Dienstag, 22. Mai 2012

Das Fernsehen und die Inklusion

Heute wurde ich auf den Trailer in der ARD zum Fernsehfilm am Mittwoch aufmerksam, denn der Titel hieß doch tatsächlich: "Inklusion - gemeinsam sind wir stark."

Oh, hat das Fernsehen Menschen mit Behinderung(en) tatsächlich entdeckt, da sich ja dieses Jahr am 05.05.2012 der "Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung(en)" zum 20. Mal gejährt hat?

In Deutschland liegen wir in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion etwa 30-40 Jahre zurück, wenn man mal in die USA oder einfach nur nach Großbritannien guckt, gern auch noch in weitere europäische Länder. Es ist nämlich so: 80% der behinderten Kinder mit Behinderung(en) besuchen Regelschulen, 20% gehen auf Sonderschulen in Europa. In Deutschland ist es genau umgekehrt. Quelle: (Monitorsendung von 07.04.2011 - der Link dazu ist tot. Scheiß-Depublizierungsverfahren.) Zur dieser Sendung habe ich schon mal gebloggt:

Der Monitor-Bericht und meine Gedanken dazu vom 09.April 2011. Da blogge ich über meine eigene Inklusion, die ich erlebt habe.

Ich hab da mal nachgeschaut, wie der Inhalt der Sendung so ist auf der Hompage der ARD und hier ist die Beschreibung dazu: "Inklusion - Gemeinsam sind wir anders." Ausgestrahlt wird das übrigens am Mittwoch, den 23.05.2012 mit Untertitel für Schwerhörige und Gehörlose sowie Audiodeskription für Blinde.

Interessanterweise förderten meine Recherchen nach dem Film noch 2 andere Fakten über den Film zutage: Er scheint schon mal im Fernsehen gelaufen zu sein, wenn man die Sendungsinfo des Bayerischen Rundfunks über den Film anschaut: http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/inklusion/index.html, denn dort steht unter der Überschrift: Stand 14.11.2011..

Und dort steht auch was interessantes über die "behinderten" Hauptrollen im Film - eine Rollstuhlfahrerin und ein Junge mit geistiger Behinderung im Teenageralter. Sie werden nämlich gespielt von den Newcomern Paula Kroh und Max von der Groeben laut der Seite.

Gut, dann schmeiße ich halt mal Google an und gehe meinem Verdacht nach, ob die beiden eben NICHT die gleiche Behinderung haben wie im Film. Und voila: Sie sind es nicht.

Max(milian) von der Groeben hat Anfang des Jahres eine Gastrolle in "Alles was zählt" gespielt., er hat übrigens auch schon einen eigenen Wikipedia-Eintrag, den man hier findet: Maximilian Graf von der Groeben. Keine geistige Behinderung. Ein ganz normaler Teenager.

Google ich weiter nach Paula Kroh, komme ich vor allem auf diese Seite: http://www.castingdb.eu/paula-kroh/de/

Für die Hauptrolle in "Inklusion - Gemeinsam sind wir anders" sind beide übrigens für den Günther Strack Young Talent Award nominiert, der am 31.Mai 2012 verliehen wird.

Leonardo di Caprio hat übrigens auch mit 19 einen Jungen mit geistiger Behinderung wahnsinnig gut in "Irgendwo in Iowa" dargestellt. Aber da ging's auch nicht hauptsächlich über Menschen mit Behinderung(en). Ich zweifele auch nicht daran, dass ein wirklich herausragender Schauspieler wie diCaprio oder Dustin Hoffmann jemanden mit einer geistigen Behinderung spielen kann, aber es kommt eben auf den Film an. Ich kann es mir vorstellen, dass es zur der Zeit von "RainMan" 1988 keinen geeigneten verfügbaren geistig Behinderten beim Casting gab. Oder vielleicht hat  man sich auch die Mühe nicht gemacht, das ist natürlich auch eine Möglichkeit. Aber in den USA und in anderen Ländern werden "behinderte" Rollen viel selbstverständlicher von Behinderten besetzt als hierzulande.

