Dienstag, 26. März 2013

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen

Das Bundesfamilienministerium hat ein Hilfetelefon für Frauen eingerichtet, die von Gewalt betroffen sind.

Zu erreichen ist das Hilfetelefon über www.hilfetelefon.de und wird als barrierefrei beworben.

Ist dem wirklich so?

Ich habe keine Ahnung, ob das Video auf der Startseite Ton hat und daher Untertitel notwendig sind, da ich es ja selbst nicht beurteilen kann. Falls dort aber Ton vorhanden ist, dann ist es bedauerlich, dass dort Untertitel fehlen.

Weiter auf der Seite herumgeschaut, fallen mir rechts die beiden Kasten auf: "Online-Beratung" und "Beratung für Hörgeschädigte".

Oh, gut - mal a angeklickt und es öffnet sich eine neue Seite mit einem Gebärdensprachvideo, welches aber OHNE Untertitel ist!

Barrierefrei kann man dieses 4:23 min lange Video wirklich nicht nennen, denn durch die fehlenden Untertitel grenzt man schwerhörige Frauen aus und auch Gehörlose, die keine große Gebärdensprachkompetenz haben - das darf nicht sein, zumal im Video ja sehr deutlich erklärt wird mit vielen verschiedenen Beispielen für wen das Hilfetelefon so alles da ist - es wird deutlich gemacht, dass es nicht nur für Frauen da ist, die körperliche und sexuelle Gewalt in einer Partnerschaft erlebt haben, sondern auch außerhalb dieser Bereiche. Im alltäglichen Leben, am Arbeitsplatz usw. Daneben werden noch Cybermobbing, Zwangsehen, Stalking und Sexismus aufgezählt.

Im Video wird gesagt: "Egal was passiert ist, hier beim Hilfetelefon bekommen Sie Hilfe und werden beraten. Kompetent und Anonym."

"Oh gut!", denke ich mir beim Weiterschauen. "Mal sehen, wie das Angebot so für Gehörlose und Schwerhörige aussieht!"

Dann fällt beim Weiterschauen der Satz der Gebärdensprachdolmetscherin:

"Beratungszeit ist Montags - Sonntags von 8 Uhr bis 23 Uhr nachts." 

Moment, Leute, hieß es nicht auf der Startseite: "365 Tage im Jahr rund um die Uhr erreichbar: Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen bietet Betroffenen erstmals die Möglichkeit, sich zu jeder Zeit anonym, kompetent und sicher beraten zu lassen."

Achso, dieser Zugang zum Hilfetelefon rund um die Uhr gilt nur, wenn du selbst nicht gehörlos/schwerhörig bist. Komplett barrierefrei kann man den Zugang anicht nennen, denn Notfälle kennen keine Uhrzeit und können jederzeit passieren.

"Die Beratung findet schriftlich oder in Gebärdensprache statt - ganz wie Sie wünschen. Selbstverständlich kostenlos." 

Natürlich muss ein solches Angebot kostenlos sein.

"Wie können Sie telefonieren? 1. Sie brauchen einen Computer, Webcam, Internetanschluss, DSL.
2. Sie brauchen die Software der Firma Tess. Die Software können Sie hier kostenlos auf unserer Seite herunterladen. Nach dem Download haben Sie dann das Symbol für Frau auf ihrem Desktop, das ist dann die Software. Dort können Sie dann auswählen, welche Kommunikationsform Sie bevorzugen: Schrift oder Gebärdensprache."

Stellen wir uns mal vor: Ich bin eine Frau, die von ihrem Mann misshandelt wird, welcher mich sogar vielleicht überwacht? Oder technisch nicht gerade versiert? Oder ich habe den Kopf nicht richtig frei für sowas vor lauter Pyschoterror? Jedenfalls können wir das festhalten: Barrierfrei ist das auch nicht, wenn ich mir den Zugang zur Software erst mal runterladen muss. Das hätte man einfacher lösen können, z.b. via Skype oder www.sifonr.de

Gut finde ich, dass versichert wird, dass man keine Angst haben muss, dass die eigene Geschichte verraten wird oder die eingegebenen Daten gespeichert werden. Auch gibt es einen "Notknopf" auf www.hilfetelefon.de - wenn man das anklickt, dann verschwindet die Seite und der eigene Desktop erscheint. Kann sehr hilfreich sein, wenn jemand plötzlich im Zimmer steht.

"Sie wollen nicht, dass man ihr Gesicht sieht, wenn Sie per Gebärdenchat Beratung suchen? Dann klicken Sie einfach auf Onlineberatung und schreiben sie uns an."

 Ohne die Webcam ist aber keine Gebärdensprache möglich, das sollte eigentlichklar sein. Das Angebot, dann auf die Schriftsprache auszuweichen, ist in meinen Augen sehr unglücklich, da die Gebärdensprache für die überweigende Mehrheit der Gehörlosen die Muttersprache ist und die Schriftsprache für sie eine Fremdsprache darstellt, in der sie sich nicht besonders gut ausdrücken können.

