Sonntag, 8. Januar 2012

Der Vorbericht zu meinem Standpunkt zur Bionik

Gestern Abend sah ich mir mit einer gehörlosen Freundin und ihrem hörenden Ehemann den Film "The Ides of March" an - das Date mit George Clooney und Ryan Gosling war barrierefrei, denn der Film wurde auf OMU (Original mit Untertitel) gezeigt.

Auf Twitter schrieb ich dann dazu, dass der Film toll ist und ich mich nicht entscheiden kann, wen ich sexier finde: Georges Lippen oder Ryans Augen.

Am Ende des Films liess ich dann verlauten, dass die echte Stimme von George-Boy ja so unverschämt sexy ist. Kurz darauf fiel mir dann ein, dass man mich ja für ein Fake halten könnte, weil ich als Gehörlose meiner Timeline vorschwärme, wie sexy die Stimme ist. Neulich hat man mich ja auch für ein Fake gehalten, weil ich das Wort "hören" im Bezug auf mich selbst verwendet habe - übrigens völlig zu recht, wie ich finde. Den Blogeintrag dazu findet man hier: Was man halt so sagt - Teil 2 Extrem zusammengefasst: Warum soll ich nicht auch ein Wort wie jeder andere auch verwenden dürfen, auch wenn ich biologisch gesehen dazu nicht in der Lage bin?

Meine Erklärung zur der sexy Stimme von George war dann, dass ich ein Cochlear Implantat habe und damit hören kann. Und mir war klar, dass für die "Hörenden" "hören" gleichgesetzt wird mit "verstehen.", denn ich wurde dann gefragt, warum ich dann Untertitel brauche bzw. für Untertitel bin, wenn ich doch ein Cochlear Implantat habe? Aber dazu gleich mehr.

Daraus hat sich dann eine Diskussion auf Twitter entwickelt über das Cochlear Implantat für Gehörlose und die ganze Bionik drumherum.

Die Szene des Filmes beginnt übrigens damit, dass Ryan eine Mikroprobe für George macht: "Ich bin kein Christ, kein Jude, kein Moslem. Ich bin nicht besonders gläubig. Meine Religion ist die Verfassung von Amerika. Daran glaube ich!" (Das ist jetzt nicht wortwörtlich zitiert, aber so in etwa ging der Satz.)
Und gestern Abend um Mitternacht entspann sich auf Twitter eine Diskussion mit Enno Park, @ennomane, der als frisch beidseitiger Versorgter mit dem Cochlear Implantat natürlich vollstens dahinter steht und die Bionik für unverzichtbar hält.

Und ich denke, dass ich als Cyborg selbst ganz gut über die Bionik informieren kann, was Gehörlose und Schwerhörige betrifft, denn ich habe selbst ein Cochlear Implantat, was bedeutet, dass ich da einfach weiß wovon ich rede und die beiden Seiten der Medaille am eigenen Leib kenne.

Ich war 11, als meine Familie von den Möglichkeiten des Cochlear Implantats erfahren hat und wir zur Voruntersuchung nach Hannover fuhren. An die lange Autofahrt im Peugeot meiner Tante kann ich mich noch erinnern, denn mit meiner mickerigen Körpergröße, von der ich heute nur ein paar mickerigen cm mehr habe, passte ich genau auf die Rückbank des Peugeots und konnte dort ausgestreckt schlafen. Irgendwann vor Hannover bemerkte meine Tante, dass ich im Schlaf laut gelacht habe. Etwas, was heute noch sehr typisch ist für mich - ich lache oder rede oft im Schlaf.

Dann bei der Visite saß ich da umgeben von diversen Professoren, auch vom besagten Dr. Lenarz und er stellte mir die Frage: "Kannst du dir vorstellen, ein Cochlear Implantat zu kriegen und damit hören zu können?" Mit meiner teenagerhaften Lässigkeit sagte ich also: "Eventuell schon." Und damit löste ich Fassungslosigkeit aus bei ihm: "Also, das ist erstaunlich. Ich habe noch nie von einer Gehörlose "eventuell schon" gehört." Er wendete sich an meine Mutter: "Sie ist wirklich von Geburt an gehörlos?" Bumm - da war es passiert, etwas was ich noch sehr oft in meinem Leben erleben würde, nämlich, dass man über mich redet, als wäre ich gar nicht mit dabei im Raum. Die Frage hätte er mir selbst auch ruhig stellen können, finde ich und nicht über meinen Kopf hinweg. Die Bestätigung kam von meiner Mutter. "Und woher kennt sie solche Fremdwörter, die ja unüblich für Gehörlose sind?" Ich meldete mich zu Wort: "Ich lese viel." "Ach, was liest du denn so?" "Bin grad fertig geworden mit "Sophies Welt" von Joostein Gaarder." "So ein dickes Buch liest du?" "Ja, warum sollte ich kein dickes Buch lesen? Es ist doch völlig wurscht, ob ein Buch dick oder dünn ist - die Geschichte muss gut sein."