Bei körperlichen Behinderungen sehe ich das etwas anders und da werden mir die meisten Menschen mit körperlicher Behinderung zustimmen. Wenn ich z.B. auf Twitter lese, dass Raul Krauthausen oder Christiane Link nur lächeln können über die Darstellung von Rollstuhlfahrern im TV, da z.b. die Küche in der Wohnung des Rollstuhlfahrers ganz eindeutig nicht rollstuhlgerecht ist, dann spielt das vor allem im deutschen TV.

Ich habe in diesem Blogeintrag auch schon lange darüber nachgedacht, warum man in dem Film "Die Schreie der Vergessenen" die gehörlose Hautrolle an das Topmodel Barbara Meier vergeben hat. Die Kritiken meiner gehörlosen Freunde an dem Film waren nicht besonders gut, da sie nicht wie eine echte Gehörlose aufgetreten ist. Bei Gehörlosen gibt es etwas interessantes: Man erkennt sich vor allem an den Augen. Wenn ich unterwegs bin irgendwo in Deutschland oder im Ausland und ich sehe jemanden, der NICHT redet oder gebärdet in die Augen, dann macht es dort "klick" und wir erkennen einander, dass wir gehörlos sind. Dieses Phänomen kennt jeder Gehörlose. Es ist einfach eine DNA in unseren Augen und CODAs (Children of Deaf Adults) können auch diese Information in den Augen tragen, sie wären am ehesten noch in der Lage eine gehörlose Rolle im Fernsehen zu spielen. Aber gut, den langen und ausführlichen Blogeintrag gibt es dazu hier, weshalb gehörlose Rollen im Fernsehen nie von hörenden Darstellern gespielt werden können und warum das deutsche Fernsehen sehr mutlos ist in solchen Dingen:

http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/10/falsche-darstellung-von-gehorlosen-in.html vom 10. Oktober 2011

Nun - ich werde mir den Film anschauen, aber vorab stelle ich schon mal fest: Ich finde es ein Unding, dass es im Deutschen Fernsehen kaum echte Behinderte zu sehen sind in einer Serie oder in einem Spielfilm. Man setzt lieber immer "gesunde" oder besser und genauer formuliert: nichtbehinderte Schauspieler ein, die dann die "Behinderung" verkörpern sollen. Okay, in Marienhof gab es einen behinderten Seriendarsteller im Rollstuhl. Aber sonst? Mir fällt da auf Anhieb nichts vergleichbares im deutschen Fernsehen ein.

Mit "gesund" ist gemeint: Nichtbehinderte, also Menschen ohne eine sichtbare Behinderung. Ich verwende jetzt auch einfach die zutreffende Bezeichnung "nichtbehindert", weil sie den Kern der Sache besser trifft als "gesund" und auch niemanden verletzt.

Und wenn man ganz genau sein will: "Menschen ohne äußerlich sichtbare Behinderung.".

Und es ist wirklich noch ein Unding mehr, wenn man in einem Film, wo es um Inklusion und um Menschen mit Behinderungen geht, dann die Hauptrolle nicht mit echten Behinderten besetzt, denn das wäre nämlich wirkliche Inklusion gewesen!

Es wird nämlich zu festhalten: Es wird über uns Behinderte gesprochen oder geschauspielert anstatt mit uns über uns. Das ist die Norm und sie führt zu falschen Darstellungen. Es wird an der Zeit, dass die Realität mal im Fernsehen stattfindet und sie ist viel vielfältiger und sicherlich kein Schock für den Zuschauer, denn ich glaube nicht, dass der Zuschauer so dumm ist und mit Samthandschuhen angefasst werden beziehungsweise "Behindertenkitsch" pur im TV sehen will in der Form von nichtbehinderten Schauspielern.

