Mittwoch, 22. Februar 2012

Ein sehr kurzes Statement!

Nun, da habe ich nun meine politische Meinung zum Bundespräsidentenkandidaten Joachim Gauck getwittert und schaffte es damit in die Medien, sogar in das Morgenmagazin des ZDF.
Und dazu möchte ich gerne mal ein paar Sätze sagen, was in 140 Zeichen auf Twitter ja nicht so gut geht, wie so manch einer unter euch es ja weiß. ;-)

1. Ich finde es schon sehr lustig, dass man den Anti-Gauck-Leuten vorwift, dass sie in einer Filter-Bubble leben, aber dann selbst z.b. meine Timeline nicht ganz lesen, wie meine Meinung zu Gauck ist. Und hier ist sie noch mal: Bei der Wahl 2010 war ich auch auch für Gauck, er kam mir einfach nicht so vor, als wäre er wie Wulff eine brave Handpuppe der Bundeskanzlerin. Und mir kam auch die hohe Würde des Amtes für Wulff einfach zu früh vor. Naja, heute wissen wir, dass wir Bürger damals die Wahl zwischen Pest und Cholera hatten.

Es kam jetzt so einiges über Wulff heraus, weshalb er zurücktreten musste, dieser Rücktritt kam anders als bei Köhler gar nicht überraschend.

Und ich denke, dass es gut wäre für unser Land, wenn wir uns eingehend mit der Personalie Gauck beschäftigen und ungeklärte Punkte aufklären, denn noch einen Rücktritt eines Bundespräsidenten innerhalb der nächsten 5 Jahren können wir uns nicht leisten.

Ich bin zum Beispiel kein Fan der Bundeskanzlerin, aber ich bewundere sie sehr für die herausragende Eigenschaft, dass sie in diesem Haifischbecken erfolgreich Politik machen kann und nicht zuletzt als Frau dort überleben kann. Ich mag viele ihrer Positionen nicht und ihre Politik halte ich auch nicht für die beste für unser Land. Aber im Live-Gespräch mit ihr kommt sie einem sehr angenehm und aufmerksam vor, weswegen sie wohl den Spitznamen "Mutti" hat.

So halte ich es auch mit Gauck: Ich bin kein Fan seiner Person, halte ihn aber unbestreitbar für einen klugen Kopf, an dem man sich reiben kann und man muss mit seinen Positionen nicht einverstanden sein, man darf sie sogar wie jede andere Position hinterfragen. Nichts anderes habe ich getan.

Die Kandidatur von Gauck halte ich für sehr ideenlos, es hätte viel bessere Alternativen gegeben. Zum Beispiel wäre Hans Jürgen Papier eine sehr tolle Wahl gewesen, wenn es unbedingt ein Mann sein hätten müssen. Hier ist übrigens seine Haltung zur Vorratsdatenspeicherung: http://www.sueddeutsche.de/politik/verfassungsrichter-papier-gegen-die-totalkontrolle-1.4215
Und es gibt auch sehr viele tolle Frauen, die ich gerne im Amt gesehen hätte, eine davon wäre zum Beispiel Anke Domscheit-Berg gewesen.

Und zum Schluss noch: Der Beitrag des Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch dazu ist sehr interessant: http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/kultur/2012-02-21/der-boese-gauck-und-das-netz

2. Mir wäre es einfach lieber gewesen, wenn ich wegen einer ganz anderen Sache, die uns alle angehen sollte, so groß in den Medien rausgekommen wäre: Barrierefreiheit und Inklusion. In Deutschland steuern wir unbestritten auf einen demographischen Wandel zu, weswegen wir uns sich schon alleine aus diesem Grund für eine barrierefreie und inklusive Gesellschaft entscheiden sollten. Und die tausend andere Gründe dafür muss ich ja nicht erst aufzählen, obwohl ich hier eine endlos lange Liste aufzählen könnte, warum dies notwendig ist. Oder anders gesagt: Es gibt gar keine andere Alternative dazu, diese Entscheidung ist alternativlos.

