Freitag, 1. Juni 2012

Filmkritik zu "Inklusion - Gemeinsam sind wir anders".

Ich habe ja schon im Vorfeld gesagt, dass ich Befürchtungen habe, dass der Film die Realität unter anderem verzerren wird, da die "behinderten" Rollen von Nichtbehinderten gespielt werden.

Blogbeitrag: Das Fernsehen und die Inklusion vom  22. Mai 2012 - Erklärender Blogbeitrag zur der Besetzung im Film "Inklusion - Gemeinsam sind wir anders."

Und so kam es, wie es kommen musste und zusätzlich hat der Film es noch geschafft an vielen Stellen Vorurteile erst recht aufzubauen anstatt abzubauen.

Und es freut  mich, dass der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung den Film jetzt auch scharf kritisiert hat, aber davon unten mehr.

Man erfuhr außerdem nicht so richtig, was die Hauptdarsteller eigentlich hatten, man ging dann nach einer Weile dann einfach davon aus, dass Paul eine leichte geistige Behinderung hat und Steffi eine Spastikerin ist aufgrund des gekrümmten Armes.

Filmfehler waren übrigens folgende Situationen:

1. Ein Klassenlehrer kann mit einer Schülerin keine pysiotherapeutische Arbeiten durchführen, auch kein Sportlehrer, denn dafür fehlt ihm einfach die Ausbildung dafür. Physiotherapeuten werden übrigens von der Krankenkasse bezahlt. Warum musste man im Film eine solche Unwahrheit erzählen?

2. Mitschülerin Marie lässt Paul über Stunden alleine in der Wohnung zurück, weil die Eltern nichts von der Freundschaft erfahren sollen und er "überlebt" das ganz ohne einen verwirrten und zornigen Eindruck zu machen. Vielleicht ist Pauls Charakter zu sanft, als dass er groß ausflippt und er hat sich gut im Griff.

3. Eine Lehrerin muss mit Steffi aufs Klo gehen. Dazu wären Integrationshelfer eigentlich da, aber im Film sind ja keine verfügbar. Da empfehl ich mal das Blog von "Jule Stinkesocke" die übrigens auch erzählt, wie sie trotz querschnittlähmung alleine aufs Klo gehen kann. http://jule-stinkesocke.blogspot.de/p/fragen-und-antworten_16.html Ich weiß nicht, ob und wie sehr das auf Spastiker zutrifft. Jule erzählt auch, dass sie manchmal eine Windel trägt. Nun ja, wenn da kein Integrationshelfer da ist, dann könnte ich mir halt auch vorstellen, das Steffi eine Windel trägt. Ich muss aber zugeben, dass ich mit Spastikern nicht so gut auskenne. Kennt jemand da ein schönes und gutes Blog?

(Zu dem Thema Integrationshelfer fällt mir eine Parallele ein: Aber in Deutschland gibt's ja auch Fälle, dass Eltern eines gehörlosen Kindes mit Sorgerechtsentzug gedroht wird, weil sie einen Integrationshelfer für den Regelkindergarten oder einen Gebärdensprachdolmetscher für die Regelschule angefordert haben. Der Vorschlag der Behörden war da:"Geben Sie doch dem Kind ein Cochlear Implantat, dann braucht es die angeforderten Sachen nicht." Quelle unter anderem dieser Blogeintrag von mir: Morgen haben die Eltern den Termin...)

4. Steffi, die ihrem Lehrer intim nachstellt, wird plötzlich zur Erfolgsgeschichte, während Paul, der als sehr sozial dargestellt wird, keine zweite Chance bekommt, weil er bei einer öffentlichen Vorführung versehentlic eine Mitschülerin verletzt. Im Verlauf des Filmes geht Paul auf Steffi los, was aber jeder verstehen kann, weil Steffi ihn ja provoziert hat. Aber warum versteht dann keiner, dass Paul Marie nur so sehr umarmt hat, weil er sich so gefreut hat und darum nicht sofort loslassen konnte? Das ist keine Gleichbehandlung, die da stattgefunden hat. Es war für mich auch unnachvollziehbar, warum der Lehrer Steffis Belästigungen ihr einfach durchgegangen lassen hat so nach dem Motto: "Die arme Kleine im Rollstuhl..."
Bei mir hat es diesen Beigeschmack hinterlassen, dass man Behinderten das einfach nachsehen müssen, wenn sie jemanden belästigen, weil: "Er/Sie ist doch behindert..". Nö, muss man nicht.

5. Was hatte eigentlich der Regelschulbesuch damit zu tun, dass Steffi bei der Aufführung plötzlich kurz stehen konnte? Null. Das war etwas für die Tränendrüse, was im wirklichen Leben nicht so stattfindet.

