Dienstag, 29. Januar 2013

Deutschland will Inklusion in Entwicklungsländer exportieren

Bei der Überschrift könnte man auf die Idee kommen, dass Deutschland nun erkannt hat, dass man außer Waffen noch etwas anderes in die Entwicklungsländere exportieren kann.

Nur:  Da ist nichts zum Exportieren in Sachen Inklusion in an deutschem Know-How aus Deutschland vorhanden. Deutschland zählt europawait zu den Schlusslichtern in Sachen Inklusion.

Eine Überraschung ist das nicht, wenn man sich den dürren Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen anschaut, welcher ebenfalls scharf kritisiert worden ist von Menschen mit Behinderungen und Behindertenverbänden.
Hier ist ein guter Überblick, welche Länder außer Deutschland das mit der Inklusion viel besser begriffen und umgesetzt haben.

Der internationale Ländervergleich zeigt: Italien ist top, Deutschland ist ein Flop. 

Italien: Erst heute erschien ein lobender Artikel über die Inklusion in Italien: 99% aller Menschen mit Behinderungen gehen dort auf die Regelschule. Bereits 1971 wurde Inklusion verpflichtend flächendeckend eingeführt. Einen Wermutstropfen gibt es dennoch: Ausgerechnet das Land mit der fast totalen Inklusion bietet die wenigesten Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen an.

Hier ein sehr schöner Artikel darüber: Heute kann es sich keiner mehr anders vorstellen
Was am Artikel weniger toll ist: Er stellt Autisten als geistig behindert da, was sie nun mal nicht sind.

Finnland: Das Land wird zwar häufig als Vorbild gehandelt, was den Bildungsbreich betrifft und was die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung betrifft, ist man von flächendeckender Inklusion aber noch weit entfernt. 2010 wurden fast 50 Prozent der Kinder mit Behinderung in Sonderschulen oder speziellen Klassen unterrichtet. Allerdings überwiegen Unterrichtsformen, die zumindest teilweise integrativ sind, wie Sonderklassen an Regelschulen oder zeitweiser Unterricht in Regelklassen, gegenüber der klassischen Sonderschulen.

Was ich aber von meinen gehörlosen Freunden weiß: Die Qualität der Gehörlosenschulen da ist besser als in Deutschland. 

Spanien hat es mit dem könglichen Beschluss von 1985 zur Ordnung der Schulpädagogik hingekriegt eine Grundlage für ein Regelschulsystem zu schafen, indem "alle Formenm der Beeinträchtigung" zu beachtet und berücksichtigt werden. Das war der Startschuss für Spezialklassen in Regelschulen. Die Ausbildung von sonderpädagogischen Lehrer bereitet dem Land noch Probleme.

Aber: In Spanien hat mit Pablo Pineda den  erste Europäer mit Down-Syndom hervorgebracht, der einen Universitätsabschluss hat und als Lehrer tätig ist.

Österreich ist eins der Schlusslichter in Europa. Sie tun sich sehr schwer bei der Umsetzung: Die inklusive Pädagogik wird gefördert, aber die Abschaffung der Sonderschulen wurde nicht beschlossen, wofür Österreich scharfe Kritik von der UN und den Behindertenverbänden bekam. Österreich verstösst damit seit mehr 3 Jahren gegen die UN-Behindertenrechtskonvention.

Deutschland kommt bei der Inklusion nur im Schneckentempo voran. Einige Bundesländer wie Bremen oder Schleswig-Holstein neben Vorbildfunktionen ein, aber Hamburg und Bayern sind absolute Schlusslichter. Dagegen passt auch der Fall der beiden gehörlosen Mädchen aus Bayern, denen die Kostenübernahmne für die Gebärdensprachdolmetscher verweigert wurde, weil man sie lieber auf eine Gehörlosenschule schicken wollte.

