Sonntag, 5. August 2012

Lieber Sigi Heinrich,

ich melde mich auf diesen Blogeintrag von Ihnen bei Eurosport: http://de.eurosport.yahoo.com/blogs/sigi-heinrich/streitfall-pistorius-mensch-maschine-065803981--spt.html

Natürlich kann man ganz toll gegen Pistorius abledern, wenn man sich auf veraltete Gutachten stützt. Gegenfrage: Es gibt weitaus mehr Prothesenläufer als Pistorius - warum hat denn keiner außer ihm die Olympia-Norm erfüllt? Die Prothesen, die Pistorius verwendet, gibt es seit 1996. Er läuft mit den gleichen Prothesen seit 2004 und er hat auch nicht vor das zu ändern. Kann man alles nachlesen, wenn man sich mit der Person Pistorius beschäftigt.

Der Zeit-Artikel beschreibt es auch ganz gut: Schnellster Mann ohne Beine

Bei den Paralympics läuft Pistorius derzeit alles in Grund und Boden und er ist der einzige Prothesenläufer der Welt, der die Olympia-Norm erfüllt hat.

Und jeder Laie sieht, dass Pistorius die meisten Probleme hat beim Start, da er dort die Kraft eines nichtbehinderten Sportlers, die diese auf den Fuß übertragen kann, nicht auf die Prothese übertragen kann. Und frei von Verletzungen ist Pistorius auch nicht: Oberschenkelrisse und seine Stümpfe können sich entzünden oder sich wundscheuern.

Pistorius muss beim Laufen seine Oberschenkel auch so bewegen wie jeder, um mit den Prothesen laufen zu können. Er arbeitet genauso wie jeder andere Sportler - von alleine laufen die Prothesen nun mal nicht. Außerdem ist es Unsinn, dass er weniger Gewicht zu tragen hat, da ihm ja zwei Unterschenkel fehlen. Er hat keine richtigen Füße, weshalb er auch n den Kurven leichte Schwierigkeiten hat, die die Prothesen auch nicht ausgleichen können. Fakt ist: Pistorius muss 6 Schritte MEHR als alle anderen machen, um auf 400 m mithalten zu können! (Quelle: Zeitartikel von oben)

Ralf Otto, welcher der Trainer ist beim Berliner Behindertensportverband hat viel geskypt mit Pistorius. Interessanterweise ist Ralf Otto selbst Biomechaniker und sagt ganz entschieden, dass die Prothesen von Pistorius wirklich keine Siebenmeilenstiefel sind. (Quelle: Ebenfalls Zeit-Artikel von Oben)

Pistorius ist in meinen Augen ein Sportler wie jeder andere auch - und er hat das Quentchen Talent, welches ihn mithalten lässt mit nichtbehinderten Sportlern.

Fakt ist: Pistorius hat keinerlei Vorteile durch die Prothesen. Kann man alles hier nachlesen in dem Artikel, den Pistorius selber (!) geschrieben hat: "95 Prozent sind für mich".

Darüber sollten Sie mal nachdenken. Nicht über irgendwelche Vorteile durch Prothesen, die es gar nicht gibt - sondern über die Leistungsbreite unserer Sportler.

Und zweitens: Kein deutscher Sportler hat sich meines Wissens nach für die 400 m qualifiziert bei Olympia. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Vorwürfe gegen Pistorius mehrheitlich aus dem deutschen Lager kommen. Besonders in Deutschland hat man ein Problem mit Menschen mit Behinderung(en), weil man sie in eine gewisse Schublade steckt - das Problem hat Christiane Link vom Behindertenplatz sehr gut beschrieben:

Das deutsche Problem mit Oscar Pistorius <- Diesen Link empfehle ich übrigens allen Medienvertretern, die über Oscar Pistorius berichten wollen.

