Mittwoch, 22. Februar 2012

Die roten Flaggen gehen hoch bei den öffentlich-rechtlichen..

Okay, das mit den roten Flaggen habe ich von Kevin Costner geklaut, denn diese Formulierung verwendete er bei der Trauerrede für Whitney Houston.

Und jetzt halte ich auch eine Trauerrede auf die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich selber ins Grab tragen mit ihrem Vorhaben, es den Zeitungsverlegern recht zu machen und aus diesem Grund eventuell auf redaktionelle Beiträge auf deren Seiten verzichten wollen.

Heute wurde ich auf diesen Artikel aufmerksam: ARD und ZDF bald ganz ohne Artikel?

Sprich: Die wollen sich selbst beschneiden, indem sie sich in Zukunft nur noch auf Videos und Audioinhalte konzentieren. Wenn das wahr wird, dann wird die tolle und informative Seite der Tagesschau radikal beschnitten: http://www.tagesschau.de/

Da gehen bei mir die roten Flaggen hoch und sämtliche Alarmglocken bimmeln zusätzlich, denn das bedeutet, dass eine ganz bestimmte Personengruppe mal wieder vergessen wird - die der Hörgeschädigten, genauer gesagt: Von diesem Ausschlussverfahren sind in Deutschland 80tausend Gehörlose und 16 Millionen Schwerhörige betroffen, die dann einfach nicht mehr mitreden können.

Depublizierung ist auch ein Weg, um Barrieren aufzubauen, denn wenn die Artikel mit den Hintergrundinformationen nicht mehr vorhanden sind, dann wird es für uns Gehörlose und Schwerhörige schwieriger mitreden zu können, was die aktuellen Nachrichten oder bei Fernsehsendungen, die ohne Untertitel sind.

Und besonders hat es mich gefreut, dass Stefan Niggemeier in seinem Blogeintrag "Vorauseilende Selbstverstümmelung" den Aspekt der Barrierefreiheit bereits thematisiert hat.

Es ist richtig, dass die ARD angekündigt hat mir gegenüber, dass es die Mediathek in Zukunft auch mit Untertitel geben wird, aber was ist mit den anderen Angeboten ohne Untertitel bei den öffentlich-rechtlichen, sei es im TV oder in der Mediathek?

Woher sollen Gehörlose und Schwerhörige dann die Hintergrundinformationen kriegen, wenn redaktionellen Textangeboten zu den Sendungen verschwinden?

Es ist auch richtig, dass die Texte in vielen Zeitungen und Internetzeiten vom Textverständnis zu schwer sind für die Mehrheit der Gehörlosen, aber für die sprach-und schriftbegabten Gehörlosen und Schwerhörigen, die zwar auch eine kleine Minderheit sind, wird damit dem Verschwinden dieser eine Barriere aufgebaut.

Ab 2013 sollen Blinde, Gehörlose und Schwerhörige eine ermäßigte GEZ-Gebühr von 6 Euro bezahlen, jetzt frage ich mich nun einmal mehr, wofür denn bitte? Die Untertitel im deutschen Fernsehen sind qualitativ nicht so gut, wie sie es eigentlich sein sollten - noch ist die derzeitige Untertitelquote von 12,6% so gut, dass man von einem barrierefreien Fernsehangebot sprechen kann. Das Fernsehen ist also zu 87,4 % nicht zugänglich für uns. Für Kinder unter 6 Jahren gibt es keine Gebärdensprachdolmetschereinblendungen bei Kindersendungen, d.h. "Die Sendung mit der Maus" ist dann erst zugänglich, wenn die gehörlosen und schwerhörigen Kinder in der Schule lesen gelernt haben!

Mein Standpunkt steht fest: Ich werde ab 2013 ganz bestimmt nicht die geforderte Gebühr von 6 € zahlen, denn bei dem bisherigen langsamen Ausweitung des barrierefreien Angebots der öffentlich-rechtlichen, werden wir erst in 10-15 JAHREN bei 100% Untertitel angelangt sein, wenn es überhaupt so weit kommt in Deutschland. Hier wurden einfach sehr viele wertvolle Jahre verschlafen, wenn man in andere europäische Länder blickt und vor allem in die USA!

Übrigens sind hochwertige 1:1 Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige in der Kombination mit Wort und Bild eine unschlagbare Kombination zur Verbesserung des eigenen Wortschatzes und Stärkung der Schriftkompetenz. Man muss nur mal nach Finnland gucken, dort schnitten die bei der Pisa beim Leseverständnis am besten von allen ab, weil dort eben alles untertitelt wird!

Und nicht nur Gehörlose und Schwerhörige profitieren von 100% Untertitel im deutschen Fernsehen, sondern auch ausländische Mitbürger, die die deutsche Sprache lernen wollen, dieses Argument zieht auch für die redaktionellen Textbeiträge zu den Sendungen oder Nachrichten im deutschen Fernsehen.

