Dienstag, 17. April 2012

Wie geht's voran bei der Anerkennung der Taubblinden?

Taubblind zu sein, ist etwas, womit ich mir nicht vorstellen kann, dass ich damit leben könnte, auch wenn ich selbst gehörlos bin.

Aber Taubblindheit ist nicht einfach die Addition von zwei Behinderungen: taub + blind, sondern eine eigenständige Behinderung, die eigenständige Bedürfnisse hat, auch wenn sich diese mit den meisten Bedürfnissen von Gehörlosen und Blinden decken.

Ein Beispiel dafür: Die fehlende Zugänglichkeit zur Kommunikation mit der Mehrheit der Behörden, Arztpraxen und Kommunen, usw. über E-Mails für schriftbegabte Gehörlose und Schwerhörige betrifft auch die meisten Autisten: Sie können zwar telefonieren, aber vielen von Ihnen ist diese Art von Kommunikation nicht angenehm.

Die logische Schlußfolgerung daraus ist: Wenn die Kommunikationswege auf allen Kanälen für alle Formen und Behinderungen barrierefrei werden, dann profitieren eben alle davon - auch Nichtbehinderte. Ein anderes schönes Beispiel für die Mehrfachfunktionalität der Barrierefreiheit sind zum Beispiel Rampen für Rollstuhlfahrer, denn diese können auch von Müttern mit Kinderwagen, Fahrradfahrern, Postboten usw. benützt werden.

Okay, ich glaube, ich habe jetzt ganz gut erklärt, warum Taubblindheit nicht einfach eine Additon ist, sondern eine ganz klare Definition einer Behinderung ist. Und sie ist in Deutschland nicht anerkannt, was unwürdige Folgen hat für die Betroffenen hier, wie es die Recherchen von Melanie Mühl von der FAZ schon mehrmals bewiesen haben:



Der ausführliche Blogeintrag von mir dazu findet sich hier: Taubblinde in Deutschland

Blogeintrag: Wie kommuniziert man eigentlich mit Taubblinden? Dort erkläre ich auch, wie die verschiedene Wege sind, die beim Verlust der beiden Sinnen auftreten.

Melanie Mühl hat ja in ihrem Zeitungsartikel vom 21.03.2012 gesagt, dass das Bundesministerium für Arbeit und Soziale sich endlich dazu durchgerungen hat, die bisher gesammelten 14.000 Unterschriften für die Anerkennung der Taubblindheit als eigene Behinderung entgegen zu nehmen. Die Presse durfte übrigens nicht bei der Übergabe dabei sein, zugelassen war sie erst bei der gemeinsamen Diskussionsrunde danach.

Die Übergabe der Untereschriften fand also am 29.03.2012 statt. Ministerin Ursula von der Leyen war übrigens nicht da, na sowas. Vielleicht war der Terminkalender auch nur zu voll oder es war ihr zu peinlich, dass sie vor nicht all zu langer Zeit davon geredet hat, dass sie den Gedanken einer barrierefreien und inklsuiven Gesellschaft in Deutschland verbreiten wolle - festgehalten wurde das medienwirksam am 15.06.2011 bei der Vorstellung des Nationalen Aktionsplan der Bundesregierund für Menschen mit Behinderung(en). Seitdem hat sich nämlich nicht viel geändert. Vielleicht bin ich auch einfach zu ungeduldig.

Meine Ungeduld in solchen Sachen möchte ich ungefähr so schildern: Neulich sah ich in der Tagesschau den Bericht über den Raketentest der nordkoreanischen Regierung und bei einer Aufnahme sah man einen armen Bauern im Ochsenkarren am Areal des Weltraumbahnhofs vorbeifahren und ich dachte mir: "Für Raketen hat diese Regierung Geld, aber nicht für eine moderne Infrastruktur und ausreichende Versorgung der Bevölkerung."

So geht es mir mit der Umsetzung der barrierefreien und inklusiven Gesellschaft in Deutschland: Ich weiß, dass hier genügend Geld vorhanden ist, denn wir leben ja in einer Industrienation und nicht irgendwo in der dritten Welt, oder? Und im Vergleich zu anderen Ländern wie England, USA, Schweden, Finnland, usw. geht es mir hier in einem Ochsenkarrentempo voran.

Für die Taubblinden geht die Anerkennung aber in einem Zeitlupentempo voran. :-( Ihre Behinderung hat kein eigenständiges Merkzeichen auf dem Schwerbehindertenausweis. Es ist allerhöchste Zeit dafür, dass die Bundesregierung endlich das Merkmal "Tbl" für Taubblindheit einführt und die notwendigen Leistungen zur Verfügung steht, damit die Betroffenen einen gleichberechtigten und würdigen Zugang zur Gesellschaft haben.

