Samstag, 24. März 2012

Taubblinde in Deutschland

Es gibt auch Taubblinde, also Menschen, die gehörlos bzw. taub und blind sind. Und zwar gleichzeitig.
Der berühmteste Fall ist wohl Helen Keller, der dieses Zitat irrtümlich zugeschrieben wird: Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen." In Wahrheit stammt dieses Zitat aber vom Philosophen Immanuel Kant, aber das Zitat ist darum nicht falscher. ;-) Helen Keller wußte halt besser als Kant, wie zutreffend das ist. Und sie machte das beste aus ihrem Leben - sie hat als Taubblinde es geschafft mehrere FREMDSPRACHEN zu lernen, so zum Beispiel Deutsch und Französisch und den Studienabschluss zu machen.


Das alles im Jahre 1904. Das muss man sich mal vorstellen, was für eine Wahnsinnsleistung dahintersteckt, wenn man bedenkt, dass sich damals die Brailleschrift noch nicht komplett durchgesetzt hatte.

Ein anderes spektakuläres Beispiel für eine herausragende taubblinde Persönlichkeit ist die Norwegerin Ragnild Kaata. Ragnild erkrankte im Alter von 4 Jahren an Scharlach und verlor daraufhin das Hör-und Sehvermögen. Die Lautsprache verlernte sie auch bald darauf. 1887 machte der Schrifsteller und Lehrer Hallvard Bergh ihre Bekanntschaft, die ihn so nachhaltig beeindruckte, dass er einen Zeitungsbericht über sie verfasste. Dieser Artikel schlug so hohe Wellen, so dass Ragnild in Amerika und Norwegen bekannt wurde. Es kamen Spendengelder für ihre Erziehung zusammen.

Ein gehörloser/tauber Zeitungsreporter Namens Lars Havstad, der die Einführung der Schulpflicht für Ragnild forderte, unterstützte sie ebenfalls.

So kam Ragnild 1888 in die Gehörlosenschule Hamar, wo die Gehörlosen dort mit Hilfe des Fingeralphabets kommunizieren lernten. Ragnild lernte dann durch das Abtasten der Hände das Fingeralphabet.

1888? War da nicht längst der berühmt-berüchtigte Mailänder Kongress in Kraft? Ja, war er. Ich denke, dass man den Gehörlosen in Norwegen erlaubt HAT, das Fingeralphabet, aber auch nicht mehr zu benützten. Kurzfassung: Der Mailänder Kongress, ist deshalb berühmt-berüchtigt, da dort der Beschluss getroffen wurde, dass die Gebärdensprache verboten wird als Unterrichtssprache an Schulen. Dieses Verbot hat die Bildung der Gehörlosen wertvolle Jahre bis heute zurückgeworfen, denn es war auch gleichzeitig ein Berufsverbot für die damals unterrichtenden gehörlosen Lehrer.

Hier sind meine Blogeinträge zum berühmt-berühmt berüchtigten Mailänder Kongress:





Nun ja, zurück zu Ragnild Kaata: Sie schaffte es sogar durch hartes Training wieder zur Lautsprache zu kommen und konnte so als Taubblinde mit gehörlosen und hörenden Menschen kommunizierne. Hier ist der Wikipedia-Eintrag zur Ragnild Kataa! Bei Helen Keller hat man auch versucht, dass sie wieder zur Lautsprache kommt, aber anders als Ragnild ertaubte und erblindete Helen zu früh mit 2 Jahren und bei ihrem lautsprachlichen Training wurden einige gravierende Fehler gemacht, die sich nicht mehr beheben ließen.

Dennoch: Hut ab vor den beiden Taubblinden, die ihr Leben in diesem Zeitalter ohne moderne Hilfsmittel so gut bewältigt haben.

Warum hole ich eigentlich so weit aus? Einfach um zu zeigen, dass es auch besser geht, wenn man das heutige Leben der Taubblinde betrachtet und wenn man nach Deutschland blickt, dann kann man es sich denken, dass Taubblinde hier keine richtige Lobby haben und ein sehr karges Dasein führen hier.