Ich kann nur an dieser Stelle der Politik zurufen: Kümmert euch endlich darum, denn das geht uns alle etwas an. Richard von Weizsäcker sagte mal: "Nicht behindert zu sein ist wahrscheinlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit wieder genommen werden kann." An dieser Stelle könnte ich ebenfalls meinen Tadel loswerden, dass die Politik in Deutschland in diesen Punkten viele wichtige Jahre verschlafen hat und zum Teil dort immer noch in einem endlosen Winterschlaf liegt und viel darüber erzählen, was da alles so verschlafen wurde. Ich denke, das reicht völlig aus, wenn ich kurz darauf hinweise, dass hier noch ein ungeheuer großer Berg an Arbeit vor der Politik liegt auf diesem Gebiet.

Schon vor Gauck war ich in den Medien mit meinem Anliegen für eine barrierefreie und inklusive Gesellschaft- das immer wieder seit 2010. Dafür bin ich in erster Linie bekannt und dafür werde ich mich auch weiterhin immer wieder einsetzen.

Aber wahrscheinlich komme ich erst dann ganz groß in den Medien heraus, wenn ich mich nackt für Barrierefreiheit ausziehe. ;-)

So, das war es jetzt von mir zum Thema, denn zu Gauck werde ich mich nicht mehr groß äußern, denn es gibt wirklich wichtigere Themen in Deutschland und dazu wird es in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten immer wieder neue Informationen geben, wie es mit meinem Traum von einer barrierefreien und Inklusion in Deutschland aussieht.

Und ganz nebenbei habe ich noch eine Sensation zu verkünden: Bei der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten am 18. März wird zum ersten Mal in Deutschland mit dem gehörlosen Politiker Martin Zierold aus der Berliner Bezirksversamlung ein gehörloser Politiker daran teilnehmen und seine Stimme abgeben! Die Pressemitteilung findet sich hier: http://www.gruene-fraktion-berlin.de/presse/pressemitteilung/gr-ne-fraktion-bestimmt

P.S. Kerstin Probiesch wies mich darauf hin, dass Martin Zierold nicht der erste Gehörlose ist, der daran teilnimmt, aber er ist der erste gehörlose Politiker, der daran teilnimmt. Der erste Gehörlose war der Historiker Dr. Hans-Uwe Feige im Jahr 2004 als Wahlmann der PDS Sachsen, was aber medial total unterging. Auch wurden die Gebärdensprachdolmetscher damals nicht im Fernsehen eingeblendet! Hier die Pressemitteilung dazu: http://www.deutsche-gesellschaft.de/fokus/hans-uwe-feige-waehlte-bei-der-wahl-des-bundespraesidenten-mit

Liebe Fernsehsender: Diese Wahl zum Bundespräsidenten wäre eure Chance, die Gebärdensprachdolmetscher für Martin Zierold die ganze Zeit im Bild zu zeigen sowie für richtig gute Untertitel zu sorgen! Na? Diese Aufgabe sollte euch doch reizen, außerdem würde sie für richtig gute PR sorgen!


Kommentare:

  1. Das Problem ist: Selbst, wenn du eine umfassendere Meinung zu Gauck hast und du ihn 2010 noch gewählt hättest, waren deine Aussagen - wie die von vielen Anderen - reißerische Tweets, mit kontextlosen Zitaten, die einfach gar nicht mehr die Erwartung aufkommen ließen, dass sich bei dir auch Differenzierteres zum Thema findet.

    Anders ausgedrückt: Wer etwas in der Art von "Gauck ist für die Vorratsdatenspeicherung, lobt Sarrazin für seinen Mut, etc." twittert und damit mangelndes Engagement zur Selbstinformation zeigt, muss damit rechnen, dass man ihm nicht mit mehr Interesse begegnet.