Nun ja, ich hinterließ also Eindruck da bei der versammelten Ärzteschaft, die wiederum aber gar keinen bei mir. Das war dann irgendwann im April 1993. Ich erinnere mich noch gut an eine junge Mutter namens Pia und ihrem ungefähr 4 Jahre alten gehörlosen Sohn Niklas, die dann auch bei der Voruntersuchung waren und mit uns auf dem Zimmer waren. Soviel ich weiß, wurde er ziemlich schnell nach der erfolgreichen Voruntersuchung implantiert - vom Hörerfolg damit weiß ich nichts. Aber wahrscheinlich ganz gut, denn er war, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, nicht von Geburt an gehörlos, sondern hat Mumps oder Masern gehabt und ertaubte daran.

Ich liess mir aber noch Zeit mit allem - wie gesagt, ich war völlig unbeeindruckt von der Vorstellung hören zu können, weil es mir damals wie heute nichts bedeutet, obwohl ich in der hörenden Welt aufgewachsen bin und zur dieser Zeit erst seit 2 Jahre in eine Schwerhörigenschule ging. Die Umstellung auf die Schwerhörigenschule war für mich ein kleiner Kulturschock aufgrund der Tatsache, dass die Klassen so klein waren, es waren nur 12 Kinder in einer Klasse und ich war aber an meine 32 Mitschüler gewohnt, was ich auch meiner Mutter vorjammerte: "Die Klasse ist so klein, das ist keine echte Schule." "Du wirst dich noch daran gewöhnen. Es ist schön hier." Das stimmte wirklich, denn die Schwerhörigenschule in München-Johanneskirchen war damals ein ganz neuer Bau und sieht heute noch ganz modern aus. Viel Glas, viel Licht.

Hier kann man übrigens den Blogeintrag nachlesen, wie das war mit meiner Inklusion in der normalen Grundschule: Der Monitorbericht und meine Gedanken dazu

Es folgen lange Diskussionen innerhalb der Familie und Diskussionen mit mir über das Cochlear Implantat und mir blieb diese ganze Aufregung in der Familie drumherum sehr fremd, die Wichtigkeit der Hörfähigkeit war sowas von weit weg von mir, denn für mich war meine Gehörlosigkeit nichts, was für mich wichtig war. Und ich sträubte mich gegen die Operation: "Nee, warum soll ich mich operieren lassen? Mir geht's gut so wie ich bin." Und steckte dann die Nase in ein Buch und damit war für mich die Diskussion beendet. Nicht aber für meine Familie. Einmal flüchtete ich mit einem Buch vor dieser Diskussion ins Büro von meinem Opa und schob den Ledersessel ans Fenster, damit ich meine Beine auf das Fensterbrett legen konnte und mich weit im Ledersessel zurücklehnen konnte zum entspannten Lesen. Doch die himmlische Ruhe währte nicht lange, denn der Ledersessel wurde um 180 Grad gedreht und ich blickte ins Gesicht meiner Tante, die mir sagte: "Ich verstehe dich nicht. Du hast diese Chance und du ergreifst sie nicht." "Ich will mich nicht operieren lassen, okay?" Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, standen auch schon die anderen Tanten im Raum und auf ihren Gesichten war "WARUM?" zu lesen.

"Nun, wenn ich im Rollstuhl sitzen würde und es gäbe eine Operation durch die ich wieder laufen könnte, dann würde ich das machen!" Ich entgegnete scharf: "Das kannst du nicht damit vergleichen." "Warum nicht?" "Laufen ist ein Automatismus. Du übst die Schritte so lange, bis du es kannst und dann läuft selbst ab. Aber Hören ist viel komplizierter." "Aber du könntest dann etwas, was du davor nicht konntest." "Wer sagt das, das ich das können werde?" "Die Ärzte." "Und weil sie das sagen, wird es so sein?" "Wenn du dich operieren lässt, ja.".