ACTA ist nur ein kleiner Teilaspekt dessen im Depublizierungsstreit zwischen den öffentlich-rechtlichen und den Fernsehsendern, wozu ich natürlich auch noch eine Stellungsnahme abgeben werde.

Kann mir bitte jemand erklären, warum die Fernsehanstalten so dämlich sind und sich selbst freiwillig beschneiden und damit ihrem Grundauftrag zur Information für uns alle nicht mehr nachkommen wollen?

Mit diesem Blogeintrag rufe ich die Fernsehanstalten dazu auf, dass sie das ganze noch mal gründlich überdenken, ob sie sich wirklich selbst ins Knie schießen wollen mit diesem Vorhaben, denn wie wir alle ja wissen, gibt es in Deutschland im Grundgesetz den folgenden Artikel: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

Dieses Depublizierungsvorhaben verletzt ganz eindeutig diesen Artikel und auch die UN-Konvention der Menschenrechte, wo es in Artikel 21 und 30 ganz klar steht, dass Menschen mit Behinderungen ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung, der Meinungsfreiheit und den Zugang zu Informationen besitzen wie nicht behinderte Menschen. Auch wird dort klargestellt, dass ein Recht darauf besteht, mit anderen am kulturellen Leben teilzunehmen, und alle geeigneten Maßnahmen zu treffen, um sicherzustellen, dass diese Zugang zu Fernsehprogrammen, Filmen und Theatervorstellungen haben.

Die UN-Behindertenrechtskonvention ist gültiges Recht in Deutschland wie auch unser Grundgesetz.

Ihr seht also, dass ich hiermit euch die Erkärung abgeliefert habe, weshalb eurer kurzfristig gedachtes Vorhaben gegen mehrere Gesetze verstößt. Hm? Denkt doch mal nochmal nach, ob ihr diesen Weg tatsächlich gehen wollt.

Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht, ein Grundrecht und darf nicht sabotiert werden.

Ich garantiere euch, dass ich da noch einiges dazu sagen werde, wann immer es mir möglich sein wird.

Dieser Blogeintrag von mir zur Untertitelquote und der Qualität der Untertitel von mir vom 15. Februar 2011 ist auch ganz interessant zu lesen: Bild dich weiter. Nicht.


Kommentare:

  1. "Das Archiv ist die Rache der Journalisten an der Politik." (Robert Hochner) -- genau dieses Werkzeuges berauben sich die öffentlich-rechtlichen damit. Man kann Politiker und andere nicht mehr an ihre früheren Aussagen erinnern, weil diese nicht mehr nachgelesen werden können.

    Es stört mich als Bloggerin auch sehr, daß ich auf Artikel bei der Tagesschau, der ARD und seinen Regionalsendern sowie beim ZDF nicht sinnvoll verlinken kann, wenn ich über ein entsprechendes Thema schreibe, weil ich damit rechnen muß, daß der Link nach einiger Zeit einfach tot ist. Manchmal kann ich auf Zeitungsartikel ausweichen, aber nicht immer finde ich dort exakt dieselben Aussagen, und manchmal finde ich da gar nichts.

    Ich könnte natürlich zitieren, aber dabei muß ich schon wieder aufpassen, daß ich nicht zu viel "mitnehme", weil ich dann vielleicht auch noch mit einer Abmahnung rechnen muß.

    Alles Müll, dieses Depublikations-Gedöns. :-(

    Gruß, Frosch

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  2. Also erstens ist der Golem-Artikel falsch. Die Anstalten haben nicht vor, vollständig auf Texte zu verzichten. Bei Niggemeier heißt es etwas unschärfer, aber damit die Sache eher treffend, dass sich beide Seiten auf ihre Spezialitäten "konzentrieren" wollen. Die einen machen schwerpunktmäßig Audio und Video, die anderen Geschreibsel. Und ich denke, gerade der Service für Gehörlose oder Leute wie mich, die keine Lust haben, auf eine Information in Minute 12 im Video zu warten, nämlich Transkripte einer Sendung online zu stellen, wäre dadurch gerade nicht betroffen. Es geht eher darum zu verhindern, dass die Sender Magazinangebote in Konkurrenz zu Spiegel online und anderen machen. Ist auch nicht ihr Job. Gerade diese Träumereien, nämlich voll und ganz online mitzuspielen mit Textangeboten gegen die Verlagsseiten, haben meiner Meinung nach verhindert, dass die Verantwortlichen sich darauf konzentriert hätten, endlich barrierefreie Angebote ins Netz zu stellen. Die Verpflichtung zur Barrierefreiheit, die sonst für öffentliche Verwaltungen gilt, scheint seltsamerweise für die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht zu gelten.

