Samstag, 11. August 2012

Ich bin nicht mein Defizit - oder auch 10 Dinge, die man niemals zu einer gehörlosen Person sagen sollte!

credits: Alle Rechte liegen bei Julia Probst, d.h. ohne Erlaubnis keine Veröffnetlichung.
 Was ist das? Das sind meine beiden Ohren mit einer "Amy-Winehouse"-Frisur. Beim Herumspielen mit meinem Macbook habe ich dieses sehr passende Foto für diesen Blogeintrag geschossen.

Ein Satz, den ich hin und wieder denke ist: "Ich bin nicht mein Defizit." Ich weiß, dass mein Blog ganz schön monothematisch ist, weil sich hier alles um Gehörlose, Gehörlosigkeit, Gebärdensprache, Barrierefreiheit etc. dreht, aber da ist viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Und ich denke, dass ich über Twitter auch schon zeige, dass ich eben MEHR bin als die gehörlose Julia Probst, die zufällig ziemlich gut von den Lippen ablesen kann.

 Gestern stolperte ich in meiner Facebook-Timeline über diesen Link hier:

http://becomingdeaf.wordpress.com/2012/07/24/10-things-you-should-never-say-to-a-deaf-person/

Da sind 10 Dinge aufgelistet, die man nicht auf zu einer gehörlosen Person sagen sollte - in Englisch. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, diesen Blogeintrag ins Deutsche zu übersetzen und meinen Senf dazu zugeben. Eins vorneweg: Der Blogeintrag dieser gehörlosen Person mag vielleicht etwas dünnhäutig wirken, aber ich kann es sogar sehr gut verstehen, wenn dir diese Fragen immer wieder gestellt werden und du dir irgendwann denkst: "Oh bitte - ich wär schon reich, wenn ich für jede dieser solchen Fragen 1 € bzw. $ kriege." Irgendwann nervt es eben, obwohl man natürlich im Hinterkopf hat, dass der Fragesteller es wirklich nicht böse meint - er ist einfach nur ahnungslos und daher oft interessiert. An einigen Stellen habe ich sehr frei übersetzt, aber im Kern kommt doch das rüber, was der englischsprachige Blogger sagen wollte, denke ich.

(Die Auszüge auf Englisch sind kursiv, damit man einen besseren Überblick hat, was von wem ist.) Die anschließende deutsche Übersetzung ist ebenfalls kursiv, meine anschließende Erklärung ist in normaler Schrift. Ich habe überlegt, ob ich sie farbig hevorheben soll, aber mir wurde gesagt, dass schwarz auf weiß immer noch am besten lesbar ist, daher bin ich auf diese Art ausgewichen.)

"We all occasionally say things we really wish we hadn’t, especially when meeting new people.  For some reason, meeting a deaf person seems to really bring out those moments in people.  In the hopes of  helping you avoid these embarrassing moments, I’m sharing 10 things you should never say when meeting a deaf person.  All of which, in case you’re wondering, have been said to me. And my friends. More than once."

Wir alle kennen diese Momente, wo wir Dinge sagen, von denen wir uns wünschen, wir hätten sie nicht geagt - besonders dann, wenn wir neue Leute kennenlernen. Aus irgendeinem besonderen Grund treten diese Momente dann auf, wenn Leute eine gehörlose Person treffen. In der Hoffnung, dass dieser Eintrag dazu beiträgt, dass diese peinlichen Momente vermieden werden bei einem solchen treffen, zähle ich diese 10 Dinge auf, die Sie niemals zu einer gehörlosen Person sagen sollten. Für den Fall, dass Ihnen diese Dinge merkwürdig vorkommen, versichere ich Ihnen, dass diese Sachen mir gesagt wurden. Und meinen Freunden. Mehr als einmal.

1 – Oh, I’m sorry. (And then walking away.)

Deaf people are really not that scary. When someone tells you they can’t hear you, try making sure you’re looking directly at the person when you talk to them.  Speak clearly, but don’t exaggerate your lip movements.  Or, hey, get a piece of paper or use your phone to write down what you’re saying.