Ich steckte mit dem Buch grad in einem sehr spannenden Kapitel fest und ahnte, dass ich keine Ruhe zum Lesen haben würde, wenn ich weiterhin "Nein!" sagen würde und sagte "Ich denke darüber nach. Kann ich jetzt weiterlesen?" Das wurde mir dann gewährt und ich konnte mein Buch zu Ende lesen.

Wie es dann doch dazu kam, dass ich am 07.Oktober 1994 implantiert wurde? Nun, das ist eine Sache zwischen mir und meiner Familie, die in der Familie bleibt und es war nicht meine freie Entscheidung, sondern ich wurde dazu überredet. Womit - Familiensache.

Der Druck da ist der Wahnsinn gewesen. Und das ist das, womit Deutschland ein Problem hat - Gehörlosigkeit oder andere Formen der Behinderung werden als Makel angesehen und man versucht sie durch die Bionik auszurotten, anstatt Barrierefreiheit für und gleiche Bildungspolitik für Gehörlose und andere Formen der Behinderung auf den Weg zu bringen.

Und ich bin nicht besonders gläubig. Ich bin weder Christ, Moslem oder Jude. Das einzige, woran ich glaube ist, ist ein Stück Papier und das ist die UN-Behindertenrechtskonvention und die darin beschriebene Barrierefreiheit und Inklusion. Ich glaube an die Bereicherung durch eine lebendige Vielfalt durch eine barrierefreie und inklusive Gesellschaft.

Das wäre das, was ich sagen würde, wenn ich für ein politisches Amt kandidieren würde, denn das ist meine Überzeugung aus tiefstem Herzen.

Und ich bin nicht gegen Bionik, nur gegen den Zwang zum perfekten Menschen, denn diese Haltung ist diskriminierend, denn warum MUSS ich alle 6 Sinne haben, um ein vollwertiger Mensch zu sein und den gleichwertigen Zugang zur Gesellschaft zu haben?

Nun, das war mein Vorbericht zur Bionik. Der Rest folgt morgen.

Kommentare:

  1. Zwei Punkte. Einmal durch die Vorbelastung durch mein Mediziner*innenumfeld: Die Frage an die Erziehungsberechtigten, ob du seit Geburt an gehoerlos seist, ist hier IMO nichts gehoerlosen-spezielles, sondern im Umgang mit Kindern durchaus okay. Du willst als behandelnde Aerztin eine moeglichst verlaessliche Quelle, die nicht nur Eigenerinnerungen erzaehlt. Man kann das sicher geschickter ins Gespraech einbauen, aber ich wuerde bei so einer Frage die Bestaetigung von einem Elternteil haben wollen.

    Was mich aber am meisten irritiert ist die Abgrenzung beispielsweise zur Beinprothetik. Magst du mal weiter eroertern, wo du da den qualitativen Unterschied siehst?

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  2. Ich denke, die Probleme kann man zusammenfassen auf zwei Punkte: Empfundene Notwendigkeit (bei vormals Hörenden sicher stärker als bei Leuten, die nie hören konnten) und Zwang.

    Es ist nachvollziehbar, daß jemand, der eine ihm wichtige Fähigkeit verloren hat, diese wiederhaben will, wenn es die Möglichkeit dafür gibt. Der Knackpunkt bei Dir ist wohl, daß Deine Verwandten von sich auf Dich schlossen und meinten, Du müßtest die versprochene Hörfähigkeit doch unbedingt haben wollen, weil sie sie auch (wieder) haben wollen würden, wenn sie sie je verlören.

    Nicht nachvollziehbar ist, daß man jemandem eine für ihn zusätzliche Fähigkeit aufzwingt, die er gar nicht haben will.

    Nun könnte man sagen: Der Betroffene soll sich "verbessern" lassen, damit die Gesellschaft (Politik, Behörden, ...) weniger Arbeit hat. Allerdings gibt es bei anderen Krankheiten oder Behinderungen meines Wissens nach keinen Zwang zur Behandlung, nur ein Recht darauf, wenn eine Behandlung generell möglich ist! Oder hat es schonmal den Fall gegeben, daß jemand, dessen Sehfähigkeit durch Lasern verbessert werden könnte, zu dieser Operation gezwungen wurde, damit andere nicht mehr so sehr auf seine Sehschwäche Rücksicht nehmen müssen? Ich weiß jedenfalls nichts davon.