Darüber sollten Sie mal auch nachdenken. Nicht über irgendwelche Vorteile durch Prothesen, die es gar nicht gibt - sondern über die Leistungsbreite unserer Sportler und den Umgang mit den Behinderten.

Und zweitens: Südafrika hat bereits 3 x Sportler mit Behinderung zu Olympia geschickt: Die beinamputierte Schwimmerin Natalie duTuoit, den gehörlosen Schwimmer Terence Parkin, welcher übrigens Silber über 200m Brust in Sydney gewann und nun eben Oscar Pistorius.

Mehr zu Terence Parkin in diesen Blogeinträgen:

Terence Parkin und das monegassische Fürstenhaus

Franziska van Almsick und Charlene Wittstock schwimmen für die Paralympics

Südafrikas schon fast selbstverständliche Endsendung von behinderten Sportlern zu Olympia wirft natürlich auch noch eine Frage auf, aber ich glaube, das wäre dann doch zu HOCH für Sie, Herr Heinrich. Oder haben Sie das gelesen, was Gideon Sam, der Präsident des südafrikanischen Sportverbandes sagt? "Wir diskriminieren niemanden aufgrund seiner Hautfarbe, Rasse oder sonst etwas. Wir haben in unserer Satzung verankert, auch Menschen mit Behinderungen zu integrieren. Wir freuen uns sehr, dass Oscar zu uns gehört." Ich denke, dass Gideon Sam genau das gleiche gesagt und gedacht hat, als er Natalie duToit und Terence Parkin damals entsendet hat.

Könnten Sie sich nicht einfach ausführlich mit der Person Pistorius befassen, bevor sie ins Mikrophon Stuss reden und so die Leistung eines Sportlers schmälern, der härter arbeitet als alle anderen? Trotz Prothesen.

Und NEIN - seine Stellung als Medienliebling ist nicht nur auf die Prothesen zurückzuführen, sondern mehr aufden Umstand, dass Menschen mit Behinderung(en) zu selten in unserer Mitte anzutreffen sind.

Wären Barrierefreiheit und Inklusion normal in unserer Gesellschaft, ja vor allem in der deutschen Gesellschaft, dann würde Pistorius zwar auch Medienaufmerksam erhalten, aber nicht in dieser überschwappenden Form. Die Medienaufmerksamkeit, die Pistorius erhält, kann auch sehr viel Kraft rauben, die er eigentlich braucht.

Ich hoffe aber, dass Pistorius genügend Energie hat für seinen Traum und das wir alle, die hinter ihm stehen und unterstützen, ihm dabei zuschauen können, wie er das möglich macht.

Oscar Pistorius ist ein Sportler, ein Vorbild für uns alle. Und ein Mensch wie jeder andere, der die gleichen Rechte und Pflichten hat wie auch als Sportler.

Mit freundlichen Grüßen

Julia Probst aka @EinAugenschmaus

P.S. Ich empfehle offenen Brief an Sigi Heinrich ebenfalls Matthias Heitmann von der WeltOnline, der ebenfalls einen unsäglichen Text über Pistorius verfasst hat: Oscar Pistorius - Sportheld ja - Olympionike nein 

Sehr interessant ist ja, dass Heitman sich nicht im klaren darüber ist, dass er sich dauernd widerspricht. Er ist gegen Pistorius aufgestellt in seinem Artikel, aber dann fordert er plötzlich die Gleichstellung der Paralympics - widersprüchlicher geht es gar nicht mehr. Den Sinn der Paralympics hat er nicht so ganz begriffen - natürlich ist es doof, dass die Paralympics nicht in den olympischen Spielen aufgehen, aber es ist völlig ausreichend, wenn die Paralympics medial und vom sportlichen Wert die gleiche Anerkennung und ausgedehnte Berichterstattung erhalten wie die olympischen Spiele. Dazu zählen dann aber auch die Special Olympics, die Deaflympics! Quelle: http://www.ftd.de/sport/olympia/sonstige/:olympia-schafft-die-paralympischen-spiele-ab/70070386.html

Mir ist es unverständlich, weshalb die Teilnahme von Pistorius bei Olympia den Behindertensport wie die Paralympics ingesamt abwertet. Im Gegenteil, die erhalten dadurch endlich die benötigte mediale Aufmerksamkeit, die dem Behindertensport ganz gut tut!

