Dienstag, 20. März 2012

Barrierefreiheie Übertragung der Bundesversammlung gescheitert!

Es ist was faul im Staat Deutschland, das konnte man letzten Sonntag nur allzu gut sehen.

Der neue Bundespräsident wurde in der Bundesversammlung gewählt mit wenig überraschendem Wahlergebnis: Gauck ist nun der neue Amtsträger.

Etwas geschah dabei, was vielleicht nicht alle mitbekommen haben, was aber der Alltag ist für 80.000 Gehörlose und 16 Mio Schwerhörige in Deutschland: Nicht zum ersten Mal wurden ihre Rechte auf politische Teilhabe und zur Willensbildung nicht in dem Umfang beachtet, der eigentlich nötig gewesen wäre.

Es begann alles damit, dass Phoenix sich zuerst weigerte, die Bundesversammlung mit Gebärdensprachdolmetschereinblendung zu zeigen, da ARD & ZDF mit Untertitel senden würden, worüber ich ja schon berichtet habe in einem Blogeintrag.

Dann hieß es plötzlich von Phoenix, dass man selbstverständlich mit Gebärdensprachdolmetscher senden wurde, was eigentlich nie ausser Frage stand.

Dazwischen lag viel Protest von Gehörlosen, die sich alle eine barrierefreie Übertragung bei Phoenix gewünscht haben.

Ich fand es toll zu sehen, wie Gehörlose und Schwerhörige sich mit einigen Hörenden sich aktiv gegen die Diskriminierung stemmten. Dieser lautstarke Protest war längst überfällig.

Mir liegt der Mailverkehr vor, welcher Martin Zierold, der 1.gehörlose Politiker Deutschlands aus der Berliner Bezirksvollversammling, mit Phoenix geführt hat, denn Zierold war einer der grünen Wahlmänner, weswegen es die Dolmetscher überhaupt gab bei der Wahl.

Auch liegt mir das Antwortschreiben von Phoenix an Joachim Brüderle vor.

Und es gab's die Info aus dem Büro von Volker Beck in der eingerichteten Facebookgruppe, dass Phoenix zusätzlich eine Dolmetscherin aus dem Düsseldorfer Büro haben werde.

Klang alles sehr gut. Zu gut, dachte ich mir und hakte bei Phoenix auf Twitter nach, was ich dabei rausfand war: Begrüßung von Lammert, Gesagtes von Thierse, Rede des Gewinners - NUR das war geplant zu dolmetschen.

Ich habe versucht auf Phoenix einzuwirken und daran zu erinnern, dass eine komplette Verdolmetschung der Bundesversammlung eine sehr gute PR wäre. Nun ja, man sagte mir, dass es auf die Bildregie ankommt, wieviel man dolmetschen könne. Ein letztes Mal bat ich um komplette Verdolmetschung im der Hoffnung was zu erreichen, denn man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben, gell?

Am Sonntag ging's um 09.00 los bei Phoenix und wie ich es mir gedacht habe: Der Gebärdensprachdolmetscher tauchte erst bei Lammert auf und das Manko war: Er war viel zu klein im Bild eingeblendet, was mir sofort auffiel, da er normalerweise bei der "Tagesschau" und "heutejournal" auf Phoenix größer eingeblendet wird.

Diese viel zu kleine Einblendung war für gehörlose Senioren also kein Augenschmaus. Außerdem verstand man bei einem Abstand von mehr als 4,5 metern vom Fernseher den Dolmetscher nicht mehr sauber. Eine doppelt so große Einblendung wäre einfach optimaler gewesen.

Die Gebärdensprache funktioniert nämlich im Zusammenspiel von Mimik, Gebärden, Körpersprache und Mundbild, weswegen es unerläßlich ist, dass der Gebärdensprachdolmetscher eine gewisse Einblendungsgröße auf im TV haben muss.

Die BBC kriegt es diese mediale Inklusion wunderbar hin und es stört keinen, wie man es hier sehen kann - danke an Christiane Link vom www.behindertenparkplatz.de für das Foto! pic.twitter.com/VFMoFJCE


Man muss das mal vergleichen mit der normalen Einblendung während der "Tagesschau" oder "heutejournal" auf Phoenix, dort erscheint der Gebärdensprachdolmetscher dann etwas größer nach meinem Empfinden und dies haben mir auch andere Gehörlose bestätigt, dass es so ist - hier der das Bild des Gebärdensprachdolmetschers vom Sonntag:
ARD & ZDF haben die Bundesversammlung mit Untertitel gebracht, aber das große Manko war: Zeitverzögert, vereinfacht und oft gingen sehr viele Informationen verloren. Die ARD hatte übrigens das Interview mit Gysi so derartig verfälscht im Untertitel, dass dort das stand, was Gysi gar nicht gesagt hat.

Nun - die nicht 100% barrierefreie Übertragung der Bundesversammlung war eine wichtige politische Lektion für Martin Zierold und die Grünen: Es reicht nämlich nicht aus, wenn man dem Fernsehen einen roten Teppich für Barrierefreiheit ausrollt, indem man sagt: "Schaut mal, die Gebärdensprachdolmetscher sind da, ihr müsst nur noch abfilmen und zusätzlich für gute Untertitel sorgen."

Was lediglich gedolmetscht wurde ist: Begrüßung von Lammert, Gesagtes von Thierse und die Rede des Gewinners sowie die Verabschiedung von Lammert. Das Wahlergebnis sowie die Nationalhymne wurde nicht gedolmetscht. Wir Gehörlosen und Schwerhörigen sind also weit entfernt gewesen von einer vollständigen politischen Teilhabe und Willensbildung an diesem Sonntag.
Es ist schade, dass die Hoffnung auf eine neue Ära im deutschen Fernsehen zerplatzt sind und der Berg an Arbeit immer noch sehr hoch ist, aber eins hat das deutsche Fernsehen hoffentlich gelernt: Die Schwerhörigen und Gehörlosen schlucken nicht mehr alles herunter und engagieren sich aktiv gegen ihre Unterdrückung!

Zur der Übertragung am Sonntag kann man sagen: Trotz zahlreicher Hinweise an Phoenix lief der Versuch der Barrierefreiheit und Inklusion schief.

Mal sehen, wo das deutsche Fernsehen in den nächsten 3 Jahren stehen wird - wie weit wir dann von der Barrierefreiheit entfernt sind.

1 Kommentar:

  1. Zu den Untertiteln: Ich war während der Bundesversammlung in einem Workshop und habe deshalb versucht, mit die ARD-Übertragung lautlos anzusehen. Und die UT waren grausam. Ich konnte wirklich nicht folgen. Sicherlich ist Live-Untertitelung schwierig, aber diese Bruchstückchen als Ersatz für die Einblendung der ohnehin dolmetschenden Dolmetscher zu bezeichnen ist einfach frech und dumm.

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