1. Oh, Entschuldigung. (Und dann weggehen.)

Gehörlose sind nicht gefährlich. Wenn Ihnen jemand erzählt, dass er nicht hören kann, dann stellen Sie sicher, dass Sie die Person direkt anschauen, wenn sie mit ihr sprechen. Sprechen Sie deutlich, aber auch nicht übertrieben deutlich. Oder schreiben Sie es auf oder benützen ihr Handy zum Aufschreiben, was Sie sagen wollen.

Kenne ich. Häufig passiert es mir, dass ich am Bahnhof oder unterwegs nach dem Weg oder nach der Uhrzeit gefragt werde. Meistens verstehe ich die Person auf Anhieb und gebe dann die gewünschte Auskunft und es klappt alles ganz normal. Aber es gibt auch natürlich auch die Situation, dass  ich nicht verstanden werde und die Leute gehen dann leicht erschrocken weg mit "Oh, Entschuldigung." Oder sie tun so, als ob sie mich verstanden hätten - es wird selten nachgefragt: "Oh, Entschuldigung, ich habe Sie grad nicht verstanden. Würden Sie das noch mal wiederholen?" Bei Personen, die mir sympahtisch sind und erschrocken weggehen wollen mit "Oh, Entschuldigung." sage ich dann: "Ich bin gehörlos. Ich habe Sie nicht sofort verstanden. Bitte wiederholen Sie die Frage dann noch mal. Einfach deutlich und normal langsam sprechen."

In der Regel huscht dann immer die große Erleichterung über das Gesicht der Leute, die froh sind, dass sie eine Erklärung haben, dass sie wirklich auf kein Alien gestoßen sind und sie sind auch bereit die Frage noch mal zu stellen.

Also endet dieser "Zustammenstoß" doch erfreulich. :-) Natürlich gibt es auch ungeduldige Mitmenschen, die keine Geduld dafür haben oder einen schlicht und einfach für dumm halten.

2 – How do you drive?

I use my eyes. How do YOU drive??  I’m amazed at how many people think that deaf people cannot–or should not–get their driver’s license.  Studies have shown that deaf drivers are no more likely to get in to an accident than hearing drivers, and actually tend to have lower accident rates.


2. Darfst du Auto fahren?

Ich benütze meine Augen. Oder wie fährst du Auto? Ich bin erstaunt darüber, wieviele Leute denken, dass Gehörlose nicht Auto fahren können, halt dass sie keinen Führerschen machen dürfen. Studien haben gezeigt, dass gehörlose Fahrer nicht öfters in Unfälle verwickelt sind als hörende Fahrer und niedrigere Unfallbilanzen haben.

Jaja, diese Frage wird mir auch immer wieder gestellt und ich habe sie schon mal hier im Blog beantwortet. Nach dieser Frage kann man echt die Uhr stellen bei neuen Begegnungen und sie ist auch nicht böse gemeint. Ich weiß, dass für Hörende die Welt der Gehörlosen einfach sehr weit weg ist und sie mit den Fragen nur mal versuchen wollen, nachvollziehen zu können, wie DAS ist.

Hier meine Blogeinträge dazu:

Kannst du/Darfst du Autofahren?

Nachtrag zu "Kannst du/Darfst du Autofahren?"

3 – Can you read?

I have now been asked this twice, once at the doctor’s office and once at the DMV.  My Deaf friends have told me they get asked this all the time.  On one hand, I understand the question- after all, English might not be my primary or first language.  On the other… guess what? Deaf people go to school, have jobs, and do everything that their hearing pals do.  Oh, except hear. Assuming that deaf people can’t read is just insulting.


3. Kannst du lesen?

Ich bin das zweimal gefragt worden, einmal beim Arzt und einmal beim DMV. Meine gehörlosen Freunde haben mir erzählt, sie werden das sehr häufig gefragt. Auf der einen Seite verstehe ich diese Frage, denn schließlich ist Englisch sehr wahrscheinlich nicht meine primäre bzw. Muttersprache. Aber auf der anderen Seite.... weißt du was? Gehörlose gehen zur Schule, haben Berufe und tun all das, was ihre hörenden Freunde tun. Außer Hören. Die Annahme, dass Gehörlose nicht lesen können, ist beleidigend.