Die Zahl der Taubblinden in Deutschland beläuft sich auf etwa 2.500 bis 6000 Menschen. Die Unterschriftenliste wurde von Gitta Lampersbach und Peter Mozet vom Sozialministerium entgegengenommen. Beide äußerten Verständnis für die Situation der Taubblinden in Deutschland, STELLTEN ABER KEINERLEI KONKRETE MASSNAHMEN IN AUSSICHT!

Hallo? Das Problem ist lange bekannt - wie kann man einer solch großen Gruppe von Menschen die dringend notwendigen Hilfen einfach verweigern, weil man sich nicht damit auseinander setzen will? Der Termin war lange bekannt im Vorfeld, es war Zeit genug, sich einen Aktionsplan zu überlegen, was wie schnell von den Forderungen umgesetzt werden kann. Die Hausaufgaben hat das Sozialministerium aber nicht erfüllt, obwohl in der Eröffnungsrede durchschimmerte, dass das Ministerium begriffen hat, dass Taubblind etwas anderes ist als die simple Addition von taub und blind.

Hier empfehle ich ganz dringend Nachilfestunden und einen Blick in den UN-Behindertenrechtskonvention, welche gültiges Recht ist in Deutschland. Außerdem hat das Europaparlament bereits seit 2004 Taubblindheit als eigenständige Behinderung anerkannt. In Finnland und Norwegen gewähren Behörden persönliche Assistenz und Dolmetscherleistungen.

In Deutschland kommen auf 100 Taubblinde gerade mal eine Taubblinden-Assistenz und diese sind oft ehrenamtlich tätig. Nichts gegen eine ehrenamtliche Tätigkeit wie diese, aber ist es nicht am wichtigsten, dass man für eine solche Position eine anerkannte Ausbildung absolviert hat und damit qualifiziert ist?


Die Rede von Imgard Reichstein, der Vorsitzenden der Stiftung: "Taubblind leben", die sie bei der Unterschriftenübergabe gehalten hat, hat ebenfalls wichtige Infos zur tatsächlichen Lebensituation der Taubblinden in Deutschland: Manuskript der Rede

Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie bis zum 01. Januar 2013 "Taubblindheit" als eine eigenständige Behinderung anerkannt hat und den Betroffenen endlich die längst überfällige Leistungen gewährt werden ohne Aber und Wenn. Ich kenne das ja auch - als Behinderter musst du mehr als andere für deine Rechte kämpfen, obwohl sie eigentlich im Gesetz stehen und damit verpflichtendes Recht ist.

Aber: In Deutschland bedeutet es in dieser Position noch lange nicht, dass man auch Zugriff auf diese Leistungen hat, wenn man im Recht ist.

Warum erwarte ich eigentlich bis zum 01.Januar 2013 diese Anerkennung? Ganz einfach: Die Bundesregierung hat am 28. März, einen Tag vor der Unterschriftenübergabe der Taubblinden-Stiftung, die Einführung des Schwerbehindertenausweis im Scheckkartenformat beschlossen.

Da könnte man zu diesem passenden Zeitpunkt auch die Einführung des neuen Merkmals "Tbl" beschließen.


An dieser Stelle möchte ich noch was loswerden: Ich habe grad entdeckt, dass die Einführung in die Gebärdensprachvideos auf der Seite des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales mit Gebärdensprache UND Untertitel ist, also etwas, was sich schon sehr lange immer wieder gefordert habe in verschiedenen Blogeinträgen. Leider finde ich außer dem Einführungsvideo keine weitere Gebärdensprachvideos mehr. Aber es ist ein gutes Zeichen, dass die Bundesregierung auf einem guten Weg zur einem barrierefreien Internetangebot ist!

Über diese Unart, dass die Gebärdensprachvideos oft keine Untertitel haben und somit nicht die ganze Gruppe der Betroffenen erreichen, habe ich ich mich schon des öfteren aufgeregt:


Ich würde mir wünschen, dass jetzt die Politiker, die mein Blog lesen, jetzt mal fraktionsübergreifend einen Antrag im Bundestag stellen und eine Anerkennung der Taubblindheit bis zum 01.01.2013 oder früher beantragen! Die Taubblinden brauchen das wirklich ganz notwendig und ich möchte mich mit diesem Blogeintrag mit aller Kraft dafür einsetzen, dass deren Lobby auch mehr Unterstützung erhält.

By the way: In Österreich ist Taubblindheit seit Oktober 2010 eine eigenständige Behinderung mit dem Merkzeichen "TBL". Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Taubblinde

Das kann Deutschland auch!

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