Mittwoch, 4. Juli 2012

Taubstumm - ein No-GO!

Warum eigentlich? Nun, das Wort "Taubstumm" erweckt den Eindruck, dass Gehörlose nicht fähig sind, sich der Lautsprache zu bedienen, was aber so nicht stimmt.

Wir Gehörlosen sind sehr wohl in der Lage zu sprechen und unsere Stimme hört sich halt etwas ungewohnt an für Menschen, die noch nie auf Gehörlosen trafen oder mit ihnen zu tun hatten. Ich würde mal sagen, dass es sich gerade deswegen ungewohnt anhört, weil die Sprachmelodie oft ganz fehlt und die Stimme deswegen einen monotonen Klang hat. Es gibt einen informativen Wikpediaeintrag zur Gehörlosigkeit: http://de.wikipedia.org/wiki/Gehörlosigkeit Außerdem erweckt das Wort "taubstumm" den negativen Beigeschmack, dass gehörlose Menschen dumm bzw. doof sind und unfähig sind zur Kommunikation, also da schwingt schon so ein solcher Slogan mit: "Taub macht stumm!"

 Im Jahr 2002 hat die Firma Wyeth in vielen Großstädten in Deutschland eine riesige Plakataktion aufgefahren mit dem Bild eines traurigen Babys und dem Slogan: "Taub macht stumm!"
Hintergrund dieser Werbeaktion war eine Pneumokken-Impfung für den Impfstoff dieser Firma. Eine Pneumokkeninfektion kann zu einer Mengitis führen, die unter anderem dazu führen kann, dass man Gehör verliert, also ertaubt. Da war dann der Slogan: "Taub macht stumm!" natürlich genau richtig, weil es ja so eine wunderbare Ergänzung zum Wort "Taubstumm" für Gehörlose dargestellt hat und außerdem die Ängste der Eltern bedient hat.

Kurzum: Es war einfach eine Angstwerbung, die die Firma Wyeth da aufgefahren hat. Hier kann man was dazu lesen: http://www.taubenschlag.de/html/kultur/amo/wyeth/stuetze.pdf Angesichts dieser Schiene der Firma Wyeth gab es dann natürlich einen großen Aufschrei in der Gehörlosengemeinschaft, weil das eine komplette Diskriminierung der Gehörlosen dargestellt hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir Gehörlosen damals alle Unterschriften gegen die Firma gesammelt haben und es außerdem kreativen Proteste gegen die Plakate gab, unter anderem diese Verschönerung des Plakats:
Da war dann schon ganz viel ohnmächtige Wut unter uns, weil die man uns einfach in aller Öffentlichkeit als dumm dargestellt hat, ohne zu beachten, dass Gehörlose sogar eigentlich mehrheitlich bilingual aufwachsen: Mit der Lautsprache und mit der Gebärdensprache.

Ist jemand stumm, der über eine Sprache verfügt? Nein, natürlich nicht. Die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache, kein Hilfsmittel und auch keine Krücke. Sie hat ihre eigene Syntax und und sie funktioniert im Zusammenspiel der Hände, Mimik, Körpersprache und Mundbild und sie ist auch schon seit 2002 als vollwertige Sprache anerkannt in Deutschland.

Und der Begriff "taubstumm" für einen Gehörlosen, der echt nicht lautsprachlich sprechen kann, ist in meinen Augen trotzdem immer noch daneben, da er dann immer noch die Gebärdensprache als Sprache zur Verfügung hat und diese Fälle außerdem wirklich sehr selten sind. 

Es gab viele Briefe an die Firma Wyeth, unter anderem diesen: http://www.deutsche-gesellschaft.de/fokus/plakatwerbung-zur-impfkampagne
 
Die Firma Wyeth hat sich damals zwar bei uns Gehörlosen entschuldigt, aber offenbar einfach überhaupt nichts aus der Sache gelernt noch begriffen, was sie da eigentlich für ein mittelalterliches Bild von uns Gehörlosen in der Gesellschaft erzeugt haben, denn im Entschuldigungsschreiben steht folgendes: http://www.taubenschlag.de/html/kultur/amo/wyeth/wyeth2.htm Dummerweise lernten sie aus dem Protest der Gehörlosen gegen den diskriminierenden Slogan nichts und schalteten sie eine neue Werbestrategie in der Zeitschrift "Freundin" mit dem Slogan: "Knd lrnt sprchn?" zusammen mit einem Bild des Fingeralphabets:

Da hat dann die damalige Präsidentin des Deutschen Gehörlosenbunds zusammen mit anderen Verbänden wie schon bei der davorigen Plakataktion mit "Taub macht stumm" die Firma Wyeth noch mal in einem Schreiben für ihre Werbeschiene heftig kritisiert und aufgeklärt, was sie da eigentlich angerichtet haben... http://www.taubenschlag.de/html/kultur/amo/wyeth/wyeth_lernt_nix_protest.pdf Kurz zusammengefasst: Wir Gehörlosen sind gehörlos/taub, aber eins ganz sicher nicht: dumm/doof.
P.S. Es ist übrigens sehr interessant, dass die Firma Wyeth im Mai 2002 eine Spende einer Einrichtung zukommen liess. Man könnte meinen, dass diese Spende in Höhe von 1000 € an die Gehörlosengemeinschaft gegangen ist, wo sie doch soviel Schaden angerichtet hat. Aber nein, die Spende ging an die Freiburger Cochlear Implantat Centrum (ICF).