Nun, mir ist das nur ein einziges mal passiert vor vielen Jahren: Bei einem neuen Arzt wurde ich von dem Arzt gefragt schriftlich gefragt, ob ich denn lesen könne, da ich ja gehörlos bin. Ich kniff die Augen kurz beleidigt zu, dann schaute ich ihn an und sagte: "Natürlich kann ich lesen. Ich kann sogar sprechen. Und sie müssen nur langsam und deutlich sprechen, damit ich Sie verstehe." Es war ihm nicht zu verdenken, dass er sich dann etwas blamiert gefühlt hat, aber was hätte ich tun sollen? Den Arzt hab ich übrigens nur diese eine Mal aufgesucht und danach nie wieder, obwohl mir klar war, dass er es nicht böse gemeint hat.

Was allerdings stimmt: Deutsch in Wort und Schrift ist für viele Gehörlose eine Fremdsprache, weswegen sie auch nicht gerne lesen, weil es für sie schwierig ist, den Text in der Gesamtheit zu erfassen, was an der schlechten Bildungspolitik liegt, was man hier nachlesen kann:

Die Folgen des Mailänder Kongresses von 1880

4 - Oh, I know exactly what you mean.  I think I have hearing loss, too – I have a hard time understanding people sometimes. You know, like at concerts and moster truck rallies.

Seriously, why is it that everyone I meet suddenly has hearing loss? Not being able to hear people talking when you’re in a loud environment is not exactly the same thing as being deaf or hard of hearing. I understand that people’s first instinct is to try to find common ground, and connect.  I recognize that this statement is supposed to show understanding and support.  That said, it usually comes across as dismissive, and completely misses the point.  When someone is telling you that they need you to look at them when you’re speaking because they can’t hear you, they’re not looking for you to say you know all about it.  They’re just trying to let you know what they need in order to understand you.  Do that.


4 - Oh, ich weiß genau, wie du dich fühlst - ich kenne das Gefühl von Hörverlust auch. Es war hart für mich die Leute zu verstehen. Besonders bei Konzerten und Monster Truck Rallys.

Im Ernst, warum ist es so, dass jeder, den ich treffe, mir von seinem vorübergehendem Hörverlust erzählt? Nicht in der Lage zu sein, Menschen zu verstehen in einer lauten Umgebung ist nicht das gleiche wie gehörlos oder schwerhörig zu sein. Ich verstehe, das Menschen versuchen mitfühlend zu sein und nach einer Gemeinsamkeit zu suchen, um die Sache zu verstehen, aber es kommt doof rüber. Wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie ihn anschauen müssen, damit er sie versteht und sie mit ihm sprechen müssen, bedeutet das nicht, das Sie nach einer Gemeinsamkeit suchen müssen. Das wird nur gesagt, damit die Kommunikation funktioniert.

Ich kenn das, wenn auch nicht so häufig, aber es es ist mir auch schon mal passiert. Ein vorübergehende Hörverlust ist, soweit ich das überblicke, für hörende Menschen zwar ein gravierender Verlust zeitweise, aber die weitgehende Folgen sind nicht derartig bewußt, wenn man eben nicht mit Gehörlosen zu tun hat und dadurch merkt, wie schwierig das Leben für Gehörlose ist, weil die Umgebung eben nicht barrierefrei ist.

5 - Oh, but you can lipread, right? Neat. Can you tell what the guy across the room is saying?

To this I say, lip reading is NOT a super power.  No, I cannot tell what that guy is saying from across the room. It’s hard enough figuring out what’s going on in the conversation I’m currently having, thanks.  Also, stop being a snoop.


5. Oh, aber du kannst lippenlesen, richtig? Toll. Kannst du mir sagen, was die Leute da drüben im Raum sagen?

Zur Klarstellung: Lippenlesen ist keine Superkraft. Nein, ich kann es dir nicht erzählen, was die Leute da drüben im Raum sagen. Es ist hart genug für mich, herauszufinden, worum es in der Konversation geht, die ich grad habe. Hör dann auf schnüffeln zu wollen.

Das ist die sehr persönliche Meinung des Bloggers aus diesem Beitrag. Und ja, diese Frage wird mir auch oft gestellt, ob ich Lippenlesen kann. Meine Antwort ist dann immer: "Da tue ich doch schon die ganze Zeit." Das finden alle dann immer sehr cool und die nächste Frage ist dann auch meistens: "Du kannst ablesen, was die Leute da drüben sagen?" Und meine Antwort ist dann: "Ja, aber ich interessiere mich mehr für diese Unterhaltung hier als für die da drüben." Damit stelle ich dann klar, dass ich das erstens nicht will und zweitens die Unterhaltung, die ich im Moment führe, interessanter ist als eine von XY.