6. Ich finde, dass man aus der Geschichte von Pauls Mutter und ihrem neuen Freund dem Film eine schöne Note geben hätten können: Wie geht der neue Partner mit der Tatsache um, dass der Partner ein behindertes Kind hat und wie reagiert das behinderte Kind auf den neuen Partner des Elternteils? Das wäre etwas gewesen, was mir persönlich besser gefallen hätte als die Andeutung, dass die Frau des Lehrers das gemeinsame Kind abgetrieben hat, weil es behindert war.

7. Die schauspielerische Leistung der "behinderten" Nichtbehinderten Darsteller hat mich nicht überzeugt, einzig Max von der Groeben, der den Paul gespielt hat, hat mich an einigen Stellen etwas überzeugt, da er manches wirklich gut aufgegriffen hat.

Der Spiegel hat übrigens eine richtig gute Filmkritik dazu verfasst: Die harte Schule der Inklusion

Mein Fazit dazu: Der Film hat überhaupt nichts dazu beigetragen, dass Inklusion verstanden wird und die Barrieren in den Köpfen abgebaut werden.

Barrierefreiheit und Inklusion können nur dann erreicht werden, wenn eine realistische und echte Aufklärung stattfindet. Durch volle Aufklärung kann man auch eine Wahlfreiheit herstellen. Im Fall der Inklusion ist es so: Ja, sie kostet Geld, das streitet keiner ab. Der soziale Lernfaktor kann man aber nicht hoch genug bewerten. Wird Barrierefreiheit und Inklusion als selbstverständlich vorgelebt, weil Gesetze das unterstützen, dann werden wir als Gesellschaft irgendwann an den Punkt kommen und uns fragen: "Ja, warum haben wir das nicht schon viel früher so gemacht?" :-)

Und der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe hat eine knallharte Kritik am Film verfasst, die einfach genau alles ins Schwarze trifft. Vielen Dank für diese knallharte Kritik und der zutreffenden Feststellung, dass der Film reihenweise Vorurteile und Klischee bedient hat, anstatt wirklich realistisch über Inklusion aufzuklären.

http://www.behindertenbeauftragter.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2012/PM21_ARDFilm_cm.html

Herr Hüppe hat sich übrigens mit der ARD-Intendantin Monika Piel in Verbindung gesetzt und um eine Erklärung gebeten, warum so ein verzerrter Film über die Inklusion im Fernsehen ausgestrahlt wurde, der seinem Informationsauftrag ganz und gar nicht gerecht wurde.

Hut ab, Herr Hüppe! Ich bin auf die Antwort  von Monika Piel gespannt, wie sie das denn darlegen will, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen erstens nicht ordentlich sauber rechechiert hat in bei so einem schwierigen Thema und es damit fertig kriegt, dass ein völlig falsches Bild von der Inklusion und von Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit entsteht.

Kommentare:

  1. Naja, ich finde nicht, dass der Behindertenbeauftragte das Thema richtig aufgreift.

    Es klingt eher so, als hätte er es gut gefunden, eine heile Welt-Darstellung zu bringen, in der alles toll und bunt ist. In der Realität gibt es aber nun einmal auch schlecht gelaunte Rollifahrer; Leute mit Intelligenzminderung (früher: Debilität ) sind häufig nicht in der Lage Gefühle (wie Wut, die sie durchaus empfinden können) lautsprachlich zu äußern und lassen sie daher einfach raus; und auch die Vorurteile von Eltern nicht behinderter Eltern bzw. allgemeiner anderer Menschen sind leider häufig Fakt. Spreche da aus leidlicher Erfahrung, als Bruder einer mittlerweile jungen Frau mit Down Syndrom.

    Auch zeigte der Film gut, dass nicht jeder gleich mit dem "Problem" umgeht und dass genau das Inklusion so schwierig macht. Die Frau des Lehrers beispielsweise – in der wirklichen Wellt gibt es sie doch auch, die Menschen die Behinderungen für ein Problem halten. Genau das macht Inklusion doch so schwer! Reine Integration benötigt kein Umdenken der Menschheit, das Behinderungen eben auch dazu gehören und keineswegs "abnormal" sind.

    Kurz gesagt: Der Film hat eins eigentlich sehr wohl deutlich gemacht – dass das größte Problem in den Köpfen der Menschen liegt.

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  2. Hi!
    Ich sitze aufgrund einer Muskelschwäche im Rolli und habe mich vor ein paar Wochen auch sehr über diesen Film aufgeregt (zu finden hier: http://forum.fernsehkritik.tv/viewtopic.php?f=24&t=11232). Da ich nun selbst ein wenig Erfahrung damit habe, wie man als stark hilfebedürftiger Rollstuhlfahrer durch die Schule (und durchs Studium) kommt, kann ich auch an vielen Stellen wirklich sagen, dass der Film einfach viele Dinge völlig falsch darstellt.
    Gut zu wissen, dass auch andere diesen Film unmöglich fanden =)

    Für nicht-Betroffene scheint er aber wirklich o.k. zu sein – viele Bekannte von mir konnten an dem Film wenig Schlechtes finden, auch nachdem sie meine Kritik gelesen hatten. In dem Forum, in dem ich Dampf abgelassen habe, wurde meine Reaktion auch eher als übertrieben empfunden.