Blogeinträge dazu: Eine Blamage für Bayern und Ein Weihnachtsgeschenk bitte für Vanessa & Melissa

In Deutschland gehen 20% aller Kinder mit Behinderungen in eine Regelschule. 80% besuchen nach wie vor Sonderschulen. Was besonders erschreckend ist: Mehr als die Hälfte der Kinder, die eine Sondershcule besuchen, verlassen diese ohne einen Hauptschulabschluss!

Und genau dieses Deutschland will den Entwicklungsländern zeigen, wie das mit der Inklusion geht? Das mit der Barrierefreiheit hat Deutschland auch noch nicht so ganz kapiert.

Mal ein paar Beispiele, welche Länder, die von Deutschland aus gesehen, Entwicklungsländer sind, das mit der Inklusion besser begriffen haben: In Ägypten, Algerien, Tunesien und in Griechenland sah ich Gebärdensprachdolmetscher im Fernsehen, direkt in den Nachrichten. Ohne Aussortierung in ein Nebenprogramm, wie es in Deutschland der Fall ist. Dubai, Kuwait und Abu Dhabi haben das auch - die zählen zwar zu den reicheren Ländern, aber diese Menschenrechte werden beachtet.

Und Deutschland? Ach, die haben sich wohl einfach gedacht: Wenn das mit der Inklusion im eigenen Land nicht so gut klappt, dann probiert man das einfach im Ausland und legt einen globalen Aktionsplan für Inklusion im Ausland vor - made by Germany. 


 Übrigens gibt Deutschland jährlich 600 Millionen €laut einer Bertelsmanstudie  aus für Inklusion an Schulen. Ganz schön viel Geld, was da verpufft, weil es nicht sinnvoll greift in Sachen Inklusion.

 Ich facepalmiere hier mal ganz ungehemmt vor mir hin. Die Bundesregierung sollte beim Export doch lieber bei ihren Leisten bleiben und das importieren, worin sie ja leider sehr gut ist - sie ist der drittgrößte Waffenexporteur. :-( 
  
P.S. Quellen für die Angaben der Inklusion habe ich von Rollingplanet http://rollingplanet.net/2013/01/29/darauf-hat-die-welt-gewartet-deutschlands-globaler-aktionsplan-zur-inklusion/ , die haben's von der UN-Behindertenrecht.)

Kommentare:

  1. Danke fürs Beitrag und das Linkverweis zu Rollingplanet.

    Die Bundesregierung und der Schulsitation in Deutschland sind wirklich armselig.
    Ich hoffe sehr, dass wir viele kleine Menschen an vielen kleine Orte die viele kleine Schritte tun werden, um das Gesicht der Deutschland zu verändern.

    Wir "kleine Menschen" also taube und hörbehinderte Menschen mögen uns mit andere Menschen ob gebärdensprachkompetent oder nicht zusammen wirken, denn gemeinsam sind wir stark.

    Auch in Marokko wird Nachrichten mit arabische Gebärdensprachdolmetschereinblendung im TV ausgestrahlt, so dass ich nicht verstehen kann, wieso das bei uns in der Konsumgesellschaft ermöglicht werden kann.

    Mach weiter so, Julia!



    AntwortenLöschen
  2. Hallo Julia,

    ich finde deinen Artikel sehr interessant, frage mich aber nach der Konsequenz: Was kann ich als einzelner Mensch tun um die Situation in Deutschland zu verbessern? Gibt es Petitionen, die man mitzeichnen kann, Vereine, die es sich lohnt zu unterstützen, o.ä.?

    Viele Grüße!

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Julia,

    ein interessanter Blogbeitrag, gut zusammengestellt und kommentiert! Zum Thema Inklusion möchte ich etwas anmerken: Der Anteil der Behinderten, die an Regelschulen unterrichtet werden, ist KEIN Maß für Inklusion. Es ist daher falsch, wenn jemand behauptet, Italien sei in Sachen Inklusion weiter als z.B. Finnland (99% Behinderte an Regelschulen gegenüber 50% in Finnland).