Außerdem kann ich nur über den absurden Vorwurf lachen, dass Oscar Pistorus der Wegbereiter dafür sein wird für nichtbehinderte Athleten, die sich dann Prothesen verpassen lassen, um dann endlich die gewünschten Ergebnisse zu erzielen können.

Die Leute, die diesen Vorwurf äußern, haben nicht bedacht, dass gerade bei einer Amputation Phantomschmerzen am fehlenden Glied auftreten, die einen wahnsinnig machen können und noch andere unschöne Begleiterscheinungen.

Ich könnte noch ewig darüber schreiben, was mich an der ganzen Berichterstattung nervt, aber jetzt ist mal Ruhe damit.

Natürlich kann ich andere Meinungen akzeptieren, aber so wie über Pistorius berichtet wird, bin ich nicht einverstanden, denn der Fokus liegt mehrheitlich auf den Prothesen und nicht auf seinem Talent, dass ihm erst die Teilnahme ermöglicht bei Olympia. 

Kommentare:

  1. Ich persönlich bin hin- und hergerissen, ob ich die Teilnahme von Pastorius gut oder schlecht finden soll.

    Einerseits ist seine Leistung natürlich beeindruckend. Wie du ja auch schreibst ist er der einzige Läufer mit Prothesen, der die Olympianorm geschafft hat. Das ist natürlich anzuerkennen.

    Die Diskussion, ob er Vor- oder Nachteile hat finde ich ehrlich gesagt auch gar nicht so relevant für mich.

    Was mich allerdings stört, ist die fehlende Vergleichbarkeit. Es ist mehr ein persönliches Gefühl, aber ich empfinde es eher als eine eigene Disziplin.

    Der Sprint definiert sich nunmal darüber, dass alle die gleichen (bzw. vergleichbare) körperlichen Voraussetzungen und Hilfsmittel haben. Die Beine sind da die wichtigsten Körperteile und da bestehen bei Pastorius sehr große Unterschiede. Egal, ob sich Vor- und Nachteile am Ende wieder ausgleichen.

    Spätestens wenn er oder andere damit eine Medaille erlaufen oder sogar gewinnen, wird diese Frage auftauchen und intensiv diskutiert werden. Bis dahin wird er vermutlich weniger als Sportler angesehen, sondern als Symbol bzw. Kuriosität (nicht im negativen Sinne), was du ja auch jetzt schon zurecht bemängelst.

    Ich habe übrigens ein Problem damit, dass du einen selbst geschriebenen Artikel von Pastorius als "Fakt" hinstellst, ohne dass dort irgendwelche objektiveren Quellen o.ä. vorliegen. Das ist auch nicht besser als das Zitieren aus veralteten Gutachten, das du den anderen Autoren vorwirfst.

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  2. Ich persönlich verstehe bei der ganzen Sache nur nicht, warum Pistorius trotzdem noch bei den Paralympics dabei ist. Wäre es nicht konsequenter, wenn er dort nicht antreten würde?

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  3. Hallo Kommentatoren, was gibts da zu diskutieren ? Bei Olympia wird dermaßen viel beschissen, getrickst und gedopt das ich froh bin, endlich mal ein herausragendes Talent erleben zu können. Und gleichzeitig können sich alle in Toleranz gegenüber Benachteilgten üben.
    Was will man mehr ?