Ich möchte hier mal ganz besonders die Arbeit loben, die sich Melanie Mühl derzeit mit ihren Artikeln über Taubblinde macht und damit ein ganz wichtiges Thema in die Gesellschaft schiebt:



Die UN-Behindertenrechtskonvention ist seit 2009 auch in Deutschland gültiges Recht und gilt für alle Formen der Behinderungen. Die Taubblinden lässt der Staat aber noch mehr als alle anderen Behinderten im Regen stehen. Taubblinde fallen in Deutschland einfach durch das Raster -sie haben nicht mal ein eigenes Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis, also ist es für sie NOCH schwerer an staatliche Hilfen zu kommen, da sie einen erhöhten behördlichen Spießrutenlauf vor sich haben. Taubblinde erhalten im Schwerbehindertenausweis einfach die Merkzeichen "GL" (Gehörlos) und "BL" für blind. Sie werden einfach auf ihre beiden Behinderungen zerlegt, was aber so nicht funktioniert.

Das Europaparlament hat die Taubblinden längst als eigenständige Form der Behinderung anerkannt und das bereits 2004!

Taubblinde erhalten anders wo in Europa längst genau die Hilfen, die ihnen zugestehen und die sie auch brauchen!

Als gehörloser Mensch bist du in Deutschland häufig im Arsch, sei es z.B. in einer Notfallsituation, weil es hier eben noch keinen barrierefreien Notruf per SMS gibt. Oder weil das Fernsehen nicht barrierefrei genug ist durch die fehlenden Untertitel und Gebärdensprachdolmetschereinblendungen.

Aber als taubblinder Mensch in Deutschland sitzt du richtig in der Scheiße. Hierzulande haben wir geschätzt etwa 6tausend Taubblinde.

Und wenn ich im Artikel von Malanie Mühl dann sowas lese wie:"Um die Lebenswirklichkeit Taubblinder zu verbessern, hat die Stiftung taubblind leben Unterschriften für die Einführung eines Merkzeichens gesammelt. Nach einigem Hin und Her hat sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales dazu durchgerungen, Ende März die bisher 14 000 Unterschriften im Ministerium entgegenzunehmen. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband wird dabei sein. Bei der Übergabe darf die Presse nicht dabei sein. Sie ist erst bei einer gemeinsamen Diskussionsrunde zugelassen. Will das Ministerium die Taubblindenproblematik unauffällig über die Bühne bringen, um erkannte Versäumnisse verschämt nachzuholen? Effizienter aber wäre es, unter Mitwirkung der Medien das gesellschaftliche Verständnis und die private wie die staatliche Hilfe für die Taubblinden zu mobilisieren.", dann bin ich wieder mal an einem Punkt angelangt, wo ich mich einmal mehr für Deutschland schäme, weil es einfach ein Armutzeugnis im Bereich der Behindertenpolitik am laufenden Band hinlegt oder besser gesagt ablegt.

An der Stelle des scheuen Amtsschimmel mit den fast blickdichten Scheuklappen würde ich mich jetzt mal richtig heftig in Grund und Boden schämen über die Weigerung zur einer inklusiven und barrierefreien Gesellschaft. Ich schlage dem Ministerium für Soziales und Arbeit mal vor, dass sie sich an die Lektüre des Grundgesetz machen sowie der UN-Behindertenrechtskonvention, was mit Sicherheit einmal mehr sehr aufschlussreich sein wird.

Ministerium für Arbeit und Soziales? Da klingelt was bei mir - das wird doch von Ursula
"Röschen" von der Leyen geführt. Die hat nämlich ganz medienwirksam am 15.06.2011 bei der Pressekonferenz, wo sie den Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen vorgestellt hat, die ersten Sätze in Gebärdensprache gesprochen. Kann man hier mitverfolgen: http://www.youtube.com/watch?v=nh6V5NhVc9c&feature=player_embedded

Das Video hat selbstverständlich keine Untertitel für weniger gebärdensprachkompentente Gehörlose und Schwerhörige. Die Gebärdensprachvideos auf der Seite der Ministerien haben übrigens auch keine Untertitel! Es sollte immer beides zusammen angeboten werden, logischerweise. Und vor diesen Hintergründen ist es mehr als scheinheilig, wenn von der Leyen gebärdet, sie wolle die Idee von einer barrierefreien und inklusiven Gesellschaft in Deutschland verbreiten.

