Montag, 16. Januar 2012

Kommt der barrierefreie Notruf per SMS bald in Deutschland und ganz Europa?

Am Sonntagabend habe ich erfahren, dass eine sehr liebe gehörlose Freundin von mir von ihrem Ehemann krankenhausreif verprügelt worden ist. Der Vorfall ist inzwischen auch schon in der Zeitung nachzulesen:


Nun, was machen die meisten Leute, die in einer Notlage sind? Richtig, sie betätigen die Notruf-Nummer und Hilfe kommt umgehend. Was aber, wenn du gehörlos oder schwerhörig bist? In Deutschland gibt es bisher nur den Notfall-Fax, der wie folgt funktioniert: Du druckst dir den Vordruck mit mit den Piktogrammen aus und kreuzt an, was passiert ist und welche Art von Hilfe du genau brauchst und sendest das Fax an die Notfall-Faxnummer, was sehr umständlich ist, da ja du optimalerweise schon im Voraus den Vordruck ausgedruckt haben solltest für einen möglichen Notruf und außerdem ein Faxgerät. Früher hatten so gut wie all Gehörlose ein Faxgerät, was aber heute nicht mehr so die Norm ist durch das Smartphone.. Und wer hat schon bei einer Autopanne ein Faxgerät dabei? ;-)

In Deutschland gibt es bisher nur in den Städten Köln und Berlin sowie im Bundesland Brandenburg einen SMS-Notruf, aber das war's an barrierefreiem Zugang zum Notruf.

Nun gibt's aber wie gesagt in Deutschland keinen bundesweit verfügbaren Zugang zum barrierefreien Notruf. Im Fall meiner Freundin kam die Hilfe so zustande: Gehörlose Freunde von ihr haben sich Sorgen gemacht und sie im krankenhausreifen Zustand vorgefunden und es war klar, dass sie ins Krankenhaus gehört, weshalb die eine gehörlose Freundin ihren hörenden Ehemann informierte, der dann die Polizei anrief.

Ergo: Du bist in Deutschland am Arsch, wenn du gehörlos/schwerhörig bist und in einer Notlage bist, denn das Notfallfax ist wie bereits geschildert sehr umständlich.

Jedenfalls hat mich der Fall sehr mitgenommen, obwohl es mir schon seit längerem klar war, dass es keinen flächendeckenden barrierefreien Zugang per SMS zum Notruf in Deutschland gibt, aber ich habe mich noch am Sonntagabend mit einigen anderen engagierten Leuten daran gemacht eine Petition an den Bundestag aufzusetzen, die aber noch nicht ganz fertig ist, die Feinheiten werden noch glattgebügelt.

Nebenbei tweetete ich einen Appell an den Regierungssprecher Herrn Seibert, dass die Bundesregierung endlich einen bundesweiten barrierfreien Notruf per SMS für Gehörlose und Schwerhörige einrichtet, denn in Österreich sei dieser bereits schon verfügbar!

Jedenfalls reagierte Herr Seibert dann umgehend sehr schnell auf Twitter, indem er das hier schrieb: ".@anked @EinAugenschmaus Ich gebe zu, dass mir die Idee neu ist, ich werde mich danach erkundigen". Link zum Tweet: https://twitter.com/#!/RegSprecher/status/158855785177288704

Ich bedankte mich dann bei Herrn Seibert mit diesem Tweet: "Super, danke für diese Rückmeldung. Wir bereiten dazu gerade eine Petition vor. @RegSprecher #SMSNotruf für #Gehörlose" Link zum Tweet: https://twitter.com/#!/EinAugenschmaus/status/158856592316575744

Und heute morgen erreichte mich dieser Tweet vom Regierungssprecher: ".Ein @EinAugenschmaus Bundesregierung ist für barrierenfreien Zugang zum Notruf. Die Innenministerkonferenz hat Arbeitsgruppe Notruf eingesetzt." Link zum Tweet:

Sehr schön, dass der Regierungssprecher samt der Bundesregierung so schnell reagiert haben, aber das ist nicht allein mein Verdienst, sondern zu 90% der Verdienst von Dr. Ádám Kósa, dem einzigen gehörlosen Abgeordneten im Europaparlament und dem europäischen Gehörlosenverband, denn die beiden brachten im August 2011 in Zusammenarbeit mit einem anderen hörenden Politiker im Parlament eine schriftliche Erklärung zur Notwendigkeit eines barrierenfreien Zugang zum Notruf auf den Weg im Parlament. Im Video erklärt Ádám Kósa auch, dass nach der schriftlichen Erklärung die Europäische Kommission & mal 6 Monate Zeit hat, zu erklären, was sie in der Sache als nächstes unternimmt. Diese 6 monatige Wartezeit läuft jetzt nun im Februar 2012 ab.

