Samstag, 11. Februar 2012

Mein Bericht zur Bionik - Teil 2

Nun ja, da musste ich dann nun knapp 4 Wochen nach der Operation nach Bissendorf bei Osnabrück fahren zur Rehabilitation, was immer jeweils 1 Woche dauerte.

Die erste Fahrt dorthin stand ganz im Zeichen der Erstanpassung, denn ich bekam damals im November 1994, kurz nach meinem 13. Geburtstag das Cochlear Implantat erstmals hinters Ohr.

Damals war das Cochlear Implantat noch ein etwas größeres Modell wie die heutigen Smartphones, von der Form und der Dicke am ehesten noch vergleichbar mit einem Blackberry und das lange Kabel musste ich mir unter dem Pulli bis ans Ohr führen, um dann den Sprachprozessor am Ohr aufzusetzen. Kein Wunder, dass ich diese Handhabung gehasst habe, weil ich den Sprachprozessor quasi nun immer am Gürtel tragen musste - diese Prozedur erinnerte mich an mein allererstes Hörgerät, das noch viel unförmiger war und etwa so groß war wie eine Teekanne und vor meinem Bauch herumbaumelte und von dort gingen zwei Kabeln ab zu meinen Ohren, wo dann das Hörgerät dranhing. Und ich war eben ein sehr aktives und lebhaftes Kind und riss mir mit schönster Regelmäßigkeit die Kabel ab von den Ohren und kümmerte mich nicht weiter darum, weshalb man es auch aufgab, es mir umzubinden. *g* Kurze Zeit später bekam ich meine ersten Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte als Kleinkind und von da an war dieses Problem gelöst.

Nun war ich aber 13 Jahre und konnte mir das aber nicht mehr erlauben, aber davon später, wie ich rebelliert habe.

Nun ja, da war nun die Klappe des Sprachprozessors offen, ein Adapter eingeklinkt, welcher dann mit dem Einstellungs-Computer verbunden war und der Computer sozusagen über das Kabel mit meinem Implantat im Kopf. Genauer gesagt: Mit meinem Hirn während der Justierung, wenn man das ganz präzise ausdrücken will. Nach dem Ende der Justierung wurde natürlich das Kabel entfernt und die Klappe geschlossen. ;-)

Die erste Einstellung war, dass ich die Töne, die ich so hörte, einstufen sollte in "leise", "mittel" und "laut". Ich hab dann also schön brav die Bauklötze auf die Einstufungen gelegt. Und näherte mich immer mehr den lauteren Tönen, die sich aber angenehm für mich angefühlten, also nicht unangenehm. Dann kam plötzlich ein sehr greller und lauter Ton, so dass ich vor Schreck zusammengezuckt bin und angefangen hab zu heulen. Da hat man mir natürlich sofort den lauten Ton abgedreht und heruntergeregelt und man entließ mich in die "hörende" Welt. Ich komme also da raus aus dem Einstellungszimmer und höre zum ersten Mal so richtig so ziemlich alles. Das Schnappen der Türe, das Quietschen meiner Fußsohlen auf den Dielen und diese ganzen scheppernden, knarzenden Stimmen.

In dem Haus der Rehabilitation waren wir mit verschiedenen Familien und Kindern im verschiedenen Alter untergebracht. Und es waren Kleinkinder im Alter von ca. 4-6 da, die sehr ungezogen waren und ständig herumgebrüllt und geschrien haben, was mich natürlich an den Rande des Wahnsinns gebracht hat. Ich brüllte dann auch zurück: "Sapperlot, könnt ihr mal eure Klappe halten und 5 MINUTEN einfach nur spielen?" Daraufhin haben die verzogenen Balgen (sorry - es waren wirklich Balgen) noch mehr rumgebrüllt, weil sie endlich genügend Aufmerksamkeit erhalten haben. Und ich schaltete dann mein CI einfach ab - einfach den "Off"-Schalter gedrückt. Und schon war ich offline. AAAAH, welche Wohltat!