    Für Spätertaubte ist die Situation also eine deutlich andere. Sie kennen das Hören und wollen es wiederhaben. Gleiches habe ich früher auch über Blinde gehört: Geburtsblinde vermissen das Augenlicht nicht unbedingt, aber Späterblindete kommen nur sehr schwer mit der für sie neuen Einschränkung klar. Würde mir übrigens als ausgesprochenem Augenmenschen auch so gehen.

    Ein anderer Aspekt ist aber: Wenn ein CI plus entsprechendes Training einem gehörlos/schwerhörig geborenen Kind die Welt der Hörenden wirklich eröffnen kann (es also nicht nur hören, sondern auch verstehen lernen kann), dann ist die Frage, ob es fair ist, ihm diese Möglichkeit vorzuenthalten ...

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  3. Ich hatte kürzlich eine Diskussion über das Ersttrimester-Screening in der Schwangerschaft, bei dem anhand der Dicke der Nackentransparenz des Fetus und bestimmter Marker im Blut der Mutter eine Wahrscheinlichkeit für bestimmte genetische Abweichungen beim Kind festgestellt werden kann. Wie gesagt, es handelt sich lediglich um Wahrscheinlichkeiten und bei einer hohen Wahrscheinlichkeit werden den Eltern spezielle weiterführende Diagnostiken empfohlen. Zur Zeit ist diees Screening noch nicht Teil der Mutterschaftsrichtlinienen, also keine Kassenleistung. Dennoch habe ich den Eindruck, dass so ziemlich alle Eltern dieses Screening machen lassen, denn man will ja kein "behindertes" Kind. Und das fand ich ziemlich schockierend, dass man heutzutage derart unter Druck gesetzt wird, sogar eine Fehlgeburt zu riskieren (bei der Fruchtwasseruntersuchung als weiterführende Diagnostik liegt das Fehlgeburtenrisiko bei 1%, was ich verdammt hoch finde!), nur um sicher zu sein, kein "behindertes" Kind zu bekommen. Dabei kann dieses Screening nur die Wahrscheinlichkeit für einen ganz kleinen Teil der möglichen genetischen Veränderungen feststellen, außerdem gibt es noch Millionen andere Möglichkeiten, warum ein Kind "behindert" ist oder im Laufe seines Lebens wird. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass durch dieses Screening mittlerweile eine Stimmung vorherrscht, in der es fast gar nicht mehr akzeptiert wird, wenn ein Kind "behindert" ist, das hätte man ja schon in der Schwangerschaft feststellen können und das Kind abtreiben können. Unsere Gesellschaft ist immer weniger bereit, Menschen mit "Behinderung" zu akzeptieren, "das muss doch heutzutage wirklich nicht mehr sein, da gibt es doch Möglichkeiten..."
    Deshalb kann ich deine und die Einstellung anderer Gehörloser zum CI sehr gut verstehen, es kann manchen Gehörlosen nutzen, aber es wird immer Menschen geben, denen es eben nicht hilft und da ist der gesellschaftliche Druck, vermeintliche Defizite ausgleichen zu müssen nicht gut.

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  4. Liebe Jule,
    ich möchte mich bedanken, dass Du hier diese wichtige Aufklärungsarbeit betreibst. Es macht mir Mut, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam über Inklusion ins Gespräch kommen. Das war bis vor ein paar Jahren imho noch gar nicht möglich. Wer niemanden mit einer Behinderung kannte, erfuhr auch nichts darüber. Das Thema war wenig präsent bzw. wurde in nicht öffentlichen Foren diskutiert. Sowas gehört aber unbedingt in die öffentliche Diskussion und dazu leistet Ihr alle, die ihr darüber bloggt und twittert und uns Einblicke in Euer Leben und Denken gewährt einen riesigen Beitrag.

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  5. Ich möchte noch einen Aspekt nennen: Wenn Ärzte zu sehr betriebswirtschaftlich denken, werden sie tendenziell für eine Behandlung argumentieren, an der sie verdienen können.

    Ich hörte von einem Buchhalter, dessen Kunde, eine orthopädische Praxis, sich ein neues MRT-Gerät kaufte und dann erstmal "wie wild" jeden ins MRT schob.

    Bitte nicht verallgemeinern!!! Ich will damit nicht sagen, dass alle Ärzte zunächst betriebswirtschaftlich denken.

    Ein CI ist auch eine andere Dimension als Röntgen oder MRT. Das ist mir klar.