6 – Oh, I’m so sorry.  Losing my hearing would be the worst thing in the world.

It has its down sides, for sure, but really it’s not that bad.  This response makes me feel like I’m something to be pitied, and completely dismisses the awesomeness of Deaf culture.  Even if you’re thinking this, please don’t say it. Just don’t.


6 - Oh, es tut mir leid. Wenn ich mein Gehör verlieren würde, wäre es das Schlimmste für mich auf der Welt.

Es hat seine Schattenseiten, das ist sicher. Aber eigentlich ist es nicht so schlimm. Diese Frage lässt das so erscheinen, als wär Gehörlosigkeit etwas bedauernswertes und so mit meine Person auch, lässt aber vollkommen außer Acht wie wunderbar die Gehörlosenwelt mit ihrer Kultur sein kann. Selbst wenn Sie das denken, bitte sagen Sie es nicht. Bitte nicht.

Jaaa, diese Frage kenne ich auch und ich antworte dann auch immer mit "Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen.", worauf dann auch die Antwort kommt: "Das stimmt." Dann ist dieses Thema meistens auch schnell erledigt.

7 – But, you have hearing aids.

Yep, I do. They’re pretty awesome, and I’m glad I have them, but they’re not miracle devices.  They don’t suddenly “cure” my hearing loss. I still need to read lips or use ASL to know what people are saying.  They tell me THAT people are talking, but it’s like catching shadows of words. I have to fill in the blanks.  If someone has hearing aids, don’t assume that they can hear things–or that they can’t, for that matter.

Ja, das tue ich. Sie sind ziemlich genial und ich bin froh sie zu haben, aber sie sind keine Wundergeräte. Sie heilen nicht "plötzlich" meine Schwerhörigkeit. Ich muss immer noch von den Lippen ableen oder ASL (American Sign Language) benützen, um zu wissen was Leute sagen. Ich bekomme mit, was die Leute sagen, aber es ist wie Schatten fangen. Ich muss die Leerstellen füllen. Sollte jemand Hörgeräte tragen, bitte gehen Sie nicht selbstverständlich davon aus, dass die Person auch damit richtig hören kann.  

Die Zeit, wo ich selbst Hörgeräte getragen habe, ist lange vorbei - das letzte Mal trug ich sie mit 13 und legte sie also ab, nachdem ich das Cochlear Implantat ein Jahr lang auf dem einen Ohr bereits in Betrieb hatte. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass meine hörenden Freunde selbstverständlich davon ausgingen, dass ich mit den Hörgeräten normal höre und die haben auch schon in dem Alter darauf geachtet, dass es klappt mit der Kommunikation, was aber nicht schwierig war, da ich schon von klein auf ein Ass war im Lippenlesen.

8. Oh, are you going to get that implant thing to fix your hearing?
I’ve had people launch in to how the cochlear implant is a miracle within 3 minutes of meeting me.  They’re usually basing this on a) seeing Ellen talk about it on TV and b) the fact that they like hearing birds chirp, or whatever. The decision to get a cochlear implant is a big one, and involves a lot of factors that you probably aren’t aware of if you haven’t been around the Deaf community for very long.  Besides the fact that this question assumes that something is wrong with me that needs to be fixed, it’s a really personal, complicated question.  If you’re going to ask someone about CI, please be sensitive to that.  And maybe wait until you’ve known the person a while before you bring it up.

8. Oh, willst du kein Cochlear Implantat erhalten, um die Sache zu beheben?

Es ist schon seltam, wie schnell Leute innerhalb von 3 Minuten im Gespräch mit mir auf das Thema Cochlear Implantat kommen. Es liegt in der Regel daran, dass dieses gehörlose Mädchen bei Ellen zu sehen war und zweitens, dass sie damit die Vögel zwitschern hört oder was auch immer. 