Update vom 29. Oktober 2012:  Ich habe erfahren, dass dieser unerträgliche Film, der absolut keine Auszeichnung oder sonst irgendwelche Fördergelder verdient hat, doch tatsächlich ausgezeichnet worden ist - mit dem ABU Prize in Seoul. Als bestes Tv-Drama.

http://tellux-gruppe.de/telluxfilm/index.php/fiktional/fiktional-eintrag/197-inklusion

Es ist ein Drama, dass das Fernehen so unwissend ist, wenn es um so sensible Themen handelt, wo man unbedingt korrekt und sachgemäß aufklären muss.

Kommentare:

  1. Mein Ex-Freund ist Rollifahrer und erst ab da fallen einem als Menschen ohne Behinderung meistens erst die ganzen Barrieren auf, die im täglichen Leben zu Schwierigkeiten führen können, weil man vorher - auch wenn man sensibilisier ist für solche Themen - einfach nicht diesen Blick dafür hat.

    Noch heute "scanne" ich neue Orte genau ab und stelle oft traurig fest, was vielen Menschen mit Behinderung entgeht, weil man sie scheinbar nicht mit eingeplant hat. Da braucht man sich nicht wundern, wenn man vermeintlich wenige Rollifahrer sieht. Viele gehen Dinge gar nicht erst an, weil sie Angst haben, in Situationen zu geraten, die sie ohne fremde Hilfe nicht bewältigen können.

    Im TV war der Gute übrigens auch einige Male zu sehen, u.a. bei "Alarm für Cobra 11" und der "Lindenstraße", es gibt also auch echt besetzte Rollen...

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  2. Guten Morgen :-) Falsche und schlechte Darstellungen und die Glorifizierung von Behindertenrollen (weswegen es dafür für nichtbehinderte Schauspieler auch regelmäßig Auszeichnungen gibt) sind eine, unerfreuliche, Sache. Ich glaube auch, dass es gut wäre, wenn es in Kino und TV mehr Vielfalt an Plots mit behinderten Protagonisten gäbe. Nicht nur die üblichen drei Storylines.
    Aber warum behinderte Protatonisten besser von behinderten Menschen gespielt werde sollten, leuchtet mir nach wie vor nicht ein? Es ist doch Schauspielerei. Sollen nur Rothaarige Rothaarige spielen dürfen, nur solche, deren Eltern früh gestorben sind, Waisen und nur Boxer Boxer?

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  3. Rothaarige haben genau die gleichen Emotionen wie Menschen ohne roten Haare. Und Haare kann man färben. ;-)

    Schauspielerei ist Emotionen zu zeigen, die jeder von uns in sich hat auf Knopfdruck. Selbst wenn man kein Waisenkind ist, so hat man in seinem Leben einen Verlust gehabt, denn man nachvollziehen kann. Der Tod eines Haustieres kann einen genauso hart treffen wie der Verlust der Eltern.

    Ein Nichtprofi kann natürlich auch einen Profi spielen, vorausgesetzt, er kriegt professionelles Training und Beratung.

    Aber bei Behinderten liegt es ein wenig anders. In der Gesellschaft finden Menschen mit Behinderungen kaum statt und die sachgerechte Aufklärung darüber sowieso auch. und das Fernsehen hat nun mal einen Informationsauftrag. Wird ein Behinderter im Fernsehen falsch dargestellt, so sorgt das beim Zuschauer dafür, dass er denkt, dass alle Behinderten so sind. Das ist aber fatal.

    Darum bin ich dafür, dass solche Rollen im Fernsehen auch von Behinderten gespielt werden.

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  4. Ein weiteres positives Beispiel, das mir mit meiner eigenen Erfahrung natürlich sofort einfällt, ist Christine Urspruch. Im Münster-Tatort spielt sie die Gerichtsmedizinerin als ganz "normale" Schauspielerin. Natürlich muss sie sich ab und an Sprüche anhören, aber sie feuert gut zurück und auch alle anderen Hauptrollen werden oft getriezt. Und über die Sprüche kann ich als Kleinwüchsige selbst auch lachen. Was mir in diesem Fall besonders gut gefällt, ist, dass die Rolle offensichtlich nicht als "Behinderte" angelegt ist, sondern als Gerichtsmedizinerin, die nun zufällig kleiner ist als die anderen. So funktioniert Inklusion gut.

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