Sonntag, 1. Januar 2012

Was man halt so sagt - Teil 2

Gestern gab's ja die Diskussion, ob ich im Bezug auf mich selbst überhaupt das Wort "hören" verwenden darf und ich bin der Meinung, dass ich es darf. Und was genau spricht eigentlich dagegen?

Oder anderes provokativ gefragt: Warum soll ich ein Wort nicht wie jeder andere auch verwenden dürfen, nur weil ich biologisch gesehen zu etwas nicht in der Lage bin?

Und natürlich bin ich kein Fake, nur weil ich twittere: "Es ist schon nervig, wenn man zu hören kriegt, dass es ein Segen sein kann, wenn man nicht alles mitbekommt im TV." Äh ja, aber ich möchte sehr gerne in die Lage kommen, dass ich das selber beurteilen kann, ob es von Belang ist für mich und das geht nur, wenn das Fernsehen endlich 100% hochwertige 1:1-Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher anbietet.

Meine früheren Gedanken zum Begriff "Hören" im Umgang mit mir finden sich hier in diesem älteren Blogeintrag: Was man halt so sagt.

Und von Marco Zehe, einem Geburtsblinden gibt es auch einen sehr schönen Blogeintrag dazu:

Ich werde das Wort genauso wie bisher auch verwenden im Umgang mit anderen Menschen: "Hast du auch schon gehört?", "Ja, ich hab's auch schon gehört." "Hast du den Schuss nicht gehört?" und so weiter, denn mit der Wortwahl des Wortes im Bezug auf MICH und andere diskriminiere ich niemanden.

Anders ist es jedoch, wenn das Wort "taubstumm" verwendet wird, da es eine ganz offensichtliche Diskriminierung gehörloser Menschen darstellt aufgrund der Tatsache, dass es schlicht und einfach nicht auf uns zutrifft. Auch der Duden empfiehlt die Ausradierung des Wortes aus dem Wortschatz und der Medienbranche lege ich das sowieso ganz dringend ans Herz: Ein wichtiger Hinweis für Medienschaffende! Dort erkläre ich auch ausführlicher, warum das Wort "Taubstumm" eine grobe Beleidigung für uns Gehörlose darstellt. Die Kurzfassung ist: Gehörlose sind nicht stumm - wir können alle sprechen, auch wenn sich unsere Stimme anders anhören mag. Und die Mehrheit der Gehörlosen hat die Gebärdensprache als Muttersprache, wer über eine Sprache verfügt, der ist also nicht stumm. Und echte Gehörlose, die NICHT hören und sprechen können, gibt es, aber ES trifft eben NICHT auf die Mehrheit zu, da es Sonderfälle sind, die sehr wahrscheinlich auf Gehörlose aus armen Ländern betreffen, die keine echte Förderung erhalten.

Und nach meinem Hörstatus gefragt, eine sehr wichtige Frage übrigens unter Gehörlosen, die sich das erste Mal begegnen, damit man weiß wie gut/schlecht der andere noch hört und ob er ein vollwertiges Mitglied der Gehörlosenwelt bzw. Kultur ist, antworte ich immer: "Ohne das Cochlear Implantat bin ich gehörlos, mit dem Cochlear Implantat zähle ich zu den Schwerhörigen, aber von meiner kulturellen Identität bin ich eine Hörende."

Und genau deswegen sage ich auch ganz unbefangen: "Ja, ich hab's auch gehört." oder "Ja, ich hör dir zu." Und meine hörenden Freunde finden auch nichts verwerfliches oder komisches daran, wenn ich sage:"Nur zu, spuck aus, was du zu sagen hast. Ich leih dir mein Ohr." Oder anders gesagt: Wir nehmen es gar nicht mehr so richtig wahr, wenn so ein Satz fällt, weil das Normalität ist.

Normalität. Das ist das, was sich jeder wünscht: Als ein normaler Mensch behandelt zu werden und nicht auf sein Defizit reduziert zu werden, auch wenn man selbst nicht behindert ist. Niemand ist perfekt, oder?

1 Kommentar:

Falls es nicht klappt zu kommentieren, kann man mir eine E-mail unter der Mailadresse im Blog hinterlassen - derzeit scheint Blogger damit Probleme zu haben. :-( P.S. Beleidigende und unsachliche Kommentare werden nicht freigeschaltet.