    Bei manchen Formen der Behinderung ist die Integration in Regelschulen sinnvoll und fördert die Behinderten enorm, bei anderen Behinderungen sind sie kontraproduktiv, um nicht zu sagen: Dumm. Dies ist bei Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit der Fall. Zu häufig ist hier falscher Ehrgeiz und fehlgeleiteter Stolz von Eltern und/oder Lehrern die treibende Kraft für die "Eingliederung" eines Hörbehinderten in der sogenannten Regelschule. Dies ist meist für alle - insbesondere den Behinderten selbst - Streß pur.

    Ich kenne genügend Schwerhörige, die sich gar nicht gerne an ihre Schulzeit erinnern. Genauso gibt es Lehrer, die jeden Spaß am Lehrerberuf verloren haben, nachdem ihnen Schwerhörige oder Gehörlose in einer Regelklasse aufgezwungen wurden, mit der sie ohnehin schon an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit waren.

    Jeder sollte sich genau überlegen, was er selbst will, und vor allem: ob das automatisch auch "gut" ist, nur weil es unter der Flagge "Inklusion" dahergesegelt kommt. Bloß weil es dieses Wort gibt, ändert sich noch gar nichts. Der Schuß kann leicht nach hinten losgehen.

    AntwortenLöschen
  4. Ich stimme mit Boba Fett ueberein. Man soll nicht mit Volldampf fuer die Mitschulung von tauben und schwerhoerigen (im folgenden gilt "taub" fuer die beiden) Kindern in einer hoerenden Schulen eintreten. Beachte meine Formulierungen: Mitschulung statt inklusive oder integrative Schulung bzw. Platzierung, und hoerende Schule statt Regelschule. Diese sind zwar nuechterne Begriffe, jedoch viel genauer und neutraler und nicht wertend.

    Frueher galt das Wort "Integration/integrativ" praktisch dasselbe dem "Inklusion/inklusiv", letzteres heute eher euphemistisch. Die beiden werden immer propagandisch and irrefuehrend gebraucht. Sie werden mit keiner Messlatte definiert, um damit eine Massnahme oder Erziehungspolitik zu beurteilen.

    Lassen wir bei der Beschulung von tauben Kindern bleiben. Fuer andere koerperlich andersartigen Schuelern lassen wir grundsaetzlich aus. Nur die Betroffenen und ihre Angehoerigen duerfen mitreden, nicht wir. Wir koennen lediglich vermuten, dass eine Schulung von ihnen mit nicht Koerpergeschaedigten erwuenscht sind, weil sie hoerend sind und die gleiche Sprache sprechen. Aber fuer taube Schueler tritt das Problem von einander unverstaendlichen Sprachen schwerwiegend ein. Das gilt auch fuer die CI-Implantierten, denn sie sind im Grund auch taub, auch wenn sie gut oral mit Hoerenden kommunizieren. In Analogie kann man fuer Kinder der tuerkischen Einwanderer sprechen. Nur die Tuerken duerfen bestimmen, was mit ihren Kindern schulisch gemacht wird.

    Fuer die zwei tauben Schueler in Schwaben macht aller Anschein nach die Mitschulung in einer hoerenden Klasse mit Begleitung eines Gebaerdensprachdolmetschers Sinn, da die Maedchen eingermassen bilingual in DGS und Deutsch und hoch intelligent sind (ich sah ein Video von ihnen im Youtube) und sie nach kompetenter Meinung der tauben Eltern in einer Schule fuer taube Kinder nicht gut gefoerdert werden koennen. Uebrigens, in den USA werden taube Kinder von tauben Eltern bevorzugt mit hoerenden Schuelern beschult schon seit den 1950er Jahren, allein wegen der Unzulaenglichkeiten der Schulen fuer taube Kinder. Nur seit 20 Jahren beobachte ich vermehrt, wie taube Kinder von tauben Eltern in bestimmte Schulen fuer taube Kinder geschickt werden. Mir bekannt liegen sie (es koennen mehr sein) in Maryland, Kalifornien, Massachusetts, Indiana und MSSD in Washington, D.C., da sie mit Volldampf fuer ASL-English-Bilingualism eintreten (sie bekommen reichlich Andrang). Deutsche Spezialschulen koennen sich vom "Untergang" retten, wenn sie das gleiche wie diese US Schulen machen.