Eine Spende unter Medizinern also, denn wenn die Firma Wyeth im Entschuldigungsschreiben bedauert, dass eine CochlearImplantat-Operation oftmals zu spät kommt, um die Hörfähigkeit zu erhalten, dann spendet sie ganz uneigennützig einer Einrichtung, die sich für das Cochlear Implantat stark macht. Das war PR-technisch eine totale WIN-WIN-Situation für die Firma Wyeth und das Cochlear Implantat.

Ich bin mir übrigens sehr sicher, dass wenn das Internet es damals im Jahre 2002 bereits so viel Macht wie heute gehabt hätte, die Firma Wyeth diesen Shitstorm nicht überlebt hätte vom Image her.

Der Taubenschlag hat da sehr viel interessantes zusammengetragen, das Nachschlagen dieser Ereignisse aus diesen Tagen lohnt sich echt: Gesammelte History gegen die Firma Wyeth im Taubenschlag 

Einige Blogeinträge zur der Sache mit dem Begriff taubstumm:

http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2010/11/festverankert-im-kopf-taubstumm.html


Ein wichtiger Hinweis an die Medienbranche

Kommentare:

  1. Ludwig Gottsand4. Juli 2012 um 22:13

    "Die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache, kein Hilfsmittel und auch keine Krücke."

    Ohja, das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Das Ding ist nur, dass Lautsprache in einer Region von allen gekonnt wird. Lautsprache ist eben das verbreitetere Kommunikationsmittel gegenüber der Gebärdensprache. Aber außer der Verbreitung denke ich nicht, dass es da irgendein "besser" gibt.

    Danke für diesen Artikel. :)

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  2. Wat? Taubstumm na und!

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  3. Ich denke, gerade in Bezug auf Sprachregelung ist im Deutschen noch einiges zu tun. Wichtig ist mir - das hatte ich auch schon bei den Sozialhelden erläutert, wo es ja derzeit um ähnliche Themen geht -, dass mittelfristig einfach das Gesellschaftsbild zurechtgerückt wird. Dogmatische Sprachvorschriften sind schwierig, insofern finde ich solche Hinweise (und eben jene der Sozialhelden) sehr wertvoll, denn nur, wenn möglichst viele Leute zum Nachdenken über ihren eigenen Sprachgebrauch gebracht werden, wird sich dieses Bild verändern. :)

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  4. Wenn du geschrieben hättest taubstumm wäre eine Pauschalisierungwürde ich dir zustimmen.
    So geht das leider nicht.
    Wer nicht in der Lautsprache kommunizieren kann ist Stumm auch wenn er über Gebärden kommunizieren kann.

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  5. Taub kann auch schnell mit taubstumm verwechselt werden kann. Andererseits ist die Gebaerde für Gehoerlos (mit dem Zeigefinger von Ohr zu Mund) ja auch irrefuehrend mit dem Begriff "stumm".

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  6. Wer behauptet denn, dass "stumm" gleich "dumm" bedeutet? Das ist eine ganz schöne Beleidigung an all jene, die sich tatsächlich nicht der Lautsprache bedienen können. Denn das bedeutet das Wort "stumm". Schreiben, mit den Händen reden, sich der Mimik bedienen: all dies schließt stumm sein nicht aus. Stumm bedeutet = keine Laute formulieren können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das ist wichtig zu verstehen, denn niemand sollte das Gefühl haben, seine Behinderung verschweigen zu müssen. Im Gegenteil: Auch wer stumm ist, ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft - vielleicht gerade deswegen.

    Also deine Kampagne sollte lauten: "Wer gehörlos ist, ist nicht automatisch stumm. Wer aber tatsächlich stumm ist, kann sich trotzdem ausdrücken. Und somit gehören wir alle zu dieser Gesellschaft "

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  7. Sorry, aber nein, werte Anonym+Ludwig. Er spricht dann *anders*, aber er spricht und ist nicht "stumm". Zeichensprachen sind auch Sprachen. In vielen Bereichen sind sie sogar üblich für vieles. Selbst "normal" sprechende nutzen non-verbales in entsprechenden Situationen.
    Und auch in vielen anderen Bereichen gibt es "Abweichungen" von Lauten. Die Kunst hat viele Sprachen und egal ob da jemand ein Bild gemalt hat oder Mozart ein paar Noten spielen lässt, es wird damit etwas gesagt. Der Künstler spricht zum Betrachter/Zuhörer. Sogar die Sprache der Liebe heißt und ist eine Sprache, auch wenn da situationsabhängig eher wenig gesprochen wird. Und warum heißt die Körpersprache nun Körpersprache? Weil man spricht, ohne Laute von sich zu geben. Es gibt sogar eine Schriftsprache, wie du im Moment vielleicht feststellen kannst.