Die Entscheidung für ein Cochlear-Implantat ist eine große und erfordert eine Menge Wissen der Faktoren, deren Sie sich wahrscheinlich nicht bewußt sind, wenn Sie keine Ahnung von der Materie  und der Gehörlosen-Welt haben. 

Außerdem setzt die Frage voraus, dass mit mir ewas nicht stimmt, was demzufolge behoben werden werden muss und ist daher eine sehr persönliche und komplizierte Frage. Wenn Sie etwas über das CI wissen wollen, dann seien Sie bitte diplomatischer. Und vielleicht kommt Gespräch auch von selbst darauf zu sprechen, also haben Sie einfach Geduld. 

Ich denke, dass man hier sehr gut sehen kann, warum das Thema Cochlear Implantat ein heißes Eisen ist, da dort eindeutig der Reperaturwille mitschwingt und man außerdem voraussetzt, dass etwas mit der Person nicht stimmt, was man beheben muss. Gehörlose sind nicht anders, sie können alles außer hören.

Sehr gut zeigt auch dieser Blogeintrag von mir, was ich damit meine, wie sehr es einen nerven kann, wenn man auf das Cochlear Implantat angesprochen wird:

Danke, ich habe es doch schon!


10 – Wow, your speech is really good!
I get this well-meaning comment from almost everyone I meet – even interpreters sometimes say this to me.  There are several reasons why you should never say this to someone.  For one thing, it makes the person feel awkward and self-conscious. For another, the underlying message is that speaking skills are to be highly valued, and praised.  It implies that people who don’t have clear speech are less intelligent, capable, or aren’t trying hard enough.
This comment makes me feel like I’m being patted on the back.  I didn’t do anything special to earn my speaking skills. My speech says nothing about my intelligence or abilities.  I just happened to grow up with enough residual hearing to make speech work for me.  In some ways, my clear speech is a drawback – it makes it that much harder for other people to understand my deafness.
Have you ever said something you wished you could take back?  What are some awkward/awful things people have said to YOU?

Ich bekomme diese wohlmeinenden Kommentare von fast jedem, den ich treffe - auch Dolmetscher sagen das zu mir. Es gibt mehrere Gründe, warum sie das nie zu jemandem (gehörlosen) sagen sollten. Zum einen macht es Person peinlich und selbstbewußt, zum anderen liegt da die Botschaft zugrunde, dass die Sprechfähigkeit zu hoch bewertet und gelobt wird. Es impliziert, dass Menschen, die keine klare Sprechverständlichkeit haben weniger intelligent, fähig sind oder sich nicht genüg Mühe geben. 

Dieser Kommentar klopft mir selbst auf den Rücken. Ich habe nichts besonders gemacht, um meine rhetorischen Fähigkeiten zu verdienen. Meine Rede sagt nichts über meine Intelligenz oder Fähigkeiten aus. Ich hatte zufällig noch genügend Restgehör, um an meiner Aussprache zu Arbeiten. 

Auf eine gewisse Weise aber ist meine klare Aussprache auch ein Nachteil - sie macht es so viel schwerer für andere Menschen meine Taubheit zu verstehen. 

Kenne ich - mir wird aber auch oft im Gespräch gesagt: "Wow, du sprichst so gut und kannst dich so klar ausdrücken." Im Hinterkopf blitzt bei mir dann auch sehr oft für eine Sekunde der Gedanke auf: "Warum in aller Welt sollte meine Gehörlosigkeit meine Intelligenz oder meine Sprachfähigkeit vermindern?" Die klare Aussprache eines Gehörlosen kann ein Hinweis darauf sein, dass er intelligent ist, was aber nicht unbedingt sein muss. Vielleicht hatte die Person auch nur gutes Sprachtraining? Es ist wie mit Hörenden: Eine Person, die ganz tolle rhetorische Fähigkeiten hat, muss nicht unbedingt ein kluger Kopf sein - sieht man ja auch an unseren Politikern, die sich in tollen Schwurbelsätzen verlieren, aber nicht viel kluges zu sagen haben, das beste Beispiel ist ja wohl Karl-Theodor zu Guttenberg gewesen.