    Zu 2) Das Thema Barrierefreiheit ist wichtig, aber eines, das leider nicht alle Menschen interessiert - so traurig das ist. Im Zweifelsfall interessieren sich die Menschen dafür erst, wenn sie selbst oder ihre nahe stehenden unmittelbar betroffen sind.

    Davon abgesehen muss man feststellen, dass du bei dem Gauck-Thema mit so viel Engagement dabei warst, dass du selbst sehr viel zu der Aufmerksamkeit für ein Thema beitragen hast, das dir viel weniger am Herzen liegt.

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    1. Bedenk bitte, wie wenig Zeichen man bei Twitter hat. Da kann man nicht ewig Rumeiern, und auf jeden Deppen eingehen, dem dann bloß noch mehr Gegenargumente einfallen. Kurz, prägnant und treffend ist da gefragt, und das ist auch gut so.

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  2. Zur Person Hans-Uwe Feige, der erstmals als Gehörloser wählte: http://www.kugg.de/history/in_feige.htm

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  3. Da muss ich dem Vorkommentierer leider ein Stückweit Recht geben.
    Um das mal klarzustellen: Ich bin auch kein 100%iger Gauck-Fan, falls das über Twitter so rübergekommen sein sollte. Aber ich bin einfach zu sehr Pragmatiker, um zu jammern und zu wehklagen, das es nicht irgendwelche Personen geworden sind, die bei den bestehenden Mehrheitsverhältnissen in der Bundesversammlung ohnehin keine auch nur annähernd reelle Chance gehabt hätten. Ich hätte, von denen, die tatsächlich eine reelle Chance gehabt hätten, am liebsten Klaus Töpfer im Amt gesehen. Aber ja nun, der ist eben leider dem parteipolitischen Geschachere der FDP zum Opfer gefallen. Und Gauck (der das meiste von dem, was ihm nun so heftig vorgeworfen wird, auch schon vor 20 Monaten gesagt hatte, als er von vielen, die ihn nun verteufeln, noch in den Himmel gelobt wurde) ist für mich unter Berücksichtigung der Mehrheitsverhältnisse, die derzeit nun einmal so sind, wie sie sind, zwar nicht die allerallerbeste, aber eben doch eine einigermaßen gute Wahl.
    Was dein anderes, zweifellos wichtigeres Thema angeht, wie wäre es denn, wenn du beides konstruktiv miteinander verknüpfst? Du hast ja nun definitiv eine Stimme, die öffentlich wahrgenommen wird. Also versuch doch, diese Stimme einzusetzen und Gauck in seiner neuen Position in Sachen Barrierefreiheit mit ins Boot zu holen.
    Sprich den Herrn an, gib ihm die Möglichkeit, dein Anliegen so wahrzunehmen, wie es dir wichtig ist und sich dafür einzusetzen. Und so vielleicht auch deine Sichtweise auf ihn zu verbessern.

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  4. Der Vorwurf, die Äußerungen von Gauck zu Hartz 4, zur Vorratsspeicherung, zu Sarrazin usw. usf. seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, sind eine Verteidigungsstrategie derer, doe uns Gauck als kämpfenden Bürgerrechtler verkaufen wollen. Ich jedenfalls habe ihn nicht gesehen, nicht in Frankfurt, nicht in Berlin und nicht bei den Montags-Demos vor einigen Jahren in Ostdeutswchland. Ber Begriff Solidarität ist ihm in diesem Zusammenhang fremd, sein Politiverständnis ist ein Gebräu konservativer und neoliberaler Ideen. Die Sozialdemokratie ist an Gerhard Schröder und seiner asozialen Hartz 4 Politik fast zerbrochen, Gauck jubelt Schröder zu und träumt wohl schon von einem neuen Hartz 2020. Auf so einen Bundespräsidenten kann ich wohl verzichten. Ich brauche keine Gardinenpredigten und Hauruck-Reden, ich brauch auch kein Wort zum Sonntag und keine vulgärphilosophischen Einschlafgeschichten. Eigentlich brauche ich überhapt keinen Bundespräsidenten.

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