    Mitschulung mit hoerenden Schuelern koennen nicht fuer die Mehrheit tauber Kinder empfohlen werden, da ihre Eltern hoerend sind und abgeraten wurden, DGS zu lernen, und Kommunikation zwischen sie und tauben Kindern zumeistens minimal und oberflaechlich sind.

    AntwortenLöschen
  5. Noch ein Kommentar: Export von Inklusion von Deutschland, wirklich ein Witz!

    Das muss man der Bundeskanzler, den Fraktionen der Regierungsparteien im Bundestag und den Parteizeitungen klar machen. Die Glaubwuerdigkeit der Parteien wird diese Mitteilung schlecht gedient. Schreib ihnen doch, sie hatten die Gunst und Stimmen der Behinderten verloren. Die Regierung und die Grossparteien muessen demuetig bekennen, in der Sache der Behinderten versagt zu haben. Jede Verschoenerung oder gar die unwahre Behauptung von "Export von Inklusion" wirkt schlecht auf ihnen!

    Die Grossparteien muessen vor die Nase gehalten werden, dass sie in der Behandlung von den Benachteiligten versagt haben. Z.B. in den Funkbeiraeten sind Partei- und Gewerkschaftsvertetern mit Stimmvollmacht vertreten und ihnen sind unser Anliegen fuer UT durch Petitionen und Leserbriefe schon seit den 1980er Jahren bekannt. Dennoch haben sie es nicht konsequent verfolgt. Audismus muss ihnen vorgeworfen werden, da sie uns als minderwertig dachten.

    Leider sind wir auch daran mitschuldig. Wir (unsere Verbaende eigeschlossen) wussten nicht, wie wir politisch effektiv operieren koennen. Petitionen allein wirken wenig. Man muss den Vorsitzenden und die Mitglieder in Rundfunkbeiraeten staendig draengen, unser Anliegen zu unserer Zufriedenheit zu erledigen. Oder dass ein Vertreter des DGB mit Stimmrecht im Rundfunkbeirat sitzt.

    Jule, hast du Merkl und auch der Sozialminister von Leyen mitgeteilt, dass der Slogan die Bundesregierung und damit Deutschland international laecherlich macht?


    AntwortenLöschen
  6. Noch ein Kommentar: Bitte ganz vorsichtig mit Lob fuer Inklusion in anderen Laendern, besonders in der Erziehung tauber Kinder. Zum Beispiel, in Italien ging die Bildung tauber Kinder im Allgemeinen schlechter. Dort koennen Unterstuetzung und Dolmetschereinsatz fuer taube Schueler in hoerenden Schulen nicht vollkommen eingesetzt werden. Bildung wird dadurch fuer die Mehrheit tauber Schueler verschlechtert als bisher in Spezialschulen fuer taube Kinder.

    Mitschulung OK fuer hoerende Schueler mit koerperlichen Andersartigkeiten, nicht fuer die Mehrheit der tauben Kinder. Da muss du dich, liebe Jule, klar vor Augen halten und oeffentlich vertreten.

    Mitschulung (besonders fuer taube Kinder) und gesellschaftliche Inklusion muessen auseinander gehalten werden. Sprachverschiedenheit statt Hoerunvermoegen muss hervorgehoben werden.

    AntwortenLöschen

Falls es nicht klappt zu kommentieren, kann man mir eine E-mail unter der Mailadresse im Blog hinterlassen - derzeit scheint Blogger damit Probleme zu haben. :-( P.S. Beleidigende und unsachliche Kommentare werden nicht freigeschaltet.