Ich kann gut sprechen und mich ziemlich gut ausdrücken, aber damit hat meine Gehörlosigkeit nichts zu tun, die Gehörlosigkeit sorgt lediglich dafür, dass die Sprachmelodie nicht so ausgeprägt ist und einige Wörter nicht so klar sind. Ich kann zum Beispiel bis heute kein R in der Mitte eines Satzes sagen, nur am Anfang. Hört sich etwas chinesisch an. *g* Bin aber noch nicht auf die Idee gekommen, den Buchstaben L statt R zu verwenden. ;-)

Da empfehle ich diesen Blogeinträg hier:

http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/08/wie-hast-du-eigentlich-sprechen-gelernt.html

Und zur Klarstellung noch dieser Hinweis: Ich habe nichts gegen die Fragen, weil ich genau weiss, woran das liegt, dass diese Fragen gestellt werden und ich kläre sehr gerne auf. Nur manchmal habe ich eben auch diesen Moment: "AAARGL, diese Fragen habe ich schon so oft gehört und ich kann sie nicht mehr hören." Vor diesem Blog musste ich das sehr oft beantworten, inzwischen bin ich viel lässiger und liefere nur noch die knappe Kurzversion ab, weil ich es nicht mag, wenn sich alles um mein Dezifit dreht, weil das mich auf etwas reduziert, was ich nicht kann. Ich bin halt mehr als mein Dezifit und mehr als eine Lippenleserin. Inzwischen sag ich nach der Kurzfassung der Erklärung: "Ach weißt du was? Ich habe ein Blog darüber - da kannst du alles nachlesen und es ist auch besser, wenn man sich das in aller Ruhe mal durchlesen kann." Und das kommt dann auch gut an.

Dieses "Problem" mit dem Dezifit bei neuen und unbekannten Leuten, habe ich mal hier aufgeschrieben:

Vom Benützt werden und die Gedanken dahinter..

Mir fällt dann noch ein, dass ich auch sehr häufig gefragt werde, ob ich denn die Gebärdensprache kann, was ich dann natürlich bestätige mit: "Ja, aber sie ist nicht meine Muttersprache, ich bin also nicht perfekt darin." Dann kommt das Thema immer auf "Jenseits der Stille", "Gottes vergessene Kinder" zu sprechen. Danach kann man auch so ziemlich die Uhr stellen.  ;-)


Wie seht ihr diesen Blogeintrag? 





Kommentare:

  1. Ich denke, es ist die reine Initution des Menschen, dass er sobald er ein Handicap eines anderen Menschen bemerkt, dass er zuerst zurückschreckt, sich zurück zieht und dann verwundert und neugierig ist, wenn dieser handicapierte Mensch doch nicht so ist, wie man sich das vorgestellt hat. Das liegt wohl an unserer Erziehung, dass man als "normaler" Mensch eine gewisse Scham empfindet, dass es jemand "schlechter" als einem selbst ergeht und dadurch auch noch grössere Kommunikationshürden aufbaut.

    Daher kann ich die Argumente der Bloggerin verstehen. Aber es sollte ja keine Hürde sein, keine "Schwäche" oder Handicap, ich denke gehörlos (oder auch blind usw) bedeute eine andere Perspektive aufs Leben und die Menschen zu haben. Und ich für meinen Teil finde das eher interessant als denn Scham darüber zu empfinden, dass es nicht jeder "gleich gut" hat im Leben. Wir können ja nicht über das Leben andere Leute entscheiden, ob und wie es denn ihnen geht dabei ohne sie zu kennen.

    (Ich bin jetzt mal neugierig:)
    Du schreibst, du würdest Gebärdensprache nicht perfekt sprechen. In wie weit sprichst du sie denn? Und mit wem sprichst du Gebärdensprache: mit Gehörlosen oder auch Hörenden, die es verstehen?
    Und was ich dich schon lange mal fragen wollte was ist eigentlich dein "Gebärdensprachename"?

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  2. Danke für die Übersetzung und noch ein bisschen Kluggescheisse: self-conscious (Punkt 10) bedeutet verlegen.

    Die Liste erscheint mir als Hörende eine gute Zusammenstellung, auch wenn sie weitgehend Selbstverständlichkeiten aufzählt. Einzig der letzte Punkt leuchtet mir nur teilweise ein. Natürlich wirkt ein Kompliment für gute lautsprachliche Fähigkeiten schnell paternalistisch ("Gutes Hundi! Bist viel klüger als die anderen Köter."), aber kann es nicht auch ernsthafte Anerkennung transportieren? Wie bei einem Sportler oder Musiker, die für eine Leistung viel trainiert/geübt haben, und denen man trotz Bewunderung für einen Aspekt ihres Lebens nicht unkritisch sondern auf Augenhöhe begegnet?

