.

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  4. Was mich interessieren würde: Werden solche Debatten auch barrierefrei ausgestrahlt oder zur Verfügung gestellt? Also auch jenseits der Tagesschau oder ab und an einer BT-Debatte? Sind die Seiten des Staates überhaupt barrierefrei?

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  5. Ich sehe das nicht so verbissen wie Stefanowitsch.
    Wenn Deutsch im Grundgesetz festgelegt werden soll, dann nicht isoliert, sondern es muss auch die Deutsche Gebärdensprache und ggf. weitere Fremdsprachen gleichzeitig mit berücksichtigt werden. Das ist umfassende Sprachenpolitik. Diese Politik haben Island und auch Schweden und Finnland vollzogen.

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  6. Ich frage mich schon länger, warum eigentlich die jeweiligen Regierungen noch nicht auf die Idee gekommen ist, Gehörlose als sprachliche und kulturelle Minderheit anzuerkennen - wie hier immer wieder gefordert. Immerhin würden sie alle Leistungen sparen, die aufgrund des Behindertenstatus gezahlt werden. Inklusion wäre dann ebenso kein Thema mehr, wie Untertitel oder sonstige Bereiche der Barrierefreiheit, sofern es Gehörlose betrifft.

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  7. Das ist Quatsch, dass dann alle Leistungen wegfallen würden, die den Gehörlosen zustehen würden, denn als eine Gesellschaft, die absolut nicht barrierefrei ist für Gehörlose, stehen diese den Gehörlosen weiterhin voll zu, auch wenn sie als eine sprachliche Minderheit anerkannt wären!

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  8. Ich würde nicht zu früh behaupten, dass das "Quatsch" sei. Alle Maßnahmen in diesem Bereich gehen von Behinderung aus. Wenn nun aber eine Gruppe sagt, sie sei ja gar nicht behindert, dann könnte schon der ein oder andere auf die Idee kommen, dass dann auch keine Leistungen gewährt werden müssen. Gibt ja auch keinen Anspruch auf sorbische Untertitel.

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