Hier kann man sich das Video angucken: Schriftliche Notwendigkeit zum barrierefreien Notruf

Vielleicht kommt die deutsche Bundesregierung ja der Erklärung der Europäischen Kommission zuvor und der Notruf wird noch im ersten Halbjahr von 2012 in ganz Deutschland barrierefrei verfügbar sein? *träum*

Möglicherweise war mein Appell nun der überfällige Stich, der die Innenminister in Bewegung gesetzt hat oder es ist ein sich überlappender Zufall, ich weiß es nicht - aber grandios, dass da jetzt nun endlich was passiert!

Und: Der barrierefreie Notruf per SMS hat übrigens AUCH für Hörende bzw. Nichtbehinderte einen unschlagbaren Vorteil: Stellen Sie sich einfach mal vor, sie sind in einer Notlage und können nicht offen sprechen bzw. telefonisch um Hilfe rufen. In so einem Fall wäre es doch super, wenn man einfach im Stillen eine SMS schicken könnte an eine Notruf-SMS-Nummer.

Ich bin gespannt, was da noch weiter passiert! :-) Mein Dank geht jedenfalls an Herrn Seibert, der so schnell reagiert hat und auch einiges in Bewegung gesetzt hat innerhalb der Regierung!

P.S. Außer in Österreich ist der SMS-Notruf bereits in den USA und in England verfügbar. Wie es in anderen Ländern in Europa aussieht, weiß ich nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass die nordischen Länder das ebenfalls schon haben.

Hier der Link zum englischen Notruf per SMS: http://www.emergencysms.org.uk/

Nachtrag von 11:48 Uhr: In Irland startet heute der SMS-Notruf: http://www.irishtimes.com/newspaper/breaking/2012/0113/breaking35.html Übrigens mit der europaweiten Notruf-Nummer 112!

Kommentare:

  1. Es sollte eigentlich auch heute schon möglich sein, eine SMS an eine Faxnummer zu schicken. Also wenns mal pressiert... Aber Ortsangabe nicht vergessen.
    (Und natürlich kostet das dann auch wieder extra und ist mit einer "echten" Lösung schon deshalb nicht vergleichbar.)

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  2. Das größte Problem ist, dass SMS per Defintion ein unsicheres Medium ist. Von daher sollte man im Ernstfall ein *T# gefolgt von einem Leerzeichen vor den Text setzen. Das zwingt den Kommunikationsserver zu einer Antwort-SMS ob die eigene Nachricht zugestellt wurde. Alternativen sind "Speicher voll, Nachricht wurde zwischengespcheicher" oder "Empfänger nicht erreichbar" oder so ähnlich. Auf keinen Fall sollte man sich einfach so auf SMS verlassen - das kann besonders in dem hier beschriebenen Fall fatale Auswirkungen haben...

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  3. Ich war mal bei der Kölner Polizei zu Besuch und habe auch die Notrufzentrale gesehen. Da habe ich gefragt, was mache ich, wenn ich nicht in Köln bin, sondern woanders?
    Die Antwort: Einfach die mir bekannte SMS-Nummer der Kölner Polizei für Notfälle nutzen, auch wenn ich in HH oder in Berlin bin. Wenn die Ortsangabe eindeutig ist, können die blitzschnell an die richtige Stelle weiterleiten, die haben dazu sämtliche notwendige Infos für ganz Deutschland!

    Martin

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  4. Nachtrag: Vielleicht kann da die Björn-Steiger-Stiftung mit Nachdruck helfen, denn die überall gültige einheitliche SMS Notrufnummer ist ja keine neue Forderung und vielen, die damit zu tun haben ist das mittlerweile auch bekannt...

    Martin

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  5. Hallo Jule,

    ich bin selber nicht gehörlos, finde die Idee und dein Engagement dafür aber sehr gut. Ich würde mir wünschen, dass du hier noch einmal schreibst wenn die Petition fertig ist damit wir sie auch unterschreiben können.

    Und wenn ich dir einen Tipp geben darf, geh mit dieser Story und der Petition wenn sie online ist auch auf Medien zu und animiere Leser hier sie über Twitter und Facebook zu verbreiten, das hat aus meiner Erfahrung solchen Petitionen in der Vergangenheit sehr geholfen.
    Wenn jemand z.B. auf Zeit-online über deine Petition liest ist die Unterschrift nur noch einen Klick entfernt.

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  6. Es gibt in Berlin sogr ein Schreibtelefon für Gehörlose in der Notrufzentrale.......

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  7. SMS-Notruf sollte es schon längst für alle geben - das muss man glaube ich nicht näher erklären - gut, dass sich wenigstens etwas tut. Hat die BSS da eigentlich schon mal was getan?

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  8. Als nichtbetroffener bin ich direkt mit der Erarbeitung einer Lösung für das Problem barrierefreier Notruf befasst. Ich bereite gerade eine Möglichkeit unter Nutzung von Twitter vor. Unabhängig davon wurde gestern durch das Bundesinnenministerium eine App. Vorgestellt, über welche man einfach mit einer Notrufannahmestelle kommunizieren kann. Der Bundesverband für Gehörlose hat dieses Projekt unterstützt, man kann sich dort als Betroffener anmelden.

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