    In dem Zusammenhang sehe ich nur eine Frage der Deutungshoheit, ab wann Sprache eine Sprache ist und ob irgendwer das Recht hat, seine Definition über andere Menschen zu stellen und diese für gemeingültig zu erklären. Und natürlich, ob man sich dessen bewusst ist und bewusst sein will.

    Wenn es nur um regional übliche Laute in einem engen regionalen Verständnis geht, grenzt du so viel aus, unter anderem auch dich. Nicht mal Verbreitung kann ein Argument sein.

    Wer das Beispiel dazu lesen möchte: 1. die meist gesprochene Sprache der Welt ist mandarin. 2. die Sprache der meisten Internetnutzer ist mandarin. 3. die zweitmeiste Sprache im netz dürfte englisch sein. 4. zu den sonst noch viel *gesprochenen* Sprachen zählt Französisch oder spanisch oder russisch. Die deutsche Sprache taucht erst irgendwann "unter ferner liefen" auf.
    Wenn jetzt Masse oder lokale Verbreitung als ernstzunehmende Argumente zählen, dann haben *wir* kein Recht, unsere Sprache als solche zu bezeichnen, weil sie den selbst gesteckten Ansprüchen nicht entspricht.
    Nach der aufgeführten Logik der "Verbreitung" wäre dem Deutschen jetzt der Status der Sprache genommen worden und wir müssten uns gefälligst in der üblichen Sprachform ausdrücken. Das wäre im Übrigen die Körpersprache, die selbst beim parallelen Reden noch einen Anteil von ca. 55% (je nach Studie flexibel) annimmt. Geht man aber ausschließlich von den Sprachen aus, die durch Stimmbänder erzeugt werden und schließt dabei die punktuell monoton und bruchstückhaft wirkende Sprache einiger aus, dann...ja dann wäre bei weitem nicht die deutsche Sprache zu wählen.

    Warum man aber "Sprache" so krass einschränkt, müsste erst nochmal jemand erklären...

    Lange Rede, aber: Ab wann ist eine Sprache nun eine Sprache, was unterscheidet "Kommunikation" von ihr und wer legt das überhaupt fest? (Und auf welcher Grundlage natürlich?)

    @Jule:
    Einzig auf diesem Wege würde ich diesbezüglich argumentieren, denn die Assoziation stumm/dumm ist immer irgendwie doch eine persönliche Interpretation (meines bisherigen Verständnisses nach), selbst wenn sie sich ggf. historisch oder anders begründen lässt. Dagegen ist stumm im Sinne des Nicht-Reden-Könnens extrem zweifelhaft und relativ einfach widerlegbar, sei es durch "ungewohnte Laute" oder durch einfach andere Formen von Sprache/Kommunikation (als Gegensatz zu "stumm").

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  8. "Martin Zierold ist der erste taube Politiker Deutschlands. Ihm fehlt sein wichtigstes Instrument: die Stimme. "

    Beweis: http://www.stern.de/politik/deutschland/tauber-politiker-die-macht-der-stille-1772989.html

    fehlende Stimme = stumm

    ER IST ALSO TAUBSTUMM! BASTA!

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  9. Wahnsinn, diese Geschichte mit der Firma Wyeth! Ich stimme Dir zu, wenn eine Firma heute eine derartige Werbekampagne starten würde, ich glaube, der Schaden, den diese Firma dadurch nehmen würde, wäre immens. Und das Ganze war erst 2002, das ist erst 10 Jahre her. Ich bin richtig fassungslos und kann mir gut vorstellen, wie machtlos sich die Gehörlosen gefühlt haben müssen.

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  10. Deaf-Love: Ich kenne Martin Zierold persönlich und weiß, dass er sprechen kann. Er gebärdet halt mit ausgestellter Stimme.

    Außerdem hat die Presse meistens nicht immer alles richtig erfasst.

    Gehörlose sind nicht taubstumm.

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  11. Hab das bis jetzt auch so praktiziert. TAUBSTUMM IST AB SOFORT AUS MEINEM Sprach- Repertoire gestrichen.

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  12. das wort "gehörlos" stammt von einem hörende person ,normal soll man das wort "taub" nennen !

    ich persönlich ,findet das wort gehörlos als nicht anerkannte wort und drück auch nicht aus. !!denn in alle welt bezeichnet man Taub und nicht gehörlos, nur in deutsche sprache,was nun? ok

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