Was ich mich übrigens ganz stark frage: Kennen die Leute am anderen Ende des Hilfetelefons überhaupt die speziellen Beratungsangeboten für gehörlose & schwerhörige Menschen? 

Ein weiterer Minuspunkt ist, dass das Hilfetelefon keine praktischen Hilfen anbietet, sondern nur Adressen der Anlaufstellen in der unmittelbaren Umgebung. Der Nutzen ist also nicht besonders groß, wenn man das ganze Paket bedenkt:

- nicht 24 h rund um die Uhr erreichbar wie für hörende Frauen.
- es wird keine direkte praktische Hilfe vermittelt, sondern nur Adressen für Anlaufstellen in der Nähe
- Berater kennen sich höchstwahrscheinlich nicht aus bei den besonderen Bedürfnissen der Gehörlosen und Schwerhörigen
- Zugang zum Hilfetelefon ist erschwert, da erst ein Download erforderlich ist.
- es wird als Betriebssystem für den Download seitens des TESS-Dolmetschservice Windows gefordert. Und was ist, wenn man einen bekennender Apple-User ist, sprich einen Mac hat? 

Aufgrund der aufgezählten Faktoren komme ich zur Überzeugung, dass das Hilfetelefon nicht sehr positiv aufgenommen wird von gehörlosen und schwerhörigen Frauen, wodurch bei der Bundesregierung der Eindruck entstehen könnte, dass ein solches Angebot gar nicht notwendig ist.

Das Gegenteil ist der Fall: Ein Statistik aus Norwegen zeigt, dass 45,8% der gehörlosen Mädchen und 42,4% der gehörlosen Jungen Opfer sexueller Gewalt werden (Kwam, 2004).  Die Zahlen dazu im Vergleich zu nichtbehinderten Jugendlichen liegen wesentlich niedriger. Das Bundesfamilienministerium hat im November 2011 eine Studie veröffnetlicht, welche diese hohen Zahlen bestätigt. (Kurzfassung: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=186150.html) 
Langfassung: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=73010.html

Meiner Meinung nach hätte man die Einrichtung des Hilfetelefons für gehörlose und schwerhörige Frauen sehr viel mehr vereinfachen müssen und vor allem rund um die Uhr anbieten müssen, damit der Zugang dazu wirklich als barrierefrei gelten kann. 

Aber was will man auch von einer Regierung erwarten, die bis heute den barrierefreien SMS-Notruf nicht anbietet, wie es in anderen Ländern längst der Fall ist? Mein Blogartikel dazu zum SMS-Notruf:

Am 11. Februar war der Tag des Europäischen Notrufs

Der Tag heute ist übrigens der 4. Jahrestag der UN-Behindertenrechtskonvention, denn in Deutschland trat sie am 26. März 2009 in Kraft. Das wär übrigens auch wieder Stoff für einen neuen Blogeintrag, nicht wahr?

Was auch sehr beschämend ist: Laut der Auflistung des deutschen Institut für Menschenrechte über die Aktionspläne aller Bundesländer haben bis heute 6 der 16 Bundesländer noch nicht mal einen Plan erstellt

Der Bund hat den Nationalen Aktionsplan am 16. März 2011 vorgestellt - übrigens mit diesem Video mit Ursula von der Leyen, wo sie aus PR-Gründen versucht in Gebärdensprache die anwesenden Medienvertreter zu begrüßen:

Ursula von der Leyen versucht sich an der Gebärdensprache

Baden-Württemberg hat bis heute keinen Aktionsplan für Menschen mit Behinderung.

In Bayern trat der Aktionsplan am 12.03.2013 in Kraft.

In Berlin am 09.06.2011.

Brandenburg 29.11.2011

Wie gesagt, heute ist der 4. Jahrestag - es gab mehr als genügend Zeit sich darauf zu vorbereiten und komplette Liste findet man hier: http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/de/monitoring-stelle/monitoring.html

Zu den Bundesländern findet sich übrigens auch recht interesante Zahlen zur Inklusion, aber das ist ein eigener Artikel wert.

*seufz* Deutschland, Deutschland - du Weltmeister im Aussortieren! - das sagte ich schon im Jahr 2009 zu dir! 


Und mir macht es doch auch keinen Spaß, dich dauernd kritisieren zu müssen! vom August 2011.

UPDATE vom 27. März 2012: Ich habe noch mal genauer hingeschaut und möchte an dieser Stelle nochmal darauf hinweisen, dass es komplett gar nicht barrierefrei ist, wenn für den DOWNLOAD der Dolmeteschersoftware für das Hilfetelefon ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass man das Betriebssystem Windows braucht! Es gibt ja nicht nur Windows auf dem Markt! 


1 Kommentar:

  1. Das mit dem Video hat mich interessiert. Es ist tatsächlich nichts gesprochen, einzig Hintergrundmusik ist zu hören. Zumindest das kann man also durchaus als barrierefrei bezeichnen. :)

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