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  6. Ist das jetzt nicht ein wenig übertrieben? Ich meine, warum sollten Nicht-Gehörlose Gehörlose zwingen wollen, anders zu sein, als sie sind? Das ist mir zum einen viel zu pauschal und zum anderen kann ich den Gedanken nicht nachvollziehen. Jeder darf in dieser Gesellschaft so anders sein, wie er es will. Es ist einfach nur die Art, wie man damit umgeht. - Und das kann ich durchaus beurteilen, denn ich bin auch kein Standardtyp :)

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  7. @Frau Elise: Es geht nicht darum, dass man kein Standardtyp ist. Es geht darum, dass die Kommunikation bei hörgeschädigten oder tauben Personen anders ist.
    Behinderte und nichtbehinderte Personen sollten gleichermaßen diese Barrieren abbauen.

    Leider existieren nicht für jede Behinderung medizinische oder technische Lösungen, diese aus der Welt zu räumen.
    Auch wenn ich z.B. alle sechs Jahre für tausende Euro (Zuzahlung) neue Hörgeräte kaufe: Ich verstehe einfach nicht alles. Ich werde aber natürlich weiterhin am Ball bleiben und sehen, von welchen Entwicklungen ich evtl. profitieren kann.

    Neidisch schaue ich dagegen auf die USA, wo selbst selbst Werbeunterbrechungen im Fernsehen mit Untertitel versehen sind! [Man könnte behaupten, auch in Deutschland würde das Grundgesetzt so etwas vorschreiben: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (GG, Art.3,3)].

    Manchmal bekomme ich von Nichtbehinderten sinngemäß gesagt: „Wenn Du was nicht verstehst, dann mach was dagegen.“ Das macht mich dann immer ganz traurig, weil es sich so anhört, wie: „Wer arbeiten will, findet auch eine Arbeit.“ Und wer nichts macht, darf sich auch nicht beschweren.
    Tatsächlich kämpfe ich aber schon mein ganzes Leben gegen diese Behinderung!

    Es geht aber halt trotzdem darum, wie die Gesellschaft mit den Schwachen umgeht. Warum muss ich eigentlich für jeden selbstständigen Scheiß immer kämpfen?

    Deshalb finde ich es gut, dass u.a. Jule auf dieser Seite immer wieder auf Inklussion und Gleichberechtigung pocht, Danke!

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  8. "Der Rest folgt morgen." - Jetzt ist schon 1 Woche vergangen. Wann können wir Ihre Bericht erwarten? :)

    @Michi: Ich sehe etwas anders in Inklusionsfragen. Kinder mit dem Down syndrom usw. also geistig behindert oder andere Behindertenarten, würden nur den Unterricht stören. Oder es reicht doch schon jetzt völlig aus, das nicht oder nur wenig deutsch sprechende/beherrschende Kinder, den Unterricht belasten. Körperbehindert oder hochbegabte hörbehinderte Kinder mit einwandfreien Deutsch finde ich sehr gut in normalen Schulen.

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  9. "...Kinder stören..."
    "...Unterricht belasten..."

    Mir kommt da gleich was hoch von gestern...Hast du dir mal überlegt, was diese Wortwahl ausdrückt? Welche Werte du da wiedergibst? Was die Einstellung zu Kindern bedeutet?

    Gerade "mal eben so dahin geschriebene" Worte zeigen oft mehr, als 5x drüber nachgedacht. Wobei, wenn sie nochmal nachgedacht sind, dann wird mir gleich noch schlechter...!

    Egal welche Schwächn oder welche Stärken ein Mensch hat, ausschließlich das gemeinsame Zusammenarbeiten bringt Vielfalt und Erfahrungen, die durch Segregation nie entstehen können. Wo sind die Vorurteile gegen Ausländer am Größten? Genau. Dort wo die wenigsten leben. Wo sind die Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen am Größten? Genau dort, wo die wenigsten Kontakte bestehen.
    Menschen mit dem Downsyndrom, Menschen die nicht sehen können, Menschen die nicht laufen können,... würden die Welt der jeweils anderen sooo sehr bereichern und so viel mehr für gegenseitige Akzeptanz automatisch sorgen, dass jede Diskussion über "behindertenfreundlich" oder "behindertengerecht" überflüssig wäre.

    Wenn ein Gehörloser besser den Takt beim Tanen hält, als Hörende, dann sollten sich mal die Hörenden einen Kopf machen um ihre Wahrnehmungen. Das würde vielleicht auch helfen im Umgang untereinander, denn jeder hat eigene Schwächen. Der große Mathematiker schafft ums Verrecken nicht die 1000m zu laufen, andersrum bekommt der Obersportler keinen gerade Satz heraus. Und der Sprachfreak hadert am einfachen Dreisatz. Ja wir haben alle irgendwo unsere Fähigkeiten und unsere Schwächen, aber statt dazu zu stehen und die Welt für alle lebenswert zu machen wird genetisch aussortiert, "repariert", abgeschoben oder einfach ignoriert.

