Donnerstag, 14. März 2013

Niemand darf aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden.

Die Bundesregierung hat übrigens das Jahr 2013 als Jahr gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen und chronisch kranker Menschen erklärt. Klingt gut, aber das Problem ist, dass dieses Themenjahr bisher nicht bekannt ist. Ein ganz aktueller Fall ist der von Carina Stoschek - das ist die Geschichte eines Diskriminationsfall aus Deutschland im Jahr 2012/2013.

Im Grundgesetz steht:

 (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Und auch in der UN-Behindertenrechtskonvention steht das noch mal ganz ausdrücklich drinnen, was seit März 2009 gültiges Recht in Deutschland ist, da zu diesem Zeitpunkt die Ratifizierung stattgefunden hat.

An einer Fachochschule scheint eine Professorin noch nie etwas davon gehört zu haben, dass man Studenten/Innen zu fördern und nicht auszugrenzen habe, denn anders lässt sich ihr Verhalten gegenüber einer Studentin nicht erklären.
Carina Stoschek ist 27 Jahre alt, mit 5 Jahren ertaubte sie aufgrund einer schweren Mittelohrenentzündung auf dem rechten Ohr. Mit 18 Jahren folgt das linke Ohr. Seitdem ist sie beidseitig taub. Im Artikel steht, dass sie ein spezielles Implantat und ein Hörgerät trägt. Ich vermute einfach mal stark, dass sie einseitig mit einem Cochlear Implantat versorgt ist und auf dem linken Ohr ein Hörgerät trägt. In den 1990er Jahren war das noch so, dass man Kinder erst auf einer Seite, also einseitig mit einem Cochlear Implantat versorgt hat - heute ist es eher üblich, dass die Kinder gleich beidseitig oder schnell nacheinander auf beiden Ohren versorgt werden. 

Ich erklär das so ausführlich, damit die Hörbiographie klar ist - Spätertaubte haben mit dem Cochlear Implantat in der Regel viel bessere Hörresultate als Gehörlose, die von Geburt an taub sind und früh oder später mit einem Cochlear Implantat versorgt werden. Ich betone an dieser Stelle noch mal: Es gibt keine Garantie für den bestmöglichsten Hörerfolg durch die Versorgung, denn Menschen sind nun mal individuell. 

Carina Stoschek studiert an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Soziale Arbeit und hatte bisher noch nie Probleme keine Unterstützung im Studium zu bekommen, denn die Professoren und Dozenten stellen sich gene auf ihre Bedürfnisse ein: Sie tragen ohne Murren eine spezielle Höranlage um den Hals - die Höranlage hat die Größe eines Mp3-Players und wiegt gerade mal 50 gramm.  Zum Vergleich: Das ist das Gewicht eines Schokoriegels.
Die Funktionsweise ist so: Carina und ihr Sprechpartner hängen sich eins dieser Geräte um - per Funk wird die Sprecherstimme direkt an ihr Hörgerät übertragen - ganz ohne Störschall. Dadurch ist für Carina die Verständlichkeit gewährleistet, auch wenn der Sprecher weit weg ist oder häufig hin und her läuft. Diese Erkärung im Artikel deutet darauf hin, dass Carina über freies Hörvermögen verfügt, also nicht die ganze Zeit auf das Lippenlesen angewiesen ist.

Es gibt aber eine Professorin an der Hochschule, die sich weigert, diese Höranlage zu tragen - ein Ding, das wie gesagt, gerade mal 50 gramm schwer ist. Grund?  "Frau Dr. B. hat vorgebracht, dass sie aufgrund körperlicher Beschwerden nicht in der Lage sei, das Mikofon zu tragen."

Der Kurs "Sozialrecht" der Frau Professorin B. ist für Carina verpflichtend, was zur Folge hat, dass sie in deren Kurs sitzt und nichts versteht und auf die Mitschriften ihrer Kommilitonen angewiesen ist. Keine Frage, dass diese Situation für Carina beschämend ist, auf andere angewiesen zu sein und um Mitschriften zu bitten.
Frau B. zeigte sich bisher unkooperativ - die Mails von Carina bleiben unbeantwortet. Aus Protest geht sie nun nicht mehr in den Kurs von Frau B. Und viele ihrer Kommilitonen auch nicht mehr aus Solidarität. 
Die Fachhochschule lässt Carina und ihre Mitstreitern nicht ganz im Regen stehen: Es gibt einen Ersatzkurs in Sozialrecht - und zwar barrierefrei. Das restliche Studium wird Carina so legen, dass sie keine Kurse mehr bei Frau Professor B. haben wird.

Eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Frau Professor bleibt mehr als ein Jahr ohne Ergebnis, erst später heißt es sinngemäß: "Juristisch könne man der Professorin nichts anhaben. Um ein Dizplinarverfahren einzuleiten, reicht das Verhalten der Professorin nicht aus. Sollten sich die Vorwürfe wiederholen, müsse sie aber mit strengeren Maßnahmen rechnen. Auch sei ihr mitgeteilt worden, dass ihr Verhalten nicht gebilligt werde."

Wirklich? Aus meiner Sicht kann man juristisch der guten Frau Professor sehr wohl beikommen, wenn man die richtigen Gesetze anwendet, sich zum Beispiel ganz auf die UN-Behindertenrechtskonvention stützt, denn dort heißt es auch, dass die Vertragsstaaten dazu angewiesen sind, in integratives Bildungssystem auf allen Ebenen anzubieten.
Die Hochschule und der zuständige Beauftragte für die Belange behinderter und chronisch kranker Student/Innen bedauern die Situation und finden die sehr unglücklich.