Dann kam meine Mutter und sagte, dass ich laut dem Plan jetzt zur Logopädin musste. Ich bin aufgestanden und brav zum Zimmer der Logopädin gegangen. Im Zimmer habe ich dann mit der Logopädin gesprochen, der es zuerst gar nicht auffiel, das ich auf "offline" war, weil ich eben so gut von den Lippen ablesen konnte. Dann wollte sie mit mir "Hörübungen" machen und ich musste es einschalten, was sie natürlich mitbekommen hat und mit mir schimpfte:"Du kannst das nicht ausschalten, du musst den ganzen Tag mit eingeschaltetem Sprachprozessor rumlaufen, damit den Gehirn sich daran gewöhnt und anfängt zu lernen." Ich hab ihr dann das mit den kleinen Kindern erklärt und sie war halb überzeugt, aber auch der Meinung, dass es keine Ausnahmen gibt.

Dann musste ich mir so Hörübungen anhören, wo da mir so Geräusche vorgespielt worden sind wie "Türklingeln", "laufendes Wasser" und so Sachen. Natürlich konnte ich den Klangbrei noch gar nicht auseinander halten...

Und so verging diese Woche dort - jeden Tag irgendwelche Hörübungen bei abwechslenden Logopäden, ein wenig Sport und so Zeugs. Und da würde mir in Zukunft die nächsten Jahre bevorstehen - alle 2 Monate rauf nach Bissendorf, wo mir das Cochlear Implantat immer wieder neu justiert wird, um möglichst schnell Fortschritte vorzeigen zu könne, was natürlich auch bedeutete, dass ich alle 2 Monate 1 Woche in der Schule fehlen würde.

Aber das war noch nicht alles, was mir nun blühte: 1 x Woche hatte ich nun Hörtraining bei einem Logopäden und zusätzlich auch in der Schule Hörtraining bei dem berüchtigt-berühmten Rektor meiner Schule, der mir später mal einen Verweis verpassen würde, weil ich es doch glatt gewagt habe, ihm widerzusprechen, was ein absolutes Tabu darstellte...

Jedenfalls fand ich so immer mal wieder Mittel und Wege, um mich aus der "hörenden" Welt auszuklingen. Ich schaltete es einfach gar nicht an und kam damit ganz gut klar, weil eben meine Ablesefähigkeit eben auf diesem enorm hohen Level war. Irgendwann wurde dann meine Mutter mißtrauisch, weil ich zuviele volle Batterien, die nicht (wieder) aufgeladen werden mussten nach Hause brachte am Wochenende und man kam mir auf die Schliche. Jedenfalls wies sie dann die Erzieher im Internat und die Lehrer in der Schule an, dass man doch bitte kontrolliere, ob der Sprachprozessor auch wirklich eingeschaltet war. Der Bitte kam man natürlich gerne nach...

Zur der Zeit waren meine Haare leider noch nicht lang genug nach der Vollrasur, ich trug nämlich das Haar kurz nach der OP wie Sinead O'Connor, was mir von allen Seiten das Kompliment einbrachte, dass ich wirklich eine schöne Kopfform hätte. ;-)

Ich hatte also nicht wirklich keine Mittel mehr, um mir irgendwelche Auszeiten vom Hören zu gönnen und hatte dann im Kunstunterricht dann wirklich ein absolutes tränenreiches Gespräch mit meiner Kunstlehrerin unter 4 Augen, der ich die Frage stellte: "Muss ich wirklich alle 6 Sinne haben, um ein vollwertiger Mensch zu sein?" Diese Episode wird hier kurz erzählt:


Und Teil 3 folgt auch bald - auf den werdet ihr nicht so lange warten müssen. Ich hatte die letzten Wochen wirklich nicht so Schreiblust für mein Blog.

Kommentare:

  1. Guten Morgen! :-) Schöner Bericht. Und ich würde Dich ja heute auch gern mal rasiert sehen ;-)

    Sag mal, warum nennst du die Reihe Bericht "zur Bionik"?

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  2. Hallo Julia,

    was Alexander sagt. :) Aber eine wichtige Sache: Das CI hat mit Bionik nichts zu tun. Ich hatte den Begriff selber fälschlich auf Twitter verwendet, aber dann in meinem Blogpost korrigiert. Bionik ist, wenn Technik Natur nachbildet, zum Biespiel so ein Roboter-Vogel: http://www.welt.de/videos/wissen/article13065048/Roboter-Vogel-SmartBird-fliegt-wie-eine-richtige-Moewe.html#autoplay (Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Bionik ). Der richtige Oberbegriff für Cochlea-Implantate ist Prothetik.

    LG, Enno

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