    Dabei sind wir doch keine seriengefertigten Pullover oder Plastikkörbe, sondern Menschen. Alle unterschiedlich. Alle lebenswert. (Viele liebenswert.) So wie wir sind + sein wollen und nicht wie sie Dritte gemacht werden wollen...

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  10. Kleiner Nachtrag nach dem rant ;)

    Wenn jemand persönlich für sich natürlich entscheidet, bestimmte Dinge durch technische Mittel auszugleichen, sollte ihm das natürlich zur Verfügung stehen und er/sie/es das machen können. Damit sollte aber wirklich die persönliche Freiheit gemeint sein und nicht der Druck durch Dritte oder weil bauliche oder sonstige Hürden einen dazu zwingen.

    (PS: Die fehlende Buchstaben oben sind als Lückentext zum selber ausfüllen gedacht ;) )

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  11. Liebe Julia,
    wir haben uns ewig nicht gesehen, aber ich bin gerade über deinen Blog und diesen Artikel gestolpert (Mama hat mich draufgebracht;-)).
    Ich kann deine Einstellung zum Thema Implantant/Bionik und dem Artikel hier total verstehen und auch deinen Standpunkt unterstreichen, zumal ich das ja damals auch mitbekommen habe mit deinem Implantant.
    Ich bin wirklich absolut beeindruckt von dem was ich hier alles lese. Unfassbar!
    Meld dich doch mal ;-)
    Mein vorname.nachname@web.de ;-)
    Liebe Grüße Anna S. (aus ehemals Wullenstetten)

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  12. Der Mensch wäre arm dran, hätte er nur 6 Sinne. Der Mensch hat aber insgesamt 12 Sinne und davon fehlt Dir NUR einer. Allerdings hast Du dafür bei allen anderen Sinnen, besonders beim Wort- und beim Lebens-Sinn, deutlich mehr Sinn als viele andere.

    http://www.knabe-sebastian.de/Sinneslehre_Sebastian_Knabe.shtml

    Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Artikel.

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  13. Hm, ich habe auch ein Verständnisproblem. Versetze ich mich in Deine Familie, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass man Dir zum Implantat riet (verhelfen wollte musste ich mir jetzt gerade verkneifen), weil Du als gehörlos einen Mangel hast, sondern weil sie Dir etwas wünschen, auf das sie selbst nicht verzichten wollen würden.
    Blind sein stelle ich mir (als bisher sehende) schrecklich vor. Wenn Du also, sagen wir, ein blindes Kind hättest. Und es könnte durch eine Operation sehen. Würdest Du ihm nicht aus ganzem Herzen wünschen, dass diese Operation ausgeführt wird? Ich will ja jetzt nicht ins Fettnäpfchen treten durch den Vergleich, also bitte nicht verärgert fühlen - sind nur meine spontanen Gedanken dazu. Also anders ausgeführt: könnte jemand der mir nahe steht nicht hören, würde ich das nicht als Mangel in Bezug auf denjenigen empfinden - wohl aber als Mangel für denjenigen. Ich würde ihm/ihr von ganzen Herzen wünschen, dass ihm/ihr irgendwann geholfen (ja ich finde kein besseres Wort) werden kann, so dass sich auch diese Welt erschliesst. Die Vorstellung nie wieder Beethovens fünfte zu hören? Ich muss jedesmal weinen dabei, weil sie so grossartig ist. Nun kann man sicher ohne leben ohne unvollständig oder mangelhaft oder unliebenswert / was auch immer zu sein, aber.... warum sollte man wenn man die Wahl hat? Von Deinem Standpunkt aus, klar, Dir fehlt aus Deiner Sicht nichts. Aber vom Standpunkt der Hörenden aus?

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  14. Hallo Katarina,
    ich glaube nicht, das wir hörenden oder sehenden Mitmenschen uns in jemanden reinführen können, der nie gehört oder gesehen hat. Von daher können wir uns auch kein Bild von seiner/ihrer Situation machen. Wir scheitern allein daran, einem seit Geburt blinden zu erklären, was Farben für uns sind. Wir sind schon bei Kindern mit allen Sinnen kaum in der Lage uns in sie hinein zu versetzen.

    Gruß
    Wolfram

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