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  3. Die 12,6% UT-Quote scheint mir nicht ganz aktuell zu sein. Oder schließt die Quote auch die privaten Sender mit ein? ARD kam im Januar 2012 auf über 50% UT. Immer noch viel zu wenig, aber schon eine deutliche Steigerung. s. auch https://plus.google.com/u/0/116525056399951725047/posts/b32VHsf6VQd

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  4. Im Augenblick weiß noch niemand, wie das Übereinkommen aussieht. Es gerüchtet von Verzichtserklärung bis kosmetische Korrektur.

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  5. Vom Barriere-Aspekt einmal abgesehen, habe ich festgestellt, dass Videos und Audios zwar für Nicht-Eingeschränkte einfacher zu konsumieren sind, das aber nicht immer die Aufnahme der Information fördert. Das ist ja auch eine typische Aussage der Medienwirkungsforschung. Text fördert aktive Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt, ganz zu schweigen von Erweiterungen wie Hyperlinks, die ein Video/Audio auch nicht leisten kann.

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  6. @Jens: Das stimmt so nicht - wir von Aktion Untertitel haben das herausgerechnet und auf die Zahlen auf das Jahr hochgerechnet. Das, was du ausgerechnet hast, ist wieviel die einzelnen Sender an Untertitel produzieren, darunter sind aber auch extrem viele Wiederholungen! Guck mal hier: http://3.bp.blogspot.com/--3rCDCvb6ck/TePp3YtcMiI/AAAAAAAABC0/-LjaxSnV0Vw/s1600/UT-Statistik_Ostern2011_1.jpg Aber auf Jahr heruntergerechnet, ist es eben sehr viel weniger!

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  7. Wiederholung hin oder her ... Programmangebot ist Programmangebot. Es geht doch um 100% Untertitel und nicht um 0% Wiederholungen. ;-)
    By the way: Ein 14-Tage-Auszug zu nehmen und ihn aufs Jahr hochzurechnen, ist nun nicht gerade repräsentativ.
    Jedenfalls tut sich hier was, und das sollte man fairerweise anerkennen.

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  8. Wir erkennen auch die Fortschritte an, die das Fernsehen macht, jedoch rechnen wir die Wiederholungen heraus, weil dafür SCHON die Untertitel produziert worden sind, d.h. es ist für die Fernsehsender keine zusätzliche Arbeit diese zur Verfügung stellen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es klar, dass das kein Ausbau des barrierefreien Angebots ist. Die Zahlen, die wir für diesen Zeitraum ermittelt haben, entsprechen auch den Angaben der Fernsehsender für ihre monatliche Untertitelquote - kann man ganz leicht durch Googeln herausfinden. Und seit einem dreiviertel Jahr gibt es EinsFestival auf mein Betreiben hin mit Untertitel. RTL hat auch seit ca. einem Jahr Untertitel wie auch VOX, aber nur für Blockbuster, was natürlich die Untertitelquote etwas anhebt. Spürbar sind die Veränderungen jedoch nicht, was den Zugang zu Informationen angeht. Es tut sich was, aber es reicht nicht aus, dass es eine GEZ-Gebühr in der Höhevon 6 € gerechtfertigt, vor allem nicht bei dieser Qualität.

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  9. Erstmal: es gibt keine GEZ-Gebühren. Die GEZ ist nur die Stelle, die sie eintreibt.

    Was mich verwirrt ist, dass Du - Julia - manchmal von 12,6% Untertitel im deutschen Fernsehen sprichst und ein anderes Mal von 12,6% im öffentlich-rechtlichen. Beides geht jedoch nicht.

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  10. Ich spreche von 12,6 % Untertitel im deutschen Fernsehen, damit meine ich an beiden Stellen die öffentlich-rechtlichen inklusive den privaten Sender, weil es ja um die GESAMTE Untertitelquote geht!

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  11. Nur: die 6 Euro fallen nur für die öffentlich-rechtlichen an und nicht für die privaten. Das bedeutet auch, dass die Quote bei den öffentlich-rechtlichen deutlich höher als 12,6% sein muss. Wenn Du sagst, dass Du für 12,6% Untertitel keine 6 Euro zahlen willst, dann ist das verkürzte Darstellung, da es nicht die relevanten Zahlen berücksichtigt sondern solche, die nicht relevant sind.

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  12. Es ist keine verkürzte Darstellung, denn Hörende Personen können das gesamte Fernsehprogramm nutzen, also ist es mehr als natürlich, dass auch private Sender untertiteln müssen und es ist schön, dass sie langsam aber sicher vermehrt dieser Aufforderung nachkommen.

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  13. Dass private Sender untertiteln sollen sehe ich auch so. Es geht aber darum, dass Du deren schlechte Quote in Deine Aussagen zur Rundfunkgebühr einbeziehst und Menschen Dir glauben, dass die öffentlich-rechtlichen nur 12,6% untertiteln und diese falsche Aussage wiederholen.

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  14. 100 % UT, ohne die Wiederholungen mitzuzählen, wird niemals erreicht werden.
    Wiederholungen müssen schon mitgerechnet werden.

    Wiederholungen gibt's immer.

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