Ich meine auch, dass die Situation auch sehr unglücklich ist: Für die Hochschule entstehen Mehrkosten durch den organisierten Ersatzkurs, weil sich eine einzelne Professorin weigert ihren Kurs barrierefrei anzubieten und gleichzeitig wird damit das Recht von Menschen mit Behinderung(en) mit den Füßen getreten, weil man dieses Verhalten durchgehen lässt. Ein solches Verhalten kann man auf keinen Fall billigen, weswegen die gute Frau von ihrem Posten enthoben gehört.
Carina Stoschek hat die Dienstaufsichtsbeschwerde unter anderem deswegen eingeleitet, weil sie wollte, dass hörgeschädigten Student/Innen nach ihr es einfacher haben werden in ihrem Studium. Hoffentlich können die Medien dazu beitragen, dass so ein behindertenfeindliches und studienunfreundliches Verhalten einer Professorin nicht ohne echte Konsequenzen bleibt.

Kommentare:

  1. Abhängig vom Empfängersystem bliebe noch die Alternative z.B. einen Sennheiser SK100 mit Kopfbügelmikro oder "Krawattenclip-"Lavalier zu tragen, was das Gesamtgewicht vergrößert, aber das im Wesentlichen an den Gürtel verlagert. Akkustisch hat dies auch den Vorteil, dass das Mikro bei Bewegungen der Sprecherin nicht hin und herbaumelt und Störgeräusche verursacht.

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  2. Juristisch wäre es natürlich noch interessant, ob die Hochschule verpflichtet werden könnte, eine dolmetschende Person zu bezahlen, da diese ihre Mitarbeiterin nicht zum Tragen des Gerätes verpflichten kann. (Natürlich ist das nur sinnvoll, wenn für Frau Stoschek LBG versteht)

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  3. Mich würde die Motivation der Professorin interessieren. Leute tun Dinge meistens aus irgendeiner Motivation heraus. Vielleicht hat die Dame Angst vor Radiowellen? Oder fühlte sich von der Studentin beleidigt? Oder mag Gehörlose nicht? Oder hat die Bitte erst falsch verstanden, und denkt jetzt, dass sie nicht mehr zurück kann?

    Ich will die Professorin nicht verteidigen, ihr Verhalten ist natürlich untragbar. Es ist aber auch völlig irrational, denn das Tragen diese kleinen gadgets ist nur eine sehr kleine Unannehmlichkeit im Vergleich zu dem Protest der jetzt auf sie einbrandet und auch im Vergleich zu dem angenehmen Gefühl, helfen zu können.

    Ich habe den Eindruck, die ganze Geschichte ist hier noch nicht erzählt.

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  4. DasDing soll der Professorin zu schwer sein?? Naja. Ich meine die Profs tragen doch auch so oftmals die Mikrofone von der Uni. Die sind deutlich schwerer als eine FM-Anlage. Ein Prof hatte sich bei mir auch mal geweigert meine FM-Anlage zu benutzen mit der Begründung, ich würde das aufzeichnen und online stellen. In einem kurzen Gespräch konnte ich ihn aber davon überzeugen, dass dies nicht meine Absicht sei. Dennoch blieb er das gesamte Semester über mir sehr misstrauisch was die Benutzung der FM-Anlage anging.Andere Profs haben meine Anlage stets ohne murren genommen und manche haben sich sogar gefreut. (Gefreut deswegen, weil sie wussten,dass ihnen überhaupt jmd. zuhört. :-) )

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  5. Ich glaube nicht, dass man da rechtlich die Professorin belangen kann, auch mit dem Hinweis auf die UN-BRK nicht. Du arbeitest ja bei VerbaVoice und auf Nachfrage bei einer deiner Kolleginnen wurde da auch die rechtklichen Rahmenbedingungen beklagt, denn Dozenten können die Nutzung von VerbaVoice z.B. ablehnen, gleiches wird hier mit der tragbaren Hörschleife vorliegen. Ich verwies da auch auf die UN-BRK, im Rahmen der Kostenübernahme, auch da ist bislang kein Ergebnis erzielt worden. Das Problem bei der UN-BRK ist, dass sie zwar ratifiziert ist, sie aber erst mal in nationales Recht, sprich Novelierung von entsprechenden Landesgesetzen, umgesetzt werden muss, was bekanntlich noch nicht überall erfolgt ist. Und auch diese Novelierung regelt keines Wegs die Kostenübernahme in allen Bereichen. Hier ist uns auch wieder mal unser förderales System im Wege. Wir haben nämlich 16 verschiedene Behindertengleichstellungs Gesetzgebungen, anstatt ein bundeseinheitliches Gesetz.

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  6. Wenn ich das richtig sehe, ist die Frau Prof.B im Department Soziale Arbeit der HAW tätig. Da sieht man, soziale Kompetenz hat man oder man hat sie nicht, man kann sogar eine Professur erlangen, ohne sich für die sozialen Belange Anderer (hier Behinderter)zu interessieren. Die HAW sollte die Besetzung dieses Lehrstuhls villeicht doch mal überdenken. Irgendetwas hat die Frau nicht verstanden.
    Gruss Hans

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