    Liebe Grüße,
    Jonny

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  3. Der Film ist echt unter aller Kanone,
    jedoch sehe ich als angehender Grundschullehrer die Inklusion auch als Chance an, die bei allen Möglichkeiten auch gehörig schief gehen kann.

    Grund dafür ist, dass die Schule in der Realität einfach noch zu starr ist und sich weiter öffnen muss.
    Das beginnt schon mit der Überforderung und Qualifikation des Personals.
    Ich kenne zum Beispiel einige "Integrationshelfer", die überhaupt keine Qualifikation besitzen. Nicht einmal eine Schulung, geschweige denn eine Kenntnis der didaktischen oder medizinischen Hintergründe wird vorausgesetzt.

    Das Problem ist politisch, da einfach nicht genug in Lehrer- und Pädagogenausbildung investiert wird.
    Als kleines Rechenbeispiel dient die Auflösung der Förderschulen, die dazu führt, dass nach der Aufteilung der Schüler auf unterschiedliche Klassen ein erheblicher Mangel an Lehrern besteht, da der Bedarf sich verhundertfacht, wenn man einen anspruchsvollen und bedarfsgerechten Unterricht gestalten will.
    Außerdem wird im Lehramtstudium, zumindest in meinem Fall, nicht ein Wort darüber verloren wie man den Unterricht anpassen könnte.
    Mit den Mitteln, die an der Uni gelehrt werden wird man später in der Praxis nicht dem Ziel, jedem Schüler einen passenden Unterricht zu ermöglichen, gerecht.

    Das ist schade, aber allgemein das Hauptproblem. Menschen werden nicht genug gewertschätzt und die Zukunft nicht ernst genug genommen.

    Positive Beispiele für eine richtige Gestaltung der Schule mit Inklusion gibt es zuhauf. Man muss sich nur einmal anschauen, wie es in den Ländern läuft, die bei Pisa vorne sind. Außer Korea vielleicht ;)

    Das Umdenken ist bei uns schon viel zu lange auf der Strecke geblieben.

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  4. Ist zwar jetzt schon eine Weile her, aber trotzdem noch ein großes Danke für deinen Blogeintrag! Dieser Film war einfach nur schlecht und hat mich mehr als enttäuscht. Danke auf die Links, es ist gut, dass auch der Behindertenbeauftragte sich dazu geäußert hat, so geht's jawohl wirklich nicht. Weißt du zufällig, ob und was ihm geantwortet wurde? Das würde mich sehr interessieren.
    LG
    Melly

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  5. Hallo Jule,

    vorab hoffe ich das mann Lesen kann was ich Schreibe, ich habe eine neue Spracheingabe bekommen und die muss ich noch viel Träniren.

    Ich habe mir Gestern mit meiner Frau zusammen diesen Film angeschaut. Sie ist Tetraspastikerin und ich bin Spastiker. Sie ist Computerprogramiererin mit Diplom von der Uni, Ich mache zur Zeit meinen Industriemeister. Der Film hat uns sehr Misfallen da er mit der Wirklichen Welt von Spastikern nichts zu tun hat. Spastiken entstehen durch Fehlfunktionen im Gehirn oder bei im Rückenmark. Die hat mit der Inteligenz des Betroffenen nichts zu tun. Die Signale die Muskel steuern werden nur nicht Richtig übertragen. Bei mir bedeutet das ich habe keine Feinmotorik um Schreiben zu können, das erledigt für mich die Spracheingabe da mein Sprachzentrum nicht betroffen ist. Da meine Spastiken in bezug auf die Feinmotorik sich im Laufe meines Lebens Verschlechtert haben bin ich heute nicht mehr an Maschinen tätig sondern bin in dem Unternehmen in dem ich arbeite als Theorie ausbilder Tätig. Was bei unseren Auszubildenden auch sehr gut ankommt. Spastiker bezeichnen sich nicht als Behindert sie sehen sich als besondere Menschen. Blogs zu dem Thema gibt es sehr wenige meist sind Sie von Stummen Tetraspastikern betrieben. Hier ein Beispiel:

    http://muschelsucher.blog.de/

    Wer also wirklich etwas über das Leben von und mit Spastikern lernen möchte ist dort ganz gut aufgehoben.

    Liebe Grüße

    Martin

    P.S.: Dein Robot Identifizierungssystem ist nicht Barrierefrei es ist nicht Spracheingabe Kompatibel, daher für viele Spastiker nicht zu nutzen. Einzelnen Buchstaben mit der Spracheingabe zu schreiben ist extrem schwer und bedarf vieler anläufe.

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