Also - wann werden sich die ganzen Problemanzeigen in Deutschland für Menschen mit Behinderungen endlich lösen? Sehr schade ist es ja, dass der Regierungsprecher bei seiner Fragestunde meine sehr konkreten Fragen zur fehlenden Barrierefreiheit nicht beantwortet hat, was die ZEIT ja auch kritisiert hat.


Achja, an dem Tag des Twitterinterview trafen sich Jack Dorsey und Katie Stanton mit der Bundeskanzlerin Merkel und Regierungssprecher Seibert.

Ich war da ein bisschen schneller - die beiden traf ich schon im Januar. :-)

Und zum Schluss möchte ich euch noch die Artikel über den taubblinden Diakon Peter Hepp ans Herz legen:

P.S. Falls sich jemand gefragt hat, wie man mit Taubblinden kommuniziert, so gibt es zwei Wege: Wenn der Taubblinde zuerst gehörlos war und dann erst erblinden ist, dann hat er meistens die Gebärdensprache gelernt, welche dann zur taktilen Gebärdensprache wird, d.h. der Taubblinde legt die Hände um die gebärdenden Hände des Gesprächspartner und erfühlt die Gebärde.

Und/Oder zusätzlich wird auch das Lormen angewandt, welches nach dem Prinzip funktioniert: Auf der Handfläche ist das gesamte Fingeralphabet verteilt und dort tippt man dann mit dem Finger auf den jeweiligen Buchstaben. Als Peter Hepp und seine Frau bei Lanz waren habe ich Bauklötze gestaunt über das rasante Tempo mit dem Marghita ihrem Peter die Fragen in die Hand getippt hat.

Hier geht's lang zum Wikipedia-Eintrag über das Lormen: http://de.wikipedia.org/wiki/Lormen

Kommentare:

  1. Gleichzeitig gehörlos und taub? Da ist wohl was schief gelaufen ;-)

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  2. Ich habe eine taubblinde Twitterbekannte (Taubblindheit aufgrund von Usher-Syndrom), die auch bloggt. Sie hat zusammen mit ihrer Familie ein paar kurze Filme gedreht, in denen man sieht, wie man mit "sozial-haptischer Kommunikation" (Kombination aus Gebärdensprache und Berührung) mit Taubblinden kommunizieren kann: http://vonhattunen.rollemaa.org/2012/01/03/esimerkkeja-sosiaalishaptisesta-kommunikaatiosta/ (finnischer Text, aber die Filme funktionieren ohne Worte)

    1. Beispiel: "ich geh mal auf die Toilette" -- damit der Taubblinde nicht erschrickt, wenn er auf einmal merkt, daß er allein im Zimmer ist, oder anfängt, ins leere Zimmer zu reden/gebärden.

    2. Beispiel: "ich geh da rüber (ins Nebenzimmer)" -- sozusagen "im Vorbeigehen" mitgeteilt.

    3. Beispiel: "hallo, ich bin hier hinter dir" -- auch "ich bin da"; die eben eingetroffene Person macht ihre Namensgebärde an der Schulter des Taubblinden. In diesem konkreten Beispiel handelt es sich um jemand mit dem Spitznamen "Omppu-täti" ("Tante Äpfelchen") und die Gebärde APFEL.

    4. Beispiel: "willst du auch einen Kaffee?" -- Gebärde KAFFEE an der Schulter des Taubblinden.

    5. Beispiel: "Notfall!" -- den Taubblinden nicht einfach aus dem Bett reißen und nach draußen zerren, sondern *mitteilen*, daß ein Notfall vorliegt, dann zusammen flüchten.

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  3. Danke Julia für den Hinweis - ich hoffe es ist ok, wenn ich deinen Kommentar für einen weiterne Blogeintrag über Taubblinde verwende!:-)

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    1. Aber klar doch. :-) Schade, daß du kein Finnisch kannst und sie weder Deutsch noch Englisch, sonst hätte ich euch einander schon längst vorgestellt... sie bloggt nämlich immer wieder sehr interessante Sachen über ihren Alltag als Taubblinde.

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  4. deafblindness is the most severe disabilities that a person can have. For people like that more than respect. I'm deaf in one ear, and I have trouble mee.Maar compared with a deafblind person, I feel myself a lucky man!

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