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  4. @Robin:
    "Der Sprint definiert sich nunmal darüber, dass alle die gleichen (bzw. vergleichbare) körperlichen Voraussetzungen und Hilfsmittel haben."
    Wenn das tatsächlich so ist, dann sollten die anderen sieben Läufer bitte ohne ihre Hightechschuhe laufen - wer viel läuft, der weiß auch um den Unterschied zwischen Standardturnschuh und Speziallaufschuh.
    Und: ich bin zwar medizinisch - biologisch - physiologisch ziemlich unbegabt und unwissend, kann mir aber vorstellen, dass auch der/die Unterschenkel/Wade eine wesentliche Rolle beim Laufen/Sprinten spielt. Und Waden hat Pistorius nun mal nicht.
    Ich bin übrigens auch der Meinung, dass diese Art der Berichterstattung und Diskussion typisch deutsche Neidkultur ist, ich habe in anderen internationalen Medien nirgendwo den "Vorteilsvorwurf" gelesen oder gehört.
    Ich persönlich habe hohen Respekt vor der Leistung von Pistorius und freue mich, dass der südafrikanische Sportverband keinerlei Unterschied ziwschen den Sportlern - behindert oder nicht behindert - macht.
    Soviel Rückgrat wird man in deutschen Sportverbänden, egal ob auf regionaler oder nationaler Ebene, nicht finden.

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  5. Just my wo cents.

    Ich finde, Pistorius ist ein großer Sportsmann und ich finde es faszinierend, wie er sein Ding durchzieht – ein Vorbild für jedermann und für jeden (fast) ganz normaler Mensch – fast, weil ihm eben zwei Unterschenkel fehlen und er durch seine Prothesen mit anderen biomechanischen Voraussetzungen an den Start geht, als eben die anderen "normalen" 400m Läufer. Dass man ihm den Start anfangs verweigern wollte, verstehe ich nicht als Diskriminierung. Und genau das, entnehme ich z.B. auch nicht Heinrichs Artikel! Er diskriminiert weder Pistorius, noch andere Sportler/Menschen, die körperlich beeinträchtigt sind.

    Bei Olympia (und Sport im Allgemeinen) geht es um die Vergleichbarkeit von Leistungen. Und die ist eben nicht gegeben (ob Nach- oder Vorteil !!), wenn einer mit technischen Hilfsmittel an den Start geht. Um nichts Anderes geht es hier. Natürlich sollen "behinderte" Menschen "normalen" in unserer Gesellschaft gleichgestellt werden – dort wo es eben geht, denn manche Berufe bringen bestimmte körperliche Voraussetzungen mit sich. Aber zurück zum Sport und erlaubte und nicht erlaubte Hilfsmittel.

    +++Auf Doping will ich nicht eingehen, denn dieser Fall ist anders gelagert.+++

    Ich will noch ein ein anderes Beispiel anführen, um die Brisanz herauszustellen. Beim Schießen kommt es u.a. auf eine ruhige Hand an. Mit einem künstlichen Arm, kann man Muskelkontraktionen, die das Zielen erschweren möglicherweise eliminieren. Für mich wären "normale" Schützen dann klar im Nachteil. Als Teilnehmer, der ohne Prothese am Start wäre, würde ich es nicht hinnehmen wollen.

    Wir werden hier keine Lösung finden, zu komplex ist dieser Fall. Zweifelsohne ist die Causa Pistorius aber wichtig für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

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  6. Einen von Pistorius verfassten als Fakt darzustellen ist ja schonmal ein Mega Fail.

    Wenn Pistorius bei den Paralympics startet hat er nix bei Olympia verloren und umgekehrt.

    Es geht nunmal nur eins

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  7. Das ist einfach ungerecht gegenüber den Läufern mit eigenen Beinen. Pistorius ist mit seinen Kunstbeinen eindeutig im Vorteil. Werden sich bald die ersten amputieren lassen, um mit Hightech-Ersatz die Goldmedaille zu holen? Ist genauso ähnlich wie Doping-Methode. Verrückte gibts genug.

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