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  3. Ich denke, man kann diese - ich nenn sie mal - Ansprüche nicht an die Allgemeinheit herantragen. Alle diese Fragen zeugen von Unsichrheit, Neugier, Unkenntnis und dem Bedürfnis, Empathie auszudrücken. Solche Äußerungen sollte man nicht als Beleidigung interpretieren.

    Und mal praktisch gedacht: Es gibt ja viele Menschen, denen man mit Unsichrheit, Neugier, Unkenntnis und dem Bedürfnis, Empathie auszudrücken begegenen kann. Beispielsweise Homo-, Trans- und Intersexuelle, Rollstuhlfahrer, Menschen aus anderen Kulturen, Vertreter anderer Religionen, Menschen mit außergewöhnlichen Berufen, seltenen Krankheiten ... da hätte sicher jeder eine Liste von persönlich als unerwünscht empfundenen Fragen und Reaktionen. Nur kann niemand auf alle diese Wünsche eingehen. Niemand wird es schaffen, alle nötigen Informationen einzuholen und alle Menschen, unabhängig von ihren Besonerheiten, ganz neutral ansprechen zu können.

    Zudem steckt so eine Liste alle Gehörlosen in eine Schublade.

    Ich denke, man sollte bei solchen Reaktionen immer bedenken, dass Hörende ziemlich selten Gehörlosen begegnen und meist keine Erfahrung mit ihnen haben. Auch wenn es für dich das 500. mal sein mag, dass du eine Reaktion als unangemssen empfindest, kann es der Hörende u.U. nicht wissen.

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  4. Ich habe ja kein Problem mit den Fragen, ich seh die Fragen locker und weiß ja auch, woher das Interesse kommt.

    Aber manchmal habe ich natürlich auch mal einen schlechten Tag wie jeder andere auch.

    Die aufgezählten 10 Dinge sind übrigens aus einem amerikanischen Gehörlosenblog...

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  5. Für die Übersetzung hilfreich: DMV ist die Führerscheinausgabestelle in den USA

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  6. 8.
    Oh, are you going to get that implant thing to fix your hearing?
    hats du so übersetzt:
    Oh, willst du kein Cochlear Implantat erhalten, um die Sache zu beheben?

    heisst das nicht übersetzt "und wirst du so ein implantat haben um das ausgleichen zu lassen?"

    also sich sehe im englischen satz keine verneinung, im deutschen aber schon daher vermute ich mal dass du die übersetzung auf dich beziehst..

    ich hoff ich bin dir jetzt nicht auf die füße getreten.

    ist mir nur aufgefallen, ich lese deinen blog jetzt das erste mal und weiß nicht welche position du dazu hast-ob du eins willst oder nicht
    (ist ja im endeffekt auch irgendwie unerheblich, man wird ja jetzt kein besserer mensch durch sowas oder irgendwie vollständig oder so ein unfug. mensch ist mensch so wie er ist.

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  7. Ich (hörend) arbeite seit einigen Monaten mit schwerhörigen und gehörlosen Menschen und muss sagen, dass ich bis dahin wirklich einfach keine Ahnung hatte, was Gehörlosigkeit überhaupt bedeutet und mit sich bringt.
    Beim Lesen deiner Übersetzung hab ich mich schon an einigen Stellen "ertappt" gefühlt ;) Die gleichen Sätze - die gleichen Denkmuster... Aber wahrscheinlich ist das so, wenn man Neuem begegnet und du merkst wie nach und nach deine Vor-Urteile auf links gedreht werden.
    Jetzt - nach ein paar Monaten - und v.a. nach vielen Gebärden-Unterhaltungen mit Gehörlosen bin ich entspannter und sensibler.
    Auf jeden Fall lohnt es sich, die eigenen vorgefertigten Bilder im Kopf zu hinterfragen... übrigens auch für Gehörlose gegenüber Hörenden ;)
    Alles Gute

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